Trendbestätigung

Zur Stimmigkeit von Offline und Online: Ich sehe auf Instagram, ohne danach gesucht zu haben, gleich drei Beiträge, in denen es um Krawatten geht. Bei denen man wohl gerade unterstellt, dass sie wieder zum Trend werden. Was einige Medienberichte zu bestätigen scheinen, auch wenn es schon eine Weile behauptet wird, und sicher nicht zum ersten Mal. Ich könnte aus den letzten Jahren nur wenige Sichtungen vermelden, sei es in der Innenstadt oder in meinem Büroumfeld.

Mit der modegeschichtlich nicht uninteressanten Ausnahme der Sicherheitsleute, die vor den Kaufhäusern in den Fußgängerzonen etc. stehen und durchweg schwarze Anzüge tragen, dazu schwarze Krawatten. Wobei also ein meist gering bezahlter Job durch dieses Accessoire gekennzeichnet wird. Während es nicht lange her ist, dass man dieses Zubehör eher am Hals der höher bezahlten Menschen im Gebäude vermutet hätte. Zeiten, Sitten, dies und das, es sind alles nur Symbole, und die kann man umdeuten.

Ein paar Minuten nach den Sichtungen auf Instagram steige ich jedenfalls in eine S-Bahn, und da sitzt er prompt neben mir, der leibhaftige Trendbeweis. Ein junger Mann, ungefähres Berufsanfangsalter vielleicht, mit Hemd und Krawatte. Er trägt kein Sakko. Er ist überhaupt nicht besonders förmlich oder teuer angezogen, er trägt aber auch keinen allzu braven Bank-Azubi-Look. Es ist eher so etwas wie schlichte Freizeitmode, was er da anhat, nur eben mit schönem Schlips.

Das gibt es jetzt also wirklich. Nanu.

Wie auch immer. Ich habe sie noch alle, die Krawatten von damals. Sowohl die allerersten aus den Second-Hand-Läden (in einem damals noch studentisch geprägten Eppendorf gekauft, Onkel Pö hatte gerade erst für immer geschlossen, das kann sich heute auch alles keiner mehr vorstellen), als auch die späteren und teureren Exemplare, bis hin zu der Designer-Variante, die ich bei der Hochzeit getragen habe. Also bei der zweiten. Danach, so nehme ich an, habe ich keine mehr erworben. Das Thema war ungefähr zu dieser Zeit komplett erledigt und das Accessoire verschwand allmählich aus sämtlichen Konferenzräumen und von den Bürofluren. In den Zeiten des Home-Office, das weiß ich genau, sah ich nur einmal eine in einem Call. Es wiederholte sich nicht.

Aber soll sie nur kommen, diese Retro-Mode. Am Ende werde ich dann doch noch das besondere und so traditionsverbundene Vater-Sohn-Vergnügen haben, das Knoten einer Krawatte der nächsten Generation vermitteln zu dürfen. Auch wenn YouTube vermutlich nennenswert besser als ich unterrichten würde, und das sogar ohne Dad-Jokes. Ich erkenne den Vorteil an.

Aber wie auch immer, heute werden es über 30 Grad da draußen und ich bekomme schon bei der bloßen Vorstellung, etwas um den Hals zu haben, Atemnot, Angstzustände, Schweißausbrüche und sonstige Hitzschlagsymptome.

Oberkörper-Plastik-Attrappen, mit denen Erste-Hilfe geübt wird, liegen auf dem Fußboden eines gro0en Zeltes

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„Die Geschichte der Arbeit beginnt vor etwa dreieinhalb Milliarden Jahren … Leben ist Arbeiten.“

Genau so fühlt es sich leider auch oft an, möchte ich da spontan ergänzen, auch wenn ich gerade Urlaub habe. Denn so weit reicht die Verdrängung in den angeblich schönsten Wochen des Jahres nicht, dass ich dieses Gefühl nicht mehr parat hätte.

Und man komme mir da bitte nicht schon wieder mit Camus und Sisyphus, wie ich vorsorglich und in Drohhaltung ergänzen möchte.


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Heiko verbloggte eine Linksammlung. Linksammlungen verlinke ich besonders gerne, das ist eine Form der digitalen Brauchtumspflege. Auch für solche Begriffe ist das Internet längst alt genug.

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Von Orden, Kirchen und Imbissbuden

Auf dem ersten Spaziergang des Tages, auf dem mir normalerweise außer den wankenden, etwas zombiehaft gerade aufstehenden Obdachlosen aus den Hauseingängen nicht allzu viele Menschen begegnen, joggt mir eine kichernde, strahlende und ziemlich junge Nonne entgegen. Wenn ihr weißes Gewand mit den blauen Bordüren eindeutig ist, was ich aber nicht genau weiß, dann gehört sie zu jenem Orden, den Mutter Teresa gegründet hat. Das Bild dieser Bekleidung habe ich aus den Fernsehnachrichten von damals, als es noch oft um jene Gründerin ging, tatsächlich in Erinnerung. Ohne sonst jemals allzu viel Wissen in dieser Richtung angesammelt zu haben. Ich würde sicher keine weitere Variante erkennen können, Orden und Richtungen sind für mich nicht unterscheidbar.

Diese Nonne läuft jedenfalls recht sportlich. Nennenswert sportlicher, als ich laufen würde, was allerdings kein besonders schwierig zu erreichendes Benchmark ist. Aber auch manche Joggerin unten an der Alster würde sie in dieser Geschwindigkeit locker abhängen. Ich nehme an, dass sie aus dienstlichen Gründen läuft, vielleicht Richtung Bahnhofsmission oder so etwas. Jemand könnte etwas vergessen haben, was weiß ich. Sie sieht dabei jedenfalls eindeutig noch mehr nach Spaß an der Bewegung als nach beruflicher Eile aus.

Und zwar viel mehr. Vor allem aber sieht sie enorm vergnügt aus. Das Laufen macht ihr sichtlich Freude. Sie grüßt mich im flotten Vorbeilauf mit wehender Tracht freundlich. Vielleicht weil ich sie so verblüfft ansehe – mit einer laufenden, lachenden Nonne rechne ich hier in etwa so wie mit einer vorbeigaloppierenden Giraffe, also eher nicht.

Es ist auch nicht üblich, sich bei uns auf der Straße zu grüßen. In diesem Fall aber wirkt es ganz selbstverständlich. Ein freundlicher Gruß aus einem heiteren Gesicht. Es war, und darum ging es mir nur, der mit großem Abstand vergnügteste Blick, den ich seit Wochen auf irgendeinem Gesicht eines Erwachsenen hier im Stadtteil gesehen habe. Ein nonnenmunteres Vergnügen am Morgen, und so kommt man also auch einmal zu einem neuen, sogar positiv besetzten Begriff.

Später habe ich es nachgelesen. Sie haben eine Niederlassung da irgendwo am Dom, die Nonnen dieses Ordens. Bei diesen ganzen katholischen Einrichtungen, aus Sicht ihrer Kirche in der norddeutschen Diaspora.

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Eine Kirche weiter, das habe ich noch gar nicht erwähnt, bei der evangelischen Fraktion, also vor unserer Haustür, sah ich am Freitag Muslime an einer Außenmauer des Gotteshauses beten. An einer ruhigen, schattigen Stelle des Spielplatzes. Was ich mir im besten Fall als gelungenen interreligiösen Aspekt vorstellen kann, dieses sinnige Teilen einer Mauer, outdoor und indoor, friedlich und außerordentlich symboltauglich.

Da der Stadtteil hier schon für etliche Negativschlagzeilen gesorgt hat, wenn es um den Islam und seine radikalen Varianten geht, halte ich friedliche Kleinigkeiten dieser Art ebenfalls für erwähnenswert. Denn so geht es auch.

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Weiße Schrift auf einem eisernen Brückengeländer: "Liebt Euch!"

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Wobei mir außerdem in loser Assoziation einfällt, dass ich ein Stück Alltagspoesie vermutlich gar nicht verbloggt habe, welches hier jemand mit einem Edding in gut lesbarer Handschrift an einer Imbiss-Außenwand als freundliches Grußwort hinterlassen hat, als dieser für immer geschlossen wurde und es dort keine Pommes mehr gab:

„Lekka war’s, mein Mekka war’s.“

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Eskapismus und Verdichtung

Felix schreibt über das Denken und Lernen. Mit einer interessanten Einlassung zu KI, die von der verbreitet negativen Grundhaltung abweicht.

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Die Tagesschau schreibt über den Montagsblues. Man geht dort aber nicht so weit, den gesellschafts- oder systemkritischen Ansatz, der sich aus den dargestellten Erkenntnissen so überdeutlich ergibt, dass er einen förmlich beißt, auch nur am Rande zu benennen.

Aber denken tut man beim Lesen dann doch daran, nicht wahr.

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In der Radioreihe „Eine Stunde History“ gab es eine Folge über die sexuelle Revolution, über den Verkaufsstart der Antibabypille 1960. Inklusive der Haltungen der diversen Weltreligionen dazu, da schadet etwas Aufbesserung der Allgemeinbildung vermutlich auch nicht.

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Blick vom Niedergang an den Landungsbrücken zur Elbphilharonie, im Vordergrund Barkassen

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Im englischen Guardian schreibt Jonathan Freedland ein Plädoyer für den Eskapismus, für den Abstand zum Weltgeschehen und für Pausen von der nachrichtenbedingten Stimmungsverschlechterung. Er endet einigermaßen pathetisch, was ich nicht kritisieren möchte. Denn wer weiß, vielleicht ist es mittlerweile angebracht, so zu enden. Mag sein.

Ich habe an einem der letzten Tage das Gegenteil gemacht. Ich habe also aus meinem geschickt als Urlaub getarnten Eskapismus heraus zwischendurch doch wieder einen Tag mit Nachrichten verbracht, im Internet-Sumpf, im Newsstream-Strudel. Mit deutscher und auch mit internationaler Politik, mit Meldungen aus den Ressorts Technik, Umwelt, Gesellschaft und Kultur. Es war größtenteils erwartungsgemäß abstoßend und herunterziehend, es war sehr wie Unfallgucken auf der Autobahn.

Wenn man erst einmal eine Weile davon Abstand genommen hat, nimmt man diese Wirkung noch wesentlich deutlicher wahr. Schon dafür ist ein wenig Eskapismus zwischendurch überaus nützlich und kommt mir allein deswegen empfehlenswert vor. Wie heißt oder hieß es in der Werbung: Gut, dass wir verglichen haben.

Man fragt sich nach so einem Check vielleicht auch, wie und warum man die frühere Überdosis eigentlich so lange ausgehalten hat und ob man sie eigentlich unbeschadet überstanden hat, aber das fragt man sich dann lieber nur am Rande. Denn wer würde die Antwort, besonders auf den zweiten Teil der Frage, schon genau wissen wollen.

Ein Patentrezept für die richtige Mischung von Ab- und Anschalten, Eskapismus und Newsstream habe ich nach wie vor nicht anzubieten. Ich bin auch immer noch keinem Konsummodell begegnet, das mich vollkommen überzeugt hätte.

Vielleicht abgesehen davon, dass ich meinem Wirtschaftslehrer auf dem Gymnasium damals mittlerweile doch zustimme. Der uns stets gepredigt hat, Wissen in möglichst höherer Verdichtung zu lesen bzw. zu konsumieren. Also eher Wochenzeitungen als Tageszeitungen (es war noch vor dem Internet, liebe Kinder), eher zusammenfassende, analysierende Sendungen als etwas wie die Tagesschau. Er wird vermutlich so etwas wie Monitor empfohlen haben, aber das weiß ich nicht mehr genau.

Und immer empfahl er – wobei man sich einen mahnend erhobenen, kreisenden Lehrerzeigefinger vorstellen muss – eher Bücher als dies alles. Bücher! „Lesen Sie, worüber andere lange nachgedacht haben!“ Er war sich seines Rats vollkommen sicher, wir fanden ihn selbstverständlich eher abwegig, lass ihn mal reden.

Anne Rabe, fällt mir dabei in loser Assoziation ein, hat ein Buch über die Moral geschrieben, „Das M-Wort“ (Verlagslink), was man mittlerweile sicher als mutigen Akt bezeichnen muss. Ich habe es nicht gelesen, aber ich sah etwa in der FR ein Interview mit ihr dazu:

Ich selbst mache weiter und habe auch das Buch geschrieben, auch weil mir kein guter Grund einfällt, es nicht zu tun. Wir haben etwas zu verteidigen.“

Noch gruseliger wäre für viele sicherlich ein Buch über das V-Wort, über Verzicht. Der früher in Verbindung mit der Moral recht naheliegend war und in allen Modellen der Weltausdeutung vollkommen üblicherweise vorkam, heute aber eher unter Gottseibeiuns fällt.

Was nach wie vor, es beschäftigt mich öfter, erstaunlich viel erklärt. Wenn nicht sogar fast alles. Und was auch ein Verweis auf Lösungsmöglichkeiten ist, von denen verlässlich niemand etwas wissen will.

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Ich habe mir ansonsten, aber das hat keine inhaltliche Verbindung zum ersten Teil des Textes, vom bewährten Herrn Ziegler eine Stunde lang Marx erklären lassen.


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Urbanes Triptychon

Der frühmorgendliche Blick aus dem Fenster an einem der letzten Tage. Auf ein Arrangement, das etwas mit der mittlerweile zum fragwürdigen Running Gag gewordenen Frage „Welche Gesellschaft soll das abbilden?“ zu tun haben könnte.

Ich skizziere kurz:

Unten auf dem ansonsten noch leeren Spielplatz, und dort recht genau in der Mitte, steht eine Frau mit einem goldfarbenen Kopftuch und einem schwarzen, bodenlangen Kleid. Das Kleid hat eine mehr verhüllende als modische Funktion, und das Kopftuch ist, sofern ich mich da auf meine Deutung verlassen kann, so gebunden, wie man es oft bei etwas älteren Frauen türkischer Abstammung sieht. Das Alter der Frau ist allerdings nur ungefähr einzuschätzen, eine junge Großmutter könnte es vielleicht sein. Es wäre nicht verwunderlich, hätte sie ihre ersten Enkelkinder dabei. Sie wären eine passende Ergänzung des Bildes, aber sie ist allein dort, zwischen den Schaukeln, der Rutsche und der Wippe.

Gemächlich geht sie im Kreis dort herum, es sieht entspannt aus. Sie hält ihre Hände mal vor dem Bauch, mal vor dem Rücken verschränkt. Soweit ich es erkennen kann, sieht sie sich nichts Bestimmtes an und sie macht auch sonst nichts. Sie sieht nicht einmal, was doch sonst alle machen, auf ein Smartphone. Sie wandelt da nur herum.

Zwischendurch setzt sie sich einmal kurz auf eine Bank. Gleich kommen drei, vier, fünf Tauben angeflogen, drängeln sich durcheinander und gucken sie erwartungsvoll an. Aufgeregt ruckende Vogelköpfe. Die Frau hebt, und sie tut auch dies ausgesprochen langsam, einen Zeigefinger und sagt leise etwas zu den Tauben. Ernst sieht das aus. Als würde sie den Vögeln einen sachlichen Vortrag halten. Vielleicht über das Betteln, über das Rempeln und über den Respekt. Und natürlich darüber, dass sie kein Brot dabei hat.

Sie steht wieder auf. Was ihr ein wenig schwerzufallen scheint, eine Hand fasst ins Kreuz. Vielleicht wegen des Alters, vielleicht auch wegen ihres beträchtlichen Umfangs. Dann wandelt sie weiter in losen Kreisen und Schleifen über den Platz und scheint weiterhin Zeit zu haben.

Es ist noch sehr früh, der Berufsverkehr hat noch nicht begonnen. Die meisten Menschen in den Häusern ringsum werden in diesem Moment erst auf ihren Wecker sehen oder mit den üblichen Handgriffen ihres Frühstücksrituals beginnen, vielleicht auch aus der Dusche kommen. Und ich kann nur raten, was ich da auf dem Spielplatz sehe. Womöglich ist es ein Fall von „einfach so“. Vielleicht konnte sie einfach so nicht mehr schlafen, vielleicht ging sie einfach so auf den Spielplatz und dann einfach so im Kreis. Vielleicht hat sie einfach so Zeit. Und wie sie jedenfalls Zeit hat! Gar nichts an ihr deutet auf Eile hin, auf Stress oder auch nur auf herandrängende Alltagspflichten.

Aber links und rechts neben den Mauern und Zäunen des Spielplatzes in der Mitte des Platzes ist je ein Mensch im Bild, der im Gegenteil nach Geschwindigkeit aussieht.

Einmal eine junge Frau, die in ausgeprägtester Durchschnittlichkeit der Erscheinung einen Rollkoffer hinter sich herzieht und ziemlich sicher aus einem der Hotels hier um die Ecke kommt. Die also, es ist leicht zu raten und hat eine hohe Wahrscheinlichkeit, zum Hauptbahnhof strebt, wo sie einen Zug bekommen muss. Es wird schon etwas knapp, sie geht so, dass sie fast läuft. Was auf den Büroschuhen, die sie trägt, nicht leicht ist und etwas unpassend sperrig und eckig aussieht. Als würde ein Bewegungsablauf, der flüssig zu sein hat, in ihrem Fall etwas ruckeln.

Sie trägt einen dunkelblauen Hosenanzug, sie hat eine auf den Kopf geschobene Sonnenbrille und die blonden Haare in einem wippenden Pferdeschwanz. Mitte zwanzig wird sie sein und sieht so dermaßen und auf den ersten Blick nach Dienstreise aus, wie es überhaupt nur denkbar ist. Fast zweifelsfrei zu oder von einem Meeting, einem Kongress, einer Messe oder dergleichen kommend. Prompt sieht sie beim Gehen auch aufs Smartphone, wie es erwartbar ist, und tippt einhändig Kurzes. Einzelne Wörter höre ich aus ihrer Richtung, es könnten Verwünschungen, Flüche, Beschimpfungen sein, aber es bleibt unverständlich.

Auf der anderen Seite des Platzes ein Mann, der trotz des Sommermorgens eine militärgrüne, winterlich anmutende Mütze trägt. Mit herabhängenden Klappen an den Seiten, die beim Gehen hin- und herschaukeln. Sie wippen wie die Ohren eines trabenden Spaniels. Eine auffällig dürre, klapperige Gestalt ist er, deren Alter man nicht oder nur schlecht einschätzen kann. Über deren Zustand man aber schnell meint, urteilen zu können, wobei ein Wort sich vermutlich jedem Betrachter sofort aufdrängen würde: Alkohol. Und zwar viel davon, und das nicht nur heute. Seine Kleidung wirkt schäbig und schlecht sitzend, etwas vogelscheuchenhaft, lumpig. Die ganze Erscheinung hat etwas Derangiertes, Zerfleddertes.

Der Gang des Mannes ist schaukelig und kurvig, er irrlichtert über eine nur gedachte Gerade. Da, wo er entlanggeht, ist es leicht abschüssig, ein wenig nur. Aber dieses Gefälle beschleunigt ihn, ohne dass er damit noch souverän umgehen könnte. Es sieht aus, als könnte er bei jedem Schritt stürzen, der Oberkörper ist schneller als die Beine. Beide Arme hat er seitlich etwas ausgestreckt, um das Gleichgewicht besser halten zu können. Die Arme kurbeln, als würden sie in der Luft nach Halt und Griffen suchen. Er hält kurz an, als er unsere Szene durchquert, was ihm nicht eben leichtfällt und nach einem komplizierten Manöver aussieht.

Er bückt sich mühsam nach einer Kippe auf dem Pflaster, hebt sie auf und steckt sie ein. Die ganze Zeit brabbelt er dabei etwas vor sich hin, er redet laut mit sich selbst oder mit nur gedachten Gefährten. Es könnte eine slawische Sprache sein, soweit ich es mitbekommen kann. Wahrscheinlich wäre dies, wenn der Mann der Alkoholszene um den Bahnhof herum zugehörig ist, was wir wohl vermuten dürfen. Nur wissen, wissen können wir es wie immer nicht.

Man kann aber auch ahnen, warum der dort gerade entlanggeht. Also nicht, warum er genau dort entlanggeht, aber warum er überhaupt zu dieser Stunde geht. Denn im Hintergrund der Szene fahren auch noch zwei Polizeiwagen langsam herum. Er wird, ich sehe diese Szenen jeden Morgen im Stadtteil auf meinem ersten Spaziergang, in einem Hauseingang, auf einer Kellertreppe oder in einem Säulengang bei der Kirche geschlafen haben, er wurde vermutlich eben erst von der Polizei geweckt.

Wie es hier vor Beginn der Öffnungszeiten der Geschäfte üblich ist und was übrigens in aller Regel höflich passiert. Ein kurzes Anrufen, zwei, drei Sätze hin und her, ein stöhnendes Aufrappeln, manchmal winkt man sich sogar noch einmal zu. Es sind eher keine Fälle von Staatsgewalt.

So sieht es jedenfalls aus, das Bild an diesem Morgen. Das goldene Kopftuch, das auch noch, was einigermaßen übertrieben wirkt, wie ich sofort zugebe, in der Mitte des Platzes kreist. Diese unverkennbar deutlich ausgestrahlte Ruhe der älteren Frau. Dagegen gesetzt der hektisch gezogene Rollkoffer der jungen Frau, der mit einem aggressiven, unangenehm ruhestörenden Geräusch polternd über das Kopfsteinpflaster lärmt. Das Standard-Business-Kostüm, die Sonnenbrille der so ausgesprochen morgenmunter wippende Pferdeschwanz. Und dagegen wiederum die schief sitzende, marode Wintermütze des gebeutelten Mannes, sein schaukelnder Matrosengang. Die aufgesammelte Kippe.

Jetzt fehlt noch das Ereignis, durch das diese drei gut geeignet wirkenden Figuren in Interaktion treten müssten. Damit eine Handlung programmgemäß und nach hinlänglich bewährten Mustern abgespult werden könnte, bekannt aus Mainstream-Komödien etc. Das findet aber nicht statt.

Das müsste ich mir erst ausdenken, um dies alles weiter auszubauen auf, was weiß ich, handelsübliche 300 Seiten oder 90 Minuten. Um also, spinnen wir etwas herum, Aygül, Dobromir und Lea-Michelle in eine Geschichte zu verwickeln, in der aus ihnen ein einprägsames und vor allem erfolgreiches Trio wird. Mit einem Ziel, einem Abenteuer, einer Mission. Aber nein, wie gesagt, dieses Ereignis findet nicht statt. Oder treffender: Diesmal findet es nicht statt.

Denn man müsste wohl nur oft genug aus dem Fenster sehen und alles mitschreiben, dann könnte man irgendwann auch so etwas erwischen. Wie etwa damals bei dem Fall, als jemand am hellen Tag den Opferstock aus der Kirche geraubt hat, ihn unterm Arm davonschleppte und dabei von drei zufällig anwesenden Passanten verfolgt wurde. Denen das doch seltsam vorkam, dass da jemand mit diesem auffälligen Ding aus der Kirche kam. Bis runter an die Alster sind sie dann hinter ihm her und besprachen dabei, was nun zu tun sei … aber das ist eine andere Geschichte.

Es würde jedenfalls, nehme ich an, keine Woche mit Notaten dieser Art vergehen, dann würde jemand in den Kommentaren erneut anmerken: „Das denkt der sich doch aus.“

Aber nun. Es ist, wie es ist. Und je länger ich darüber nachdenke und je genauer ich hinsehe, kommt mir fast jede Figur in dieser Stadt, an die ich im Vorbeigehen kurz im Geiste heranzoome, immer ausgedachter vor. Von wem auch immer ausgedacht. Zumindest aber von der Figur selbst.

Wozu ich mich ausnahmsweise selbst zitieren möchte, mit einem Satz aus dem Text neulich, in dem unser aller Cosplay vorkam: „Ob wir aber überhaupt im Leben etwas anderes machen können, als etwas durch ein Kostüm und Verhalten möglichst originalgetreu darzustellen – ich halte das auf den ersten Blick für diskutabel.

Denn auch auf den zweiten Blick stimmt es noch so.

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Leise La Paloma pfeifen

Zunächst ein Dank für die freundliche Zusendung von weiterer Urlaubslektüre. Sie kam passend zum gerade vermeldeten, urlaubsbegünstigten Herumliegen. Edith Whartons „Zeit der Unschuld“ (Wikipedia-Link, ein erstaunlich langer Text dort) wurde mir geliefert, Deutsch von Andrea Ott, mit einem Nachwort von Paul Ingendaay. Sehr schön! Ich habe den starken Verdacht, dass mir dieser Roman gefallen wird, Frau Wharton dürfte eine sichere Sache sein.

Dann noch ein Hinweis zu den Kommentaren hier. Insbesondere zu denen, die nach einer Antwort zu verlangen scheinen, was ich mir aber eventuell und von Fall zu Fall auch nur einbilde: Aus irgendwelchen technischen Gründen, die sich meinem Verständnis entziehen, erhalte ich, wie mir aber erst spät auffiel, keine Mailbenachrichtigungen bei neuen Kommentaren mehr.

Ich muss also im Blog selbst nachsehen, bin aber tagsüber kaum noch am Computer und verbringe wieder mehr Zeit im Reich des Analogen. Es dauert also manchmal, bis ich es wahrnehme. Pardon, die lange Reaktionszeit war nicht beabsichtigt.

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An den Landungsbrücken liegt währenddessen das argentinische Segelschulschiff, die dreimastige Libertad. Ich gehe also runter zum Hafen und sehe mir das Schiff zumindest von außen an. Ich nicke anerkennend und pfeife dabei leise La Paloma. Als Hamburger hat man immerhin auch gewisse Pflichten.

Das Segelschiff Libertad an den Landungsbrücken

Allerdings kommt mir beim Pfeifen unvermittelt auch „La Paloma Azul“ in der Brubeck-Version in den Sinn und die Melodien verwirren sich seltsam in meinem Hirn, das schadet den Melodien. Ich stelle das Pfeifen also wieder ein und überlasse die Musik lieber den Profis. Es wird auch besser für alle Beteiligten sein.

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Die Kaltmamsell erwähnt hier, und es passt gerade zu meinen gestrigen KI-Anmerkungen, wie sie mittlerweile gekonnt und routiniert bei Google-Suchen den nun stets vorangestellten KI-Absatz überliest. Sie wird damit nicht die Einzige sein.

Als kleine Ergänzung noch eine aktuelle Begebenheit. Die Suchen im Internet zerfallen gerade, wie Sie vermutlich auch bemerken, und zwar sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld. Denn die einen nutzen dieses Tool, die anderen jenes, mal mit KI; mal mehr oder weniger ohne, mal mit US-Konzern-Beteiligung, mal unter strikter Vermeidung – es mischt sich höchst individuell. Ist man in einem Meeting mit fünf Personen, trifft man nun auch auf fünf Suchstrategien. Während es gar nicht lange her ist, dass wir alle noch ziemlich vergleichbar gegoogelt haben und höchstens einige Freaks so etwas wie Metasuchmaschinen und andere Varianten genutzt haben.

Wobei „Strategie“, merke ich gerade, etwas irreführend ist, denn man hat gar nicht immer eine Suchstrategie. Es gibt auch so etwas wie eine Affektsuche. Das ist die, welche Sie nutzen, wenn Sie mal eben auf dem Smartphone unterwegs etwas nachschlagen oder erfragen wollen. Besonders wenn es um Fragen geht, bei denen Sie denken, dass sie eine genauere Recherche, eine ausgefeilte Such-Strategie vielleicht auch gar nicht wert sind. Der Kleinkram des Alltags, die Wissenslücken nebenbei.

Hierzu ein aktuelles Beispiel. Die Herzdame stellt im Garten bei einer Pflanze eine Krankheit fest, einen Schädlingsbefall oder was auch immer. Sie sucht sich dazu kurz Informationen zusammen. Diese beziehen sich auf die Art des Befalls, auf die Anfälligkeit der Pflanze, auf die Meldepflicht (ja, gibt es manchmal auch bei so etwas) und auf die zu ergreifenden Maßnahmen.

Am nächsten Morgen erzählt sie mir davon. Ich sehe, noch während wir reden, auf dem Smartphone auch eben nach, und beides waren solche Affektsuchen wie oben beschrieben. Ich erhalte, was wir noch nie in diesem Ausmaß erlebt haben und was ich deswegen auch festhalten will, bei allen vier Aspekten der Frage gegenteilige, stark abweichende Antworten, quasi aus einer anderen Wirklichkeit.

Was wohl heißt, wenn man es halbwegs zu Ende denkt, dass wir in einer Zeit, in der überall postuliert wird, dass wir immer mehr und besseres Wissen immer leichter, überall und jederzeit zur Verfügung haben, in Wahrheit gerade bezogen auf Fake-Informationen dermaßen baden gehen, dass es vielleicht bald wieder sinnvoll und vor allem zeitsparend sein wird, in die Bücher von damals zu sehen.

Was zweifellos auch eine interessante Entwicklung ist.

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Bei Ligne Claire noch ein Lob des Analogen und einige Links zu James Salter. Der hier neulich erst vorkam und den ich besonders gerne gelesen habe, dessen nächstes Werk auch schon neben mir bereitliegt.

Aber was liegt da nicht alles.

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Man lege sich wieder hin

Beim Deutschlandfunk gibt es eine Lange Nacht (2:40) über Kurt Tucholsky, mit erfreulich viel Originaltext von ihm.

Und hier noch ein Kalenderblatt (5 Min.) über Hans Christian Andersen.

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Den Urlaub als Nichtreisender kann man auch prima damit verbringen, einfach dauernd in den Nachrichten nachzulesen, wo man Gott sei Dank gerade nicht ist. Man achte etwa auf das Wetter, welches hier und da zu heiß, zu kalt oder zu nass und zu stürmisch ist. Dieses Wetter, welches Erdrutsche, Waldbrände und dergleichen auslöst. Man achte auch auf die sonstigen Desaster im Auslandsreport. Auf die Überfüllungsmeldungen aus den touristischen Hotspots, auf die Berichte von den Demos dort und auf die Politkatastrophen aus diversen weiteren Ländern – und lege sich wieder hin.

Ein Schild an einer Bushaltestelle in der Hamburger Innenstadt: Bitte den Motor abstellen

Es stellt sich dabei auch raus, ich vermisse nichts. Nach wie vor habe ich einen eher überdeutlichen Mangel an Fernweh. Und es ist dies ein Mangel, der sich nicht einmal ansatzweise nach einem Problem anfühlt.

Ich habe auch nach wie vor keinen Plan. In diesem Urlaub setze ich nichts um, wickele nichts ab, hole nichts auf und bereite nichts vor. Ich stand am ersten Urlaubsmorgen einfach auf und machte, wozu ich Lust hatte. In erwartbarer Weise war das Lesen und Schreiben, dazu etwas Internet, zwischendurch ein wenig Musik.

Wenn man ein paar Interessen hat, und wer hätte die nicht, ist das leicht ein tagesfüllendes Programm, wenn man sich etwas gehen lässt. Und während ich so lese und schreibe und Dokus gucke und Playlistbestückungen sorgfältig sortiere, überlege ich, wie lange es her sein mag, dass ich für so etwas wirklich und ernsthaft Zeit hatte. Also Zeit haben im Sinne von: stundenlang, gar tagelang Zeit haben. Also Zeit haben im Sinne von: Man findet ein beliebiges, attraktiv wirkendes Kaninchenloch und steigt da dann eben rein, biegt einfach irgendwo ab, jede Verirrung vorsätzlich, billigend und geradezu lustvoll in Kauf nehmend.

Wie es wohl wäre, wenn man dazu öfter käme? Wie man wohl wäre? Und wofür man sich wohl noch alles interessieren würde? Findet man das im Rentenalter heraus? Wenn man dazu dann gesund genug ist und nicht den ganzen Tag mit Preisvergleichen und Geldzählen oder gar mit Enkeln beschäftigt.

Ich weiß es noch nicht, es wird sich erst in ein paar Jahren zeigen.

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Etwas Neues stelle ich beim Medienkonsum im Internet fest, eine Art generalisiertes AI-Misstrauen. Ich finde etwas, so wie diesen Song hier unten, und frage mich, da ich diese Aufnahme noch nicht kenne und sie mir etwas ungewöhnlich vorkommt – ist das eigentlich echt? Und wie stelle ich das fest? Da steht: „A self made clip created entirely from the footage of the original video by means of rearranging it”. Was heißt das jetzt genau?

Und was auch immer es genau heißt, ich stelle nebenbei fest, dass es mich Zeit kostet, dieses Misstrauen zu berücksichtigen, alles erst zu verifizieren, bevor es genossen werden darf. Es tut sich hier, fällt mir beim Schreiben auf, vielleicht gerade ein brandneues Berufsfeld für kulturelle Vorkoster auf?

Es gehört jedenfalls in diese Chronik, dass jetzt der Punkt erreicht ist, an dem ich erst einmal gar nichts mehr glaube. Bedauerlich oder auch nicht, vielleicht hätten wir alle früher dort ankommen müssen. Ich weiß es nicht recht.


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Wo kommen wir da hin

Da ich es jetzt zum dritten oder vierten Mal gesehen habe, ist es wohl eine Art Trend und bekommt daher einen Platz in meiner kleinen Chronik der allgemeinen Bemerknisse. Es geht da um ein leicht zu übersehendes Detail, welches ich neuerdings an gewissen Kneipen wahrnehme. An einer Art von Kneipen, die Sie vermutlich auch kennen. Selbst wenn sie in vollkommen anderen Gegenden wohnen, ländlich vielleicht, südlich oder inselig, es ist einigermaßen egal. Denn ich meine eine bestimmte Form, wie es sie im ganzen Land gibt, in fast jedem Ort ab einer gewissen Mindestgröße. Ich meine diese Kneipen der hart und stetig trinkenden Männer. Bei denen wir uns, nehme ich an, auf ein gemeinsames Bild einigen können.

Also Kneipen ohne jeden Schick. Ohne Glanz und Glamour, ohne etwas Jugendliches oder gar Hippes in der Anmutung. Eher so etwas wie eine deutsche Kneipenessenz. Es gibt eine Theke, es gibt ein paar Stühle davor, vielleicht mit abgewetzten Polstern eher unbestimmter Farbe darauf. Es gibt ein, zwei Automaten an den Wänden, die einen undefinierbaren Braunton in der Tapete haben. Ab und zu geben diese Automaten Geräusche von sich, wie im Traum winselnde Hunde, und zeigen so an, dass sie noch leben. Jahrzehntealte Plakate hängen an den Wänden, und irgendwo klemmen noch einige verschossene Postkarten, hängt auch der graue Plastikkasten einer Spargemeinschaft.

Es gibt Bier, sicher gibt es auch Schnaps. Es wird permanent geraucht, diese Kneipen sind alle erst ab 18. Sehr viel wird dort geraucht. Und alle, die dort sitzen oder stehen, ob sie Kunden sind oder Bedienung, sehen immer, immer, das ist absolut verlässlich, enorm schlecht gelaunt aus. Fast ausschließlich sind es Männer, die dort das Publikum bilden. Manchmal sind es Männer irgendwo zwischen Horst Schlämmer und Tegtmeier, allerdings abzüglich ihrer Pointen und ohne alle Ironie. Manchmal und je nach Gegend und Nähe zum nächsten Büroviertel oder zum Kongresszentrum der Stadt sind auch Männer mit einem etwas höheren Stromberg-Anteil dabei.

Ein Zettel außen an einer Kneipe, "zur Zeit geschlossen"

Verlässlich trinken sie ernst. Jederzeit rauchen sie Kette und mit Sicherheit gucken sie verbissen. Alkohol und Nikotin werden in diesen Kneipen mit einer so stieren Ernsthaftigkeit konsumiert, dass sie an Arbeit erinnert. An geknurrte Dialoge, in denen mehrfach „muss ja“ vorkommt. „Noch eines? „Muss ja.“

“While sleeping strangers unknowingly keep me company in the hotel bar
Looking out a window that isn’t there
Looking at the carpet and the chairs

Well, the only words I’ve said today are „beer“ and „thank you“
Beer
Thank you
Beer
Thank you
Beer.”

(Bill Callahan, The Sing.)

Aber an den Scheiben dieser Kneipen, und das wollte ich Ihnen nur kurz erzählen, an den Scheiben dieser Kneipen pappt jetzt manchmal ein neuer Aufkleber. Da ist ein durchgestrichenes Blatt drauf und der Hinweis, dass der Konsum von Cannabis hier streng verboten sei. Weil, so lautet sicher der Gedanke dahinter – Drogen! Nein, also wirklich. Wo kommen wir da hin. Und da könnte ja jeder kommen.

Ich lese diesen Aufkleber im Vorbeigehen, ich schüttele den Kopf. Und von drinnen sehen mich dabei die Männer am Tresen an. Diese Männer, die da wie immer rauchen und trinken und in die vollen Aschenbecher und halbleeren Gläser starren. Und sie schütteln dann auch ihren Kopf, weil ich nach dem Lesen des Aufklebers den Kopf schüttele. Am Ende, so werden sie vielleicht denken, bin ich einer von denen.

Und wir sind uns einigermaßen fremd in diesem Moment. Diese Männer und ich. Nur im Kopfschütteln sind wir uns einig.

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Geht doch

Am Montagmorgen, ich gehe schon wieder etwas nach, pardon, dann die Rückkehr zum alten Männerbild. Auch mal etwas wagen, dachte ich mir kühn schon beim frühen Blick aus dem Fenster. Auch mal unwägbare Risiken auf sich nehmen, und zwar in betont aufrechter Haltung: Audaces fortuna iuvat. Größere Gefahren in Kauf nehmen, etwas unbedingt erreichen wollen. We could be heroes, wo ein Wille ist, sich selbstherrlich eine Bresche in den Alltag schlagen und all das. Früher begann der Tag mit einer Schusswunde.

Blick auf das Hamburger Spiegelgebäude, auf einem Brückengeländer im Vordergrund klebt ein Sticker mit Text: "Moin, Du Held*in!

Und dann tat ich es einfach. Ich ging also ohne Regenschirm aus dem Haus. Während sich oben schon wieder Dunkelgraues und Schwarzes zusammenzog, auftürmte und herumdrohte. Aber nicht mit mir, dachte ich, nicht mehr mit mir, das muss ein Ende haben. Und man muss beim Gehen auch gar nicht dauernd nach oben sehen.

Ich verweilte dann allerdings etwas länger im Discounter. Ich stand jeweils minutenlang sinnend vor den Regalen und tat vor mir selbst überzeugend so, als würde ich heute einfach etwas länger für die Auswahl von Obst und Joghurt brauchen. Method acting nichts dagegen. Mein Name ist Buddenbohm, ich kaufe hier ein. Und wie gründlich ich einkaufen kann, es war staunenswert.

Als würde ich einfach besser aufpassen als sonst. Viel sorgfältiger und bedachter wählte ich alles aus, ganz so, als würde ich nicht etwa nur den prasselnden Regen auf dem Flachdach des Marktes ein Viertelstündchen abwarten wollen. Man muss es sich alles nur zurechtdenken, ich sage es ja immer. Es ist doch ein Satz, der sich dermaßen vielfältig bewährt.

Dann siegestrunken und vor allem vollkommen trocken nach Hause. Quasi siegreicher Feldzug.

Geht doch.

Auf einem rotweißen Absperrgitter aus Plastik steht in Handschrift: "Adventure"

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Eine Empfehlung für den Freundeskreis Popmusikgeschichte, die ich vermutlich noch nicht verbloggt hatte, ist der Podcast „Alles Interpretationssache“. In dem es jeweils um einen Song geht, dessen Entstehungsgeschichte kurz und kundig vorgestellt wird, gefolgt von mehreren sorgfältig ausgewählten Cover-Versionen.

Die Folgen sind jeweils etwa eine halbe Stunde lang, sie sind also wieder bestens fürs Hören beim Kochen geeignet. Und die Stücke sind genreübergreifend, für jeden etwas dabei. Vielleicht auch ab und zu eine Horizonterweiterung; ich höre mir aus diesem Grund auch die Folgen mit Beispielen aus der klassischen Musik an.

Komfortzone verlassen, ne, passend zum ersten Teil des Textes. Es geht hier bemerkenswert wild zu in diesem Urlaub, am Ende zeichnet sich da ein Trend ab.

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Auf arte gibt es gerade „Der Himmel über Berlin“, das ist dann für den besinnlicheren Teil des Tages. Also wenn es einen solchen Teil gibt. Alle paar Jahre sehe ich es mir doch gerne wieder an, auch wenn ich einige Stellen schon mitsingen kann.

Und freue mich dabei, dass ich zumindest einen der Hauptdarsteller noch auf der Bühne erlebt habe, nämlich den Herrn Otto Sander.

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But now they only block the sun

Das Wetter schadet der allgemeinen Stimmung etwas, wie auch in den Blogs aus diversen Gegenden kaum zu überlesen ist. Vielleicht hilft es etwas, sich Gedanken über Wolken vorsingen zu lassen. Gedanken, die man sicher schon kennt und oft gehört hat. Vielleicht aber nicht von Leonard Nimoy, den Menschen meines Alters hauptsächlich aus der einen Rolle kennen.

Und wenn man sich vorstellt, dass er in dem Kostüm aus eben dieser Rolle nach getaner Arbeit seine Gitarre nimmt und dass er dabei vor einem Monitor mit flackerndem Kaminfeuer singt … also, es ist doch zu und zu schön. So etwas braucht man in solchen Phasen vielleicht.

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Wenn das noch nicht stimmungsaufhellend wirkt, greife ich auf Bewährtes zurück, also zumindest auf bei mir Bewährtes. Und freue mich zum xten Male über das beglückte Lachen bei 1:37 von Wilhelmine in dieser Aufnahme. Aber dann dieses Mitklatschen … meine Güte.

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Oder, ebenfalls verlässlich und bewährt, ein Tanzvideo? Eines, welches damals alle gesehen haben, aber danach vielleicht nie wieder? Man kann es aber ruhig noch einmal ansehen, finde ich.

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Leere, nasse Außengastro in der Hamburger Spitalerstraße

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So viel zum Service, weiter im Text.

„Politische Kultur setzt ein, wenn ein Staat Menschen nicht schänden muss, um zu funktionieren.“

Das ist ein gerade gehörtes Zitat von Max Frisch. Bei dem man sich vielleicht dringend aufgefordert fühlt, es in die Gegenwart zu übertragen. In dieses oder jenes Land könnte man es doch gut übertragen, auch auf diese oder jene Partei oder Organisation.

Wobei man sich anschließend vermutlich gut vor der Frage hüten muss, wo es denn überhaupt noch politische Kultur in diesem Sinne geben mag.

Gehört habe ich dieses Zitat bei Deutschlandfunk Retro in der ARD-Audiothek. Es war ein Gespräch von Max Frisch mit Dieter Hasselblatt im Jahr 1964. Diese ganze Retro-Reihe ist interessant, allein schon wegen der zu und zu faszinierenden Veränderungen in der gesprochenen Sprache. Man kann gar nicht genug darüber staunen, wie es sich bis heute entwickelt hat.

Und übrigens kann man auch staunen, ohne diese Veränderungen und Umwälzungen in der Sprache fortwährend zu werten. Let it be, man muss nicht jede boomerhafte Regung auch austoben. Contenance.

Man möchte bezogen auf Sprachregelungen vielleicht auch Kulturstaatsministerinnen gerade gewisse Ratschläge geben. Aber der Blutdruck, die Stimmung, der Urlaub. Da sind sie wieder, meine drei Probleme.

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Mit besonderem Vergnügen habe ich außerdem wieder etwas über Philosophie gesehen, ich habe ja nun etwas Zeit. Nämlich den folgenden Vortrag von Walther Ziegler über Schopenhauer. Also wiederum ein Vortrag über einen Denker, mit dem ich mich inhaltlich hier und da in aller Deutlichkeit solidarisieren möchte.

Ich lächele allerdings bemüht milde bei der Erinnerung an mich mit etwa sechzehn oder achtzehn Jahren, als ich mit heißem Bemühen die ersten Werke von Schopenhauer gelesen habe. Als ich kein Wort oder zumindest keinen einzigen erhellenden Gedanken verstanden habe, als ich mich aber dennoch qua anspruchsvoller Lektüre und also gediegener klassischer Bildung ungemein kultiviert und weltenthoben gefühlt habe.

Ja, die Phasen. Man macht was mit, nicht wahr.

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Notizen im verstetigten Regen

An den Landungsbrücken weht der auffrischende Wind den trotzig bis missmutig durch den unaufhörlichen Regen und am dunkelalgengrün bis braunschlammfarbenen Fluss entlang promenierenden Touristen die Regenschirme aus den Händen. Er stülpt sie um, hebt sie hoch, drückt sie zum Boden, verwirbelt sie und lässt sie lustig über die Wege kreiseln. Familienväter tappen ungelenk und fluchend hinter ihnen her.

Im Hintergrund sieht man ein Kriegsschiff, novembergrau wie der unerbittliche Hamburger Himmel ragt es auf der Elbe auf.

Man trägt allgemein mattfarbene Outdoorjacken. Zusammengeschnürte Kapuzen, hochgezogene Schultern, lästige Tropfen auf den Brillengläsern. Man macht den kleineren Kindern dennoch vor, unentwegt gute Laune zu haben. Ferienlaune, Urlaubslaune. Just whistle while you travel. Man isst auch trotz allem Eis und Fischbrötchen und Pommes, weil das hier nun einmal so gehört.

Wenn der Regen kurz aufhört und vermutlich neuen Anlauf nimmt, macht man selbstverständlich sofort Selfies und sieht auf einmal viel fröhlicher aus. Mit wie eingeschaltet wirkendem Strahlegrinsen, mit albernen Gesten und mit den als bewährt geltenden Posen.

„Ha-fen-rund-fahrt! Mit der Barkasse! Jetzt Abfahrt! Jetzt noch zusteigen!“

„Ist das denn überdacht?“

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Ich habe immerhin etwas Regensommerurlaub. Wobei die meteorologischen Profis bereits eine Wende herbeireden, es also in wenigen Tagen wieder wärmer, trockener oder gar heiß werden wird. „Sonne in Spendierlaune“ verheißt die Ankündigung in traditionellem Schmunzeldeutsch.

Was für mich dann lediglich ein Austausch der Probleme sein wird, aber egal.

Wie fast immer jedenfalls denke ich zu Beginn einer hoffentlich von Freizeitüberschuss und Besinnung geprägten Episode mit etwas nostalgischer Wehmut an jene Zeiten im Büro zurück, als gewisse Kolleginnen und ich den Tippfehler „Uralub“ noch unfassbar häufig und routinemäßig gemacht haben. So häufig sogar, dass es eine Weile lang normaler Sprachgebrauch in der Firma war, diese angeblich wertvollste Zeit des Jahres so zu benennen. Und für eine kurze, mir in der Erinnerung besonders schön vorkommende Phase war auch das Dokument, mit dem man damals die freien Tage noch auf einem papiernen Formular beantragt hat, passend und exakt so betitelt. Das war eben der Uralubsantrag. So stand es da.

Diese Zeiten waren nicht generell lustiger, gewiss waren sie das nicht. Aber zumindest bei einigen Aspekten waren sie es eben doch.

Wie auch immer. Damals war die Firma noch kein Teil eines großen, globalen Konzerns. Auf den Fluren hörte man hier und dort noch das Hämmern auf Kugelkopfschreibmaschinen, und ein erstaunlich großer Teil der Arbeit bestand noch aus Heften, Lochen, Ablegen und Blättern. Wir arbeiteten uns in jener Zeit durch wahre Papierberge, in den Büros vor unserer Zeit.

Die Umstände, Verhaltensweisen und Sitten entwickelten sich dann später, viel später erst, in deutlich andere Sphären der Arbeits- und dann sogar Businesskultur.

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Ich kann das Bild des Tages nicht weiter erklären, abgesehen davon, dass mir die Klangfolge der Wörter Dixi und Kinky im Vorbeigehen besonders sympathisch war.

Ein Dixie-Klo neben einem Stromkasten, auf dem ein pinkfarbenes Plakat klebt, auf dem Kinky Kinky Kinky steht

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