Terminhinweis: Tirili. Die Frühlingslesung

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So, wir machen das jetzt mal etwas anders, das mit der Frühlingslesung. Isa und ich lesen zur Abwechslung mal nicht, sondern moderieren die Lesung. Und wir haben nicht vier Autoren sondern drei, die dann etwas länger lesen können. Das wird sich lohnen, denn wir haben eingeladen:

Pia Ziefle, die Autorin des Romans “Suna”, den ich hier ausführlich gepriesen habe und den Sie hoffentlich alle gelesen haben. Wenn nicht, können Sie ihn  ja direkt nach der Lesung bei der Autorin kaufen, auch praktisch.

Bov Bjerg, ein Autor, den ich am liebsten jedes Mal einladen würde. Kann lesen wie kein Zweiter, schreibt so, dass man nicht genug bekommt und hat außerdem die für mich geradezu unvorstellbare Coolness, seine vorzutragenden Texte erst ganz kurz vor Lesungsbeginn auszuwählen. Unvorstellbar.

Stevan Paul, der so über Essen schreiben kann, dass man sofort in die Küche will, um irgendwas zu braten, und sei es nur, um dieses leise Brutzelgeräusch zu hören, das er so unvergleichlich beschreiben kann. Meine Besprechung seines letzten Buches “Schlaraffenland” findet man hier.

Die Lesung findet wie immer im Le Kaschemme statt.

Montag, Dienstag, Freitag

Montag, gefühlt Freitag. Ein Vogel weckt mich am Montag um 04:20, das ist selbst für meine Verhältnisse etwas früh, und so frühlingshaft hoffnungsfroh solch Gezwitscher auch oft wirkt, es überzeugt um diese Uhrzeit nicht recht, es nervt vielmehr etwas. Ich stehe stöhnend auf, ich mache mir Kaffee. Ich halte das Handy aus dem Dachfenster und checke die Birdnet-App, bzw. checkt diese App den Vogel. Ein Rotkehlchen, sagt das Ergebnis sofort. Aha, denke ich, wieder was gelernt! Was aber gar nicht stimmt. Ich habe nämlich beim ersten Schluck Kaffee schon wieder vergessen, wie der Vogel geklungen hat, zwitscher zwitscher eben, was weiß ich, so ein Geflöte und Getriller, wie Vögel eben machen, tirili. Nichts davon würde ich in zehn Minuten wiedererkennen, gar nichts, und nichts habe ich gelernt. So eine App ist gut und schön und kann tatsächlich etwas, viel sogar, aber ob sie mir etwas beibringt, ich weiß nicht recht. Da nochmal drüber nachdenken.

Ich fahre den Bürorechner hoch, ich weiß mein Passwort noch, dieser Urlaub konnte wirklich gar nichts. Der Rest des Tages entgleist dann gründlich, da decke ich den Mantel des Schweigens drüber, der allerdings etwas Übergröße haben darf, sonst guckt da verdammt leicht etwas raus.

Der öffentliche Bücherschrank, den hier jemand abgefackelt hat, ich erwähnte es gestern, er wurde wohl mittels Kaminholz in Brand gesteckt. Man sieht die angekokelten Scheite noch da liegen, so Feuerholz, wie man es aus ländlichen Wohnzimmern kennt. Was immer da für eine Geschichte dahintersteckt, gut wird sie nicht sein. Der Bücherschrank soll wieder aufgebaut werden, immerhin.

Dienstag, gefühlt Freitag, es ist endlos lange Freitag, immer wieder, und das Wochenende kommt nie. Die gestrige Nachrichtenlage lässt die Timelines verständlicherweise in heller Empörung, in Entsetzen und Entgeisterung zurück, es ist ein emotional ungemein aufgewirbelter Freitag, dieser Dienstag. Ich dagegen fühle mich bedrückt und seltsam unterkühlt, das kann alles nicht mehr gesund sein, das ist doch seelisch höchst bedenklich. Dann fällt mir wieder ein, dass ich in einer ungeheizten und fensterlosen Abstellkammer sitze, es könnte auch daran liegen. Der Blick fürs Wesentliche! So schwer. Ich setze mich in die Küche, ich brauche mehr heißen Kaffee. Viel mehr Kaffee.

Ich sehe aus dem Fenster runter auf den Spielplatz. Seit auf den Spielplätzen Maskenpflicht gilt, stehen da viel mehr Männer herum, ist das Zufall, ist das ein erwartbarer Effekt? Schon seit ein paar Tagen sehe ich immer wieder nach, dauern stehen da Männer, so viele Väter im Einsatz wie nie, es ist wirklich seltsam.

Home-School, der Konjunktiv. Hätte ich aufgepasst, ich könnte den Konjunktiv. Er sagte, er könne den Konjunktiv. In Mathe dagegen machen wir aus einer einfachen Zahl einen Term mit immer mehr und noch mehr Klammern, das Kind fragt völlig zu Recht: Warum? Es ist wie im Leben, sage ich, da ist irgendwas ganz einfach und überschaubar, dann spielt jemand etwas damit herum, schon ist es irre kompliziert. Alles spiegelt sich in allem und so. Das Kind fragt, ob es jetzt fertig sei. Nein, das ist es nicht, das ist es noch jahrelang nicht. Der Mensch als solcher wird nicht fertig. Schlimm.

Home-Office. Neulich bin ich zufällig mit dem Auto am Büro vorbeigefahren, also an dem Gebäude, in dem ich jahrelang gearbeitet habe. Unverkennbares Damals-Gefühl. Ach guck, den Stadtteil gibt es ja auch noch. Da haben früher viele Menschen gearbeitet, was war das mittags immer für ein Gedränge vor den Imbissen. Tempi passati.

Ich arbeite konzentriert, die Zeit vergeht. Im Grunde reicht es auch, finde ich dann, let’s call it a day, es ist auch alles ziemlich anstrengend. Ich sehe auf die Uhr, es ist erst 08:28. Hm. Ich sehe auf den Kalender, es ist immer noch Dienstag.

Es geht alles nicht mit rechten Dingen zu, so viel steht fest.

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Tinko

Ich nehme das hier mal aus der üblichen Monatsliste mit gelesenen Büchern heraus, der Text ist etwas zu lang geraten, der sprengt sonst das Format.

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Erwin Strittmatter: Tinko. Mit dem Buch hat es eine ganz seltsame Bewandtnis. Das war nämlich ein Wiederlesen nach etwa 38 Jahren, und das kam so: Als ich etwa zehn Jahre alt war, hat mir das Buch jemand geschenkt, ich weiß nicht mehr, wer das war. Vermutlich ein Mitbringsel von einer DDR-Reise, ich kriege die Umstände überhaupt nicht mehr zusammen. Ich weiß aber noch genau, wie das Buch aussah, ich sehe die Abbildung des Jungen auf dem Titel noch und den pinkfarbenen Schriftzug “Tinko”. Die Ausgabe auf dem Bild oben ist modern und natürlich ganz anders gestaltet. Das Buch war dick, es war viel dicker als die Kinderbücher, die ich sonst so las. Strittmatter war in der DDR ein großer, ein sehr großer Name, im Westen war er es damals nicht und ist es heute auch nicht. Er hat sich womöglich in gleich zwei Diktaturen zweifelhaft verhalten, sein Lebenslauf in der Wikipedia liest sich zumindest nicht wie ein einziges Ruhmesblatt, aber ich habe mich mit seiner Biographie auch nicht weiter beschäftigt. Er hat eine ganze Reihe bekannter Romane geschrieben.

Jedenfalls war ich damals in einem Alter, in dem das Buch nicht recht passte. Der Roman ist zwar fast durchgehend aus der Perspektive eines Jungen erzählt, aber es ist ziemlich harter Stoff und auch nicht kindgerecht erzählt, das ist definitiv kein Kinderbuch. Es wird offiziell als Jugendbuch gehandelt, das habe ich erst jetzt nach der erneuten Lektüre gemerkt und war etwas überrascht, es würde auch ohne den Zusatz „Jugend“ ganz gut auskommen. Das ist ein Buch über gewaltig durchgerüttelte Schicksale, über Kriegsfolgen, über knorrige Charaktere, die ihr Leben mit Grandezza, wenn nicht sogar mit griechischer Tragödienhaftigkeit an die Wand fahren. Und es ist ein Buch über Landleben, Landarbeit und Landbewohner, man versteht die Zusammenhänge zwischen den Begriffen ganz anders, wenn man das Buch gelesen hat. So eine endlose körperliche Qual wie die Kartoffelernte per Hand, das kannte ich natürlich nicht ansatzweise. Aber es wurde für mich vorstellbar durch diesen Roman, es wurde sogar sehr deutlich. Die tagelange Suche nach Kartoffelkäfern, das Binden von Getreidegarben in brutaler Sommerhitze, das Schärfen der Sensen, die Saat, das Herumsitzen und tatenlose Warten im Winter, das war mir alles neu und wunderlich, darüber wusste ich bis zu diesem Buch gar nichts oder wenig.

Die Geschichte spielt in der frühen Nachriegszeit, in den ersten Jahren der DDR. Es geht um ein Dorf in der Niederlausitz. Die Hauptfigur, der kleine Tinko, lebt elternlos bei seinem jähzornigen Großvater und dessen niedertyrannisierter Frau. Der Großvater hat sich auf nicht ganz astreine Art und mit loderndem Ehrgeiz von einem kleinen Arbeiter zum etwas größeren Bauern aufgeschwungen, ohne aber jemals mit den wirklich großen Bauern im Dorf mithalten zu können. Und er ist überhaupt nicht begeistert, dass die neue Gesellschaft um ihn herum jetzt vom Kollektiv faselt, von lärmenden Landmaschinen statt von stolzen Pferden, von Reformen aller Art, von neuer Ordnung. Seine Söhne kehren beide aus der russischen Gefangenschaft zurück, sie sind aber nicht von seiner Art. Sie kooperieren gerne mit dem neuen Staat. Tinko nennt den Vater nur “Heimkehrer”, man bleibt sich fremd, es bahnt sich also schnell ein Familiendrama gewaltigen Ausmaßes an.

Das Buch ist ganz hervorragend erzählt, die Figuren aus dem Dorf so lebendig, wie man es bei deutschen Erzähler aus der Zeit nicht gerade gewohnt ist. Naturbeschreibungen vom Feinsten, die Wechsel der Jahreszeiten kann man jeweils glatt mehrmals lesen, so wunderbar sind die dargestellt. Strittmatter braucht nur eine Seite, damit es wieder Frühling wird, aber nach der Seite merkt man die Sonne. In ganz einfacher Sprache macht er das und in umwerfenden Bildern. Das Buch ist sprachlich ein großes Vergnügen, gar keine Frage – und politisch einigermaßen platt. Das wusste ich als Kind aber natürlich nicht. Ich merkte nur, diese Geschichte ist fremd, gewaltig, beeindruckend. Das war das erste Mal, dass mir überhaupt etwas aus der DDR begegnete, es war das erste Mal, dass mir Schicksale von dort wie normale Menschenschicksale vorgestellt wurden. Die DDR kam ansonsten bei uns nicht vor, die gab es zwar, das war nicht zu leugnen, ich bin ja grenznah aufgewachsen – aber was in ihr war, das war unerfindlich, das war kein Gesprächsgegenstand, das war ein Tabu. Und mir war klar, dass Bücher oder Filme und Fernsehsendungen aus der DDR voller Lügen waren, voller Propaganda und Verdrehungen, das immerhin wurde dann doch auch in der Familie besprochen und daran zweifelte niemand. Ich musste beim Lesen also höllisch aufpassen, um bloß nicht irgendwie eingewickelt zu werden.

Allerdings fand ich es dann gar nicht so schlimm, was da im Buch erzählt wurde, es war fast ein wenig enttäuschend. Das Menschliche, das war schlimm, das Schicksal des Kindes war furchtbar tragisch und hatte eine Härte, die meine Vorstellungskraft glatt überforderte. Aber das Politische, das schien mir alles recht logisch und naheliegend, das war auch gar nicht so verherrlichend, wie ich angenommen hatte. Man konnte schon klar herauslesen, dass nicht alles gut und reibungslos lief beim großen und etwas später auch kompromisslosen Umbau des Landlebens. Man konnte aber auch nicht überlesen, das vorher auch nicht alles gut gelaufen war auf dem Land, dass die gute alte Zeit den Namen ganz und gar nicht verdient hatte, und das klang auch durchaus glaubwürdig. Das Leben auf dem Land war hart, brutal, streng hierarchisch und übel verkrustet. Was Strittmatter da beschrieb, das war plausibel und klang vollkommen richtig. Konnte das denn nun dennoch alles falsch sein? War das der Trick? Alles Lüge? Das wusste ich nicht und ich habe auch niemanden gefragt. Das löste sich einfach nicht auf.

Ich fand bei der Lektüre als Kind schrecklich, dass die Hauptfigur sich zwischen dem Großvater und dem Vater entscheiden musste, da beide für verschiedene Systeme standen. Ich habe natürlich nicht verstanden, dass genau darin der parteikonforme Ansatz versteckt war, so etwas liest man mit zehn Jahren noch aus keinem Roman heraus. Oder ich tat es zumindest nicht. Ja, das Buch ist linientreu, je weiter man sich dem Ende nähert, desto schöner tirilieren die Kinderchöre von der Zukunft, der sie strahlend zugewandt sind, herrje. Ja, es ist dennoch über weite Strecken ein sehr gutes Buch.

Das war jedenfalls vermutlich mein erster “richtiger” Roman. Und der fiel mir aus irgendeinem Grund gerade bei einem Spaziergang wieder ein, wie aus heiterem Himmel, als ich erstes Herbstlaub an der Alster sah. Vielleicht eine ganz ferne Erinnerung an eine Naturbeschreibung aus dem Buch, mag sein, ich kann sie aber nicht greifen. Ich habe das Buch gleich gekauft und noch einmal gelesen – und ich habe es nach all den Jahren wieder mit Begeisterung gelesen. Das ist sprachlich wirklich gut, das hat auch eine gute Geschichte, auch wenn sie selbstverständlich systemkonform endet und die wonnige Zukunft der Jungen Pioniere einem etwas auf den Wecker geht. Da ist plötzlich doch arg viel Rosa im Bild. Aber der Mann konnte erzählen, und wie er das konnte. Ich hatte sogar die Namen der Hauptfiguren noch parat, ich wusste noch grob, wie die Handlung lief, ich hatte das Dorf immer noch vor Augen. Nicht schlecht, für 38 Jahre nicht gelesen, das muss mich damals wirklich beeindruckt haben. Ich glaube, ich habe es mehrmals gelesen, das Buch hat mich ziemlich gründlich verwirrt.

Jetzt reicht mir das einmalige Wiederlesen – aber höchst interessant war es allemal.