Menschen zwischen Skulpturen

Im Wartebereich des Orthopäden hing das plakatgroße Foto eines Schriftzuges, der einmal in riesigen Lettern am Trockendock von Blohm und Voss an der Elbe zu lesen war: „Junge, komm bald wieder.“ Orthopädenhumor ist auch eine eher spezielle Angelegenheit. Nach dem letzten Besuch beim Arzt hatte ich daher beim Herumhumpeln auf dem Heimweg noch eine Weile die Stimme von Freddy Quinn im Kopf, mit den einschlägigen Zeilen aus dem entsprechenden Lied:

„Ich mach mir Sorgen, Sorgen um dich,

Denk auch an morgen, denk auch an mich.“

Ansonsten war mir am Wochenende trotz eingeschränkter Gehfähigkeit deutlich nach anderen Eindrücken zumute. Ich hatte nach mehreren Tagen ohne nennenswerte Spaziergänge, ohne Auslauf und Freigehege endgültig genug Raufaser, Sofa, Bücher, Podcasts und auch Netflix gehabt. Es musste etwas anderes her, und zwar dringend.

Es sah nach aufziehendem Regen über der Stadt aus, es kühlte ab, es war Museumswetter. Ich ging also eben rüber zur geschätzten Nachbarin, zur Hamburger Kunsthalle. Ich dachte, da hätte ich von Ausstellungsstück zu Ausstellungsstück kurze Wege vor mir. Womit ich wegen der Größe der Einrichtung nicht ganz richtig lag, wie mir etwas zu spät und dann auch schmerzhaft klar wurde. Aber zunächst erschien mir die Kunsthalle als Krückenkultur doch plausibel, und ich startete also schwungvoll. Vermutlich zu schwungvoll. Man muss sich an alles erst gewöhnen, erst recht an den sinnigen Umgang mit Einschränkungen.

In der Kunsthalle läuft gerade die große Ausstellung „Skulptural“, im alten Teil des Gebäudes, abseits der modernen Kunst. Und sie läuft noch entspannt lange bis zum April 2027. Sie können Ihren Besuch also, wenn Sie in zumutbarer Entfernung wohnen, noch in aller Ruhe einplanen. Es werden, so darf man annehmen, bis dahin noch einige weitere bestens geeignete Regenwochenenden nachgeliefert.

Büsten in der Skulpural-Ausstellung

Da ich alles in allem angestrengt genug war, wie ich bilanzierend nach dem nun schon wochenlangen Theater mit Fuß und Ärzten und Terminen befand, ging ich geistig betont unangestrengt durch die Ausstellung. Also mit der Lässigkeit des souveränen Jahreskarteninhabers, der diese vielen Schildchen dort, all die Erklärungen, fachlichen Hinweise und sinnigen Belehrungen zwar jederzeit lesen kann, es aber überhaupt nicht muss.

Denn man kommt ja wieder, in meinen Kreisen. Und sogar bald schon, man kann das alles auch später lesen. Wie ein Kind etwa ging ich da herum. Ohne jedes Interesse an Bildung, nur mit Interesse an Beeindruckendem. Wobei ich immerhin im Gegensatz zum Kind doch die Bezugslinien zwischen den beiden Begriffen zu verstehen meinte. Ohne allzu lange darüber nachzudenken, denn das fühlte sich auch schon nach Mühe an.

Eine Büste in der Skulpural-Ausstellung

Ein Medusen-Relief

Kunst in der Skulpural-Ausstellung

Eine Frau zeichnet eine liegende Figur in der Skulptural-Ausstellung

Eine Büste in der Skulptural-Ausstellung

Ich ging „nur so“ zwischen den vielen Skulpturen herum. Dies und das besah ich mir und ließ mich dabei nur durch spontanes Interesse leiten. Ich befand wieder, wie schon öfter im Leben, dass mich Münzen beim besten Willen nicht interessieren, siehe auch Briefmarken, und ließ diese daher komplett aus. Es standen aber ausreichend andere Interessierte an den bereitgelegten Lupen, die Münzen mussten sich keineswegs vernachlässigt fühlen.

Eine Büste in der Skulpural-Ausstellung

Es war angenehm leer in den Hallen und Gängen. Sicher war die Mehrheit der Besucherinnen drüben im anderen Gebäudeteil, bei der mittlerweile vielgerühmten Ausstellung zu Lassnig und Munch, es war mir sehr recht. Denn dadurch wirkten die wenigen anderen Besucherinnen noch besser zwischen den Skulpturen.

Plastiken in der Skulptural-Ausstellung

Sie sahen hin und wieder, gar nicht so selten, selbst nach sehenswerten Plastiken zwischen Plastiken aus. Wie sie da vor dem Marmor oder vor welchem Material auch immer standen. Wie sie da in spiegelndes Glas hinein oder zum Filz von Beuys hochsahen, manchmal minutenlang fast unbewegt in sinnenden Posen verharrend.

Ich hätte ein Schild neben ihnen aufstellen mögen: „Die Betrachterinnen“. Dazu Angaben zum Material, zur Künstlerin, zur Entstehungszeit etc.

Der Filz-Anzug von Beuys

„Menschen zwischen Skulpturen.“ In mir entstand eine faszinierende Sonderausstellung, und ich war damit tatsächlich so angenehm und auch so lange beschäftigt, wie ich es mir vorgestellt hatte.

Zwischendurch allerdings ein Wimmern, so etwas wie ein Frauenstimmenweinen. Nach genauerem Hinhören nicht nur von mir, auch andere Köpfe drehten sich suchend herum, eindeutige Leidensgeräusche. Ich ging daher pflichtgemäß, denn man ist doch stets bemühter Gentleman und nach Kräften auch fallweise strahlender weißer Ritter, wenn auch am Stock und sicher insgesamt etwas abgegriffen wirkend, durch die Gänge und suchte nach dem vermeintlichen Opfer. Vermutlich doch eine Besucherin, die gestürzt war, so stellte ich es mir vor. Und dachte noch kurz, wenn du die jetzt kennenlernst, und dann beide mit kaputten Füßen … Wie Kino ist das denn wieder.

Es war dann aber nur eine Video-Installation von Marina Abramovic. Von moderner Kunst veralbert werden, das gehört auch manchmal dazu. Das ist im Preis mit drin, schon klar.

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