Vorweg herzlichen Dank an zwei Leserinnen, die Bücher geschickt haben. Zum einen Daniel Schreiber mit seinem aktuellen Bestseller-Werk „Liebe! Ein Aufruf“, hier der Link zur Verlagsseite mit der Beschreibung. Und zum anderen Thomas Bernhard mit „Wittgensteins Neffe“, auch hier der Verlagslink dazu. Auf dem Buchrücken ein Zitat von Reich-Ranicki: „Nie hat Bernhard menschenfreundlicher, nie zärtlicher geschrieben.“ Wodurch der Bernhard auf subtile Weise zum Schreiber zu passen scheint.
Vielen Dank!
Ansonsten war ich auf der Party eines lieben Menschen im Stadtteil. Wie ohnehin meine Ausgeh-Offensive … aber nein, wir sollten von solchen Formulierungen vielleicht allmählich Abstand nehmen, sollten wir nicht? Wie also mein großes Ausgeh-Revival, welches ich in fast fuchsmäßiger Schlauheit schon im Dezember begonnen habe, damit es sich nicht etwa schal und abgeschmackt nach räudigem, nur routinemäßigem Neujahrsvorsatz anfühlt (was ich nun übrigens für einen empfehlenswerten Trick halte), schon nach wenigen Wochen recht ertragreich ist. Und also erst einmal emsig und wie immer stets bemüht fortgesetzt wird.
Ich war in diesem Zusammenhang in den letzten Wochen in mehreren mir neuen Restaurants, auch in Bars, in einem Jazzclub sogar, in einem Klassikkonzert, im Theater und dazu noch in Cafés verschiedener Ausprägung, in denen ich jeweils vorher noch nie war. Ich habe außerdem für zwei Events, die demnächst erst stattfinden werden, bereits Konzertkarten erworben. Es läuft also.
Und ich werde berichten, versteht sich. Wobei zwei, drei Termine hier noch nachzuholen und etwas aufzubereiten sind, fällt mir gerade auf. Man muss sich selbst auch noch hinterherkommen können.
Auf einer Party war ich jedenfalls, das wollte ich sagen, auf der viele Menschen waren, die ich nur halb oder auch nur viertel kannte. Die auch mich nur etwa halb kannten, vielleicht nur vom zwei-, dreimaligen Sehen. Menschen etwa, die man nur ein paarmal morgens an der einen Ampel gesehen hat, weil man eine Weile einen ähnlichen Rhythmus in seinen Tagen hatte. Weswegen man zumindest weiß, dass die auch hier irgendwo wohnen werden. Oder die beim Bäcker schon fünfmal neben einem nachmittags vor der Theke standen, wobei man sogar auch schon einmal einen Satz gewechselt hat: „Wie kann denn die Brotschneidemaschine schon wieder kaputt sein!“
Man weiß dann, dass es diese Menschen gibt. Dass es zumindest einen lokalen Bezug gibt. Aber viel mehr weiß man nicht über sie.
Oder jene Menschen, von denen man halbwegs sicher weiß, dass sie X oder Y kennen oder mit denen verwandt sind. Und X oder Y, die wenigstens kennt man! Oder meint zumindest, sie zu kennen. Auch dies sind Menschen, die man außerhalb des gewohnten Kontextes oft nur schwer spontan zuordnen könnte.
Vor allem wenn man einige Schwierigkeiten mit Gesichtern hat, wie ich. Und tendenziell niemanden mehr erkennt, der auf einmal eine bunte Mütze trägt, sonst aber nicht. Oder der sich die Haare gerade anders als sonst gefärbt oder abgeschnitten hat. Es ist manchmal etwas anstrengend.
Es geht aber nicht nur mir so, habe ich an diesem Abend wieder gemerkt, und das ist immerhin tröstlich. Auch andere raten in solchen Runden nur so herum. Sie geben waghalsige Tipps ab, schätzen schlicht auf gut Glück. Ich fand es erleichternd, dies erneut festzustellen.
Und wurde also etwa angesprochen mit „Du bist doch der mit der Vespa?“ Und als das kein Treffer war, dann auch mit „Oder bist du der mit dem Bulli?“
Dabei bin ich doch der mit … ja, womit eigentlich. Am ehesten bin ich der mit dem Blog, würde ich mich selbst charakterisierend wohl sagen, es beschreibt doch einiges an mir, denke ich. Mein Auto würde mir eher nicht einfallen. Obwohl „Ich bin der mit dem stark verbeulten Uralt-Auto, das unter dem Dreck einmal rot war“ natürlich auch etwas aussagt, es stimmt schon. Aber ich bin im letzten Jahr nur etwa viermal Auto gefahren. Als typbestimmend möchte ich es ernsthaft nicht durchgehen lassen.
Ich denke nun ein wenig über meine Alternativpersönlichkeiten nach, denn ich hätte ja auch die beiden anderen sein können. Ich hätte der mit der Vespa oder der mit dem Bulli sein können. Man sieht es mir an, man spricht mich darauf an und traut es mir also zu: Ich wirke wie die. Sie müssen in einem gewissen Sinne zu mir passen, diese beiden anderen Möglichkeiten.
Ich führe daher im Geiste Gespräche mit meinen beiden Alternativ-Ausprägungen, es ist erstaunlich spaßig und man braucht nur ein wenig Fantasie und Vorstellungsvermögen. Und in psychologischer Hinsicht ist es hoffentlich noch unbedenklich. Der mit der Vespa, stellt sich in diesen übrigens betont freundlich geführten Gesprächen heraus, er ist jedenfalls etwas cooler als ich. Er hat z. B. nicht nur eine Vespa, er hat auch eine Band gegründet, guck an, und sie ist nicht einmal ganz erfolglos. Er schreibt die Texte der Songs, das allerdings überraschte mich dann nicht.
Der mit dem Bulli wiederum, der hat nennenswert mehr erlebt als ich, man könnte auch sagen: dramatisch mehr. Er muss auch bald schon wieder los, und diesmal rauf ins Baltikum. Für irgendein Projekt, denn er macht beruflich etwas mit Reiseberichten und Erlebnisbüchern. Eine Art norddeutscher Bruce Chatwin im kleineren Format.
Ganz ohne Drogen kann ich sie führen, diese Dialoge mit den diversen Multiversumsvarianten meiner selbst. Ich sollte das vielleicht betonen, bevor ich in den Kommentaren nach den richtigen Pillen oder Pilzen für solche Trips gefragt werde. Ich kenne mich auch mit Trips gar nicht aus. Da müsste ich erst den mit dem Bulli fragen, der könnte es wohl wissen. So vom Typ her.
Keines von beiden habe ich jedenfalls je gefahren. Keinen Bulli, keine Vespa.
Ich könnte aber, denn in der Hinsicht bin ich selbst mit fast 60 noch jung genug und kann mir außerdem schon wieder ein passendes Drehbuch dazu vorstellen, beides durchaus noch verwirklichen, sogar demnächst. Ich müsste es nur dringend wollen.
Es wäre auch leicht erreichbar, was ist schon dabei. Das sind beides nur Fahrzeuge, und es sind solche, die man legal erwerben und fahren kann. Doch, ich könnte beides ernsthaft noch verwirklichen, Bulli und Vespa. Und könnte so zwei weitere meiner Parallelweltpersönlichkeitsmöglichkeiten mit mir vereinen. Ich könnte auf diese Art vielleicht seelisch etwas kompletter werden. Alle an Bord holen, endlich halbwegs heil werden. Ein besonders faszinierender Gedanke.
Aber wie auch immer, es wird gerade Tag, und da gehen wir erst einmal unterschiedlichen Berufen nach, wir drei.

Man denkt jedenfalls eine Weile so im Kreis herum, nachdem man abends auf einmal wieder unter etlichen Menschen war.
Sie kennen das bestimmt.
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Für mich sind Sie der feine Beobachter mit den treffenden Beschreibungen, der mit den interessanten andaueenden Lese- und Musikinteressen, der mit dem Schrebergartenglück, der manchmal Hüte oder Kappen trägt und Lindyhop tanzt…
Und jeder sieht nur einen Ausschnitt, es ist ein bisschen wie die alte Fabel mit den „blinden“ Weisen, die jeder nur einen Teil fassen und beschreiben können und damit dem Gesamten – ein Elefant – nicht gerecht werden.