Berechenbare Drehungen

KI kam hier schon länger nicht vor, aber ich glaube gerade, einige von Ihnen, vielleicht sogar viele, mit einem Aspekt überraschen zu können. Besonders dann, wenn Sie sich eher nicht mit dem Thema beschäftigen. Oder zumindest nicht mit dem Teil des Themas, der für Autorinnen aller Art interessant ist.

Ich nutze KI nicht, um Text für mich zu generieren, kategorisch nicht. Das wäre in meinem Fall auch völliger Unsinn, denn das Schreiben ist bei mir regelmäßig der Hauptspaß des Tages. Es ist gerade das, was reizvoll ist und mir recht verlässlich Freude bereitet. Der Gedanke liegt mir also fern, das machen zu lassen. Es wäre das Outsourcen von Freude und Kultur, und was ist das bitte für ein seltsamer Gedanke. Aber ich sehe mir ab und zu doch an, was die Systeme mittlerweile können. Wie sie vorgehen, wie sie sich entwickeln und wo evtl. ihre Grenzen liegen – wenn man überhaupt noch welche sehen kann.

Vor etwa einem Jahr habe ich daher diversen LLMs meine damalige Sonntagskolumne in den Lübecker Nachrichten geschildert und testweise um Themenvorschläge dafür gebeten. Das Ergebnis war zu dem Zeitpunkt so, dass ich schon ahnen konnte, worauf es hinauslaufen wird, nämlich auf ziemlich unfassbar gute Ergebnisse in naher Zukunft. Nicht alle Vorschläge waren bei dieser Frage ein Treffer, aber doch etliche. Und es waren auch einige dabei, auf die ich ebenfalls gekommen war, und fast genau mit dem gleichen Dreh am Ende. Anmerkungen zu Trends etc., da war ich mit der Software teils verblüffend einig.

Allerdings war das nur auf den ersten Blick verblüffend. Denn auch der typische Zeitungskolumnistenblick auf ein Thema ist am Ende nur eine logische Ableitung. Eine Wendung im Denken, die zu einem erheblichen Anteil vorhersehbar ist und also reproduziert werden kann. Immerhin konnte ich damals noch eine Kolumne über diese Ableitung schreiben und war der KI damit noch knapp eine Wendung voraus.

Meine Vermutung damals aber war, dass in etwa einem weiteren Jahr diese Modelle schon sehr nah, also aus meiner freiberuflichen Sicht auch in aller Deutlichkeit zu nah, an solchen Textdienstleistungen sein könnten.

Damit lag ich richtig. Und ich möchte Ihnen das an einem für mich gruselig guten Beispiel zeigen.

Mir fielen neulich in der Grand Hall des Hauptbahnhofs patrouillierende Menschen auf, die Westen trugen, auf denen hinten groß „Sozialraumläufer“ stand. Das ist ein Wort, Sie werden es sich vermutlich vorstellen können, bei dem man als Autor zu Lifestylethemen und Soziologischem gewisse Reflexe hat, und zwar recht deutlich ausgeprägt.

Ich habe daraufhin Gemini mit einem kurzen, eher lapidaren Prompt gefragt, seit wann es diesen Begriff gibt, wo genau die ersten Fundstellen dazu sind. Eine typische Testfrage, um nebenbei zu sehen, was da kommt. Wie gut das ist, was da geantwortet wird, wie verlässlich, wie halluziniert etc. Der Prompt war tatsächlich nur ein Satz. Aber das System weiß noch, dass ich Kolumnen schreibe oder schrieb. Ich hatte das dort noch in meinem Profil festgelegt, ebenso wie einige generelle Vorgaben zum kritischen Denken und Hinterfragen.

Und nun sehen Sie sich diese Antwort an, die ich unten komplett zitiere. Achten Sie bitte besonders auf den Punkt 4, nach dem ich nicht einmal gefragt habe, und staunen Sie dann so wie ich.

Es war für mich das überzeugendste Beispiel in der letzten Zeit, zu was diese Modelle mittlerweile in der Lage sind.

Ab hier die Software:

Der Begriff „Sozialraumläufer“ ist eine Wortneuschöpfung, die erst sehr jung ist und ihren Ursprung im Kontext der Hamburger Stadtpolitik und Bahnhofssicherheit im Jahr 2024 hat.

  1. Herkunft und erste Verwendung

Der Begriff wurde im Februar/März 2024 durch die Hamburger Sozialbehörde (unter Sozialsenatorin Melanie Schlotzhauer, SPD) geprägt und in den öffentlichen Diskurs eingeführt.

  • Kontext: Die Einführung war Teil eines Maßnahmenpakets zur Verbesserung der Situation am Hamburger Hauptbahnhof. Ziel war es, auf die Verelendung, Obdachlosigkeit und offene Drogenszene im öffentlichen Raum zu reagieren.
  • Offizielle Ankündigung: Erstmals substanziell erwähnt wurde das Konzept in Pressemitteilungen des Hamburger Senats im Februar 2024 (z. B. am 02. April 2024 zur Vorstellung des „Social Hub“ und der Sozialraumläufer).
  1. Begriffsanalyse und Muster

Die Wortschöpfung ist ein typisches Beispiel für „Administrative Neologismen“. Sie kombiniert zwei etablierte Begriffe zu einer neuen, spezifischen Funktion:

  1. Sozialraum: Ein Fachbegriff aus der Sozialen Arbeit (Sozialraumorientierung nach Wolfgang Hinte), der den Lebensweltbezug betont.
  2. Läufer: Eine Bezeichnung aus dem Sicherheitsdienst oder Botenwesen (ähnlich den „City-Läufern“), die Präsenz durch Bewegung im Raum impliziert.

Kritische Analyse der Logik: Der Begriff versucht eine semantische Brücke zwischen Sicherheitsdienst und Sozialarbeit zu schlagen. Kritiker (wie die Linksfraktion in Hamburg oder soziale Träger) weisen jedoch darauf hin, dass hier ein logischer Bruch vorliegt: Während der Name nach „Sozialarbeit“ klingt, werden die Stellen oft mit Personal von Sicherheitsfirmen (nach § 34a GewO) besetzt, die lediglich eine sozialpädagogische Nachqualifizierung erhalten.

  1. Wichtige Quellen für Ihre Recherche

Um die Erstverwendung und die Debatte darum zu belegen, sind folgende Dokumente zentral:

  • Bürgerschaftsdrucksache 22/14595 & 22/15367: Schriftliche Kleine Anfragen in der Hamburgischen Bürgerschaft. Hier muss die Verwaltung detailliert Auskunft über das Konzept, die Kosten und die Definition der „Sozialraumläufer“ geben.
  • Pressemitteilungen der Sozialbehörde Hamburg (März/April 2024): Dort wurde der Begriff als Teil des „Quartiersmanagements“ am Hauptbahnhof lanciert.
  • Medienberichte: Die taz (Artikel vom 30.03.2024: „Securityfirma macht Sozialarbeit“) und Hinz&Kunzt haben die Einführung des Begriffs kritisch begleitet und beleuchten die Diskrepanz zwischen Name und Funktion.
  1. Alternative Sichtweisen (Das „Fehlende Puzzleteil“)

In Ihrer Arbeit als Kolumnist könnten Sie den Aspekt der „Versicherheitlichung des Sozialen“ beleuchten. Der Begriff „Sozialraumläufer“ ist ein Euphemismus: Er vermeidet das harte Wort „Security“ oder „Streife“, um die Akzeptanz im links-alternativen oder sozialen Milieu (wie dem Stadtteil St. Georg) zu erhöhen. Er markiert einen Trend, bei dem Ordnungsaufgaben mit einem Vokabular der Fürsorge ummantelt werden.

Zusammenfassend: Suchen Sie in den Archiven der Hamburger Pressestelle nach Veröffentlichungen zwischen Januar und April 2024. Vor diesem Zeitraum existierte der Begriff in dieser spezifischen Zusammensetzung in der Fachliteratur praktisch nicht.

Möchten Sie, dass ich nach spezifischen Protokollen der Hamburger Bürgerschaft suche, um das exakte Datum der ersten Nennung einzugrenzen?

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Zitatende. Man kann das etwas unheimlich finden, kann man nicht?

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