Die Fortsetzung mit Lassnig und Munch, siehe gestern.
Falls Ihnen die Idee einer Doppelausstellung mit Malerin und Maler, die zeitlich gar nicht recht zusammenpassen, etwas seltsam vorkommt: Es ist wohl nicht zu viel versprochen, wenn man behauptet, dass sich der Sinn der Übung umgehend erschließt, sobald man die Ausstellungsflächen betreten hat.

Als wäre es selbstverständlich, die Werke der beiden gemeinsam zu zeigen, so kommt es einem kurz darauf vor. Was eine betont schlichte Umschreibung dessen ist, was die Kuratorin und andere wesentlich inhaltsreicher, mit viel Hintergrund und zahlreichen Ableitungen darstellen. Das kann man alles nachlesen, man sollte es sicher auch. Man kann aber auch einfach hinsehen und sich nur per Betrachtung geistig zum entscheidenden Aha vorarbeiten.

Womit ich das Lesen aber auch nicht abwerten möchte. Im Gegenteil, der Katalog zur Ausstellung kam mir dermaßen attraktiv und gut gemacht vor, ich ziehe es immer noch in Erwägung, ihn zu kaufen. Was mir lange nicht passiert ist.
Selbstverständlich war die Ausstellung mehr als gut besucht. Ich werde also mehrfach hingehen, um mir das in Ruhe anzusehen. Team Jahreskarte, mit dem nächsten Besuch übrigens wird sich das Ticket dann auch schon gelohnt haben. That escalated quickly!
Ich werde dabei versuchen, doch einmal einen möglichst verregneten, unscheinbaren Werktag zu erwischen, an dem nicht Horden von Menschen vor mir, vor den Bildern und also im Weg stehen. Und an einigen Werken werde ich wohl noch öfter vorbeigehen. Vor allem an dem druckgrafischen Zeug von Munch, das mir überaus interessant vorkam und das etwas hat, für das ich noch ein Wort finden muss (siehe etwa auch dieses Selbstporträt).
Mir war etwas so, als hingen da nach Betrachtung einiger Bilder halbfertige Gedanken in meinem Hinterkopf herum, auf die ich noch einmal zurückkommen muss.

Ich finde es jedenfalls gelungen, dass man über die Texte dort (auch als Audio-Führung in der App des Hauses erhältlich, eh klar) das Angebot zur Bildung wahrnehmen kann, dass man sich also einerseits intensiv mit Lassnig und/oder Munch und ihren Lebensläufen beschäftigen kann, mit dem Verhältnis von Körper und Gefühl zur Malerei, an dem sie sich beide abgearbeitet haben – dass man sich aber auch ebenso gut einfach nur die Bilder ansehen kann. Es ist dann dennoch ein vermutlich lohnender Besuch.

Zwischendurch kann man allerdings auch beachten, dass es aus der Galerie der Gegenwart heraus besonders feine und anziehende Fensterblicke gibt. Was man unter anderem auch daran merkt, dass dort Leute ungewöhnlich lange verharren und gucken und gucken. Ja, es mag hin und wieder auch vorkommen, dass sie da länger vor der Realität als vor einigen der Werke hinter ihnen stehen.
Und was betrachten sie, diese Leute, die doch gerade eine Ausstellung besuchen, in der es um eine Form der Kunst geht, in der die Farbe eine besondere und tragende Rolle spielt?


In den gefühlt ewiggrauen Hamburger Himmel sehen sie. Auf die mattgraue Stadt darunter, auf die grauschillernde Alster mitten in ihr. Urbane Variationen von Austernschalenfarbverläufen betrachten sie. In die vielschichtige, immerhin einigermaßen helle Fülle des Frühjahrsgraus mit einigen eher dezenten Andeutungen von Blassgrün blicken sie also minutenlang.
Mit dem Rücken zu den farbigen Bildern stehen sie dabei. Und manchmal, wenn sie da so hinaus und ins Grau sehen, manchmal nicken sie nach einer Weile. Einfach so. Ich habe es mehrfach beobachtet.
Dieses zögernde Nicken vor Grau, man wird es in der Audio-App und im Katalog nicht erläutert finden. Und das ist auch gut so.
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Nach meiner Erfahrung ist es an sonnigen Tagen nicht so voll im Museum – sozusagen als antizyklisches Verhalten.