Die Temperatur stieg währenddessen um flotte sechzehn Grad an, vom drastischen Minus zum milden Plus. Hier und da kippelt ein Kreislauf, droht eine Migräne, außerdem taut es überall. Es matscht, es verrinnt, es tröpfelt, bröckelt und sackt grau in sich zusammen, was gestern noch die Stadt neu und dermaßen elegant weiß eingekleidet und verhüllt hat. Und wie schön haben wir das gefunden, wie deutlich hat es die Laune gehoben.
Aber jetzt … das altbekannte Wintermonatsgrau dominiert schon wieder. Und dunkler, klammer, abstoßender als je zuvor kommt es uns vor. Es schädigt das Stadtbild bis zur Unkenntlichkeit, ungemein hässlich wirkt alles auf einmal, unansehnlich, grässlich und gemein. Unter dem alles bedeckenden, nur zögerlich vergehenden Modder die tückischen Glatteisreste. Überfrierende Nässe, wie es in den Nachrichten heißt, in denen es auch um liegengebliebene S-Bahnen, gesperrte Autobahnen, aufplatzenden Asphalt, Rückstaus, überlastete Ausweichstrecken und andere Probleme geht.
Stellen auf den Fußwegen, die unvermutet schlittschuhglatt sind, die den Passanten bei unbedachten Schritten ans Leben wollen. Dabei fallen von oben letzte Eisbrocken, manche groß wie Bowlingkugeln, von den Dächern zwischen die zur Seite springenden Menschen. Halbgeschmolzenes sabbert einem unentwegt in den Nacken, wenn man einen Moment zu dicht an den Häusern stehenbleibt.

„Schmelzwasser dringt auch in Wohnungen ein“, heißt es außerdem drohend im Radio. Immer beklommener betrachtet man am Abend die Decke über dem Sofa.
Die Stadt legt die ungewohnte, nur geliehene Edelverkleidung hastig ab und präsentiert sich wieder im betont gewöhnlichen, vollkommen freudlosen Januarkostüm, wie wir es seit vielen Jahren kennen. Auf sämtlichen Gesichtern sieht man den hier allgemein üblichen Gesichtsausdruck, standard-unfroh.
I’m afraid the masquerade is over – aber immerhin gibt es für alles einen passenden Song.
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Da gestern gerade Bruce Chatwin bei mir vorkam und er passend dazu am Nachmittag im öffentlichen Bücherschrank stand, ich ihn aber nicht gut kenne, lese ich zwischendurch etwas bei ihm nach. Eine mir sozusagen zugeworfene Weiterbildung ist dies. Ich lese da auch gerne rein, zumal mir der Titel des Buches ebenfalls gut passt. Den kann man sich an nahezu jeder Stelle des Alltags zur Wiedervorlage hinpinnen: „Was mache ich hier“. Zweifellos eine immer wieder abgründige Frage.
Über die man auch nicht an jedem Tag nachdenken darf, Vorsicht bei der Wahl der Gemütslage.
Es war dies sein letztes Buch, er hat es kurz vor seinem Tod zusammengestellt. Und man versteht beim Lesen immerhin schnell, was seinen Ruhm damals ausgemacht hat. Als ihn noch alle gelesen haben und er in jedem WG-Bücherregal zuverlässig zu finden war, mit seinen Werken über Australien und über das Reisen. In der Wikipedia sehe ich, dass es auch Kritisches zu ihm und seinen Reisebüchern anzumerken gibt oder gab, das war mir entgangen.
Andererseits: Zu wem wäre nicht Kritisches anzumerken. Ich könnte auch jederzeit zu mir selbst Kritisches anmerken, und wie ergiebig wäre dieses Thema.
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In der SWR-Essay-Reihe hörte ich eine Folge, 46 Minuten lang, über ein Gedicht, nämlich über Robert Frosts so berühmtes „Stopping by Woods on a Snowy Evening“. Eine Sendung von Jürgen Kaube, angenehm ausführlich geschrieben, saisonal gerade noch passend und knapp rechtzeitig vor vergehender Schneekulisse gehört.
Auf YouTube gibt es den Originalvortrag von Frost. Es ist ein Gedicht, das man öfter hören kann, zumal er es genau so liest, wie ich es richtig finde, was nun keineswegs selbstverständlich ist. Wir hatten das schon einmal, Gottfried Benn etwa las seine eigenen Gedichte damals ganz falsch. Also aus meiner Sicht.
Der Herr Frost aber – perfekt.
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