Der Sonntag mit Sport und Absturz

Am Sonntagmorgen sah ich vor den Fenstern rennende Menschen, und wie viele davon. War es ein sportliches Großereignis, war es eine Massenpanik? Sollte ich vielleicht einmal kurz in die Nachrichten sehen? Unsicherheiten am Morgen. Wenn man sich zu ungefährdet fühlt, wenn man zu selbstverständlich von gewöhnlichen Ereignissen ausgeht, das weiß man, gerade dann geht es schief, ist es etwas anderes, naht eben doch die Katastrophe.

Aber gut, da standen Menschen neben den Laufenden und Rennenden, neben den vor was auch immer Flüchtenden. Und sie hielten Pappschildchen hoch, betätigten hin und wieder Tröten und riefen der schnellen Truppe ab und zu etwas entgegen. Es war ein Marathon. Okay.

Später am Tag sah ich überall im Stadtbild die Humpelnden, die Gebeugten, die Gebresthaften und Versehrten, die Parade der Großereignis-Heldinnen. Schmerzverzerrte Gesichter, gekrümmte Haltungen, längst aufgegebene Frisuren und rotfleckige Gesichtshaut, als würden wir mit Mustern geboren werden. Einige wankten, eingehüllt in diese glänzenden Notfallfolien, in diese goldenen Rettungsdecken, zombiegleich und fernab der Laufstrecke durch die Parkanlagen. Sie wirkten seltsam orientierungslos dabei und erinnerten dann doch ein wenig an apokalyptische Szenen. Andere saßen auf den Bänken oder auf dem Rasen, guckten absichtslos in die Gegend und sahen aus, als hätten sie etwas von dem richtig guten Zeug genommen. Und zwar verdammt viel davon.

Die Hinfälligkeit der Figuren überwog aber im Eindruck. Postmarathonale Erscheinungen sind insgesamt nicht die beste Werbung für den Outdoor-Sport, könnte man meinen.

Aber! Kaum schreibe ich einen Text über die elende Frühjahrskälte, schon lassen wir sie hinter uns. Das Thermometer nahm es an diesem Tag ebenfalls sportlich und die Temperaturen mühten sich aufwärts. Wie die Radrennfahrenden bei den Bergetappen der Tour de France gingen sie es an, ich kann mich gegen Sportmetaphern gerade nicht ausreichend wehren. Es kam im weiteren Verlauf sogar zu Werten deutlich oberhalb aller angesagten Wahrscheinlichkeiten.

Es war also ein betont leistungsbezogener Sonntag in dieser Stadt. Entschlossen füllte die Bevölkerung sämtliche Parks und die Uferstreifen an Alster, Elbe und Bille. Man picknickte etwa in Planten un Blomen, gerade zum schönsten Park Deutschlands gewählt, man spielte auch mit Bällchen und Frisbees auf erstaunlich gründlich besonnten Rasenflächen. Man herzte und küsste sich, man lachte über freilaufende, tobende Kinder, welche aufgrund erster sommerlicher Wallungen die Zoomies hatten wie junge Hunde (den Fachausdruck FRAP, Frenetic Random Activity Periods, siehe Wikipedia, kannte ich nicht, aber man kann ihn sehr schön etwa auf das Management gewisser Firmen übertragen).

Liegende auf dem Rasen in Planten un Blomen

Der Rasen vor den Gerichten in Planten un Blomen

Parkgewässer in Planten un Blomen

Eine Brücke für Fußgänger über ein Teilstück von Planten un Blomen

Der See, an dem die Lichtorgel im Sommer gespielt wird, in Planten un Blomen

Teehaus in Planten un Blomen

„Geht doch“, dachte ich zufrieden, während ich mir diese Generalprobe der Massenszenen für den Mai ansah, „da musste ich zwar wieder erst einen strengen, zurechtweisenden Text schreiben, aber es geht doch!“

Und dann ging zumindest ich plötzlich nicht mehr. Sondern stolperte vielmehr über ein Absperrungsdings am Rand des Marathongeschehens und zerlegte mir dabei einen Knöchel und auch das Smartphone. Hochmut/Fall, dies, das, man kennt es. Vor mittlerweile etlichen Jahren ist Isa einmal gestürzt, weil sie beim Gehen auf ihr Handy sah, und seit dieser Zeit denke ich dauernd, dass mir das auch einmal passieren könnte. Und dann denkt man das etwa fünf, sechs Jahre lang, schon ist es eine selbsterfüllende Prophezeiung. That was easy!

Andererseits schaffe ich es also, mich bei einer Sportveranstaltung zu verletzen, ohne auch nur daran teilzunehmen, und das muss man auch erst einmal hinbekommen. Immer auch das Positive und die Leistungen vermerken, es ist so wichtig.

Den Rest des Tages habe ich dann mit hochgelegtem Bein, schmerzmittelschluckend und kühlend verbracht, ab und zu Wehlaute von mir gebend und missmutig ahnend, dass ein Arztbesuch am Montag notwendig sein könnte.

Dann im Bett Thomas Bernhard gelesen, weil apropos Missmut, und das fand ich dann so geschickt und gelungen, da war ich so zufrieden mit mir und der Wahl des Buches („Wittgensteins Neffe“), dass es die Laune doch wieder hob.

Ob das aber im Sinne dieses Autors war – wohl eher nicht.

„Wie begegnen Sie Menschen, die Ihnen unsympathisch sind?“

„Möglichst gar nicht.“

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Drei Anmerkungen zu Olympia in Hamburg. Mit Musik.

Erstens

Bei der Diskussion um die mögliche Olympiabewerbung von Hamburg fiel auch das Wort „Übertourismus“. Vielleicht fiel es in der öffentlichen und medialen Diskussion sogar zum ersten Mal ganz ernsthaft im Zusammenhang mit dieser Stadt. Es ist sonst eher für Städte wie Venedig oder Heidelberg vorgemerkt, vielleicht auch noch für Athen (ich sah es in diesem Zusammenhang gerade im Guardian), für Inseln wie Sylt und dergleichen. Aber für Hamburg selbst?

Als Bewohnerin von Hamburg-Mitte oder als mitschreibende Bloggerin aus dieser Gegend ist man allerdings seit Jahren deutlich weiter als die öffentliche Diskussion. Denn man hat sich längst oft genug zu Hochsaisonzeiten an den typischen Postkartenperspektivpunkten des Bezirks durch die unüberschaubaren, im Weg stehenden Massen gekämpft, weil man da aus vollkommen alltäglichen Gründen nun einmal vorbei- bzw. durchgehen musste.

Das übliche „I’m not a tourist – I live here.“ Ein Satz, der mittlerweile auf der ganzen Welt bekannt und an immer mehr Orten angebracht sein dürfte. Historisch ist dieses von tausend T-Shirts und Caps bekannte Statement übrigens mit dem Vietnamkrieg verbunden, ich habe es gerade einmal nachgelesen. Es stand scherzhaft auf den Helmen derjenigen, die dort schon länger gedient hatten.

Wenn man jedenfalls einen dieser Momente erwischt, und schwer zu finden sind sie nicht gerade, in denen es in der Mitte dieser Millionenstadt schon rappelvoll ist, Menschentrauben überall, alle Wege wieder blockiert, alle Bummelnden aufgestaut und sämtliche Außengastroplätze deutlich überlagert, der Hauptbahnhof so dramatisch überfüllt, wie man es vor jeder Massenpanik aus den Nachrichten zu kennen meint, dann weiß man vielleicht spontan nicht recht, wie zu diesen Mengen und Massen noch Olympiatourismus addiert werden kann. Und man denkt sich dann kurz und schlicht, wie man als Laie eben dauernd denkt: „Aber das passt doch gar nicht?!“

Ich finde es vollkommen nachvollziehbar, dass man das denkt, denn ich denke das auch. Es ist ein Gedanke, der einem logisch vorkommt, nicht besonders kritisch oder politisch, eher simpel und naheliegend. Es ist eine Frage, die man stellen kann, ohne damit zersetzend wirken zu wollen.

Ich fand es erheiternd, was der Tourismusverband gerade zu jenen gesagt hat, welche diese Befürchtungen bezüglich „Übertourismus“ geäußert hatten. Es wurde da nämlich verkündet, dass es zum Übertourismus gar nicht kommen würde. Da haben wir nämlich alle zu kurz gedacht. Nein, es wird keinen Übertourismus geben. Weil doch genug Leute wegbleiben werden, wegen Olympia! Die einen rein, die anderen raus. Es wird ein Kommen und Gehen sein, der Herr wird sie geben und nehmen, die Touristenmengen.

Dass man darauf nicht selbst gekommen ist! Man braucht eben doch Expertinnen für alles, um die Welt wirklich verstehen zu können. Seltsam ist es nur, wenn man dies so weiterdenkt, für ein Nullsummenspiel dieses Ausmaßes einen derartigen Werbeaufwand zu betreiben. Aber auch das wird gewiss jemand kundig kommentieren können, gar keine Frage.

Mir bleiben dennoch gar nicht mal so leise Zweifel. Ich gehöre, ein zugegeben etwas weiter Assoziationssprung, zu den gents qui doutent, um zur Abwechslung an ein Chanson zu erinnern.

Hier das entsprechende Lied von Anne Sylvestre dazu, in einer ansprechenden Coverversion. Und dann noch, es ist ja ein Serviceblog, wenn Sie mitlesen mögen, denn es ist ein wahrhaft wunderbarer Text, eine Übersetzung Zeile für Zeile.


Zweitens

Vergleichsweise brillant fand ich allerdings die neue Strategie des Ersten Bürgermeisters, sich bei der Olympiabewerbung argumentativ auf „Wenn nicht Hamburg, dann München!“ zurückzuziehen.

Respekt! Der Herr versteht etwas von seinem Handwerk, es ist nämlich das Argument schlechthin. Es holt die Leute ab, es ist erfrischend einfach, es bedient beliebte, uralte und nach wie vor gängige, äußerst lebendige Muster. Zudem richtet es sich gegen andere, irgendwo da draußen, weit südlich der Elbe, das wird schon passen. Es passt nämlich immer und diese Bayern, sie sind ohnehin dermaßen anders … Man muss auch nicht immer alles gönnen, kann es vielleicht gar nicht.

Wäre ich Kampagnenchef für die Olympiabewerbung, wofür ich allerdings dank meiner Aversion gegen Sport, Großereignisse und Massentourismus ein klein wenig ungeeignet sein dürfte, ich würde mich dieser Argumentationslinie anschließen wollen. Weil sie vermutlich funktionieren wird.

Wir hier oben, die da unten, klar geht das auf.


***

Drittens

Durch bloßen Zufall kann ich mich außerdem in Medienkritik üben. Wobei ich mich etwas zusammenreißen muss, denn ich bin, wenn man bedenkt, dass es nur um ein Sachthema geht, das mir eigentlich egal ist, ungewöhnlich wütend. Und das kam so:

Ich ging am Jungfernstieg so für mich hin, und nichts zu suchen, das war mein Sinn. Im Schatten sah ich eine Demo steh’n, und muss hier allerdings vom Goetheschen Textvorbild abweichen, denn so komme ich nicht weiter. Diese Demo war auch gar keine Demo, das dachte ich nur zunächst, sie war vielmehr eine Kundgebung. Mit Bühne, mit Bühnentechnik auch, und zwar von der gewaltigen, außerordentlich fetten Art, sehr auffällig. Als würden gleich die Rolling Stones die Binnenalster beschallen wollen. Auf dieser Bühne hampelten aber nur etwas verloren wirkende Plüschmaskottchenfiguren herum, und vor der Bühne, Achtung, standen einige wenige Schaulustige, wie man so sagt. Allzu lustig sahen die aber gar nicht aus, und vor allem nicht allzu zahlreich.

Das war eine Pro-Olympia-Veranstaltung. JOlympia oder OlympJA, wie man hier sagt, im Gegensatz zum ebenso naheliegenden NOlympia. Ich finde diese Varianten alle sprachlich etwas anstrengend, to say the least, aber egal.

Also stellen Sie sich bitte kurz vor: Riesenbühne, so deutlich überdimensioniert, dass irgendwer im Publikum mit absoluter Sicherheit mehrfach „Was das alles kostet!“ sagt. Dazu Politprominenz aus der Stadt und flehendes Animations-Applaus-Gebettel wie am Hotelpool auf Mallorca. Davor ein paar Hundert sich besonders erfolgreich zurückhaltende Hanseaten. Ein heftiger Reinfall, diese Veranstaltung, schon auf den ersten Blick.

Was mich dann wütend machte, immer noch macht, das waren einige Medien, die auf Insta und anderswo anderes verbreiteten. Nämlich Wendungen wie „Großer Andrang“, „Klares Signal“, „Gute Stimmung“, „Deutliche Unterstützung“ und dergleichen mehr. Dazu Bilder, bei denen ganz auffällig die Totale fehlt, bei denen vielmehr nur Nahaufnahmen von Grüppchen, Plüschmaskottchen etc. ausgewählt wurden. Manipulativ bis zum Anschlag, von „Qualitätsmedien“ gar keine Rede bei denen, die sich dort so einspannen lassen. Ernüchternd und schade, ich hatte und habe deutlich höhere Erwartungen an Berichterstattung ab dem Boulevard aufwärts.

Denn dagegen bin sogar ich um die Wahrheit, von der ich doch weiß, dass es sie in der textlichen Abbildung gar nicht geben kann, jederzeit ernsthaft bemüht. Echtjetztmal.

Zu loben ist allerdings ausdrücklich der NDR. Und Gott sei Dank ist er zu loben, möchte ich als Freund der Öffentlich-Rechtlichen da ergänzen. Denn der NDR schrieb, was war, und ich will stark hoffen, dass es niemanden Mut gekostet hat, das so zu schreiben, die Leute so zu zählen und die Wirklichkeit zu benennen.

Dagegen etwa das Abendblatt: „Party auf dem Jungfernstieg: 3000 Menschen setzen Zeichen für Olympia in Hamburg.“ Nein, das taten sie eher nicht.

Na, wie auch immer. Wenn das eine Party war, ich möchte bitte künftig zu keiner mehr gehen. Aber Partys und ich – das ist eh ein schwieriges Thema.


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12 Grad, absinkend

Alle paar Jahre kommt es vor, was sich jetzt gerade wiederholt, dass es nämlich im Norden des Landes, also hier, etwa in dieser Stadt, einfach nicht warm wird. Der Frühling fällt tendenziell aus. Er hat den Punkt verpasst, er wurde nicht abgeholt oder konnte nicht zugestellt werden, vielleicht hat er niemanden angetroffen, was auch immer genau zutreffen mag. Wir bleiben in diesen Breiten jedenfalls auf den längst verstetigten 12 Grad hängen, mit denen wir uns seit dem Januar schon mehr oder weniger angefreundet haben, wenn nicht sogar seit Dezember oder November.

Anderswo, ich sehe kurz etwa zu den geschätzten Kontakten in Bonn, ist es sehr wohl warm. Sieht es lau aus, freundlich besonnt, mild, mediterran anmutend und alles. Hier aber ist es jeden Tag aufs Neue nordisch by nature, so klischeegerecht wie es nur geht. Hier weht der Nordwest in starken Böen und grüßt dermaßen nordseefrisch und nasskalt, dass man sich an der Küste Norwegens wähnt. Irgendwo am Fjord, auf dem noch das letzte Treibeis …

Blick über die Elbe, ungefähr Höhe Dockland

Und die gnadenlosen 12 Grad, sie bleiben uns zwar unerbittlich und immer wieder fast auf den Punkt genau erhalten, sie werden aber immer kälter dabei. Dieses ergibt sich dadurch, dass sie von Woche zu Woche npassender werden, sich mit jedem Tag unstimmiger anfühlen, immer unterkühlter wirken. Etwas in uns bemerkt das. Es ist so eine chronobiologische Geschichte, denn der Mensch ist auch nur ein Tier. Und zwar bedauerlicherweise eines ohne Winterschlaf.

Wir erwarten nun, es ist immerhin bereits viertel vor Mai, instinktiv wärmere Temperaturen. Und zwar sollten sie allmählich deutlich wärmer ausfallen. Weswegen 12 Grad gefühlt immer weiter und spürbarer absinken, gefühlt in Richtung der Minusgrade zurückfallen. Weswegen sie sich retrofebruarmäßig anfühlen, winterlich und arktisch.

Das alte Fährterminal an der Elbe

Es gibt da draußen wieder Menschen, und wenig sind es längst nicht mehr, die haben alle Winterklamotten erneut hervorgekramt und angezogen. Mit Mützen, Schal, Handschuhen und allem, vermutlich auch mit Thermounterwäsche, die sieht man nur nicht.

Das aber geht bei mir nicht. Nein, da kann ich nicht mitmachen, kategorisch nicht. Denn ich habe, als es einmal versehentlich und leider auch nur stundenweise 14 Grad waren, meine Winterjacke in wilder Hoffnung schon weggehängt. Also weit weg, nicht nur in den Schrank oder an die Garderobe. Saisonendlich und gründlich verräumt habe ich sie. So wie man etwa auch Weihnachten irgendwann in den Keller bringt, um mit dem Thema erst einmal durch zu sein, was sich dann auch in jedem Jahr gut und befriedigend anfühlt. So auch mit der Winterkleidung.

Wenn ich diesen Schritt aber unternommen habe, dann gibt es kein Zurück mehr. Das ist wie bei einem Tier, welches das zottige Winterfell bereits abgeworfen oder die Frühjahrsmauser schon hinter sich hat. Das kann es sich dann auch nicht mal eben anders überlegen, wenn der Wind doch wieder auffrischt und im Radio überraschend noch einmal von Bodenfrostgefahr gemurmelt wird. Nein, da muss man dann durch. Und ich würde also, den anderen Tieren gleichend, eher erfrieren, als noch einmal meine Wintertracht neu zu beleben.

Aber Herr Buddenbohm, werden Sie da vielleicht lebensklug anmerken wollen, das sind doch nur eher irrationale Aspekte. Das sind doch nur beliebige Gefühle, nur emotionale Hindernisse! Die kann man doch leicht überwinden. Und diese rettende dicke Jacke, man kann sie sehr wohl wieder anziehen, wenn es doch so vernünftig und angebracht ist. Wenn doch sämtliches Volk in dieser Stadt wattiert und drall unterfüttert, in Daunen und unter drei Lagen Outdoorzeug herumläuft. Und Sie klappern da so elend herum, in ihrem leichten Blazer und in diesem dünnen Feinstrickrolli, der vielleicht für Vernissagen geeignet sein mag, nicht aber für Nord, Nordwest 7 bis 8, in Böen auffrischend bis 9.

Die Elbe an der Großen alten Elbstraße

Ich aber werde sie nach dieser Argumentation ernst ansehen und bedacht sagen, was dann nämlich zu sagen sein wird: „Emotionen, ne. So wichtig!“

Denn ich gehöre zwar zu diesen seltsamen Leuten, die gar nicht immer parat haben, was sie gerade fühlen – aber manchmal eben doch, und dann auch sehr. Deswegen, das wollte ich nur eben sagen, stehe ich also frierend im Wind.

Aus diesen eben erläuterten Gründen stehe ich dermaßen dünn angezogen an der Elbe, dass jede vorbeikommende Mutter gewisse Reflexe spürt, mich im Vorbeigehen streng ansieht und gerne etwas kommentieren würde. Was mir aber nichts ausmacht. Ich stehe da und ich zittere vielleicht etwas, zugegeben. Aber ich gucke dennoch immer wieder erwartungsvoll flussaufwärts und flussabwärts nach. Wo sie denn in diesem Jahr bloß bleibt, das sehe ich natürlich nach, diese stinkige Landratte von Frühling. Die sich vielleicht irgendwo in den Weiten Südelbiens verlaufen hat.

Lassen Sie mich einfach hier stehen. Es ist zwar verdammt kalt, rattenkalt sogar, arschkalt, aber am Ende stehe ich doch richtig so. Denn ein Mann muss tun usw. … Na, Sie werden es kennen.

Vielleicht summe ich schon einmal vorauseilend ein schönes Mailied mit? Vielleicht kann mir das helfen. Bei der Einstimmung, bei der Überbrückung und überhaupt bei allem, am Ende ist eh alles eine Einstellungssache.

Hier etwa Malediva mit einem alten Lied, aus dem Jahr 1931 ist es. Der Text stammt von Robert Gilbert, dessen Lebenslauf man sich in der Wikipedia ruhig einmal ansehen kann, und dann noch den des Komponisten, Nico Dostal. Et voilà, Geschichtsunterricht für nebenbei.

„Es wird in hundert Jahren wieder so ein Frühling sein.“

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Linkwerk zum Wochenende

Gesehen:

Die irische Serie „How to get to heaven from Belfast” sah ich auf Netflix und fand zunächst angenehm, andere Schauspielerinnen und Schauplätze als sonst zu sehen. Das Genre ist wohl als Krimikomödie richtig bezeichnet, bei epd heißt es „Mix aus Thriller und Comedy“, bei der Wikipedia „Comedy thriller“. Es klingt alles recht positiv und auch beim Standard war man angetan. Überhaupt sind keine Verrisse zu sehen, weit und breit nicht.

Und ich war dann auch einverstanden mit dieser Serie und sah sie erstaunlich schnell und interessiert durch, was nicht allzu oft vorkommt. Vielleicht brauchte ich Ablenkung und Berieselungsmodus, mag sein.

Dockland

Gelesen:

Felix legte an, und zwar an meinen im letzten Linkwerk erwähnten Foucault einen staunenden Derrida. Es geht bei uns Bloggenden nämlich zu wie im Regal mit den Suhrkamp-Taschenbüchern.

Und hier wird die so seltsam anmutende Logik der Bahnhofsabkürzungen kundig erklärt. Es geht bei uns Bloggenden nämlich auch zu wie in der Sendung mit der Maus.

Lest mehr Blogs, es bildet, unterhält und macht schön.

Bei Open Culture kann man etwas über die Bedeutung von Robert Johnson nachlesen, mit einem eingebetteten Hörbeispiel, das es in sich hat. Und, wie oft bei Open Culture, nerdig-kundige Kommentare darunter. Ich kannte Robert Johnson nicht, er war ein besonders einflussreicher Blues-Musiker der Frühzeit: King of the Delta Blues (hier auch Wikipedia über ihn).

Und hinweisen wollte ich einmal allgemein auf die Seite „Lyrictranslate“. Ein Spielplatz für den Freundeskreis Sprache und Songs, der sich hier als Community austobt. Liedtextübersetzungen in etliche Sprachen, mit Diskussionssträngen zu einzelnen Formulierungen und allem. Amüsant oder anregend, vielleicht auch absurd, wenn etwa auf Englisch die Übersetzung ins Deutsche eines Chansons von Jacques Brel diskutiert wird. Aber eben auf die gute Art absurd.

Ein Notizbuch mit Aufschrift "Ohne Text singt kein Mensch mit"

Es geht immerhin um etwas Wichtiges, denn es geht darum, was geschrieben, gesagt und gesungen wurde. Und wir erinnern uns an den goldenen Satz von Sven Regener, der natürlich auch aus einem Song von Element of Crime kommt: „Ohne Klarheit in der Sprache ist der Mensch nur ein Gartenzwerg.

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Gehört:

In der Reihe „Der Soundtrack meines Lebens“ hörte ich die Folge mit Niels Frevert (1:31). Ich brauche lange für diese Folgen, weil ich manchen erwähnten Bands etc. hinterherrecherchiere, mir etwas oder auch viel von denen anhöre und manchmal noch auf weitere musikalische Abwege gerate. Und ich finde das sehr gut so. Danach die Folge mit Bosse.

Bei „Alles Interpretationssache“ gab es die Folge über „Enjoy the silence“ von Depeche Mode (32 Min.) sowie die Folge über „Danny Boy“. Zu „Enjoy the silence“ hätte ich gar keinen Bedarf an Interpretationen gehabt, das ist für mich im Original gut und richtig, im Grunde nicht variabel. Bei Danny Boy dagegen kann und muss man über Varianten reden, da es kein Original in diesem Sinne gibt. Und die Geschichten der Melodie und des Liedes, die sind auch interessant und werden in der Sendung ausführlich nacherzählt.

Ich habe dann etwas unruhig abgewartet, ob die für mich verbindliche, endgültige Version von Danny Boy, nämlich die von dem alten Johnny Cash, ausgewählt wurde, und ja, sie ist dabei. Überhaupt bemerkenswert, zwei der ausgewählten Versionen singen Männer ein Jahr vor ihrem Tod: Elvis und Johnny Cash. Könnte man fast schon wieder etwas daraus machen, aus dem Gedanken.

Zum Thema KI und Tech noch einiges. Etwa diese Sendung „Riskante Clouds – Europas Daten auf amerikanischen Servern“ (19 Min.). Ein Thema, bei dem ich mir ein krückstockfuchtelndes „Ich habe es doch immer schon gesagt“ nicht verkneifen kann und will.

Bei „Neugier genügt“ (WDR) spricht die mittlerweile allgemein bekannte Alke Martens über KI (26 Min). Auch für Anfängerinnen beim Thema ist diese Sendung geeignet, und ich fand es gut und richtig, dass hier noch einmal Grundsätzliches in aller notwendigen Klarheit wiederholt wird, etwa dass die großen Sprachmodelle sämtlich auf gestohlenen Daten beruhen. Das ist alles nur geklaut und gestohlen, nur gezogen und geraubt, falls Sie mitsingen möchten.

Man vergisst oder verdrängt es doch leicht.

Zum Mit- und Weiterdenken eignet sich eine Frage beim BR im Wirtschaftsteil: Was machen wir eigentlich mit der durch KI eingesparten Zeit? Also wenn wir denn tatsächlich doch noch Zeit sparen sollten. Immerhin soll das hier und da mittlerweile wohl ernsthaft vorkommen? 26 Minuten jedenfalls darüber.

Bei der Süddeutschen: „Palantir & Co: Big Tech is watching you“, 29 Min. Dabei noch etwas gelernt, wenn auch nicht gerade gerne.

Fleet in der Speicherstadt

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Zum Stand der Raufaserabdeckungsmaßnahmen

Ich habe mir etwas Kunst online gekauft, weil mir nach ausreichend Bedenkzeit doch noch ein Bild mit Bezug zu mir und meiner Geschichte eingefallen ist. Ein Bild also, das nicht nur irgendein dahergelaufenes Bild ist, sondern vielmehr eine durch und durch sinnvolle Raufaserabdeckungsmaßnahme für die neulich hier erwähnte Stelle an der Wand.

Diesen Druck gab es bei mehreren Händlern. Google warf mir selbstverständlich zuerst die größten und gängigsten Anbieter aus. Deren Preise lagen dicht beieinander, waren teils auch identisch, mit Ausreißern nach oben. Ich sah aber auch noch etwas weiter hinten in den Suchergebnissen nach, ich las zusätzlich etwas nach. Und kam dann auf weitere Umstände, auf etwas Zusatzwissen und am Ende auch auf einen kleineren Händler – da war das Bild dann 40 Euro billiger als bei den Standard-Anbietern.

Es geht nun um keine bedeutenden Werte für hohe Kunst, versteht sich, ich habe jetzt 25 Euro statt 65 Euro für einen Druck bezahlt. Aber auf diesem bescheidenen Niveau finde ich den Unterschied im Preis für ein identisches Produkt doch etwas erstaunlich. Milde ausgedrückt, denn in Wahrheit ist es stark veralbernd.

Aber es passt als lehrreiches Vorkommnis natürlich hervorragend zu unserem so großartigen KI- und Tech-Zeitalter, in dem auch Suchergebnisse und Preisvarianten so trickreich wie nie zuvor und auch noch in Sekundenbruchteilen optimiert werden. Selbstredend stets im Sinne der Firmen, nicht in dem der Konsumenten.

Alles muss man also immer genauer ansehen. Alles muss man auch auf mehrere Arten und dann noch aus verschiedenen Perspektiven prüfen. Alles muss man hinterfragen und lieber jedem Aspekt, der einem nur ein- oder auffallen kann, akribisch hinterherforschen. Alles muss man gründlich und gewissenhaft absichern, um nur ja nicht hereingelegt, getäuscht und veräppelt zu werden.

Oder man macht es in trotziger Abkehr von aller Gegenwart gleich wieder wie früher und geht einfach in einen Laden oder zu sonst einer dieser alten Offline-Einrichtungen und lässt sich dort wie damals lieber von einem echten Menschen übers Ohr hauen.

Das hat eine viel höhere Erlebnisqualität und lässt sich auch nennenswert besser zu Anekdoten, Kolumnen, Geschichten und Filmen verarbeiten.

Aber klar, wir sparen jetzt alle wahnsinnig viel Zeit. Ja, sicher doch.

Kreideschrift auf dem Pflaster. Life is a ratrace

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Vorteil Vogel

Unten auf der Straße streiten sich am späten Nachmittag wieder zwei. An dieser Straßenecke, die, wie bereits mehrfach notiert, zu Streitsituationen seltsam deutlich einzuladen scheint. Und weil es bald Mai ist, weil die Sonne schon den ganzen Tag scheint, weil es allmählich sogar in Hamburg etwas wärmer wird, sind unsere Fenster weit geöffnet und höre ich es nun wieder besser als im Winter, was da draußen alles vor sich geht. Und selbstredend geht da auch etwas vor sich, und wie.

Ich verstehe fast jedes Wort eines gerade eskalierenden Beziehungsdramas: „Heul doch! Du widerwärtiges Schweinearschloch!“ Das ruft eine Frauenstimme, nein, brüllt sie eher. In der vermutlich höchsten Lautstärke, die sie erreichen kann. Dabei aber sauber artikuliert wie im Theater, so dass ich es sogar mitschreiben kann. Man muss so etwas zwischendurch einmal loben und gleichzeitig als Aufforderung in die Runde weiterreichen: Wenn Sie sich im öffentlichen Raum streiten, so dass es andere hören können oder müssen, bemühen Sie sich doch bitte jederzeit um eine deutliche Aussprache. Wir Zuhörenden möchten nicht immer alles nur raten müssen.

Nicht nur ich jedenfalls sehe bei dieser Art der Ruhestörung kurz nach unten. Auch in den Nachbarhäusern sehe ich die Köpfe an den Fenstern und aus den Fenstern gereckt. Gegenüber ragen drei kleinere Kinder knapp über die Fensterbank. Drei Kinder, die es sicher viel spannender als ich finden werden, wie sich fremde Erwachsene verbal auf offener Straße zerlegen.

Falls die beiden Eskalierenden da unten sich noch an die Gurgel gehen sollten, es hört sich doch etwas nach dieser Richtung an, wobei das nicht immer einfach zu deuten ist, könnte man immerhin die Polizei … Das denke ich mir so, mit gänzlich ungewollter Routine, das Smartphone sicherheitshalber schon in der Hand. Aber sie schreien sich nur immer weiter an, sie beleidigen sich nur. Also vor allem sie ihn, wenn auch in besonders beeindruckender Weise.

Nein, sie gehen sich nicht an die Wäsche oder an die Gurgeln. Man muss diesmal keine Hilfskräfte herbeirufen. Er steht eher passiv vor ihr, abwehrend oder vielleicht auch schon aufgebend. In sich zusammengesunken und mit deutlich hochgezogenen Schultern, den Kopf oder zumindest die Ohren in Deckung bringend. Sie dagegen wild aufbrausend. Sich auch nach Kräften aufblähend, sich nach oben reckend, in voller Fahrt und in einer Weise sensationell wütend, in derart randalierender Rage, die Zornesreden aus Shakespeares Dramen sind nichts dagegen.

Wenn er tatsächlich etwas ausgefressen hat, es muss doch gewisse Dimensionen erreicht haben.

Ich habe allerdings gar keinen dringenden Bedarf an fremden Dramen, stelle ich beim Zuhören nach einer Weile fest. Daher gehe ich durch die Wohnung zu einem anderen Fenster, ich sehe lieber von da aus runter zum Spielplatz und ins Grüne. Aber dort im Holunder bepöbelt eine Elster lautstark eine wie immer pikiert guckende Ringeltaube einen Ast weiter. Während eine Menschenmutter am Sandkistenrand darunter aus nicht ersichtlichen Gründen lauthals mit ihrem bedröppelt aussehenden Kleinkind schimpft. Im Hintergrund dengelt ein anderes und ebenfalls wütend wirkendes Kind eine Schippe immer wieder auf das Metall der Rutsche, so dass der ganze Stadtteil etwas von dieser Percussion hat.

Besonders friedlich scheint es vor diesen Fenstern oder überhaupt in dieser Stadt heute nicht zuzugehen. One of those days.

Ein Sticker an einem Fahrradständer: Heute geht einiges

Aber apropos Elstern. Diese haben tatsächlich und wie im Lehrbuch ihren beachtlich großen Nestbau mit einer kunstvollen Überdachung abgeschlossen. Ich war begeistert und beeindruckt. Flechtwerk für Fortgeschrittene sah ich da, tolle Tierfilmszenen, was diese Vögel alles können!

Würde ich Ihnen dagegen einen Haufen Ästchen und Zweiglein hinwerfen, verbunden mit der Aufforderung, daraus mal eben ein heimeliges Nistkörbchen zu verfertigen, die eine oder der andere unter Ihnen würde wohl leicht überfordert wirken. Oder Sie würden, weil Sie ja so weit mitdenken, vielleicht darauf hinweisen, dass Menschen doch so gar nicht bauen, dass diese Aufgabe also nicht zur Art passen würde und gar kein Vergleich sei.

Aber glauben Sie mir, würde ich Ihnen einen Haufen Zement und ein paar Tausend Ziegel vorlegen, Sie würden sicher nach wie vor sparsam gucken und weiterhin nicht recht wissen. Weil wir so etwas Elementares wie Nestbau nun einmal nicht mehr parat haben. Vorteil Vogel! Die fangen einfach an, die ziehen einfach durch. Die denken wahrscheinlich nicht einmal lange nach dabei und kommen doch zu einem Ergebnis. Und wie einwandfrei und vorzeigbar fällt das dann aus.

Wir dagegen, wir müssen uns erst wieder überlegen, was wir etwa mit diesem Tag anfangen, was wir heute einmal durchziehen könnten. Wir müssen erst wieder allerlei entscheiden.

Und ob das, was wir dann verfertigen, am Ende auch in die Kategorie „Kunstvolles Flechtwerk“ passen wird – leise Zweifel zumindest werden wie immer angebracht sein.

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Reinlesen, Behalten und Weggeben (4)

Ein unerwartet vehementes Lob habe ich auszusprechen, und zwar für Günter de Bruyn, genauer für seinen Roman „Buridans Esel“ von 1968. Den ich neulich schon kurz erwähnt hatte. Das Buch ist sprachlich und auch im Aufbau nennenswert interessanter und auch experimenteller, als ich die Werke des Autors in Erinnerung hatte. Da muss ich in meiner Vorstellung etwas geraderücken, weiß aber gar nicht mehr, was ich von ihm früher gelesen hatte. Etwas aus dem Spätwerk vermutlich. Nach diesem frühen Roman könnte es noch deutlich mehr werden, denn den fand ich sehr anziehend, der las sich eindeutig nach mehr.

Das Buch "Buridans Esel"

Es gibt da gleich zu Beginn etwa eine Szene, in der jemand in einem Ostberliner Altbau jemanden besuchen möchte, dabei aber den falschen Aufgang erwischt. Wodurch er unfreiwillig mit sämtlichen Bewohnerinnen und Bewohnern dort in Kontakt kommt und sogar bis zum Dachboden vordringt. Wo noch die Nachkriegszeit im aufsteigenden Staub spürbar ist, wie es dort heißt. Diese Zeit, die man doch in den Sechzigern Jahren im neuen Staat erfolgreich hinter sich gelassen zu haben meinte. Ebenso wie das untergegangene Preußen, das man später im Text auch noch schemenhaft erkennt, das noch im Dunkel herumwabert.

Und in diesem Verirren im Treppenhaus, auf diesen wenigen Seiten, wird in schnell getakteten Nebensätzen, die das Bild für uns auf eine Art auffüllen, die man als älterer Mensch vielleicht noch von Dalli-Klick kennt, so viel dieser Sechziger vorgeführt und lebendig verdeutlicht, so viel DDR- und Berlingeschichte und Lokalkolorit, es ist geradezu ein Lehrstück, wie man so etwas schreiben kann.

Ich war beeindruckt und wieder auf die gute Art ein wenig neidisch.

Zum anderen ist das Buch interessant, um sich an die Frauengeschichte im deutschen Sprachraum erinnern zu lassen. An die Rolle der Frau in den Sechzigern etwa. Denn auch wenn es gut, richtig und vollkommen nachvollziehbar ist, dass gerade viel und intensiv diskutiert wird, was alles noch nicht erreicht wurde, was auch nach wie vor unerreichbar scheint, es wurde eben dennoch viel erreicht. Man kann das so nebeneinanderstellen.

„Buridans Esel“ also, klare Empfehlung. Übrigens auch als Brain-Rot-Test, denn die Sätze sind ungewohnt lang und verschachtelt, es gibt kaum Absätze, kaum Pausen, kaum Gnade. Die Verschachtelung fällt nicht so milde wie bei Thomas Mann aus, erfolgt also nicht in erhabenem Duktus und kunsthandwerklich schön verschlungen wie mäandernder Stuck an Gründerzeitaltbaudecken. Eher in einem leisen, dennoch heftigen Stakkato wurde da alles aneinandergeheftet.

Dieses Buch fordert die Lesenden von heute eindeutig heraus: Könnt Ihr das noch? Euch durch dicke Textblöcke arbeiten? Den Schwung halten? Durchhalten beim Lesen, mit Seiten kämpfen und den Sinn auch in Längen finden?

Dummerweise, so habe ich dabei gemerkt, kann ich mich selbst auch nicht von dem Verdacht freisprechen, so etwas früher womöglich wesentlich leichter gelesen zu haben. Mit deutlich weniger Anstrengung und nicht mit so arg bemühter, dem Alltag abgerungener Konzentration.

Aber wie auch immer. Ein Grund mehr für mich, so etwas erst recht zu lesen. Auch betont nichtsportliche Menschen wie ich haben oft irgendwo einen gewissen Ehrgeiz, etwas zu schaffen. Besser zu werden, im Training zu bleiben und zumindest in der eigenen Wahrnehmung noch ein weiteres Gold in Randsparten zu holen.

Womit ich meine Sportsprachbilder für 2026 sämtlich verbraucht habe, nehme ich an.

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Danach fing ich ein schmales Nebenbei-Buch von Hilde Spiel an, „Mirko und Franca“. Natürlich habe ich erst einmal nachgelesen, wer Hilde Spiel war (Wikipedia-Link). Außerdem habe ich gesehen, das Buch spielt in Triest. In der Stadt, die nach 45 zwischen Jugoslawien und Italien hin- und herverhandelt wurde und zeitweise quer durch die Geschichte immer wieder ein eigener Staat war. Und dieses Hin und Her, schon gar diese selbständige Nachkriegsphase, sie war mir peinlicherweise vollkommen unbekannt: Freies Territorium Triest.

Immerhin war mir aber bekannt, dass sich James Joyce und Italo Svevo vor dem Ersten Weltkrieg in dieser Stadt aufgehalten haben. Das war so etwas wie mein geistiger Trostpreis.

Das Buch Mirko und Franca aufgeschlagen vor Thomas-Mann-Playmobil-Figur und Tintenpatronen

Triest, so dachte ich jedenfalls abschließend, das könnte man sich sicher auch einmal ansehen. Denn das, was ich gestern mit wachsendem Interesse nachgelesen habe, die Bilder, die ich gefunden habe, es klang alles ein wenig so, es sah alles so aus, als wäre ein Nachprüfen vor Ort für mich durchaus angebracht.

Mit dem Zug von Hamburg nach Triest: Etwa 15 Stunden.

Dann fiel mir ein, dass ich über das Thema Urlaub 2026 noch gar nicht nachgedacht habe. Dass ich nicht einmal ansatzweise weiß, was ich will. Ob ich überhaupt etwas will, und wenn ja, mit welcher Intensität. Also ob vielleicht auch mit einer Intensität, die sogar zum Planen reichen könnte.

Währenddessen ist das Jahr aber bald schon halb vorbei. Auch hier gilt also wieder: That escalated quickly.

Dann fiel mir rettend ein, ich wollte doch erst einmal zum Tagesausflug nach Stade, mir dort die Altstadt ansehen. Und ich habe neulich auch gemerkt, es gibt ein mir bisher unbekanntes Horst-Janssen-Museum in Oldenburg.

Eines nach dem anderen.

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Auswechselsitzenbleiber

Vor einer Weile hatte ich einmal die „Sozialraumläufer“ erwähnt (hier war das). Das sind jene bei der Stadt angestellten Menschen, die sich hier, also noch in Hauptbahnhofsnähe, um Elend und Verwahrlosung kümmern sollen. Wobei sie ausdrücklich eher aufklärend und helfend als vertreibend vorzugehen haben. „Erste Ansprechpartner für Menschen, die hier auf der Straße leben“, wie es offiziell auf den Seiten der Stadt heißt.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Armut

Sowohl am Begriff wie auch an der Aufgabe, an der Ausgestaltung der Maßnahme und am PR-Ehrgeiz und Neusprech der Behörden gab es reichlich Kritik. Etwas mehr dazu steht im oben verlinkten Artikel. Auch in anderen Städten wird aber Ähnliches versucht, wie ich gelesen habe, dann mit anderen, vermutlich auch kritisch zu würdigenden Bezeichnungen.

Sie sind immerhin einfach zu erkennen, diese Sozialraumläufer, denn auf ihren Westen steht hinten groß drauf, was sie sind. Ungegendert übrigens, auch die Frauen sind Läufer. Vielleicht nur ein Platzproblem, so breit sind die Rücken unter den Westen nun auch nicht.

Für bloggende Menschen und andere Chronisten ist es jedenfalls eine sympathische und auch hilfreiche Maßnahme, die handelnden Personen im Stadtbild so überaus deutlich zu betexten. Da weiß man dann in anziehender Klarheit, über wen man zu schreiben hat. Aus unserer Sicht könnte man dieses Kennzeichnungsmodell also gerne auf weitere Personengruppen übertragen. Allerdings erahne ich hierbei schon gewisse Schwierigkeiten.

Die Sozialraumläufer machen nun in der Nähe unseres Hauses häufig Pause. Weil sie dort eine Sitzgelegenheit vorfinden, wenn es auch weiß Gott keine bequeme Variante ist. Dazu noch eine kleine Überdachung, die beim Hamburger Regen zwischendurch überaus willkommen ist. Sie sitzen dann eine Weile auf kaltem Stein, sie plaudern, sie rauchen oder dampfen. Sie snacken vielleicht auch einmal eine Kleinigkeit, trinken einen Energy-Drink dazu.

Und weil sie dort sitzen und solange sie dort sitzen, hält sich die andere Klientel, welche diesen etwas geschützten Winkel sonst ebenfalls sehr schätzt, eine Weile fern. Also die Obdachlosen, die gestrandeten Arbeitssuchenden aus Osteuropa und anderen Weltteilen, die fortgeschritten Alkoholkranken, die Junkies. Dazu die Schnittmengen dieser Erstgenannten. Und natürlich noch die kiffenden Schülerinnen und Schüler, sowie schließlich die maximal Verwirrten aller Art, welche man in der Mitte aller Großstädte immer zahlreich antrifft.

Das Pappschild eines bettelnden Menschen "Bitte Essen"

Sie grüßen immer sehr freundlich, diese Sozialraumläufer, wenn ich etwa aus dem Haus komme und an ihnen vorbeigehe. Aber, und das wird vielleicht verwundern, das tun die Damen und Herren aus den anderen Gruppen in der Regel auch. Mit Ausnahme der Schülerinnen und Schüler, versteht sich.

Mit anderen Worten, die rastenden Menschen, die sich dort vom für alle so überaus anstrengenden urbanen Leben auf den Straßen kurz ausruhen, wurden einfach durchgetauscht. Es fehlt eigentlich nur noch, dass auch die Sozialraumläufer zwischendurch ihre Schlafsäcke ausrollen und eine Pappe unterlegen, um ein kurzfristig rettendes Nickerchen zu machen. Eine betont friedliche Auswechselsituation.

Ob ich daraus aber logisch ableiten kann, dass dieses neue Konzept funktioniert und für alle Beteiligten gut aufgeht, ob es gar soziale Fortschritte ermöglicht hat oder sich diese bald abzeichnen werden…  Ich weiß es noch nicht recht.

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Kleist, Camus, Kafka und ich

Im ehelichen Team diskutierten wir am Wochenende zwei bis drei Stunden lang administrative Komplikationen. Nein, Challenges, wie man heute eher sagt. Das liegt alles nicht im blogbaren Bereich, weist aber einen geradezu lachhaften Komplikationsgrad auf. Was man schon daran erkennen kann, dass mehrere Behörden dabei vorkommen. Die auch noch miteinander kommunizieren und zu einer Einigung kommen müssten. Die dies aber vorerst nicht tun, zumal es auch, um Gottes willen, um einen Sonderfall geht, sondern die beharrlich passiv-aggressive Botschaften an uns richten, mit dem Hinweis, die andere Behörde habe doch schon wieder oder, was aber ebenso schlimm ist, habe eben noch nicht … und da könnten sie dann eben nicht. Und ob wir bitte der anderen Behörde jetzt sagen könnten …

Ein Sticker: Godot kommt nicht

Es ist ein wenig wie mit streitenden Kindern. Eltern könnten das Muster erkennen.

Mir ist da ein für mich goldenes Zitat von Frau Novemberregen in Erinnerung. Es ist ein Satz, den sie in ihrem beruflichen Kontext einmal verwendet hat, es wird mittlerweile schon etliche Jahre her sein, aber er hat sich mir damals fest eingeprägt. Denn es ist ein Satz, den ich mir auch auf ein Kissen sticken lassen könnte. Es ging damals um Verhandlungen mit Zulieferern oder um Ähnliches, jedenfalls sagte sie da am Telefon, was man sich unbedingt merken und gelegentlich auch anbringen sollte, was ich auch hin und wieder tatsächlich bereits verwendet habe:

Ihre internen Probleme interessieren mich nicht.“

Allerdings unterliegt die Verwendung solcher Zitate gegenüber Behörden gewissen Risiken, wie ich wohl annehmen muss. Und man hat, bevor man das geschickt und auftrumpfend in einer komplizierten Lage gegenüber staatlichen Organen anbringt, den eigenen Michael-Kohlhaas-Faktor und die weitere Eskalationsbereitschaft besonders gut zu bedenken.

Verwickelte Themen also, unübersichtliche Verwaltungsverwirrungen und lauter Sachverhalte, die sich keineswegs von selbst regeln werden. Die aber auch nicht den Eindruck erwecken, überhaupt geregelt werden zu wollen.

„Alles anzünden“, sagten wir irgendwann fast gleichzeitig, denn man ist nach zwei ehelichen Jahrzehnten doch hier und da erstaunlich synchronisiert, und wir sagten es in nicht eben gehobener Stimmung. Aber umgehend assoziierte ich unwillkürlich weiter. Ich sah das Angezündete in späterem Stadium vor mir und hörte im Geiste schon die kafkaesk anmutende staatliche Aufforderung, nach stattgehabtem Großfeuer nun bitte umgehend die Reste zu regeln, sich um die Rückstände zu kümmern und hinterher mittels Formular A38 Vollzug zu melden, nachfolgend Fristsetzung und Strafandrohung in etwas kleinerer Schrift.

„Admin of the ashes“, dachte ich dann, und es klang seltsam gut und sinnvoll.

Es wäre als Songtitel verwendbar, finde ich. Auch als Album-Name oder sogar als Bezeichnung für eine Band im eher trostlosen, etwas härteren Bereich der Popmusiksparten kommt es mir hervorragend geeignet vor. Ich sehe den Merch-Stand schon vor mir.

Zu einem Konzert von „Admin of the Ashes“ gehen bleiche Menschen mit Drogen- und Depressionsproblemen, das hört man doch sofort. Vielleicht trifft man dort aber auch einfach all die Menschen, die an den Komplikationen des Lebens vorerst gescheitert sind und es unfassbar satt haben, sich, ihre Familien sowie die Umstände und Entwicklungen aller Art in Sisyphos-Manier zu verwalten. Und die sich dabei, Camus verfluchend, beim besten Willen nicht als glückliche Menschen sehen können.

Sie kam mir übrigens immer schon äußerst zweifelhaft vor, diese Sache mit Camus, dem sich plagenden Sisyphos und dem Glück, aber das nur am Rande.

Auf einer Visitenkarte würde „Admin of the ashes“ allerdings eher an Bestatter erinnern, fällt mir auf. Das ist etwas schade.

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Anmerkungen zu Demonstrationen

Beim Spaziergang gestern kam mir eine Demo entgegen, welche sich als erstaunlich groß erwies: Etwa 15.000 Menschen protestierten da gegen die Energiepolitik der Regierung und die zuständige Ministerin: „Reiche weiche!“ Da passte ich gut hinein, fand ich, da ging ich dann also einfach mit. Und sah nebenbei auf dem Smartphone, dass in anderen Städten gerade ebenfalls demonstriert wurde, dass es noch weitere Termine zum Thema geben wird.

Ich freute mich erheblich, dass so viele zusammenkamen. Ich hätte es diesmal viel pessimistischer eingeschätzt und lag also auf die gute Art falsch. Das soll einem ab und zu schon recht sein, man kann sich angenehm irren. Es ist also doch mehr möglich, als ich denke. Gerne kann es sich noch etwas fortschreiben und auf einige andere Themen übergreifen, for the times, they are a-changin‘.

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Apropos Demo, schon lange wollte ich Ihnen einmal ein Bild mitgeben, das Sie vielleicht dann nicht kennen, wenn Sie eher beschaulich wohnen, kreisstädtisch dörflich, abgelegen, auf Inseln oder Bergen etc. Und zwar ist es das merkwürdige Bild der großstädtischen Kreisdemo. Es ist ein Bild, ich erläutere es gleich, das mir hier oft begegnet. Wobei mir als Bewohner der Mitte einer Millionenstadt Demos in allen Formaten, Größen und Ausprägungen dauernd begegnen. Manchmal so oft, dass ich fast zum Schluss „täglich“ kommen könnte. Aber das geschieht dann doch nur phasenweise.

Ein Sticker: Democracy is not a spectator sport

Oft, aus der Perspektive eines dorfbewohnenden Menschen sicher absurd oft, höre ich bis in die Wohnung, bis zum Schreibtisch, vom Bahnhofsvorplatz her die laut und brüllend gerufenen Parolen derjenigen, die Demonstrationen anleiten, anführen und in Stimmung bringen wollen. Es klingt manchmal so wie in der Ferne vorgetragene Reden, als sei da irgendwo ein staatlicher Festakt in der Nähe, etwa hinter den nächsten zwei Blöcken. Manchmal klingt es auch wie das wilde Geschrei mehrerer und wohl verfeindeter Parteien. Und manchmal klingt es fast bürgerkriegsähnlich, durchbrochen vom Geheul der Polizeisirenen und scharfen Megafondurchsagen.

Worte oder gar Sätze sind so gut wie nie zu verstehen, am Rhythmus der Sprache, an der Betonung und Aufgeregtheit sowie oft auch an der Begleitmusik kann ich aber hin und wieder erkennen, um welches Land oder Thema es gerade gehen wird. Oder ich meine zumindest, es erkennen zu können.

In aller Regel ist es nicht so schlimm, wie es klingt. Der Übertragungsweg Wind täuscht doch erheblich, man kennt es auch aus der Literatur, aus Märchen etc.

Das herangewehte Demonstrationsgeschehen entspricht also nicht unbedingt der Wirklichkeit, manchmal nicht einmal ansatzweise. Auch die Optik kann täuschen, denn das Polizeiaufgebot steht manchmal in keinem logischen Verhältnis zur Demo. Da man oft vorher nicht genau weiß, was wirklich passieren wird, stehen vielleicht bedeutende Polizeikräfte mit Truppen in Armeestärke, inklusive aufgebrezelter Riot Gear und allem, fast niedlich kleinen Protestzügen gegenüber – und umgekehrt.

Zu den eingangs erwähnten und meist eher traurig bis verzweifelt wirkenden Kreisdemos kommt es, wenn in einem kleinen Land, das hier nicht durch zehntausend Geflüchtete oder Expats vertreten ist, etwas Großes passiert. Sagen wir, ich nehme ein vollkommen willkürliches Beispiel ohne aktuellen Wirklichkeitsbezug: In einem Staat wie Panama geschieht etwas. Etwas, das hier in den Nachrichten zwar auch vorkommt, aber eher am Rande, deutlich unter den großen Überschriften. Denn es ist zwar unerfreulich, was da vor sich geht, es ist wirklich schlimm, aber Panama ist klein und weit weg und überhaupt, was weiß man schon zu Panama. Da weist die Allgemeinbildung nur ein „Oh, wie schön!“ aus, und viel ist das wirklich nicht.

Für die Menschen aus Panama aber, die bei uns wohnen, für die ist es nun eine schlimme Lage. Das kann man sich auch leicht vorstellen. Spontan wollen sie daher etwas unternehmen, denn sie können doch nicht tatenlos herumsitzen, während da drüben in der Heimat … Wir müssen etwas machen! Der Gedanke ist vollkommen logisch.

Sie rufen dann eine Demo ins Leben. Weil man das dann so macht. Sie malen also Plakate, sie besorgen sich auch Fahnen oder malen ihre Nationalfarben auf Bettlaken etc. Sie denken sich dazu Sprüche aus, die anschließend auf Transparente gepinselt werden, nicht unbedingt in deutscher Sprache. Dann treffen sie sich am Hauptbahnhof und stellen fest, sie sind leider nur 26 Personen.

Kreideschrift auf dem Pflaster: Klein sein

Panama ist hier gar nicht so stark vertreten. 26 Personen sind nun nicht viele, wie stark auch immer sie oder ihr Land gerade von etwas betroffen sind. Verbissen halten sie aber durch, versteht sich, und auch das ist nachvollziehbar. Sie laufen in dieser Stärke allerdings nicht durch die Stadt, denn es ist kein Demonstrationszug anständiger Größe. Es ist nur ein kleines Häuflein aufgebrachter Menschen.

Und da bilden sie dann einen Kreis. In diesem Kreis sagen sie sich gegenseitig ihre aufgeregten Botschaften auf, in diesem Kreis verstehen sie sich, unterstützen sich. Es ist eine nach innen gewandte Demonstration. Im Vorbeigehen sieht man bunte Fahnen und Rücken und hört Spanisch. Erst aber einer gewissen Mindestgröße bei der Teilnehmerinnenzahl und auch bei der Schlagzeilengröße öffnen sich die Kreise, richten sich die Demos schließlich nach außen und wollen uns und der Stadt etwas mitteilen, laden schließlich auch zum Mitmachen ein.

Das wiederholt sich so zuverlässig, dass man es in einer großangelegten Soziologie der Demonstrationen mit einem eigenen Kapitel würdigen müsste, unter besonderer Berücksichtigung dieses Momentes der Öffnung, aus dem Kreis der Betroffenen zur Mehrheitsbevölkerung hin. Mit etwas Feldforschung könnte man auf die dafür notwendige Teilnehmerinnenzahl kommen und diese sicher auch weltweit vergleichen.

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Eine Feststellung für die Chronik noch. Ein Umstand, der bisher kaum gewürdigt wurde, jedenfalls nicht, so weit ich es mitbekommen habe. Aus meiner Perspektive betrachtet ist es nämlich so, dass die vielgeschmähte Ampelregierung durchgehend einige Aspekte der Politik bedient hat, bei denen in meinem Umfeld etliche die angedachten oder sogar umgesetzten Maßnahmen zumindest halbwegs richtig fanden. Und das auch sagten oder schrieben.

Während niemand – es ist kein polemisches, es ist ein faktisches niemand – die Regierung in ihrer Gesamtheit schätzte und sie insofern zweifelsfrei eine Tragödie war, lag sie doch hier und da zumindest in ihrem Streben richtig.

Die aktuelle Regierung schätzt ebenfalls niemand, es findet aber auch niemand mehr irgendetwas gut. Ich habe viele Kontakte, die erheblich weiter rechts als ich zu verorten sind, aber auch unter denen sieht, hört oder liest man kein Gejubel. Nein, man findet das nicht gut, was bei denen herauskommt oder gewollt wird, sofern man das denn überhaupt erkennt. Man hält eher nichts von dieser Regierung, man traut ihr auch so gut wie nichts zu, und man hält vor allem nichts vom Kanzler. Ein Negativrekord ist in der Geschichte der demokratischen Politik in diesem Land ist es also.

Meine Wahrnehmung wird, ich las es in der letzten Woche, durch aktuelle Umfragen bestätigt. Diese Regierung ist also im Theaterstück der deutschen Politik der Tragödie zweiter Teil, korrekt zu bewerben vielleicht durch den griffigen Slogan: „Neu! Die Tragödie jetzt noch tragischer!“

Aber wie auch immer. Irgendwer muss sie gewählt haben.

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