Beifang vom 13.04.2017

Peter Bichsel über das Alter, über sich und die Weisheit.  “Ich halte mich für schwer überschätzt. Wirklich. Ein guter Teil meiner Prominenz ist Cervelat-Prominenz wie jede andere auch.”

“Italienischer Schauspieler tritt vor leerem Theater auf” – eigentlich auch ein schöner Stoff für eine Erzählung. Ich habe  ja gerade keine Zeit für die Schreiberei, aber mir fällt sofort ein Schauspieler als Hauptfigur ein, den ich für den Stoff nehmen würde. Na gut, ich habe etwa eine  Stunde, ich hämmere jetzt also fix den Rohbau der Geschichte zusammen, ohne jede Absicht, sie tatsächlich jemals zu schreiben. So viel Spaß muss sein, so eine nette Vorlage sieht man ja nicht jeden Tag und das ist auch so ein Langzeitvorhaben, das ich seit Ewigkeiten umsetzen möchte: Wenigstens einmal aus einer  Zeitungsmeldung eine Geschichte machen. Und wenn man ein Blog hat, kann man so einen Plan doch auch mit unfertigen, bestenfalls halbgaren Skizzen umsetzen. Sportliches Schreiben also, noch 55 Minuten. Ich hatte mich gerade schon im ersten Absatz verzettelt, das kostet Zeit, jetzt aber los, geradeaus durch.

Ich finde es einfacher, beim Schreiben von der Wirklichkeit auszugehen und dann irgendwo zwanglos abzudriften, die reine Fiktion liegt mir nicht. Ich habe gerne Bezugspunkte, die dürfen dann langsam verblassen und interessieren irgendwann überhaupt nicht mehr, aber als Starthilfe nehme ich gerne etwas aus der Nähe. Und diese spezielle Geschichte hier muss natürlich nicht in Italien spielen, mit Italien kenne ich mich nicht genug aus, das wäre mir zu schwierig. Bei mir ist so etwas dann in Deutschland, ich mag es simpel, sagen wir also gleich Norddeutschland. Zumal Italien für den Inhalt der Geschichte keine Rolle spielt, die könnte auch auf Grönland oder in Florida spielen.

Der Schauspieler, der mir passend erscheint, wohnt hier zumindest zeitweise irgendwo um die Ecke. Ich kenne ihn nicht näher, ich habe ihn auch nie auf der Bühne gesehen, ich brauche nur leihweise seine Erscheinung. Sein Name ist vollkommen egal, er fällt mir ohnehin gerade nicht ein. Er ist Theaterschauspieler, im Film ist er selten oder sogar nie, ich weiß auch das nicht genau. Ein gestandener Schauspieler jedenfalls, viele große Hauptrollen, alles gehabt, vermutlich ist er auf den großen Bühnen sehr gefragt. Er läuft hier oft durch die Straßen oder an der Alster entlang und lernt Rollen, wobei er immer wieder kurz stehen bleibt, in ein Notizbuch oder ein Textheft sieht und dann wieder tonlos murmelnd weitergeht. Er murmelt ohne jede Mimik, das stellt man sich als Laie vielleicht zunächst anders vor. Aber die Augenbrauen, die Mundwinkel, die machen nicht mit, oder doch nur insofern, als sie beim Sprechen eben unweigerlich etwas mitbewegt werden. Er gestikuliert auch nicht herum, er tänzelt nicht, er geht weder besonders schnell noch besonders langsam, er geht einfach und lernt. Sein Haar ist grau, aber er ist kein Greis, nicht jung, nicht alt, ein Mann in den ganz dezent überschrittenen besten Jahren vielleicht. Einige würden das dann doch als alt bezeichnen, schon klar. Er hat eine auffallend gerade Haltung und ist manchmal auch etwas edler gewandet, Anzug mit Einstecktuch und dergleichen, ein würdevolles Erscheinungsbild. Er hat einen etwas stabileren Körperbau, ohne dabei auch nur ansatzweise ins Dickliche zu gehen. Er ist eher der Typ arrivierter Hofschauspieler, den man in einem Text von Schnitzler erwarten würde, er ist kein wilder Mann aus dem Regietheater, der irgendwo von der Bühne strullt. Aber das sind Äußerlichkeiten, wer weiß. Na, wir sind in einer Geschichte, also wissen alle. Das Klischee wird durchgezogen oder volle Lotte gebrochen, die Chancen stehen exakt 50:50.

Dieser Schauspieler jedenfalls hat ein Engagement in einer norddeutschen Kleinstadt, in einer kleineren Kleinstadt genau genommen. Sie hat keinen bekannten Namen, keine schöne Altstadt, gar nichts. Es gibt sie einfach nur, man hat schon einmal von ihr gehört, man ist da mal vorbeigefahren. In einer so kleinen Stadt also, dass sie etwas unter seiner Würde ist, aber es gibt wohl Gründe, dort aufzutreten. Obwohl es nicht einmal ein richtiges Theater gibt, nur so einen Mehrzweckkulturbau in norddeutsch üblicher Kreissparkassenhässlichkeit, in dem es auch einen Bühnensaal gibt, ab und zu reisen Ensembles durch, meistens mit Komödien. Warum tritt er da auf? Alte Beziehungen, alte Schulden, die Tilgung eines Gefallens, irgendetwas hat ihn angetrieben, trotz allem dort aufzutreten, so etwas in der Art. Verbindungen zum Landrat, eine private Bitte des Hamburger Kultursenators? Das muss nicht einmal ganz klar werden, Andeutungen reichen.

Ein Monologstück in einem Kaff also, das steht schon an sich unter keinem guten Stern, dann braucht es nur noch eine Erklärung, warum auch sonst keiner kommt, nicht einmal die zahlenden Mitglieder des Kulturvereins oder der Pastor oder die Bürgermeisterin mit Anhang. Da leihe ich mir einen Vorfall aus, den mir ein Romanschriftsteller gerade erzählt hat. Der hat in einer norddeutschen Kleinstadt der schmucklosen Art aus seinem Buch gelesen, allerdings hat die Lokalzeitung den Termin falsch gedruckt, eine Wocher später oder so, und das war es dann. Da kommen natürlich nur noch die paar Spezialexperten, die solche Termine von den zwei Plakaten im Ort in ihren Taschenkalender abschreiben, und viele sind das nicht.

Der Schauspieler fährt also in diese ganz kleine Stadt, er hat da zugesagt, er hat den Text gelernt, er fragt sich nicht einmal, ob er Lust dazu hat, dort zu spielen. Er spielt, wenn er spielen muss, Ehrensache. Und bei einem Solostück stellen sich eh keine Fragen, das macht man eben. Wenn weiter oben genug betont wurde, wie der Herr sich anzieht, dann klingt es umso logischer, dass er eine besondere Affinität zum Pflichtgefühl hat, immer schon gehabt hat. Es ist, wer weiß, sogar so, dass seine Kunst überhaupt nur aus Pflicht entsteht. Hier dann einen Dialog mit dem Typen einbauen, dem er etwas schuldet, was auch immer, es wird am Ende um eine Liebesgeschichte gehen, das ist ja immer gut, naheliegend und sinnig – und dunkel dräut auch dabei eine Verbindung zum Pflichtgefühl.

Dann die Nachricht, dass niemand kommt, nur die junge Regieassistentin, und die kennt das Stück schon bis zum Brechreiz. In dem ganzen hässlichen  Kulturzweckbau ist kein Mensch, leere Gänge, leere Konferenzräume, die Bedienung in der Caféteria macht auch gerade Feierabend, was soll’s, keine Gäste, keine Bedienung. Wollen sie nicht vielleicht das Stück sehen, die jungen Leute? Umsonst? Nein, das wollen sie nicht, sie wirken sogar etwas entgeistert ob der Frage. Warum sollte man das denn sehen wollen?

Und dann macht er es dennoch, der Herr Schauspieler, jetzt Pflichtgefühl durch und durch. Ein wenig auch vom Gedanken beflügelt, seine Kunst nur für sich zu haben, ohne Empfänger zu senden, nur Instrument zu sein, ohne jede Wirkung. Denn die Regieassistentin, sie zählt nicht. Da steigert er sich natürlich rein, in diese Vorstellung, ganz allein im Raum zu sein und ihn dennoch stundenlang mit Kunst zu füllen. Je mehr er darüber nachdenkt, desto entschlossener ist er, die beste Vorführung zu absolvieren, die er jemals irgendwo hingelegt hat. Es gibt in jeder Karriere einen Höhepunkt der Leistungsfähigkeit, und seiner ist, das fühlt er jetzt,  genau an diesem Tag, in diesem Kaff, vor komplett leerem Haus. Und hinterher dann in die Zeitung mit der Story, er ist nicht dumm, daran denkt er natürlich auch, so eine Meldung gibt noch einmal richtig Schub

Nur zwischendurch und nur kurz überlegt er, ob es nicht im Gegenteil der Tiefpunkt seiner Karriere ist, was da gerade passiert. Ob er überhaupt tiefer sinken kann, leeres Haus, hallo? Wie deutlich ist das? Und gab es in letzter Zeit nicht immer weniger Nachfragen, lassen die Rufe nach ihm nicht nach, ist der Applaus nicht endenwollend? (Diese Formulierung dann nicht so verwenden, ist geklaut, mit Gruß an Ephraim Kishon, vielen Dank).

Aber das sind abwegige Gedanken, denen er sich vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt in melancholischer Lust und in passenderer Umgebung  gerne hingeben könnte. Etwas Selbstzerfleischung kann schon schön sein! Wie in dem einen Stück da, vor ein paar Jahren im St. Pauli Theater, da hat er das so überzeugend dargestellt, die Zuschauer werden sich hinterher aus Solidarität scharenweise betrunken haben. Aber der Typ ist er eher nicht und heute passt es außerdem nicht, seine Zeit wird langsam knapp. Er murmelt tonlos den Text aus dem Stück und lächelt dabei sogar etwas mehr als sonst, während er am Nachmittag durch die gänzlich uninteressanten Straßen der sehr kleinen Kleinstadt geht, in der ihn niemand erkennt und in der es nichts zu sehen gibt, nur die Schaufenster der Drogeriemärkte und von Ernsting’s Family, aber er hat keine Family.

Er bereitet sich hinter der Bühne wie immer auf seinen Auftritt vor, all die kleinen Rituale in der Garderobe und vor dem Spiegel, er spricht mit abwesenden Kolleginnen und Kollegen, er ist irgendwann wie in Trance. Es ist ein spezieller Abend und er kann es nicht erwarten, dass der Vorhang sich hebt, von der Regieassistentin eigenhändig hochgekurbelt, die hat sich ihren Job auch anders vorgestellt und verflucht diesen selten dämlichen Tag mit jeder Minute mehr. Der Schauspieler empfindet fast wieder so etwas wie Lampenfieber, das kam bei ihm jahrelang nicht vor. Der eine Scheinwerfer geht an, er steht im Licht und sieht in die Leere, für die er jetzt mit einer Leidenschaft spielen wird, die er lange nicht mehr so deutlich gefühlt hat.

Und dann, das ist dann schon die vorletzte oder letzte Seite, sieht der Schauspieler, dass er nicht vor leerem Haus spielt, da ist doch jemand. Die Kassiererin, mit der er am Nachmittag kurz und nur nebenbei gesprochen hat, als sie zu Tode gelangweilt an ihrem Tischchen unten im Saal hinter ihren unverkauften Ticketschnipseln saß, sie sitzt jetzt in der Mitte der ersten Reihe und guckt erwartungsvoll. Eine dieser ehrenamtlich arbeitenden Frauen, die etwas für die Kultur in der Provinz tun. Er guckt unangemessen lange in den Raum und auf die Kassiererin, er sieht die unerwartete Frau an, die diesen Blick natürlich für einen Teil seiner Rolle hält, weil die Menschen im Publikum immer erst einmal alles glauben, ganz egal, was man macht. Der Schauspieler  guckt irgendwie, es wird schon zum Stück gehören.

Nur für sich zu spielen, das wird an diesem Abend also nichts mehr, das wird genau genommen nie mehr etwas, das wird es nicht geben, die reine Kunst findet nicht statt. Er braucht viel zu lange, bis ihm der Anfang des Textes einfällt, er braucht auch lange, um beim Deklamieren nicht mehr der Gelegenheit nachzutrauern, fast schafft er es nicht, sich zusammenzureißen, so trifft ihn dieser überraschende Gast in der ersten Reihe. Er improvisiert auf einmal, wo es gar nicht hingehört, die Regieassistentin staunt. Er ist gut, natürlich ist gut, wenn nicht sehr gut. Er wird sogar immer besser und die Regieassistentin wird nach einer Weile doch noch einmal zur gebannten Zuschauerin. Gemeinsam mit der Kassiererin erklatscht sie am Ende mehrere Verbeugungen vor dem Vorhang, der übrigens nur halb zugefallen ist, da klemmt etwas, seit Jahren schon, das kriegt der Hausmeister einfach nicht geregelt.

Der Mann der Kassiererin fragt sie am späten Abend, wie es war. Sie gibt eine kurze Antwort, während sie auf der Bettkante ihre Schuhe auszieht, es ist nur ein hingeworfener Satz. Ein Satz, der die Leistung des Schauspielers nicht würdigt, der klingt eher nach der Note “befriedigend”. Ein Satz aber auch, der an die Liebesgeschichte von damals anknüpft, mit nur halber Auflösung der Sachverhalte, weil er sie ganz offensichtlich nicht einmal erkannt hat.

Na, so in etwa. Doch, da könnte man eine Geschichte draus machen: “Vor leerem Haus”.

Mehr Zeit ist aber nicht, die Kinder müssen ins Bett, es ist gleich acht Uhr.  

Und dahinter passt natürlich wegen der einen Textzeile nur ein Musikstück. Das gab es hier zwar schon, aber egal. Immer wieder schön.

Wider den Zeitgeist: Clowns

Es ist so oft die Rede davon, dass man gegen den Hass angehen muss, gegen den allgegenwärtigen Schwachsinn und den Irrsinn, ich hatte dazu in der letzten Zeit auch einige Texte hier verlinkt, etwa zum Umgang mit Trollen. Aber Verlinken reicht nicht, man muss auch etwas tun, weswegen ich jetzt eines der brandaktuellen Themen dem Zeitgeist entreiße und in diesem kleinen und kulturverklärenden Blog auf ein harmloses, wenn auch sehr trauriges Lied zurückführe, in dem die Figuren aus dem Titel ausdrücklich überhaupt nicht vorkommen, zumindest nicht als reale Erscheinung. Nix mit Horror, nix mit Grusel, es sei denn, man hält Liebeskummer für ein Thema in diesen Kategorien, aber das führt jetzt zu weit.

“Send in the clowns” von Stephen Sondheim ist ein Klassiker im Repertoire aller großen und ganz großen Sängerinnen und Sänger, ein zunächst vielleicht nicht übermäßig kompliziert wirkendes Stück, aber wohl nicht eben einfach zu singen. Und beim ersten Hören vielleicht auch gar nicht recht zu verstehen – worum geht es da? Es geht um etwas Tragisches, das hört man gleich, um eine schmerzhafte Erfahrung, aber was genau? Es geht um falsches Timing in der Liebe. Eines verliebt sich, das andere will nicht recht, dann doch – da ist der Zug schon abgefahren, “nun steh ich da, vor leerem Haus” – mehr dazu hier.  Im Theater hat man früher Clowns auf die Bühne geschickt, wenn etwas schief ging, um die Panne zu überspielen: send in the clowns. Wobei das eventuell historisch gar nicht stimmt, aber so ist das Bild jedenfalls gemeint, das hat Sondheim immer so erklärt. Das muss man vorab wissen, sonst versteht man den Song nicht.

Auch Frank Sinatra erzählte übrigens bei einem seiner Auftritte, dass ihn wieder und wieder Menschen gefragt haben, was das mit den Clowns denn bloß bedeuten soll, es erschließt sich also auch englischsprachigen Hörern nicht sofort.

Beginnen wir zum besseren Verständnis aber gleich mit der deutsche Version von Tim Fischer, wobei das eigentlich die Version von Zarah Leander ist, geradezu gruselig genau wiedergegeben, da sitzt wirklich jeder Konsonant.

Und danach dann Frankie und Tony Mottola, ebenfalls eine großartige, aber auch hinreißend entspannt wirkende Aufnahme von zwei Altmeistern.

Dann kann man nach seltsameren Sachen suchen, wer hat das denn noch aufgenommen? Da gibt es auch Überraschungen.

Hier noch mit etwas Kontext und Kostüm aus dem Stück, das ist die Version von Liz Taylor:

Man merkt vielleicht schon, das Stück wird nicht zwingend besser, wenn es “schön” gesungen wird, im Gegenteil. Aber noch einmal zum Vergleich:

Es gibt herrliche Clips, in denen Sondheim selbst das Lied unterrichtet, sein Lächeln ist ganz wunderbar und es ist sehr interessant, was er anmerkt:

Aber die Killerversion ist und bleibt doch die von Judi Dench. Herzzerreißend, todtraurig, hoffnungslos. Das ist großes Schauspiel, man sehe sich einmal die Mimik über das ganze Stück hinweg genau an. Umwerfend.

Und so hat man Clowns dann doch wieder ganz gerne – als Andeutung, als etwas unklares Symbol, als bloße Metapher für Pannenhilfe und Seelentrost, als Verkörperung des schöneren Scheiterns. Dazu muss man die Clowns nicht einmal sehen, man muss es nicht einmal für möglich halten, dass sie tatsächlich auftauchen – und da ist auch gut so.