Laufen und Ringen

Da ich mich hier so oft über joggende Menschen an der Alster beschwere (und, nun ja, gerade gestern wieder von einem umgerannt worden bin), ist es vielleicht richtig, auch bei diesem Thema die Ausnahme zu schildern.

Denn tatsächlich gibt es eine Gruppe unter den dort ambitioniert Herumlaufenden, die mir sympathisch ist. Sehr sogar. Die ich manchmal herzerwärmend finde, denen ich manchmal sogar mit einem Lächeln wohlwollend nachsehe. Dabei handelt es sich um die vom Leben, vom Alter und von Krankheiten Versehrten aller Art, die gar nicht laufen können. Also zumindest nicht richtig. Aber die so tun, als ob. Fälle von „dennoch“ also.

Blick über die Außenalster bei Sturm, mit Wellengang

Etwa jene alten Menschen, die sich noch einmal aufgerafft haben, wozu sicher stets auch eine Geschichte gehört. Ein warnender ärztlicher Rat, das Drängen der Familie, das ständige Bitten des Partners oder der Partnerin etc. Aber diese Faktoren kann man sich nur denken.

Sie tragen in manchen Fällen Sportkleidung, die man locker zwanzig, dreißig Jahre zurückdatieren kann, die also teils schon wieder Avantgarde ist. Sie tragen manchmal auch nur normale Kleidung, wie sie die Spaziergehenden ebenfalls tragen. Nur haben sie dieses Outfit um sehr neu aussehende Sportschuhe ergänzt. Die an ihnen wirken, als habe man bei einem Puzzle etwas falsch zusammengesetzt. Sportkleidung besitzen sie nicht, wollen sie vielleicht auch nicht, aber Schuhe, okay, das sehen sie ein. Die Schuhe müssen schon sportlich sein, wenn man laufen will. Der Rest ist optional.

Sie laufen also eher nicht, wie es aussieht. Jedenfalls nicht im Sinne des Sports. Aber sie versuchen doch, und man sieht die Mühe, sich schneller als sonst zu bewegen, das schon. Manche von ihnen in einem Gang, dem man zunächst überhaupt keine sportliche Absicht ansehen kann, bis einem auffällt, dass sie die Arme so bewegen, als würden sie laufen. Als würden sie „Laufen“ pantomimisch darstellen.

Die sich also erkennbar Mühe geben, es zumindest tendenziell nach Sport aussehen zu lassen, obwohl sie gar nicht vom Fleck kommen. Diese Tyrannosaurus-Ärmchen in sachter Bewegung mit sinnlos anmutender Sportgestik – den Anblick finde ich oft rührend.

Blick über die Außenalster im Abendlicht

Dann bleiben sie vielleicht stehen, sehen über die Alster und besinnen sich zwischendurch etwas. Oder erinnern sich, denn sie konnten sicher einmal laufen, auch sie.

Wobei sie dann manchmal so aussehen, als müsse man die Gedankenblasen über ihnen, wie in den Comics, nur lesen. „Was zum Teufel mache ich hier“, steht da oft drin. „Das ist doch alles sinnlos“, es kommt auch oft vor, sowie „Komm schon, wenigstens noch bis zu dem Baum da“.

Menschen, die mit sich und ihren Bemühungen ringen. Jeder Fall ein theaterreifes, romanfähiges Drama, man müsste es nur etwas ausarbeiten. Wie Isa es bei dem Laufen einer jüngeren Frau gemacht hat.

Ähnliches gilt für Schlaganfallpatienten, auch für stark Übergewichtige, für Menschen mit deutlichen Rückenschäden etc. All diese Märtyrer auf dem Rundweg, für die es keineswegs nur ums Laufen geht, wie für die Jungen, Gesunden und Sportlichen, sondern für die es erkennbar um ein Ringen geht. Mit sich, mit der Motivation, mit dem Ziel des Ganzen. Und überhaupt mit allem: mit diesen komischen neuen Schuhen, die so viel gekostet haben, mit der Strecke, dem Wetter, den Gebrechen und immer wieder mit der übergroßen Warum-Frage.

Blick über die Außenalster, Tretboote im Vordergrund

Neulich der alte Mann, dem Aussehen nach schon steinalt. Der mir in einem Trab entgegenkam, der gerade eben als solcher zu erkennen war, der dabei aber dennoch von sämtlichen Spaziergängern überholt wurde. Der kopfschüttelnd stehenblieb, sich eine Zigarette anzündete und, als hätte er einen imaginären Gesprächspartner, etwas murmelte und unwillig abwinkte. Als sei er gerade noch einmal zu etwas aufgefordert worden, von wem auch immer.

Der sich dann auf eine Bank setzte, die Beine genüsslich lang ausstreckte und sinnend dem Rauch nachsah. Man möchte manchmal hingehen und sein Mitgefühl ausdrücken. Und die Vorstellung, selbst in dieser Situation zu sein, sie fällt mir auch nicht besonders schwer.

Aber diese Spezialgruppe hat mit den anderen Läufern nicht viel zu tun. Es sind vollkommen andere Geschichten, die da jeweils zu dem führten, was dann bei allen Beteiligten Sport genannt werden soll. Aus meiner Sicht sind es bei denen, die nicht laufen können und die es dennoch tun, vermutlich die interessanteren Geschichten.

Aber bitte, das kann man auch anders sehen, schon klar. Geschichten für die Jugend sind auch wichtig, fallen aber nicht mehr in mein Metier.

Blick über die Außenalster von der Kennedybrücke aus

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