Fragen und Antworten zur Gastroszene 2026

Ich hatte neulich, hier war das, die Reservierung in einer Bar erwähnt, bei der ein Mindestumsatz pro Person zu akzeptieren war. Es ging da auch um meine Irritation über diesen Umstand. Ich habe für zahlreiche Kommentare zu danken, die mich auf allen möglichen Wegen erreicht haben und die fast durchweg dahingehend lauteten, dass diese Irritation geteilt wurde.

Vor der Veröffentlichung des Textes konnte ich mir da nicht sicher sein. Denn ich habe in Bezug auf das Ausgehen in dieser Stadt und anderswo mindestens seit Pandemiebeginn, vermutlich aber auch schon länger davor, unter einem komfortablen Stein gelebt und das Thema großräumig ignoriert. Nur selten war ich mit der Herzdame in Restaurants. Und dann auch nur in den längst bekannten, vertrauten und verlässlichen Lokalen im Stadtteil, kaum je woanders. Auch Bars, Kneipen, Cafés und was einem noch alles einfallen kann: Nein, da war eher nichts.

Viel Geld habe ich dabei mit Sicherheit gespart. Womöglich habe ich auch etliche gute Bücher in dieser Zeit zuhause gelesen. Etliche Erfahrungen allerdings habe ich auch nicht gemacht, einige Gelegenheiten zu was auch immer mit großer Sicherheit verpasst. Menschen vielleicht nicht kennengelernt, mögliche Abzweigungen nicht erkannt und auch Ausfahrten eventuell nicht genommen – irgendwas ist eben immer.

Ich gucke nun also mit auf einmal neu erwachtem (wodurch auch immer, man muss auch nicht alles an sich verstehen) Interesse auf die Gastro-Szene. Wie jemand, der gerade vom Himmel gefallen oder aus einem Koma erwacht ist. Oder wie Rip van Winkle in der berühmten Geschichte von Washington Irving, aus der Anfangszeit der amerikanischen Literatur. In der die Hauptfigur, nachdem sie von geisterhaften Wesen aus der Vergangenheit bewirtet wurde, dem eigenen Gefühl nach vermeintlich kurz einschläft, dem normalen Kalender entsprechend aber erst nach zwanzig Jahren wieder erwacht. Und sich entsprechend nicht mehr in der stark veränderten Welt zurechtfindet. Die Vereinigten Staaten sind in der Zwischenzeit unabhängig geworden und Königstreue ist out, es ist einigermaßen verwirrend für den Langschläfer.

In der literarischen Vorlage starb in diesen Jahren seines langen Schlafs auch die Frau der Hauptfigur, er war daher „vom Joch der Ehe“ befreit. Man kann es auch in der Wikipedia nachlesen, es ist eine ausgesprochen frauenfeindliche Erzählung. Diesen Teil des Themas lasse ich in meiner Variante daher immerhin aus.

Vor allem auf die Preise sehe ich jetzt jedenfalls so, als ginge ich etliche Jahre nach. Aber lassen wir diesen Aspekt lieber auf sich beruhen. Er führt nur wieder zu wildem Krückstockgefuchtel und ich lande am Ende bei den halben Hähnchen, die früher noch fünf Mark gekostet haben. Und die es außerdem an jeder Ecke gab, an jeder Ecke! Man kann sich selbst bei manchen Themen kaum noch reden hören, Sie kennen das.

Deswegen jedenfalls war ich mir nicht sicher, ob so ein Stichwort wie etwa Mindestumsatz bei Reservierung nicht einfach als gegeben zu betrachten ist. Als neue Lage und Wirklichkeit, längst eingetreten und kollektiv murrend und knurrend akzeptiert.

So ist es aber offensichtlich nicht, habe ich das jetzt also dank Publikum gelernt. Und dann nach reiflicher Überlegung auch die Reservierung storniert.

Es gibt auch andere Locations, die ganz ohne Reservierung laufen. Die vielleicht sogar etwas mit übergeordneten Zielen, gar Werten zu tun haben. Das ist auch schick (und keine bezahlte Werbung, nein) und kann etwa im Hamburger Münzviertel besucht werden, in der Roofdrop-Bar der Villa Viva. Die wiederum mit dem vermutlich bekannten  Viva con Aqua in Verbindung steht. Das Konzept fand ich gut, und der Espresso Martini schmeckte auch.

Wobei ich Alkohol zwischendurch ebenfalls lange nicht getrunken habe und mich die Wirkung nach dieser Pause nicht recht überzeugt. Früher, also sehr viel früher, fand ich das einmal deutlich begeisternder. Aber es muss ja auch keiner getrunken werden, es ist nach wie vor alles freiwillig.

Wie jemand also, der überall neu dabei ist, sehe ich auf die Gastro-Szene und habe da noch weitere Fragen. Etwa eine zu Cafés. Da gibt es zahlreiche Neugründungen der teils bemühtesten Art in der Stadt. Sei es in Bezug auf die mittlerweile erfreulich hoch entwickelte Kunst der Kaffeeröstung und -zubereitung oder auf die ebenfalls weit fortgeschrittenen Methoden des Kuchenbackens. Das ist alles zu begrüßen und zu feiern.

Ein von der Herzdame gebackener Kuchen (Schokolade)

Warum aber geht der Trend der Inneneinrichtung bei diesen Cafés weg von allen Formen der Gemütlichkeit, weg von den bequemen Sesseln und tiefen Ledersofas, bei denen ich geistig stehengeblieben bin, hin zu schulklassenharter Holzbestuhlung und karg designten Tischen, die ausdrücklich zu aufrechter Haltung auffordern? Warum gibt es beste Kaffee- oder auch Teespezialitäten und feinsten Kuchen in betont spartanisch anmutenden oder heruntergerockten Interieurs, die bestenfalls Kantinencharme eher unteren Niveaus ausstrahlen?

Ein Becher Kaffe und ein schmaler Band mit Januar-Gedichten

Auch das ist selbstverständlich kein wirkliches Problem, ich weiß, ist nur eine Notiz am Rande. Dann trinke ich den sicher verdammt guten Kaffee eben mit geradem Rücken und esse den zweifellos hervorragenden Kuchen mit perfekt ausgerichteten Ellenbogen. In vorzeigbarer Haltung, wie damals die höheren Töchter in der Klavierstunde. Warum auch nicht.

Auch für Café-Inneneinrichtungen gilt sicherlich: Es ist alles nur eine Phase.

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3 Kommentare

  1. Das mit der unbequemen Cafè-Einrichtung ist ganz einfach erklärbar: Man soll den Kuchen und das Heißgetränk trinken und dann verschwinden und neuen zahlenden Kunden Platz machen.
    Vier Stunden mit den Freundinnen auf einem bequemen Sofa sitzen und in der Zeit zwei Tees und ein Stück Kuchen konsumieren, bringt einfach nicht soviel Geld wie 5 Gruppen in der gleichen Zeit.
    Also ich hoffe, dass das der Grund ist. Die Alternative wäre die Vorstellung bei Cafèbetreibern und Gästen, dass man schon gleich Buße tun muss für den Genuss.

  2. Exakt was Neeva schreibt: Umsatz pro Sitzplatz. Eine Kennziffer, die -jedenfalls in meiner Krückstockfuchtelzeit zu diesem Thema- zwingend in jeden Businessplan musste.

  3. Was mich eher irritiert, dass in Biergärten und Coffeeshops gefragt wird: „Haben Sie reserviert?“. Ich dachte, das wäre der gehobenen Gastronomie vorbehalten.

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