Linkwerk zum Wochenende

Zunächst wieder die arte-Dokus, beginnend bei Kirk Douglas, dessen ukrainisch-jüdische Herkunft mir nicht bekannt war. „Der Unbezähmbare“ – die Titel der Folgen sind leider durch die Bank eher etwas platt. Aber egal.

Dann Charles Bronson, mit noch schlimmerem Titel (und schlimmeren Filmen, versteht sich).

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Hier eine Anmerkung zum Landblogging.

Hier weitere Ausführungen zum letzten Buch von Julian Barnes, das bei mir auch schon vorkam: „Abschied(e)“.

Und dann noch eine weitere Linksammlung der interessanten Art bei Heike Rost.

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Gehört habe ich eine Lange Nacht (159 Min.) über Maria Sibylla Merian – „Künstlerin, Forscherin, Weltreisende“. Was für ein Lebenslauf.

Außerdem höre ich ein weiteres Hörbuch aus der ARD-Audiothek. Ein Werk, das ich bereits kenne, aber das passt mir, wie bereits angemerkt, gerade gut: „Ungeduld des Herzens“ von Stefan Zweig, gelesen von Sylvester Groth und Matthias Ponnier. Ein Roman, in dem die feinen Herren der besseren Gesellschaft nach dem Abendessen „spargeldicke Zigarren“ im Salon rauchen, wenn das kein frühlingshaftes Bild ist.

Und ein Zeitzeichen (15 Minuten) vom WDR zu Janosch, der 95 wurde.

Beim SWR gab es 45 Minuten Diskussionsrunde zum Thema „Allmächtig oder überschätzt – Was kann KI wirklich?“.  Akademisch hochkarätig besetzt. Es ergaben sich für mich nicht unbedingt neue Gedanken, aber ich habe einiges noch einmal gerne mit diesen Expertinnen rekapituliert.

In der Reihe „KI – und jetzt?“ hörte ich die Folge (44 Minuten) mit dem deutschen KI-Pionier Wolfgang Wahlster, in der es um die Geschichte und Vorgeschichte der KI geht. Da werden noch Computer von Nixdorf oder Telefunken aufgezählt. Menschen meiner Generation werden hier und da Anknüpfungspunkte haben, die bei Jüngeren längst assoziativ nicht mehr zünden können.

Beim Hören fiel mir ein, dass damals, als ich im Büro anfing, der Leiter der EDV-Abteilung noch einen weißen Kittel trug, wenn er kurz vor Feierabend zur Datensicherung schritt … Und da ist sie wieder, die Frage, wie unfassbar lange her muss das denn sein?

Außerdem gab es noch zehn Minuten über KI-Übersetzungen am Telefon, sozusagen ein Babelfisch-Update: „Was funktioniert und was nicht?

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Für die Interessierten am Thema „Deutsche Nachkriegsliteratur in westdeutscher Ausprägung“: Beim SWR-Kultur-Forum ein Gespräch mit kundigen ExpertInnen über Siegfried Lenz (45 Minuten).

Am Rande kann man vielleicht beachten und dabei einen Bogen zur eben verlinkten KI schlagen, dass in dieser Sendung nebenbei erwähnt wird, dass StudentInnen keine Bücher mehr lesen, schon gar nicht so dicke wie etwa „Die Deutschstunde“ von Lenz. Dass man daher nur über die Notlösung des Hörbuchs überhaupt noch zu Ergebnissen kommen kann.

O tempora, o mores, aber was nützt es. Es ist gar nicht lange her, dass ich diese Deutschstunde selbst noch einmal gelesen habe, mit weitem Abstand zum ersten Mal. Und mir erschien es nützlich und erhellend, diesem Buch nach vielen Jahren noch einmal einige Stunden zu widmen.

Aber apropos Lenz. Wenn Sie die Hamburger Innenstadt besuchen können, dann machen Sie doch einmal einen kleinen Abstecher in die Diele des Rathauses. Dort stellen gerade Illustrationsstudierende der HAW ihre Werke aus, die sich auf den Lebenslauf und das Werk von Lenz beziehen. Hier die Hinweisseite der Siegfried-Lenz-Stiftung dazu.

Der Besuch ist kostenlos, bis 6. April läuft die Ausstellung noch.

Eine Illustration zu Lenz

Eine Illustration zu Lenz

Eine Illustration zu Lenz

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Auf ein erst im November erscheinendes Tribute-Album für Shane MacGowan (mit u. a. Tom Waits, Steve Earle, Primal Scream …) kann man sich mit einem Song schon einstimmen. Bruce Springsteen hat mit seinem Beitrag vorgelegt (mehr dazu im Rolling Stone).

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Wachablösung

Vorweg ein Dank für die freundliche Zusendung von „Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares“ von Fernando Pessoa, welches auf dem Wunschzettel stand. Das Buch gehört bekanntlich in so gut wie jeden Haushalt (siehe Wikipedia zum Werk), es befand sich aber aus ungeklärter Ursache nicht mehr in diesem hier. Vor Jahren vielleicht verliehen, verschenkt oder verlegt, egal, Hauptsache, ich habe wieder ein Exemplar. Herzlichen Dank!

Das Buch der Unruhe von Pessoa

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Dann reiste die Herzdame nach einem unvermeidlichen Trip beruflicher Art wieder auf Eiderstedt an. Wir spielten am Donnerstagnachmittag also den nächsten fliegenden Wechsel durch, die Wachablösung auf Eiderstedt. Immerhin etwas weniger zeremoniell und deutlich flotter sowie informeller als vor königlichen Palästen.

Ich wies sie nur noch kurz darauf hin, dass mir dort zwischenzeitlich ein weiterer Jugendlicher im Alter von Sohn II zugelaufen war. Der ebenfalls mit Begeisterung bei den Schafen half, der von ihm spontan unter „Kumpel“ einsortiert wurde und der dann auch problemlos bei uns übernachtete. Und auch noch etwas bleiben wird.

Das kommt bei Teenagern noch recht oft vor, dass sich ihre Anzahl derart spontan ändert. Im Alter wird man in dieser Beziehung deutlich verlässlicher. Wenn ich etwa allein reise, dann komme ich auch mit großer Sicherheit allein wieder an. Darauf kann man mittlerweile bauen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass sowohl bei der Herzdame als auch bei mir das Netz über einen längeren Zeitraum auf der Halbinsel tadellos stabil war. Zum ersten Mal war das so, in dieser digital etwas vernachlässigten Gegend, wenn man es milde ausdrücken möchte.

Dass wir beide dort also normal arbeiten konnten, mit Video-Calls und allem, dass wir gewöhnliche Werktage hatten. Nur habe ich bemerkt, dass sich einige Probleme doch etwas anders anfühlen, wenn man zwischendurch einfach aufstehen und nach einem anstrengenden Meeting oder nach einer kopfschmerzbewehrten Mail kurz in den Stall gehen kann. Wo der Sohn gerade einem Lamm, das von der Mutter nicht angenommen wurde, die rettende Flasche gibt.

Oder mal eben auf die Landstraße, wo links nichts ist, wo rechts nichts ist. Wo nur Fennen und Gräben sind, eine Handvoll Strommasten noch und dazwischen enorm viel Raum für Notizen.

Ein Lamm, schon ein paar Tage alt

Ein Schaf mit Lamm, gerade geboren

Ein Schafporträt

Ein Schafporträt

Ein Schaf, das versucht, aus seiner Box im Stall zu kletternEin Hahn auf dem Bauernhof

Das ist nahe an diesem neuen Prinzip, das unter dem eher furchtbaren modernen Namen Workation bekannt ist. Kenne ich das jetzt also auch. Und denke mir bilanzierend: Okay, kann man machen.

Es ist am Ende vielleicht sogar etwas, das ich öfter als Möglichkeit im Sinn haben sollte. Zumal ich doch meist nur bescheiden im Umfeld verreise, wie es etwa auch die Landlebenbloggerin hier beschreibt. Ich könnte zur Not jederzeit nach Hause oder in die Firma zurück, wenn etwas nicht klappt. Ich reise oft so, dass es für viele andere gar nicht unter „Reisen“ fallen würde. Eher unter Ausflüge, und das klingt dann schon weniger beeindruckend.

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Ich hole ansonsten auf Eiderstedt am Abend noch etwas nach, ich sehe mir den Paten (Teil I) von Coppola endlich einmal wieder am Stück an. Trotz der mich anstrengenden Überlänge und obwohl es für mich ungewohnt spät wird. In der letzten Zeit wurden mir oft Splitter aus diesem Film auf Instagram etc. gezeigt, Szenentrümmer und Best-of-Zitate und ikonische Momente, ich bekam dann doch Lust auf das Originalwerk.

Es hat sich wieder gelohnt, es ist und bleibt ein sehr guter Film. Es verhält sich wohl ein wenig wie bei den Büchern, fiel mir dabei auf. Ich habe mehr und mehr Lust, meinen Genuss an den aus meiner Sicht großen und ganz großen Werken zu steigern und ihn, wenn ich dazu denn intellektuell überhaupt in der Lage bin, durch wiederholtes Konsumieren nach Möglichkeit auch noch etwas zu verfeinern. Immer öfter und deutlicher übersteigt diese Lust jene andere, die mich zu neuen Genüssen treibt, zum Herumsuchen und zum forschenden Probieren und Vagabundieren. Sie werden mir im besten Fall so etwas wie die seelische Heimat, diese Kulturprodukte, auf die ich aus freien Stücken wieder zurückkomme, so kommt es mir vor.

Mit anderen Worten, mein Lieblingsort auf dieser Welt ist womöglich gar nicht auf Karten verzeichnet. Er liegt vielleicht eher irgendwo in der Gesamtausgabe von Fontane. Um nur ein Beispiel zu nennen, es wären auch andere denkbar.

Aber so viele auch wieder nicht.

Eine schwarze Katze im Heu

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Irgendwo pfiff ein Zug

Am Abend liege ich im Bett und höre mir lange, gründlich und konzentriert die Eiderstedter Stille an.

Eine Landstraße auf Eiderstedt

Diese Stille, in der nächtelang niemand hupt. In der sich niemand lauthals mit anderen herumstreitet, weder um Geld noch um Drogen oder Liebe, auch nicht um den Rest der Nacht. In der keine leeren Flaschen auf dem Gehweg zerklirren und niemand volltrunken Flüche in die Nacht schreit. In der auch kein Rettungshubschrauber über unser Dach fliegt und niemand im Vorbeifahren bei offenem Autodach in schier unfassbarer Lautstärke Musik hört.

Das ist im Unterschied zur Hamburger Wohnung dann auch ab und zu erholsam und nützlich, so in der Ruhe zu liegen. To rest in peace, noch ohne Ewigkeitsanspruch, aber doch für drei, vier Nächte immerhin. Es ist nützlich, schon um mich weiter jederzeit erinnern zu können, dass es das tatsächlich gibt, diese Stille. In der einem nach einer ganzen Weile erst der Wind auffällt, der an den Dachkanten doch ein wenig zu hören ist. Der dort leise, so leise ein wenig heult. Wie ein kleines Windkind, das noch übt. Oder ein leises Knarren fällt auf, irgendwo auf dem Dachboden, weiter weg in diesem großen, alten Haus. Dann ein Rascheln, vermutlich von kleinen oder von winzigen Tierchen. Ein Nagen vielleicht, ein huschendes Trippeln auf dem Kies vor dem Fenster. Solche Geräusche, welche die Stille nicht stören, sondern eher angenehm zu illustrieren scheinen.

In Hamburg dagegen, ich habe es in der letzten Woche wieder zu deutlich gemerkt, als es dort überraschend so warm war, dass es vorgezogene Sommernächte gab, geht es so weiter, dass die Belästigung durch nächtlichen Lärm mit jedem weiteren Jahr zunimmt. Und das liegt, ich habe das ausreichend verprobt, keineswegs nur daran, dass ich im Alter empfindlicher werde, wie es bei so vielen der Fall ist. Nein, es liegt tatsächlich daran, dass die Welt immer weiter durchdreht. Es liegt auch daran, dass das Elend in der Mitte der Millionenstadt immer weiter zunimmt. Bei uns besonders das Drogenelend, und dieses Elend ist manchmal eine besonders lautstarke Angelegenheit.

Das ist die eine Seite der Unruhe, der Minuspol gewissermaßen. Und auf der anderen, im Plusbereich, ich habe das schon öfter notiert, der stets fröhlich und selbstbewusst sein sollende Lärm der immer größer werdenden „Freiheit, Freiheit“-Fraktion. Die sich jederzeit auf alle denkbaren Arten bemerkbar machen möchte. Ungebremst durch irgendwelche aus ihrer Sicht veralteten Verhaltensregeln, jederzeit beliebig herumjohlend, wenn ihnen gerade danach ist, denn sie benehmen sich ja „authentisch“.

Und wenn sie getrunken haben, was zu ihrer Freiheit selbstverständlich oft genug gehört, dann ähneln ihre Geräusche, Schreie und Rufe denen des Elends ganz verblüffend. Es kommt dann auf den Straßen um unser Haus zu Überschneidungen zwischen den beiden Spuren im Soundtrack der Stadt, über die man noch länger nachdenken könnte. Oder man kommt zu einer weiteren Hufeisen-Theorie, so kann man es vielleicht auch sehen.

Schon an diesen ersten warmen Tagen im März eskalierte der Lärm vor der Haustür jedenfalls bedenklich und erheblich. Sicher deswegen, weil solche netten Temperaturen eben auch gefeiert werden mussten. Der Hals-über-Kopf-Frühling, der Aperol und die Folgen.

Warum aber ausgerechnet die Straßenecke vor unserem Haus für Outdoor-Beziehungskrisen weiterhin dermaßen beliebt ist, es ist mir nach wie vor unverständlich.

Sicher, man kann um diese Ecke herum bestens theatralisch abgehen (und nach zwei Minuten auch wieder reuig auftauchen), aber das kann man doch an den meisten anderen Ecken in dieser Stadt auch. Warum nun streiten sich dermaßen viele Paare ausgerechnet hier über das Ausmaß ihrer Liebe. Über die großen Dramen von Betrug und Verrat, über „Dann geh doch!“ und dergleichen. Ich verstehe es nicht, und ich werde es wohl nie verstehen, wie ich mittlerweile denke. Nachdem es mich seit Jahren verwundert, was da passiert.

Aber wie auch immer. Im Eiderstedter Bett liege ich nun und höre der Stille zu. Ab und zu höre ich das seltsam altmodisch klingende Pfeifen eines Zuges in der Ferne.

Eine Landstraße auf Eiderstedt

Züge pfeifen heute gar nicht mehr in dieser Dampflokomotiventonlage, fällt mir dann ein, außerdem fahren hier keine Züge. Schon mangels Schienen nicht, die doch ziemlich weit weg liegen. Was ist das für ein Geräusch?

Ich finde es nicht heraus. Es ist eine Art Zugpfeifen, das aus Zeit und Raum gefallen ist. Laut ist es nicht, dieses Pfeifen in der Ferne, es stört nicht. Eher trägt es hinüber ins Traumland.

Ein Graben zwischen Fennen

Ein Graben zwischen Fennen, Spätnachmittagslicht

Ein Gatter an einer Fenne

Im fernen Pfeifen liegt so etwas wie leise Sehnsucht, darauf wurden wir alle durch viele Filme konditioniert. Mir fällt die französische Version von „500 Miles“ ein, „J’entends siffler le train“, hier gesungen von Franco Battiato. Trefflich wehmütig, stilvoll sehnend, recht ruhig.

Das kann man auch leise in der Stille hören, dieses Lied, es stört die Nacht kaum.

„J’ai pensé qu’il valait mieux
Nous quitter sans un adieu
Je n’aurais pas eu le cœur de te revoir

Mais j’entends siffler le train
Mais j’entends siffler le train
Que c’est triste un train qui siffle dans le soir.“


Das Lied ist jünger, als ich angenommen hatte, lese ich dann nach. 500 Miles wurde 1961 von Hedy West geschrieben oder eher aus unklarer Quelle in die Gegenwart geholt. Ihre eigene Version kennt man vermutlich nicht, die ist längst untergegangen, wie auch ihr Name keine Berühmtheit mehr ist. So klang sie:

Berühmt wurde der Song erst durch die unzählbar oft gespielte Cover-Version von Peter, Paul and Mary, die vermutlich alle kennen:

Auf der legendären Liste der 100 wichtigsten Country-Songs, die Johnny Cash seiner Tochter gab, stand dieser Song auch. Wie sie hier kurz berichtet, und dann die Nachfolge singend antritt:

Den etwas schrägen Alt-Country-Star Micah P. Hinson hatte ich vor einer Weile schon mit diesem Lied. Er treibt die Traurigkeit darin so weit, wie sie in kaum einer anderen Version zu hören ist.

Als hätte er sie freigestellt, diese Traurigkeit, so klingt das. Weiter weg von der Geliebten kann dieser Zug kaum noch fahren, dessen Pfeifen man da in der Ferne gerade noch hört.

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Porträt des Autors als Nebelflieger

Eine neue Erfahrung habe ich hier noch zu verzeichnen. Eine, die ich hier auf Eiderstedt bisher nicht gemacht hatte, obwohl wir doch seit, was weiß ich, dreizehn Jahren oder so herkommen. Und auch zu verschiedenen Jahreszeiten. Seit irgendeiner Zeit jedenfalls kommen wir, in der Sohn II noch nicht größer als ein Schaf war. Und natürlich meinen wir, wie alle Touristen, die einen Ort mehrfach besuchen, alles hier besonders gut zu kennen, längst alles aufsagen zu können, Topchecker zu sein. Dem ist aber nicht so, und vermutlich wird dem auch nie so sein.

Im dichten Nebel über eine Landstraße im Koog gehen jedenfalls. Also in einem Nebel, so dicht, so kompakt und alles so eng umhüllend und begrenzend, meine ich, den Erzähler so gründlich und weltentrückt in der Landschaft vereinzelnd, wie es in der Großstadt gar nicht vorkommen kann. Nicht einmal am Hamburger Hafen. Und dabei dann von einer eilig reisenden Wildgansformation passiert werden. Von einem Vogeltrupp, den ich in der grauweißen, zum Schneiden dicken Luft am frühen Morgen aber nicht sehen kann. Nicht einmal schemenhaft.

Keinen einzigen Vogel kann ich erkennen. Überhaupt nichts ist zu sehen, abgesehen von dem dichten Dunst über dem Weg und den Weiden, die ich nur neben mir ahnen kann. Aber diese großen, lauten Vögel hören sich vollkommen überzeugend so an, als seien sie nur etwa einen Meter über mir. Vielleicht auch eher neben mir und dabei zum Greifen nah. Man erkennt im Nebel die Richtung der Töne nicht, man verschätzt sich auch bei der Lautstärke. Sie kommen von überall, die rauen Rufe, sie kommen von nirgendwo, sie scheinen in meinem Kopf zu entstehen, ich habe Wildgänse im Hirn.

Mir ist auf einmal, als sei ich mitten in diesem reisenden Trupp, denn genau so klingt es für mich. Als sei ich zwischen ihnen, als sei ich im Vogelzug, und streckte ich jetzt meine Arme nur weit genug aus, ich würde sicher Federn streifen.

Oder ich würde abheben, wer weiß.

Es wird mir für einen kurzen Moment fantastisch und angenehm nostalgisch spinnert zumute. Denn man hat ja seine Lagerlöf doch gründlich genug gelesen in der Kindheit, die lange Geschichte von der Reise mit den Wildgänsen. Also zumindest in meiner Generation hat man das noch, bevor es auch diesen Roman irgendwann als japanische Zeichentrickserie gab und niemand mehr das Buch angefasst hat. Das auch durchaus nicht gleichmäßig spannend war, meine ich noch zu wissen, dass dabei aber aus Kindersicht ungeheuer dick war und voller nicht endenwollender, seitenlanger Landschaftsbeschreibungen. Die immerhin auch der ursprüngliche Zweck des Werks waren, es sollte ungemein bildend sein.

Während all dieser mich der Wirklichkeit enthebenden Gedanken gehe ich in Wahrheit aber nur einmal kurz um den Hof herum. Stehe ich nur eben einen Moment nahe der Einfahrt auf der Straße herum, um mir noch schnell etwas frische Luft vor dem Home-Office zuzuführen. Während dieser Ideen und Erinnerungen ist also der Radius meines Alltags weiterhin äußerst überschaubar, auch wenn er gerade überraschend für einige Tage aus Hamburg heraus verlegt wurde. Diese kleine Reise also hin oder her, ich kreise doch stets weiter um Schreibtische, auch wenn sie manchmal woanders stehen. Und ich finde das weitgehend auch richtig so, versteht sich.

Aber mit einem Bein oder eher mit beiden Armen mitten im Vogelzug – das ist schon auch schön.

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Allerdings lässt sich Nebel ungern fotografieren, wenn er sehr dicht ausfällt. Ersatzweise andere Landschaftsbilder, bei denen man ihn in der Ferne ahnen kann, den Nebel. Wie er da weiter hinten gerade Kräfte sammelt und heranzieht.

Ein Gatter und Fennen im Abendlicht

Ein Graben zwischen Fennen im Abendlicht

Fennen im Abendlicht

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Erinnerungen, die man nicht haben kann

Beeindruckend jedenfalls, und immer wieder ist es eine etwas wehe Erfahrung, wie gut die Luft hier auf Eiderstedt ist. Besonders natürlich, wenn man gerade aus der Mitte der Millionenstadt anreist und zum ersten Mal zwischen den Weiden steht und in die weitgehend leere Gegend guckt und durchatmet. Kaum zu beschreiben, wie anders es sich hier atmet. Wie man unwillkürlich ab und zu tiefer und dann sogar noch tiefer einatmet, als sei man, was weiß ich, in einem Yoga-Seminar oder bei irgendeinem Kurs mit Achtsamkeit. Nicht dass ich da nähere Kenntnis hätte, ich stelle mir nur etwas vor.

Seltsam konzentriert jedenfalls atmet man dann vielleicht. Weil dieses Zeug, das sie hier auch einfach nur Luft nennen, so verlockend ist. Und weil man mehr von dem richtig guten Stoff haben möchte. Weil man ihn in sich haben möchte, etwa so, als könnte man etwas davon auf Vorrat konsumieren. So dermaßen gut ist diese Nordsee- und Weiden-Luft hier, dass wohl ein seltsames Bild passt: Man möchte sie nicht nur atmen, man möchte sie auch essen.

Graben zwischen Fennen am Abend

In alle Himmelsrichtungen also nichts als Gegend. Flach bis zum Horizont liegen die noch etwas wintermatt wirkenden Fennen, wie die meist noch leeren, nur vereinzelt mit Schafen besetzten Weiden hier heißen. Dazwischen die langen, gerade gezogenen Gräben, in denen sich der Himmel am Abend metallen spiegelt, blank, dunkel und bläulich kalt. Etliche Frösche in diesen Gräben, die sich am Nachmittag warnend etwas zurufen, wenn jemand wie ich vorbeikommt. So ein verdächtiger Zweibeiner, so ein flügelloser Storch.

Dann das glucksende Platschen, wenn sie sicherheitshalber abtauchen. Immer wieder plätschert es kurz, es begleitet einen, wenn man dort entlanggeht. Ein freundliches Geräusch ist das, seltsam an alte Zeiten erinnernd, an Landeinsamkeiten, die ich so gar nicht erlebt haben kann. Viele Jahrzehnte zurückreichend in die Geschichte und auch in die Geschichten.

Fennen am Abend

Der Sohn hatte hier einen Moment, da kam er gerade aus dem Stall, nachdem er dort große Mengen Heu verteilt hatte. Er ging über den Hof und auf seine Mutter zu, die gerade auf dem Rasen vor dem Haus weiße Laken auf eine Wäscheleine hängte. Weiße Laken, in die gleich der Wind von der See her hineinfuhr, sie versuchsweise wie Segel zu blähen. Und dieser Moment, diese kurze Szene, das merkte dann der Sohn und erzählte davon, das war ebenfalls so etwas, das hätte auch aus einem anderen Jahrhundert sein können.

Da war auch ihm vielleicht, als würde er sich erinnern, wo er sich gar nicht erinnern kann.

Ein Mutterschaf mit zwei Lämmern auf der Weide

Über einem, wenn man hier im März übers Land geht, kreuzt der große, der ganz große Vogelzug in riesigen Schwärmen oder in zahllosen kleineren Trupps durch den Himmel. In Großfamilien und Verbünden aller Art fliegen sie, auch einige Alleinreisende sind darunter. Laut schnatternd und schreiend dabei, manchmal auch geräuschlos und ernsthaft vorwärtsstrebend. Einige hoch piepsend, manche schrill lärmend und einige mit Geräuschen, die man gar nicht recht einsortieren kann. Vielleicht hat man sie auch tatsächlich noch nie gehört, diese Vogellaute, denn was mögen das alles für Arten sein. Vögel sind darunter, und wenig sind es nicht, die hier gar nicht bleiben, nicht einmal in der Nähe. Die von weit herkommen und noch viel weiter wegwollen. Für die das hier nur irgendeine Etappe ist, ein kurzer Halt im Wattenmeer.

Ein offenes Gatter an einer Fenne im Abendlicht

Manchmal kurz im Gras landende, manchmal alarmiert und überstürzt aufsteigende Geschwader. Dann wieder wie neugierig kreisend in zwei, drei Runden über den einsamen Höfen zwischen den Fennen oder auch in weit ausholenden, langgezogenen Kurven über die große Halbinsel und das Wattenmeer hinweg, an der Küste entlang oder ins Landesinnere abschwenkend.

In Kurven fliegen sie da, die einer Logik folgen, die weit über uns ist.

Millionen dieser Zugvögel sind es, die hier durchkommen. Einen Bruchteil davon sieht man nur. Wenn man sich nur genug auskennen würde, man könnte hier von März bis Mai oder auch später im Herbst, im September oder Oktober, die immer viel zu kurze Liste der bisher im Leben erkannten Arten erheblich vervollständigen. Namen um Namen könnte man dazuschreiben, fantastisch klingende Vogelnamen, von denen man noch nie vorher etwas gehört hat. Stolz wie Bolle wäre man vielleicht dabei, im Grunde aber ahnungslos verbleibend wie immer.

Was können wir davon schon verstehen, was da oben los ist.

Eine Ecke eines Reetdachhauses mit Schild: Möhlendieck 16

Jacques Brel sang zwar damals von einer anderen Gegend an der Nordsee, vom Flanderland etwas weiter im Süden. Aber es gibt doch Ähnlichkeiten in der Landschaft, es gibt auch das gleiche Meer da vorne. Es gibt eine ähnliche Stimmung auf der Halbinsel Eiderstedt, in Nordfriesland, und es gibt Zeilen im Lied, die kann man auch von hier aus gut mitsingen, wenn gerade niemand zuhört.

Le plat pays“ (Wikipedia-Link) hieß das Lied auf Französisch, aber er hat es auch in einer flämischen Version aufgenommen, „Mijn vlakke Land“.

Noch zwei Versionen in deutscher Sprache. Zum einen die von Klaus Hoffmann, von dem Album, das ich als Jugendlicher besaß, sehr mochte und so irrsinnig oft gehört habe, wie es damals eben üblich war. In jenen analogen Zeiten mit dem begrenzten Vorrat im Plattenregal.

Zum anderen die Version von Hildegard Knef. Beide drücken eine jeweils eigene, sich deutlich unterscheidende Stimmung aus, auch im Text weichen sie voneinander ab.

Wenn ich mich richtig erinnere, war es Ella Fitzgerald, die Hildegard Knef in der Zeit, in der sie am Broadway auftrat, als „die beste Sängerin ohne Stimme“ bezeichnet hat. Daran musste ich bei diesem Lied wieder denken, besonders bei der letzten Strophe.

Und bei Klaus Hoffmann die jugendlich kraftvolle Stimme bei diesem legendären Konzertabend, mit der das Anschwellen der letzten Strophe besonders gelungen und überzeugend klingt, wenn es endlich um den erlösenden Südwind geht.

„Wenn ein Hauch aus dem Süden mit dem Meer herbeiwandelt

Und wenn Greta, die Blonde, sich in Carmen verwandelt

Wenn die Söhne des Windes erwachen im Mai

Wenn die Ebene strahlt und vibriert für Julei …“

 Ich mag es immer noch, dieses alte Album.

 

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Alles außer Freitag

An den Freitag der letzten Woche kann ich mich nicht erinnern, vielleicht gab es in der Woche gar keinen Freitag. Man kann auch nicht immer auf alles aufpassen, denke ich mir. Und was ist schon ein Freitag von den Tausenden, die man so zugeteilt bekommt. Auch einmal gelassen etwas entbehren können! Die Tage ungezählt und unbenannt an sich vorbeiziehen lassen. So wie der Buddha unter dem Feigenbaum die Gedanken, und das ist dann auch Urlaub.

Am Sonnabend das Konzert von Fortuna Ehrenfeld im Mojo. Zum ersten Mal seit Jahren wieder an einem Samstagabend auf der Reeperbahn, da weiß man auch gleich wieder, warum man das sonst eher meidet.

Leuchtende Herzchendekoration auf der Reeperbahn in der Nacht

Unerwartet stand ich da dann als Einzelbesucher vor der Bühne, das war anders geplant und gewünscht, ließ sich aber nicht mehr anders einrichten. Die Umstände, die Sonderplanungen, die Ereigniskarten des Lebens. Das macht mir normalerweise auch nichts aus, ich bin oft und auch gerne solo irgendwo. Allerdings war ich, wo ich mich auch hinstellte, dort hartnäckig von frühlingstollen, musikbeseelten, knutschenden Paaren umgeben. In einer Häufigkeit, die ich nach einer Weile doch etwas anstrengend fand, und obwohl die stark dargebotene Konzertleistung eher die schnelleren, lauteren Stücke betonte und gehörig rockte, gar nicht hauptsächlich kuschelig war.

Die Tanzenden Türme auf der Reeperbahn bei Nacht

„Und alles fliegt dir zu …“, singt Martin Bechler. Das Gefühl hatte ich an diesem Abend dann eher nicht. Andererseits bin ich mir auch nicht sicher, ob ich etwa mit mir zufliegenden Herzen etwas anzufangen gewusst hätte. Immerhin aber ging ich nach sehr gutem Konzert durch eine Nacht nach Hause, jackenlos und clubgewärmt, die fast schon als laue Sommernacht durchging, mitten im März.

Lächelte dann in der U-Bahn beim Rekapitulieren von Textzeilen eher versehentlich eine fremde Frau an, und die lächelte prompt zurück, bevor sie ausstieg. Immerhin.

Dann gab es etliches Organisatorisches zu besprechen und zu klären. Man entkommt dem immer nur bedauerlich kurz, also ich jedenfalls. Dann gab es so einen Behördenbrief im Briefkasten, bei dem man nach der Lektüre neue Blutdruckmedikamente braucht und außerdem jemanden hauen möchte, auch als eher friedfertiger Mensch. Man würde eben etwas weniger weit ausholen als die normalen Hooligans.

Schließlich umfassendes Umplanen und gründliches Abwägen und Diskutieren mit der Herzdame und längeres Klären der Möglichkeiten. Gedankliches Hin und Her und dann das Heraussuchen eines Zuges.

Eine Zugfahrt am Sonntag in Richtung Nordwest zum Abgewöhnen. Wobei ich gefühlt nur alle zehn Fahrten einmal Pech habe. Unterm Strich empfinde ich das noch als zumutbar und bleibe dem Verkehrsmittel treu. Diesmal aber – meine Güte. Volltrunkene Fußballfans, angeheiterte Damenrunden aus der Piccolo-Fraktion und Senioren mit E-Bike und zehntausend Zubehör- und Gepäckteilen, die sie alle aggressiv bewachten und verteidigten: „Sie sind eben dagegen gekommen! Gehen Sie weg!“

Blick aus dem Zug auf den Nord-Ostsee-Kanal

Aber auch eine Zugbegleiterin, die einem ahnungslosen Fahrgast den Umgang mit einer Ticket-App in einer solchen Engelsgeduld erklärte, dass daraus fast ein kompletter Volkshochschulkurs über das Smartphone für Senioren wurde. Wobei sie unentwegt beruhigend auf den tendenziell hektischen, etwas panischen, fahrigen Menschen vor sich einredete, bis es alles tatsächlich funktionierte und auch schön bestätigende Geräusche machte. Obwohl zwischendurch kein Mensch mehr unter den unfreiwillig Zuhörenden ringsum im Waggon war, der ernsthaft glaubte, dass die beiden da jemals zu einem Ergebnis kommen konnten. So lang war der geistige Anfahrtsweg, dermaßen weit wurde immer wieder ausgeholt.

Sie kamen aber ins Ziel. Nach über 15 Minuten erst, aber so ist das manchmal. Ankommen ist alles. Diese Frau jedenfalls besser mal abwerben für ein Lehramt anderswo, eine Pädagogin erster Klasse.

In Husum stieg ich erleichtert aus dem Zug und staunte kurz über den immer noch heruntergekommenen Bahnhof, an dessen maroden Bahnsteigen man auch Filme über die Ostblockvergangenheit anderer Staaten drehen könnte. Die Kulisse passt dort schon.

Und nun bin ich unerwartet und auch nur für kurze Zeit wieder inmitten von ungeheuer viel Gegend auf Eiderstedt. Wo ich die bei meiner Ankunft umgehend losfahrende Herzdame in der Betreuung von Sohn II ablöste, der hier weiter und mit ungeahnter Begeisterung als Geburtshelfer bei den Schafen arbeitet. Etwa 120 Geburten stehen noch aus, 120 Lämmer sind noch auf die Welt zu holen. Es gibt reichlich Arbeit für ihn und ich denke, er lernt auch viel dabei. Und zwar bei Themen, die zum analogen Großtrend recht gut passen.

Einsame Straße auf Eiderstedt

Die Herzdame aber musste dringend auf Dienstreise. Weswegen ich zum ersten Mal hier bin, ohne Urlaub zu haben. Home-Office auf dem Hof, nicht Agrotourismus, sondern Agro-Office. Es ist meine Premiere.

Die Schafe blöken mir am Vormittag energisch motzend in die Calls, ein Hahn kräht aufgeregt alarmiert in höherer Tonlage drüber hinweg. Ich muss mich dermaßen zusammenreißen, daraus nicht pausenlos entsprechende Scherze über die Welt der Konzern-Jobs und der zu langen, zu häufigen, zu sinnlosen Meetings zu machen.

Sie können mir schon glauben, ich habe es auch nicht immer leicht.

Ein Mutterschafporträt im Stall

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Drei Filme und die Möglichkeiten

Dann gab es im spontanen Kurzurlaub einen Filmtag für mich. Mir war gerade überraschenderweise so, und nichts hielt mich auf. Wehe, wenn sie losgelassen, man kennt das. Ich sah daher drei Wes-Anderson-Filme fast nacheinander weg. Von denen ich die ersten beiden schon kannte, aber das machte in diesem Fall nichts. „The Royal Tenenbaums”, „The Grand Budapest Hotel” und „The French Dispatch”. Mit dem letzten konnte ich eher wenig anfangen, vielleicht war es auch einfach ein Film zu viel. Die ersten beiden bleiben auf „gerne wieder“.

Es war mir bis zu diesem Tag allerdings nicht bewusst, wie sinnvoll es sein kann, Wes-Anderson-Filme direkt nacheinander wegzugucken. Ich weiß es jetzt, diese Versuchsanordnung hat sich bewährt. Man hat doch einige Erkenntnisse, was die Kulissen, die Farben, die Mode etc. betrifft, den Bildaufbau und das Erzählen mit visueller Verführung und Überwältigung.

Dass sich etwa, um nur ein Detail zu nennen, eher abgefahrene, knallige Farbkombinationen in der Herrenmode von Film zu Film invertiert wiederholen, dass da also etwa Sakko und Rollkragenpullover in Kardinal-Lila und Cognac einmal die Farbrollen durchtauschen, das wäre mir sonst selbstverständlich nicht aufgefallen. Aber es macht doch erheblich Spaß, so etwas zu bemerken. Als sei man ein Filmkenner besonderer Güte. Ein Gedanke, der bei mir ansonsten natürlich vollkommen abwegig ist.

Jedenfalls war ich erneut mit der mir ausgesprochen einladend vorkommenden Verrücktheit der Anderson-Produktion weitgehend einverstanden. Wie auch beim ersten oder zweiten Sehen schon.

Abendlicht in der Speicherstadt

Wenn man allerdings nach drei solchen Filmen durch eine Stadt wie Hamburg geht, die also aus Mangel an allgemeiner Ambition bisher noch nicht durchgehend und in jedem Detail als Kulisse für solche oder ähnliche Filme optimiert worden ist, dann fällt einem doch vehement auf, was man da alles noch geraderücken müsste. Was man alles ordentlicher, symmetrischer oder zumindest irgendwie gefälliger arrangieren und vor allem etwas farbiger, peppiger gestalten könnte. Und dabei war ich an diesem Tag nicht einmal in der Hafencity. Wenn man sich vorstellt, was man da alles machen müsste, um auch nur eine Szene in diesen Kontexten drehen zu können! Ein anstrengender Gedanke, eine städtebauliche Herausforderung. Aber andererseits auch nicht ohne Reiz.

Immerhin, und es ist diesmal kein geringes Immerhin, erkannte ich, als ich über diese Fragen gerade nachdachte, bei einem zufälligen Blick auf meine Spiegelung im Schaufenster eines Ladens für Deko, Klimbim und Oster-Artikel, eine Art von besonders passender, Bill-Murray-mäßiger Müdigkeit in meinem Blick. Auch die passende Körperhaltung dazu sah ich. Ich hätte stehenbleiben und meinem Spiegelbild eine passende Dialogzeile aufsagen mögen, so kompatibel zu den gerade gesehenen Filmen sah das aus.

Aber es waren natürlich überall Leute um mich herum, wie in der Hamburger Innenstadt nicht anders denkbar. Da spricht man lieber nicht laut mit seiner genau passend resignativ wirkenden Schaufensterspiegelung und gratuliert sich zur stimmigen Erscheinungsform.

Contenance! So wichtig.

Den Instagram-Account „Accidentally Wes Anderson” kennen alle schon, nehme ich an? Ich verlinke ihn hier daher nur sicherheitshalber, falls doch noch zwei, drei Interessierte etwas verpasst haben sollten.

Das Prinzip würde aber auch mit Texten zu gebrauchen sein, fällt mir gerade noch auf. Es wäre ohne weiteres etwa in Blogs als Rubrik denkbar. Als naheliegend kommt einem sofort „Accidentally Kafka“ in den Sinn. Die passenden Beispiele dazu kennen wir alle.

Aber schöner und interessanter wären wohl Varianten, die darüber hinausgehen würden, „Accidentally Wolf Haas“ etwa. Noch weiter gedacht ist man vermutlich schnell bei Literatur-Insidern, aber warum sollte man da nicht sein. Und könnte also etwa beim Aufschimmern von Themen wie Religion oder Schuld „Accidentally Graham Greene“ verwenden oder bei einer lakonischen Schilderung gewöhnlich erscheinender Abläufe, bei denen man dennoch irgendwie Tiefe und Abgrund ahnt, „Accidentally Raymond Carver“ und dergleichen.

Der Möglichkeiten so viele, der Stunden so wenig.

Abendlicht in der Hafencity

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Klassiker, Kaffee und Katholiken

Im weiteren Verlauf des Mittwochs, ich falle wieder zurück, ging ich am Vormittag in einen Coffeeshop, um dort zur Unzeit Kaffee und Kuchen zu mir zu nehmen, noch bevor andere auch nur beim Frühstück angekommen waren. Wenn schon aus dem Alltag fallen, dann gleich richtig.

Auf dem Weg dorthin ging ich routinemäßig an den öffentlichen Bücherschränken um die Ecke vorbei. In denen man übrigens Aussortierwellen beobachten kann, die in einem faszinierenden Zusammenhang zu den vorhergehenden Bestsellerwellen stehen müssen.

Man kann es sich vielleicht als langsames, kaum noch sichtbares Auslaufen einer großen Verkaufswelle vorstellen, wenn die Werke, die einst in den Buchhandlungen auf hohen Sonderstapeln lagen, hier mit einer gewissen Häufigkeit anlanden. Und damit womöglich ein letztes Mal verräumt werden. Weil sie längst durchgelesen sind, weil sie vielleicht auch inhaltlich abgelaufen und tendenziell ungültig geworden sind.

Aber das muss gar nicht so sein. Vielleicht sind sie auch zu geschätzten, modernen Klassikern geworden. Aber wie es bei Klassikern so ist – nicht viele Menschen lesen Klassiker heute noch mehrfach. Dieses intensive Lesen, wie man es früher standardmäßig gemacht hat, als „man“ seinen Goethe und seinen Schiller, sogar seinen Klopstock oder Hölderlin noch teils auswendig kannte. Das ist passé.

Die meisten Menschen der Gegenwart lesen nichts oder nur wenig zweimal. Sie kommen ohnehin zu nichts, wie sollen sie da zweimal zu etwas kommen? Deswegen können diese Bücher im Zweifelsfalle weg, wie hoch auch immer die Literaturgeschichte mittlerweile ihren Rang einschätzt. Man hat sie gelesen, man kennt sie jetzt, und man braucht auch Platz für anderes.

Man kann es also im Einzelfall nicht wissen, wie diese Bücher dort hingelangen, ob mit einem Gefühl der bleibenden Hochachtung oder mit Geringschätzung. Die vielleicht erst Jahre nach der Lektüre entstanden ist, weil Geschmack, Sitten und Mode sich entscheidend geändert haben.

In diesem Sinne jedenfalls blicke ich im Bücherschrank gerade zunehmend oft auf die Romane von John Irving, mit dem man offensichtlich allgemein durch ist. Wie auch immer das zu werten ist. Und daneben, darauf kann man fast schon wetten, steht stets der Hundertjährige von Jonas Jonasson, der vor einigen Jahren aus den Buchhandlungen in jeden zweiten deutschen Haushalt gestiegen sein muss, um jetzt hier im letzten Ramsch zu verschwinden.

Dass man in diesen Bücherschränken auch erkennen kann, welche Jahrgänge gerade sterben und was in ihren Regalen stand, bevor die Erben alles entrümpelten, darüber habe ich früher schon einmal geschrieben, und das ist meiner Meinung nach kulturgeschichtlich auch interessant. Man könnte es noch einmal aufgreifen, noch genauer hinsehen.

Ein Latte Macchiato, ein Stück Honigkuchen und das Buch "Drei Tage im Juni"

Für mich fällt an diesem Tag jedenfalls ein schmaler, noch wie neu wirkender Band von Anne Tyler an. Eine Autorin aus Baltimore (Wikipedialink zu ihr), auf die ich alle paar Jahre zurückkomme, und immer gerne. Entdeckt habe ich sie damals irgendwann durch ihren Roman „Die Reisen des Mr. Leary“ („The accidental tourist“), bei dem mir auch die Verfilmung mit Geena Davis, Kathleen Turner und William Hurt besonders gut gefallen hat. Wie ich auch die Idee mochte, dass die Hauptfigur Reiseführer für Menschen schrieb, die nicht gerne reisen.

Ihre Familiendarstellungen sind oft hervorragend, auch in dem schmalen neuen Band, der mir da gerade zugelaufen ist. Deutsch von Michaela Grabinger. In dem ein längst geschiedenes Paar sich bei der Hochzeit der gemeinsamen Tochter erneut trifft und sich dabei unerwartet und eher unwillig wieder nahekommt, zu nahe. Hier die Perlentaucherseite dazu.

Ich fing im Coffeeshop mit der Lektüre an, war kurz darauf schon mittendrin und bald über Seite 50 hinaus. Und das ist dann auch ein Lob für die Autorin.

Das Buch "Drei Tage im Juni" von Anne Tyler

Neben mich setzte sich ein Mann, bei dem ich mir, ohne es aber recht erklären zu können, dachte, dass er zur Katholischen Kirche gehörte, die nicht weit von dort die Verwaltung ihres Bistums und der Gemeinden betreibt. Ich sah dann länger hin, denn ich konnte nicht belegen, worauf sich dieses Urteil stützte und wie ich überhaupt darauf kam. Weder hatte er vom Schnitt oder von der Farbe her eindeutige Kleidung an, noch trug er irgendwelche eindeutigen Symbole. Er verkörperte kein einziges mir bekanntes und gängiges Klischeemerkmal von Männern, die für die katholische Kirche arbeiten. Es ist auch keineswegs so, dass es in diesem Coffeeshop von Priestern, Nonnen, Bischöfen oder Kirchenbüromitarbeitern jederzeit nur so wimmeln würde.

Erst einige Stunden früher am Tag hatte ich „zufällig“ in einem Podcast gehört, wie Ferdinand von Schirach sagte, dass wir nicht genau wissen, wie wir das eigentlich machen, diese unfassbar schnellen Sekundeneinschätzungen von Menschen, denen wir zum ersten Mal begegnen. Ein Blick und wir haben eine Meinung, und meist eine feste. Er sagte da auch, dass wir damit erstaunlich oft richtig liegen. Und dass wir das spontane Urteil kaum revidieren können, dass wir dies meist auch nicht wollen.

Der mir kirchlich-katholisch vorkommende Mann setzte sich in meine Nähe und holte ein Buch aus seinem Rucksack. Ein gebundenes, älteres Buch. Dick war es und mit etlichen bunten Haftnotizen gespickt, die zwischen den Seiten stachelig hervorstanden. Es war eine Biografie über einen der vorigen Päpste, er winkte freundlich bis huldvoll vom Titelbild. Das war natürlich kein verbindlicher Beweis für ein Einkommen durch die katholische Kirche. Nicht einmal für eine feste oder auch nur freundliche Verbindung zu dieser Institution, es versteht sich. Aber ich denke mir doch, ich will es diesmal gelten lassen.

Daher gebe ich Ferdinand von Schirach mit frischen Beweismitteln Recht: Ich habe keine Ahnung, was meine Intuition da genau macht und wie. Aber ich finde sie erstaunlich okay.

Ein Mann sitzt am Abend am Jungfernstieg auf einer der Bänke und sieht auf die Binnenalster

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Linkwerk zum Wochenende

In der Schweizer Republik geht es um den Zusammenhang zwischen dem Theater der griechischen Antike und den modernen Serien auf Netflix etc.: „Die Sopranos der Antike“ (via Sofasophia auf Mastodon).

„In «The Wire» geht es um Drogenkartelle? Die Sopranos ziehen sich eine line nach der anderen? Die Griechen würden nur milde lächeln.“

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Bei den arte-Dokus machte ich zunächst weiter mit Lino Ventura. Da geht es einmal um jemanden, der einen einigermaßen auffälligen Lebensweg hatte. Der war anders, der verhielt sich anders und sah auch den Beruf anders, den er dazu viel später als andere ergriff, und das wusste ich alles nicht. Eine geringe Schulbildung hatte er, sein Arbeitsleben begann mit neun Jahren. War dann in großer und den bekannten Klischees entsprechender Gefahr, auf die schiefe Bahn zu geraten, und wurde, es klingt verdächtig wie aus einem John-Irving-Roman, durch den Ringsport gerettet. Kam dadurch zur Besinnung und zu einem anderen, vollkommen unerwarteten Leben. Faszinierend.

Auch wenn die Doku leider den etwas dümmlich klingenden Titel „Ganove mit Herz“ hat, fand ich sie dennoch sehenswert.

Danach gab es wieder eine Sendung aus der Reihe „Legendäre Liebespaare des Kinos“, diesmal über Ingrid Bergman und Roberto Rossellini. Nebenbei fiel für mich das Informationshäppchen an, dass sich der Begriff „Gaslighting“ auf einen Film und noch weiter auf ein Theaterstück zurückführen lässt. Das war mir nicht bekannt oder vielleicht habe ich es eher vergessen. Hier ist es auch in der Wikipedia nachzulesen.

Schließlich die Doku zu Fanny Ardant. Bei der mir immer in Erinnerung bleiben wird, wie sie in dem Film „Acht Frauen“ in diesem schwarzen Mantel, mit den schwarzen Handschuhen und dem seidenen Kopftuch auftrat und im Laufe des Liedes von der Liebe und dem freien Leben diesen Mantel öffnete, dann das aufblitzende, bald dominierende scharlachrote Futter des Mantels, dazu das ebenso rote Kleid … Es war ungeheuer beeindruckend, damals im Kino. Was für ein Moment.

Auf YouTube wirkt es nicht ganz so überwältigend, aber ein wenig doch:

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Zum Gehörten, und damit weit weg von Fanny Ardant und dem Lied vom freien Leben: Acht Minuten im Radio (Reihe „Corso“ beim Deutschlandfunk) über das neue Album „My Days of 58“ des geschätzten Bill Callahan: „Zwischen Rettungsboot und Wasserrohr“.

Von diesem Album: “Lonely city”.

Ich hörte außerdem ein Interview mit der Schauspielerin Vicky Krieps zum gerade anlaufenden Film „Father mother sister brother“: „Für Jarmusch hätte ich alles gespielt“ (12 Min.). Wozu man als Kulturkonsument vielleicht ergänzen möchte, dass man alles im Kino ansehen möchte, wenn sie mitspielt.

Ich hätte den Jarmusch-Film in dieser Woche sehen wollen, aber wie es so kommt, nämlich leider anders.

Im Philosophischen Radio auf WDR 5 hörte ich dann eine Folge mit dem Philosophen Markus Gabriel über „Ethik der KI“. Das sind 55 Minuten ausdrücklich für den Freundeskreis Konzentration und engagiertes Mitdenken. Sogar die zugeschalteten Fragen oder Kommentare aus dem Publikum fallen recht anspruchsvoll aus, viele interessante Gedanken waren dabei.

Wer es noch vertiefen möchte: Das neue Buch von Markus Gabriel heißt „Ethische Intelligenz – Wie KI uns moralisch weiterbringen kann“. Hier der Verlagslink.

Markus Gabriel war auch gerade Gast im Zeit-Podcast „Alles gesagt“, aber das war mir dann mit fast sieben Stunden doch etwas zu lang.

Weiter im Kontext der KI gab es aber noch eine kurze Folge (7 Minuten) Studio 9 beim Deutschlandfunk: „Kulinarische Intelligenz – Wie KI unsere Esskultur verändert“. Denn auch bei zunächst lapidar wirkenden Fragen zur Ernährung sind die Risiken durch KI erheblich.

Und ja, die Möglichkeiten andererseits auch, eh klar.

Beim Deutschlandfunk Kultur hörte ich die Sendung „Screentime in Asien – Mittel gegen die Bildschirmsucht“ (27 Min.), in der Maßnahmen für Jugendliche und auch Erwachsene in verschiedenen Staaten verglichen werden, Japan, China, Indien etc.

Gerade bei solchen Themen finde ich internationale Vergleiche oft erhellend und eher zu wenig beachtet.

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Ich ließ mir außerdem von Walther Ziegler den amerikanischen Rechtsphilosophen John Rawls erklären, der mir peinlicherweise kein Begriff war. Aber jetzt.

In den Schulen steht Rawls heute wohl auf den Lehrplänen, das ist sicher auch gut so.

In dem Wikipedia-Eintrag zu John Rawls steht am Anfang ein lapidar klingender Satz, der Ungeheuerliches enthält: „Der Tod zweier Brüder überschattete seine Jugend; beide starben an Erkrankungen, mit denen er sie angesteckt hatte …

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Das Blog von Frau Klugscheißer wurde 20 Jahre alt. Gratulationen, Glückwünsche, Gebäck!

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Ich habe außerdem ein weiteres Blog in meine Blogroll aufgenommen, denn ab und zu merke ich, dass da etwas fehlt. Neu dabei also: Das typographische Fundstück. Es macht vielleicht auch einigen Leserinnen Spaß, die mit Typographie sonst wenig im Sinn haben.

Gleich mal die letzten Bilder mit Schriften darauf hier einbauen, etwa das Hinweisschild zu den Fahrstühlen im Foyer des Hamburger Hotels Reichshof oder den alten Verweis zur Zollgrenze im Hafen, das historische U am Rathausmarkt und den Schriftzug vom Hotel Atlantic, der erst beim Abriss eines Nachbarhauses nach Jahrzehnten wieder sichtbar wurde.

Ein historisches Schild "Fahrstühle" im Hotel Reichshof

Ein historisches Hinweisschild zur "Zollgrenze" im Hamburger Zollmuseum

Das historische "U"-Schild als Hinweis zur U-Bahn am Rathaus

Die alte Beschriftung "Hotel Atlantic" an einer Mauer, die erst nach dem Abriss der Nachbarhäuser wieder freilag

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Wo bleibt das Positive

Zwischendurch gab es gute Nachrichten aus dem Literaturbetrieb, wenn auch etwas indirekt. Aber indirekt, da steht der Literaturbetrieb doch drauf, das macht also nichts.

Zum einen gab es da diesen vieldiskutierten Ausschluss dreier „linksradikaler“ Buchhandlungen vom Buchhandelspreis. Durch einen besonders glücklos agierenden und zudem noch CDU-nahen Politiker, dessen Namen man sich hoffentlich nicht allzu lange wird merken müssen. Das ist eine gute Nachricht, weil sie uns erkennen lässt, dass es also noch Buchhandlungen gibt, die dermaßen links sind, dass Politiker von rechts meinen, vermeintlich trickreich gegen sie vorgehen zu müssen.

Das freut mich, und das weiß ich in den Zeiten des fast globalen Rechtsrucks durchaus zu schätzen. Aber ich notiere dies auch gerade auf einer Bank vor der großen Filiale einer Buchhandelskette in der Innenstadt, in der man sicher auch Bücher von ganz rechts auf großen Tischen attraktiv präsentiert. Wenn sie nur auf den Bestsellerlisten stehen.

Besonders freundliche Grüße daher nach Bremen, Berlin und Göttingen. Interessante Buchhandlungen haben Sie da.

Zwei Gänse am Ufer der Außenalster

Zum anderen starb António Lobo Antunes (Wikipedia-Link), der portugiesische Schriftsteller und Dauerkandidat für den Nobelpreis („Ich scheiß auf den Nobelpreis“, das war seine Meinung dazu, Quelle hier). Das ist eine gute Nachricht insofern, als es am Sonnabend in Portugal einen Staatstrauertag geben wird, ihn zu ehren. So etwas geht in Portugal, das halte ich für ein sympathisches Detail. Eine eher spezielle, aber doch beachtliche Form der Literaturförderung.

In Deutschland geht so etwas, wenn ich meinen schnellen Recherchen trauen kann, nicht. Schon protokollarisch nicht. Das höchste der Gefühle scheint hier bei vergleichbaren Fällen der pathostrunkene Abgesang durch die Rede eines Bundespräsidenten oder einer zukünftigen Bundespräsidentin bei der Trauerfeier zu sein.

Wem ist das wohl zuletzt widerfahren? Das habe ich sogar richtig erraten, und ich glaube, vielen von Ihnen wird es ähnlich gehen. Denn eine dermaßen ausdrücklich staatlich gewürdigte Bedeutung maß man zuletzt natürlich Günter Grass zu. Gestorben 2015. In der DDR erhielt Anna Seghers 1983 staatliche Würdigungen bei der Trauerfeier. Da rückte noch Honecker mit großem Trupp an, inklusive Gattin, Militär und allem.

Aber einen Staatstrauertag gab und gibt es nicht, weder in Ost noch in West oder in der vereinten Form (freudschen Vertipper gelöscht: „in der verneinten Form“). Auch für Thomas Mann oder Bertolt Brecht gab es das nicht, oder wen auch immer man als Oberberühmtheit und Kanonkönigin aus dem Fachbereich nennen mag. Man müsste erst das Protokoll ändern. Es geht also nicht, und es wird auch nie gehen. Aber Gedenkbriefmarken, die können wir immerhin gerne machen.

Von António Lobo Antunes, der, wie ich staunend lese, seine Texte wohl stets mit Kugelschreibern auf kleinen Notizzetteln verfasste, habe ich bisher nichts gelesen. Ach, diese Lücken, diese entsetzlichen Lücken.

Er wird einer der bedauerlichen Fälle sein, bei denen mich erst die Todesnachricht dazu bringt, mich mit dem Dichter oder der Dichterin zumindest versuchsweise zu befassen. Ich sehe also eben auf seiner Perlentaucherseite nach. Einer der Romane, der mich interessieren könnte, hat den wundersamen Titel: „Welche Pferde sind das, die da werfen ihren Schatten aufs Meer?

Ins Deutsche übertragen von einer Übersetzerin mit passend fantastischer Alliteration im Namen: Maralde Meyer-Minneman. In dem besonders schönen Vornamen Maralde, den ich noch nie gesehen habe, steckt wohl das althochdeutsche Marah, die Mähre, das Pferd. So eine passende Verbindung zum Buchtitel, man muss es doch hervorheben.

Bootsschuppen und ein Tretboot auf einem Steg an der Außenalster

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