Herzchen, Blümchen, Zitate, Refrains

Ich wurde durch die Eröffnung der olympischen Winterwettkämpfe überrascht. Ich hatte nicht einmal ansatzweise mitbekommen, dass die dran sind, ich hätte auch nicht gewusst, wo sie stattfinden. Das ist eine Premiere, nehme ich an, und zeigt sicher meinen insgesamt reduzierten Nachrichtenkonsum an. Es kommt mir aber auch so vor, stelle ich fest, während ich mir ein paar Titelseiten von Medien im Internet ansehe, dass Olympia schon einmal nennenswert prominenter vorkam.

Der dafür gerade reservierte Bildschirmausschnitt auf CNN etwa, er wirkt doch äußerst bescheiden, und es wiederholt sich in etwa so bei SPON. Nanu? Vielleicht ist es ein nachlassender Hype, warum auch immer. Bei Sportthemen bin ich ahnungslos.

Einen anschwellenden Hype gibt es aber auch, wie überall zu sehen ist, und das ist der um den Valentinstag. Es ist nicht allzu lange her, dass sich der in meinem Umfeld hauptsächlich durch Billigpralinensondereditionen in rosafarbenen Herzchenkartons beim Discounter sowie durch die großen Außenwerbungsplakate des Floristenverbandes ausgezeichnet hat. Und außerdem noch durch enorm lange Schlangen von fortgeschritten genervt aussehenden Männern vor den Blumenläden im Hauptbahnhof.  Männer, die nach Feierabend am 14.2. noch mal eben das obligatorische und am besten rotrosige Blühzeug zum spontan erhöhten Preis mitnehmen wollten, und die da dann unerwartet lange dort anstanden. Die dabei leise knurrend all die anderen ihrer Art verfluchten und dabei unruhig zappelnd und mit den Oxford-Schuhen oder Sneakers scharrend auf die Uhren sahen, mit dem Smartphone nebenbei noch schnell anderes delegierend.

Jahrelang machte genau dies den Valentinstag aus, es war klar erwartbar.

Jetzt aber wird es auf einmal deutlich aufwändiger. Jetzt geht der Trend zur intensiven Eventisierung des Tages, und neuerdings spielt dabei ein gewisses Segment der Gastronomie begeistert mit. Nämlich das Segment, in dem man sich für exklusiv, schick, originell oder auf irgendeine Art wenigstens romantisch genug hält, um den geeigneten Rahmen für ein Date an diesem Tag zu geben.

Da wird nun auf einmal mit Nachdruck geworben und Valentinsmenüs werden angepriesen wie sonst nur die Speisefolgen zu Silvester etc. Aber selbst bei imbissähnlichen Etablissements kleben Sonderkarten in den Fenstern, versehen mit dem schnörkeligen Hinweis: „Cheers to love.“

Die süßliche Abenddekoration in diesen Lokalen kann man sich vorstellen. Womöglich sitzt irgendwo hinten auch jemand am E-Piano, spielt etwas mit „Amore“ im Titel und singt in schlimmen Fällen sogar.

Besonders Instagram ist voll von Werbung, die sich auf diesen Tag bezieht. Männern wie mir wird dort mit Nachdruck und etlichen Wiederholungen gezeigt, was ich der oder wenigstens einer Frau noch alles schenken könnte. Gerne auch etwas aus dem Juwelensortiment für das mittelgroße Vermögen! Oder zwei, drei Tage ach so spontaner Urlaubsflucht, siehe auch die Sonderbeilagen „romantische Ziele“ in den entsprechenden Katalogen.

Im großen Legoladen in der Fußgängerzone prunken bunte Blumensträuße aus den Plastikbausteinen im Fenster. Groß und teuer sind sie, eine Geschenkidee, eine Geschenkidee.

Ein Bioladen in der Nähe dekoriert geeignete Kräutermixe im Fenster. Da liegt die mit Herzchen bedruckte Weihrauchmischung „Liebe“ für kleines Geld aus, vorbeigehende Katholiken sehen es vielleicht mit Staunen.

Das Wort Love, mit Edding auf eine Packstation gerschrieben

Die Herzdame und ich ändern währenddessen, denn irgendwer verhält sich immer antizyklisch, unseren Beziehungsstatus nach 21 Jahren ohne Update zu „Es ist kompliziert.“ Daraus folgen allerdings erst einmal keine zwingenden Drehbuchanweisungen für uns. Die aktuellen Folgen unserer Soap haben eher etwas von Impro-Theater, und vielleicht endet damit nicht einmal eine Staffel. Vielleicht wird auch das am Ende nur eine weitere Phase gewesen sein. Aber Phasen passend zu benennen, das war und ist mindestens ein Nebenzweck dieses Blogs. Und so eine Statusänderung festzustellen, anzuerkennen und draußen dranzuschreiben, das ist auch nicht nichts. Sie kennen das vielleicht.

Aber wie auch immer – nach Drama ist mir gar nicht, und eine gute Gelegenheit ist es jedenfalls, meine lange Playlist mit deutschsprachigen Songs neu durchzugehen. In der mir jetzt auf einmal andere Zeilen und Zitate als früher auffallen. Aus der heraus sich nun manchmal andere Stimmungen auf mich übertragen wollen.

Ich höre einige der Stücke dort mit erfreulich neuem Enthusiasmus, lerne weitere Textstellen und merke mir für die morgendlichen Minuten unter der Dusche auch andere Refrains als sonst zum Mitsingen vor. Läuft.

Es ist nach wie vor bei allem sehr wichtig, sich auch die Vorteile zu notieren.

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2 Kommentare

  1. Vielleicht wird dieses Jahr der Valentinstag nur deshalb so zelebriert, weil es ein Samstag ist? Und kleine Fluchten auch wegen Fasching möglich? Hier jedenfalls (Mittelhessen!) schliesst die Grundschule (!) an Rosenmontag und Faschingsdienstag komplett. Wahrscheinlich, weil die Kids zwischen 6 und 10 Jahren die ganzen Nächte ausufernd feiern? Da kann die ganze Familie los…..mit Valentinsrose und Clownskostüm ?

  2. Ich habe den Valentinstag nie auf dem Schirm. Und wenn ich in meinen Kalender schaue, werde ich mich da berufsbedingt mit Tierschutzthemen beschäftigen statt mit dem Liebsten. Aber das ist okay.

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