Was schön war

Auf dem Weg zur Besichtigung einer weiterführenden Schule kommen wir im wie immer unter Zeitdruck stehenden Familienverbund – also zeternd, diskutierend, herumalbernd und lamentierend – an einem Auto vorbei, auf dem ein Werbeschriftzug steht. Die Fußgängerampel ist gerade grün und wir müssen schnell über die Straße, ich kann nur aus dem Augenwinkel erkennen, was da auf dem Wagen steht, es geht wohl um ein Hotel auf einer Insel. Ich sehe nicht genau, wie es heißt, irgendein Residenzdingens, diese austauschbaren Namen kann sich eh keiner merken. Aber unter oder über dem Namen des Hotels steht jedenfalls: “Sag Ja zur Ostsee!”

Und ich habe für einen kleinen Moment große, wirklich sehr große Lust, im Hauptbahnhof nicht mit der Familie in die S-Bahn, sondern alleine in den Regionalexpress nach Travemünde zu steigen, dort am Strandbahnhof aus dem Zug zu springen und geradewegs runter zur Brandungslinie zu gehen, wo die Wintersee grau und träge heranschwappt wie eh und je. Ich stelle mir kurz vor, so nahe an die Wellen heranzugehen, dass die Füße fast nass werden, und wenn ich einen Moment nicht aufpasse, dann werden sie es auch wirklich. Das war früher so, das wird immer so sein. Muschelknirschen unter den Schuhen, empörte Möwen über mir, Seetanggeruch in der nasskalten Luft. Weiter hinten die Fähren nach Skandinavien, alles wie damals. Kaum Farbe im ganzen Bild, alles ist januarblass und ohnehin ist es dann schon kurz vor der Dämmerung. Und da also herumstehen und auf die Ostsee sehen und einfach mal laut “Ja” zu ihr sagen – nur weil ein blöder Werbetext auf einem zufällig vorbeikommenden Auto mir das so vorgegeben hat.

Das ist nämlich genau die Art, auf die ich schrullig werden möchte. Und es ist schön, ab und zu daran erinnert zu werden. Man braucht Ziele im Leben.

11 Kommentare

  1. Meine Schuhe und Hose sind immer noch vor denen der Nichte nass. So lange weiß ich, dass es mir gut geht.

  2. Und als dann die Kälte von unten die Waden hochkriecht, die Vorderreihe entlang gehen und immer schön an den Hausfassaden hochgucken, damit man den Eingang nicht wieder verpasst. Wenn man die Tür öffnet, beschlägt die Brille und man wundert sich, dass man von der Frau hinter dem Tresen so freundlich begrüßt wird. Kennt die mich etwa? Aber nein, das machen die hier so, auch wenn es immer wieder irritierend ist. Noch die Treppe hoch, und oben dann diese unfassbare Wärme, feuchte Jacken, Stimmengewirr, und dieser ganz besondere plüschige Geruch nach Oma und Kindheit, den es nur im Café Niederegger gibt.

Schreib einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.