November

Zur Vorbereitung auf die Lesung in Stuttgart musste ich mein eigenes Blog nochmal lesen, ganze Jahrgänge, weil ich die geeigneten Texte nicht alle parat und ausgedruckt hatte, das war eine überaus seltsame Übung. Da fand ich Texte, die ich komplett vergessen hatte, teils mit Pointen, die mir völlig neu waren, manche sogar recht lustig. Es gab Texte, die fand ich besser als das, was ich heute schreibe, es gab Texte, die fand ich schechter. Es gab Texte, die ich zeitlich vollkommen falsch einsortiert hätte, die in anderen Jahren und unter anderen Umständen entstanden sind, als ich es erinnere. Da gab es auch mehrere brauchbare Ideen, die ich dann aber aus irgendwelchen Gründen nie fortgeführt habe, Herr Buddenbohm treibt Nebendinge und ist leicht abzulenken, es ist schlimm. Da gab es viele, viele Kommentare von Menschen, die nicht mehr leben oder die auf andere Art verschollen sind, und da muss man dann auch erst einmal eine Weile drüber nachdenken. Und früher gab es überhaupt die besseren Kartoffeln und auch viel mehr Kommentare, das murmelt man beim Lesen dauernd, das liegt aber vor allem an Twitter und FB, wo eben heute kommentiert wird. Und das ist immerhin technisch zu lösen, da muss man nicht bei der Erkenntnis stehenbleiben.

Da gab es natürlich auch verbesserungswürdige Stellen ohne Zahl, verunglückte Grammatik, Rechtschreibfehler, Kommafehler etc., ins Leere laufende Sätze und schräge Formulierungen, damit darf man auf keinen Fall jemals anfangen und daran herumarbeiten, aus der Nummer kommt man sonst vermutlich nie mehr heraus. Immerhin habe ich aber, abgesehen von Petitessen, nichts gefunden, was mir aus heutiger Sicht schlimm peinlich sein müsste, das ist doch auch schon ein großes Glück und wohl gar nicht selbstverständlich, wenn man mehr als ein Jahrzehnt verbloggt hat. Hätte ich mit zwanzig Jahren angefangen zu bloggen, das Ergebnis wäre sicher ein anderes, da graut es mir schon bei der Vorstellung, da hätte ich Liebeskummer verbloggt und höchst seltsame Phasen.

Es gab viele Einträge aus der Zeit, als die Söhne Babys waren, diese Phase ist mir schon wieder fremd geworden, es ist eigentlich unvorstellbar lange her. Im nächsten Jahr hat Sohn I schon ein zweistelliges Alter

Und es gab auch einen Text nicht, nämlich einen, den ich offensichtlich nie geschrieben habe, von dem ich aber ganz sicher war, ihn einmal gepostet zu haben, den habe ich umsonst gesucht. So ein langjähriges Blog ist eine merkwürdige Sache, die Erinnerung betrügt einen.

Dabei habe ich jedenfalls auch den Novembereintrag vom Dunkeltuten wiedergefunden, geschrieben vor vier Jahren. Und der ist eigentlich immer noch gültig, weil der November immer noch November ist und weil die Schlussfolgerung eh Bestand haben wird. Und da dachte ich, verlinkste den noch einmal. Man muss den November ja nicht neu erfinden.

12 Kommentare

  1. Ich hatte überlegt, zu Anfang des Monats etwas Novembriges zu verfassen. Aber gleich zum Blogstart die Melancholie bemühen? Vielleicht nicht die beste Idee. Dann nahm Maximilian in den Herzdamengeschichten einen meiner Lieblingsbeiträge wieder auf und ich erinnerte mich: Der ultimative Blogtext zum Thema ist längst geschrieben. Da kann ich höchstens einen Link draufsetzen.
    Heute morgen spült mir Facebook per Erinnerungsfunktion dieses Fragment aus dem letzten Jahr vor die Füße. „Och“, denk ich, „was stört mich mein Geschwätz von letzter Woche? Bloggst Du’s halt.“
    Ich stehe am Brunnen der Michelwiese und lausche mit einem halben Ohr der englischsprachigen Stadtführung. Im Sommer sitzen oft zwanzig Leute und mehr auf den Stufen unter den Bäumen und der Guide erzählt Störtebekers Ende als Mitmachtheater. Heute sind es immerhin noch drei Zuhörer, aber die Führung findet im Stehen statt, des feuchten Untergrunds wegen.

    Der Sturm der letzten Tage hat das Weinlaub abgeräumt und die Trauben freigelegt. Auf der Wiese sitzt jetzt niemand mehr, die Mittagspäusler hasten mit hochgezogenen Krägen über den Platz und die Gassigeher halten ihre Hunde kurz.
    Ich gehe ganz langsam einmal um den stillgelegten Brunnen herum und denke: Frühling, Sommer, Herbst & Winter.
    Ain’t no sunshine.
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  2. Erinnern Sie sich auch an Zeiten, zu denen Sie wussten, dass „erinnern“ ein reflexives Verb ist?

  3. Diesen Text „Dunkeltuten“ kannte ich noch nicht und er macht mich nachdenklich und sprachlos. Heute Nachmittag werde ich am Friedhof stehen, wo die Namen derjenigen verlesen werden, die in diesem Jahr verstorben sind. Da werden ein paar Namen dabei sein, die großen Schmerz auslösen, junge Menschen, viel zu früh verstorben, an die viele, auch ich, heute denken.
    Und dann gibt es auch die Namen, die keiner mehr kennt. Dass es so ist, weiß ich natürlich, aber was es bedeutet, mache ich mir kaum jemals bewusst.
    Ach, was ist es, dieses Leben?
    Draußen ist es grau. Ich lebe am Wasser, wo sich heute der Nebel nicht heben wird. Schiffstuten hört man mitunter, ehrlich gesagt dachte ich, das sei „Dunkeltuten“.
    Danke für Ihren schönen Blog (ich bleibe bei der maskulinen Form). Ich lese ihn jetzt seit einem guten Jahr und er hat mein Leben bereichert (u.a. tanzen wir jetzt Lindy Hop, zumindest gelegentlich).
    BTW, beim Wort „Nebel“ hatte ich mich gerade verschrieben und bin auf die automatische Rechtschreibkorrektur gegangen. Der Computer machte daraus das Wort „Leben“.

  4. Hach, müssen Sie denn solche Artikel verlinken? Da hat man ja gleich das Gefühl, sich aufs Sofa legen und die Decke ganz fest um sich rum wickeln zu müssen. Oder am besten über den Kopf ziehen! Und es ist erst der erste….

    Aber an sich sehr schöne Texte! Ich lese hier sehr gerne mit. Nur die Herzdame vermisse ich etwas? Backt sie nicht zur Zeit? Oder habe ich da was übersehen?

  5. Ich finde, ein einschlägiges Blog erkennt man daran, dass es Standardwerke enthält. Mit Zitaten, die alles sagen. Die man beim Abendessen fallen lassen kann. Und alles ist gesagt. Buddenbohmsche Texte sind da ziemlich reich. Danke für den Link auf das Novemberstandardwerk!

  6. Liebe Alexa, es schmeichelt sehr hier vermisst zu werden. Wir sind dran, das zu ändern. Gebacken ist schon, allein es fehlt jetzt die Zeit für den Blogpost.

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