NOMO bis FOBI: das Wochenende

Das Wochenende war lang, meine Wege waren verletzungsbedingt umso kürzer. Die Schmerzen in der Knöchelgegend schienen mich darauf hinweisen zu wollen, dass Herumliegen jederzeit eine gute und betont vernünftige Option sein könnte. Wenn ich doch etwas ging, weil ich nun einmal zum Gehen neige, so wie ein Fisch routinemäßig schwimmt und ihm andere Existenzformen eher nicht geläufig sind, wurden diese Hinweise auch gleich eindringlicher.

Es nervte erheblich.

Das wurde mir solcherart also zu einer NOMO-Versuchsanordnung. Necessity Of Missing Out. Was irgendwann als Antwort auf FOMO aufkam, der Fear Of Missing OUT. Zu den Anfängen dieser Haltung oder Erkenntnis siehe auch Jenny Odell: „Nichts tun: Die Kunst, sich der Aufmerksamkeitsökonomie zu entziehen“. Ein gutes Buch, ich las es damals, als es herauskam, 2019.

Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Abkürzungen dieser Art, die sich auf das Verhältnis von Psyche und Teilnahme beziehen. Man verliert da leicht die Übersicht, siehe etwa auch JOMO, Joy of missing out usw. Sie können auf dieser Wikipedia-Seite zur Abkürzung, und ich möchte es dringend empfehlen, im Abschnitt „Linguistic“ ganz unten auf der Seite, sich gerne einmal alle Abkürzungen laut vorlesen. Das hebt definitiv die Stimmung, es hat etwas Zauberspruchartiges und wer weiß, was man damit alles bannt.

Die letzte dort genannte Abkürzung, FOBI, ist mit Entschiedenheit wieder etwas, das man sich für die baldige Anwendung im Büro oder Betrieb merken möchte.

Ich habe kein Problem damit, mich vier Tage zu beschäftigen, ohne an der ansonsten geschätzten Stadt und ihrem Trubel Anteil zu nehmen, vom Blick aus den Fenstern einmal abgesehen. Mich interessiert genug, so dass es mir auch ohne dieses Draußen so schnell nicht langweilig wird. Und sollte es mir wider Erwarten doch einmal langweilig werden, ich würde vermutlich einen Text daraus machen.

Denn man hat als bloggender Mensch auch gewisse Vorteile im Alltag, ab und zu fallen sie mir angenehm auf.

Dass aber an den eventuell einzigen vier Tagen des Jahres, an denen ich auf Spaziergänge, Foto-Walks aller Art und sogar auf das Herumlungern in Parks etc. verzichten musste, dass ausgerechnet an diesen Tagen dieses Wetter inszeniert wurde, wie seltsam war das. Dieses glitzernde Sommersonnenkonzentrat, das fand ich doch zunächst etwas kränkend und herausfordernd.

Schrift in einem Schaufenster mit glitzernden Dingen: Glitter is my favourite colour

Gerade sehe ich bei Mek einen weiteren Fachbegriff aus der Kunst der Lebensführung, der mir gar nicht geläufig war, Sunshine Guilt.

Ich schiebe eben einen Smallltalk vom Montag ein, geführt an einem dieser Erdbeerverkaufsbüdchen in launiger Fruchtform. Es beteiligten sich mehrere einkaufende und verkaufende Personen, über die man kaum mehr wissen muss, als dass sie hier wohnen:

„Das war ja ein Wochenende, was.“

„Wenn das mal nicht der Sommer war!“

„Wird auch wieder kalt, morgen schon.“

„Sonst wird man auch zu verwöhnt, nech.“

„Man weiß doch gar nicht mehr, wie Regen geht!“

„Und die Pflanzen!“

„Immerhin haben wir jetzt ja Erdbeeren. Zweck erfüllt, kann man doch sagen.“

Das Wochenende erinnerte mich auch einen Gedanken, den ich als Jugendlicher in einem hellen Moment einmal hatte, noch damals in Travemünde. Als es einer dieser makellosen Strandtage war, die dort nie so oft vorkamen, wie es sich die dort Urlaubenden stets erhofft hatten und wie es etwa in der Langnese-Werbung aussah, wenn die junge Frau das Calippo aus ihrem …  Aber das ist ein anderes Thema, pardon.

Es war jedenfalls ein perfekter Tag, makelloses Sommerwetter der feinsten Ausprägung.

Ich aber hatte keine Lust auf Strand (I‘m not a tourist, I live here) und dachte irgendwann, als ich mit vermutlich noch pubertär schmollend vorgeschobener Unterlippe lesend herumlag, dass es eine Form von Freiheit sein könnte, nicht diesem Wetter zu gehorchen. Nicht der Jahreszeit, nicht der kollektiven Stimmung, der Tradition oder den Gebräuchen etc.

Sondern vielmehr: Mit Buch ins Bett. Und manche frühen Erkenntnisse haben eine ganz erstaunlich lange Auswirkung im Leben.

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Ein Kommentar

  1. Allerherzlichsten Dank, werter Herr Buddenbohm, für diese wunderbare BBC-Coverversion von PERFECT DAY. Und aus blogaktuellem Anlass darf ich Ihnen auch dafür danken dass ich hier die Option habe, meine große Freude kommentierend zum Ausdruck zu bringen.

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