Am Sonntagmorgen sah ich vor den Fenstern rennende Menschen, und wie viele davon. War es ein sportliches Großereignis, war es eine Massenpanik? Sollte ich vielleicht einmal kurz in die Nachrichten sehen? Unsicherheiten am Morgen. Wenn man sich zu ungefährdet fühlt, wenn man zu selbstverständlich von gewöhnlichen Ereignissen ausgeht, das weiß man, gerade dann geht es schief, ist es etwas anderes, naht eben doch die Katastrophe.
Aber gut, da standen Menschen neben den Laufenden und Rennenden, neben den vor was auch immer Flüchtenden. Und sie hielten Pappschildchen hoch, betätigten hin und wieder Tröten und riefen der schnellen Truppe ab und zu etwas entgegen. Es war ein Marathon. Okay.
Später am Tag sah ich überall im Stadtbild die Humpelnden, die Gebeugten, die Gebresthaften und Versehrten, die Parade der Großereignis-Heldinnen. Schmerzverzerrte Gesichter, gekrümmte Haltungen, längst aufgegebene Frisuren und rotfleckige Gesichtshaut, als würden wir mit Mustern geboren werden. Einige wankten, eingehüllt in diese glänzenden Notfallfolien, in diese goldenen Rettungsdecken, zombiegleich und fernab der Laufstrecke durch die Parkanlagen. Sie wirkten seltsam orientierungslos dabei und erinnerten dann doch ein wenig an apokalyptische Szenen. Andere saßen auf den Bänken oder auf dem Rasen, guckten absichtslos in die Gegend und sahen aus, als hätten sie etwas von dem richtig guten Zeug genommen. Und zwar verdammt viel davon.
Die Hinfälligkeit der Figuren überwog aber im Eindruck. Postmarathonale Erscheinungen sind insgesamt nicht die beste Werbung für den Outdoor-Sport, könnte man meinen.
Aber! Kaum schreibe ich einen Text über die elende Frühjahrskälte, schon lassen wir sie hinter uns. Das Thermometer nahm es an diesem Tag ebenfalls sportlich und die Temperaturen mühten sich aufwärts. Wie die Radrennfahrenden bei den Bergetappen der Tour de France gingen sie es an, ich kann mich gegen Sportmetaphern gerade nicht ausreichend wehren. Es kam im weiteren Verlauf sogar zu Werten deutlich oberhalb aller angesagten Wahrscheinlichkeiten.
Es war also ein betont leistungsbezogener Sonntag in dieser Stadt. Entschlossen füllte die Bevölkerung sämtliche Parks und die Uferstreifen an Alster, Elbe und Bille. Man picknickte etwa in Planten un Blomen, gerade zum schönsten Park Deutschlands gewählt, man spielte auch mit Bällchen und Frisbees auf erstaunlich gründlich besonnten Rasenflächen. Man herzte und küsste sich, man lachte über freilaufende, tobende Kinder, welche aufgrund erster sommerlicher Wallungen die Zoomies hatten wie junge Hunde (den Fachausdruck FRAP, Frenetic Random Activity Periods, siehe Wikipedia, kannte ich nicht, aber man kann ihn sehr schön etwa auf das Management gewisser Firmen übertragen).






„Geht doch“, dachte ich zufrieden, während ich mir diese Generalprobe der Massenszenen für den Mai ansah, „da musste ich zwar wieder erst einen strengen, zurechtweisenden Text schreiben, aber es geht doch!“
Und dann ging zumindest ich plötzlich nicht mehr. Sondern stolperte vielmehr über ein Absperrungsdings am Rand des Marathongeschehens und zerlegte mir dabei einen Knöchel und auch das Smartphone. Hochmut/Fall, dies, das, man kennt es. Vor mittlerweile etlichen Jahren ist Isa einmal gestürzt, weil sie beim Gehen auf ihr Handy sah, und seit dieser Zeit denke ich dauernd, dass mir das auch einmal passieren könnte. Und dann denkt man das etwa fünf, sechs Jahre lang, schon ist es eine selbsterfüllende Prophezeiung. That was easy!
Andererseits schaffe ich es also, mich bei einer Sportveranstaltung zu verletzen, ohne auch nur daran teilzunehmen, und das muss man auch erst einmal hinbekommen. Immer auch das Positive und die Leistungen vermerken, es ist so wichtig.
Den Rest des Tages habe ich dann mit hochgelegtem Bein, schmerzmittelschluckend und kühlend verbracht, ab und zu Wehlaute von mir gebend und missmutig ahnend, dass ein Arztbesuch am Montag notwendig sein könnte.
Dann im Bett Thomas Bernhard gelesen, weil apropos Missmut, und das fand ich dann so geschickt und gelungen, da war ich so zufrieden mit mir und der Wahl des Buches („Wittgensteins Neffe“), dass es die Laune doch wieder hob.
Ob das aber im Sinne dieses Autors war – wohl eher nicht.
„Wie begegnen Sie Menschen, die Ihnen unsympathisch sind?“
„Möglichst gar nicht.“
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