Alte Witze und eine neue Insel

Ich schätze es ja, mich vom Alltag zu Erkenntnissen treiben zu lassen. So ist es zum Beispiel überaus interessant, was man an Satzwiederholungen so von sich gibt. Diese Sätze, die es bei jedem Menschen gibt, die man von jemandem immer wieder hört, weil sie sich in seinem Hirn irgendwie festgefressen haben. Einer dieser Sätze von mir lautet “Ich möchte jetzt lieber Laub harken” und bezieht sich auf Situationen im Büro oder auch am Schreibtisch zu Hause, in denen sich die Technik, die Kolleginnen, die politische Weltlage oder die Gesamtsituation um mich herum so unerfreulich gestalten oder benehmen, dass eine brauchbare Problemlösung nicht in Aussicht steht. Den sage ich seit vielen Jahren in solchen Momenten, diesen Satz. Erst nur als Witz, dann als etwas verzweifelte Anmerkung, dann als zusehends verbittertes Statement, weil es eben manchmal tatsächlich netter wäre, irgendwo einen Weg zu harken, als sich stundenlang mit komplett sinnlos erscheinenden Problemen wie fehlschlagenden Updates oder versagender Hardware und dergleichen zu beschäftigen.

Irgendwo einen Weg harken und hinterher ist dann eben geharkt, da kann man sich umdrehen und das sehen, es ist völlig zweifelsfrei geharkt, das ist richtig so und fertig. Und über Nacht fällt dort neues Laub, dann harkt man das eben wieder weg, das ist überschaubar und meditativ und von eigener Schönheit. Wer das nicht nachvollziehen kann, hat vermutlich noch nie einen typischen Bürojob mit dazugehörigen Komplikationen gehabt.

Dann haben sich Freunde ein Haus in Mecklenburg gekauft, eine dezent verfallene Hütte, an der so einiges zu tun ist. Und obwohl weder die Herzdame noch ich handwerklich irgendetwas können, haben wir unsere Hilfe angeboten und dort mit unseren arg bescheidenen Möglichkeiten etwas mitgemacht. Es gab zwar kein Laub zu harken, es gab aber z.B. Steine zu schleppen. Dabei merkte ich, dass mir das nicht nur im Spaß, sondern tatsächlich gefällt. Zeugs von link nach rechts bewegen, ohne dabei denken zu müssen. Wirklich gar nichts denken. Außer vielleicht “Hepp!”, und das auch nur bei jeder dritten Schaufel. Doch, das war gut.

Einer meiner ältesten Scherze steht im Impressum dieser Seite, wo es wahrheitsgemäß heißt, dass es in diesem Blog seit Jahren um einen komischen Themenmix geht und, ich zitiere mich mal eben selbst: “Sollte ich ab morgen das Basteln von Deko oder Schrebergärten spannend finden, ich würde auch darüber schreiben.”

Das war, als ich es schrieb, nicht einmal ansatzweise ernst gemeint. Aber wo harke ich denn nun das Laub, wenn es doch Spaß macht?

Wir kennen Menschen aus unserem kleinen Bahnhofsviertel, die einen Schrebergarten gepachtet haben. Wir haben die ein paarmal dort besucht, wir fanden das verblüffend nett und entspannt in diesen Kleingärten, so etwas ahnt man ja nicht, wenn man das immer nur mit dem typisch urbanen Zynismus und Sarkasmus betrachtet. Man muss da erst die Sichtweise etwas ändern, um es offener wahrnehmen zu können.

Natürlich war das nun nicht irgendeine Schrebergartenanlage, sondern ein Hamburger Geheimtipp erster Klasse, die Billerhuder Insel. Das ist eine Insel in einem der Hamburger Flüsse, auf der es nur Schrebergärten gibt. Die kennt quasi kein Mensch, die liegt auch noch da, wo man nicht gerade Schönheit vermutet, direkt neben Tierheim und Industriegebiet und schlecht beleumundeten Straßenzügen. Aber eben: Eine Insel!

Nein, in Wahrheit kennen die doch viel zu viele, wie es mit Geheimtipps in Großstädten eben so ist. Natürlich wollen da alle hin, eine Bewerbung ist eher sinnlos, man kennt das.

Aber nach Befragung des Instragram-Orakels …

… und nach ein paar nervenzerfetzend spannenden Wochen, weswegen hier auch fast nichts mehr im Blog passiert ist, haben wir heute einen Pachtvertrag unterschrieben.

Rund 700 qm Land, ein altes Haus, das noch abgerissen wird, eine neue Laube, die wir noch bauen müssen. Zwei Erwachsene, die von Garten und Handwerk nicht die allerleiseste Ahnung haben. Ein Sohn, der dringend viel mit den Händen arbeiten möchte. Ein Sohn, der im Garten dringend Spaß mit seinen Freunden haben möchte, das ist in etwa die Ausgangslage.

Ich freue mich sehr darauf. Ich habe so große Lust, mal wieder bei einem Thema komplett bei Null anzufangen, Idiot zu sein, Schüler zu sein, einfach wissbegierig zu sein. Ich habe gerade eben sämtliche deutschen Gartenblogs abonniert, die nicht bei drei auf den, haha Bäumen waren. Ich weiß ansonsten nicht einmal, wo wir mit was anfangen sollen, ich stelle mich morgen also ganz im Ernst in diesen Garten und gucke ratlos, es ist einfach grandios.

Wir werden berichten, eh klar. Aber nicht morgen – morgen wird geharkt.

27 Kommentare

  1. Ich hätte gerade auch sehr große Lust, irgendeine körperliche Arbeit zu haben. Eine, die nicht sonderlich schwierig ist, aber bei der man doch allmählich besser werden kann, und sich dann immer besser anfühlt, je mehr man sie beherrscht. Bemerkt habe ich das zuletzt beim Apfelsaftpressen. Eine simple Tätigkeit, die man auch mit wenig Ahnung durchführen kann, die aber nach einigen Durchläufen mehr Spaß macht, weil man sicherer ist.
    Gärtnern gehört leider nicht dazu. Das ist bei mir geprägt durch Unkraut zupfen mit Muttern. Und mit zuviel Unwissenheit . „Nein, das ist kein Unkraut!“ So macht das keinen Spaß. Die Gattin hätte das gerne, zusammen mit dem kleinen Sohn, der große würde auch lieber im Liegestuhl dabei chillen. Mal sehen, ob wir hier was in der Nähe finden. Die Hälfte der Familie wäre sehr glücklich.
    Renoviert jemand gerade sein Haus? Da würde ich helfen wollen. Wenn Werkzeug da ist und Fehlertoleranz.

  2. Dann mal herzliche Glückwünsche zum werdenden Gartenparadies! Als seit 15 Jahren leidenschaftliche Schrebergärtnerin bin ich natürlich begeistert von dieser Entwicklung und freue mich schon auf Berichte und Fotos :-). Das wird was!! (y)

  3. Ungestüme Mitfreude meinerseits! Es wird schwitzig, dreckig und toll – bestimmt!

    Und dieser Auf-in-neue-Gefilde-Text ist mal wieder in schönster *Herzbube*-Manier geschrieben!

  4. Billerhuder Insel, echt jetzt? Das wäre ja wie ein 6er im Lotto. Glückwunsch, auch wenn’s nicht auf der Billerhuder Insel ist. Da habe ich mal als Postzustellerin Vertretung gemacht vor einigen Jahrzehnten und fühlte mich immer ein bisschen wie im Paradies.

  5. Hey, das ist toll! ich kann Sie so gut verstehen. Das Wichtigste in Kürze: Ein Garten braucht Präsenz. In HH regnet es ja wohl hin und wieder, das ist praktisch, denn in unseren Breiten hier muss man den Garten ständig gießen und wenn man nicht ebenso ständig Unkraut „harkt“, wächst es einem über den Kopf oder zumindest über die Anpflanzungen. Das alles ist anstrengend und wundervoll. Auch wenn man irgendwann zu viel Salat hat oder die Nase von den Bohnen gestrichen voll oder keine Zucchini mehr sehen kann. Ich rate auf jeden Fall zu Rhabarber. Und freue mich auf Ihre Texte!

  6. Lieber Herr Buddenbohm samt Familie,
    herzlichen Glückwunsch zur Errungenschaft, ich kann Sie so gut verstehen! Und ohne werben zu wollen und ohne Bezahlung, hier den spießigsten Tipp ever: „Mein-schöner-Garten . de“ ist eine Website, die natürlich überwiegend Werbung aber auch ein paar hüpche Ideen und Infos bietet.
    Kann man machen, da findet man jedes Grünzeug. Aber passen Sie auf, dass Sie nicht Forenteilnehmer werden, die über ihre Gärten und Pflanzen reden, hihi.
    Viel Spaß beim Ahnung bekommen, es grüßt
    Frau Isibisi

  7. Herzlichen Glückwunsch!
    Ich kann das mit dem Laub harken wollen verstehen! Dazu bedarf es nicht so viel Kopfarbeit. Meistens jedenfalls. 😉 Bei mir sind es Streichen und andere körperliche Tätigkeiten, die mir Freude bereiten. Zu sehen, was ich getan hat, wie sich etwas sichtbares durch meiner Hände arbeitet verändert – ein herrliches Gefühl!
    Ich wünsche maximale Erfolge. 🙂

  8. Ha, dann kann ich mich ja endlich mal „rächen“ (lieber rechen in diesem Zusammenhang?) für all die guten Buchempfehlungen! So von Schrebergartenfrischling zu Schrebergartenfrischling. Soll ich? 🙂

  9. Wenn ihr das nächste Mal auf Helgoland seid: in einem der Kleingärten gibt es Saatgut für Helgoländer Klippenkohl, der wächst auch im Garten woanders zu wirklich imposanten Pflanzen heran. Meiner hat 2 m erreicht.

  10. Das wird toll, ich freue mich schon auf die Beiträge. Ich habe vor 10 Jahren angefangen mit dem Gärtnern und lerne noch immer dazu. Allerdings bin ich mittlerweile soweit, dass das nächste neue Hobby in Angriff genommen werden kann, nochmal Idiot sein eben.

  11. „Alle Pflanzen haben ein Gesicht!“, O-Ton meiner Mama wenn es um die Einpflanzrichtung geht 😉

    Sehr viel Freude wünsche ich!

  12. Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die ganz neue Züge an sich entdeckt.
    Wie hier im Blog kürzlich bekannt gegeben wurde, haben wir nun einen “Strebergarten“ (Zitat Söhne) und es ist faszinierend, was 700 qm Grünfläche mit einem machen.
    Im Frühling keimte die Idee, dass wir gerne einen Garten hätten, auf die Idee erfolgte auch umgehend der Beschluss. Und wenn der Gatte etwas beschließt, dann duldet das keinerlei Aufschub, es muss sofort in die Tat umgesetzt werden. Nach anfänglichen Enttäuschungen, weil es dann für unser Gefühl nicht schnell genug ging, hat es jetzt aber doch ziemlich flott geklappt und ICH habe am Sonntag den Pachtvertrag unterschrieben. Ich weiß, ich weiß, bei anderen dauert das mitunter Jahre. Und dazu ist ein Garten auf der Billerhuder Insel noch wie ein 6er im Lotto. Aber ich finde, ich darf auch einmal Glück haben.
    In dem Moment, wo der Strebergarten-Beschluss gefasst wurde vollzog sich über Nacht ein Wandel in mir und ich fing an zu horten. ALLES! Auch wenn der Gatte schon lange behauptet, ich hätte ein Messie-Syndrom, aber das ist natürlich Quatsch. In der Vergangenheit habe ich regelmäßig unseren halben Hausstand verschenkt.
    Sogar kurz vor der Sache mit dem Garten hatten wir gerade noch unsere alten Matratzen und andere Dinge an Bedürftige verschenkt. Und nun hätten wir alles doch selbst gebrauchen können. Was habe ich geflucht! Jetzt jedenfalls wird im Hause Buddenbohm nichts mehr weggeschmissen oder verschenkt, es wandert alles, alles in den Keller, wo sich die Schätze nun schon bis zur Decke stapeln. Man könnte es ja noch mal gebrauchen.
    Letztens habe ich einen zweiten, kaputten Staubwedel wiedergefunden – super, kann man noch gebrauchen, kommt in den Keller. Unser alter, längst auseinandergefallener Balkontisch – perfekt, den kann man wieder kleben. Die bereits defekt gelieferte Bank, die sogar schon vom Hersteller erstattet wurde und die wir selbst entsorgen sollen – toll, da war ja nur die Rückenlehne durchgebrochen, sitzen ohne sich anzulehnen kann man bestimmt trotzdem drauf. Die bereits viel zu klein gewordenen und durchlöcherten Hosen und Schuhe der Jungs – ach, die sollen sich nicht so anstellen, für den Garten reicht es alles noch.
    Auch im näheren Umfeld – brauchst du das nicht mehr? Dann gib her. Nicht mal das Erbe meines gerade verstorbenen Opas ist sicher vor mir – der kann die ganzen Werkzeuge in der Garage doch eh nicht mehr benutzen.
    Auch der Schrott, den die Vorbesitzer in der Laube zurückgelassen haben, besteht aus wertvollen Schätzen. Die gammeligen Hirschgeweihe vor der Tür – boah, wie schön sind die denn! Die Glasvitrine im Gelsenkirchener Barock – kann man streichen. Selbst die Rolle Klopapier könnte man ja noch benutzen….

    Das Sammelsyndrom hatte schon angefangen bevor überhaupt klar war, dass es mit dem Schrebergarten klappt, wann es klappt und ob es überhaupt jemals klappt. Jetzt, nach Unterzeichnung des Pachtvertrags, hat sich die Situation aber erneut zugespitzt: ich verkaufe und verschenke nicht mehr bei Ebay-Kleinanzeigen, ich KAUFE. Das ist etwas, von dem ich nie gedacht hätte, das es möglich ist.
    Normalerweise bin ich absolut kein Schnäppchenjäger, dazu ist mir die Zeit zu schade. Ich empfinde es auch als Zumutung, mit dem Auto quer durch die Stadt zu fahren, um etwas zu kaufen, wofür andere Leute keine Verwendung mehr haben. Ich hasse Autofahren, ich lasse lieber schicken. Und dann diese Haustürgeschäfte – woher weiß ich denn, ob ich nicht über den Tisch gezogen werde?
    Mit dem Garten sind jetzt aber endgültig alle Hemmungen gefallen, wir fangen ja bei Null an und brauchen noch alles. Wie der Gatte hier sagen würde „wir hatten ja nichts“. Also habe ich sofort Suchaufträge bei Ebay-Kleinanzeigen eingerichtet und immer wenn mir nun die neusten Treffer gemeldet werden, bin ich ganz aufgeregt, es könnte ja was Brauchbares dabei sein. Sogar Findlinge hätte ich fast gekauft, wenn der Gatte nicht den Transport verweigert hätte.
    So kam es auch, dass ich gleich am Tag nach der Unterschrift mit dem Auto quer durch die Stadt bis in den tiefsten Norden Hamburgs gefahren bin, um sechs Gartengeräte zu erstehen: zwei Spaten, eine Schaufel, eine Forke, ein Rechen und ein Dingens. Meine ersten eigenen Gartengeräte, ein geiles Gefühl! Für nur 20 €!
    Und dabei bin ich auch noch durch Ecken der Stadt gekommen, von denen ich nicht einmal wusste, dass es die überhaupt gibt. Im August bin ich seit 20 Jahren in Hamburg und war z.B. noch nie in Hummelsbüttel. Wenn das so weitergeht, kann ich nächstes Jahr meine Taxifahrerprüfung ablegen. So ein Schrebergarten eröffnet einem eben ganz neue Welten, nicht nur im Garten. Wenn ihr zufällig noch Gartenzubehör loswerden wollt und in Hamburg wohnt, ich komme vorbei.
    Jetzt habe ich aber keine Zeit mehr, ich muss Kleinanzeigen studieren.

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  13. Herzlichen Glückwunsch! Planen Sie beim Laubenbau auch mindestens eine m² überdachte Fläche für Tomaten an, wenn Sie nicht gleich mit einem Gewächshaus liebäugeln. Grad weil es in Hamburg doch ab und an mal, nunja, Niederschlag geben soll. Und nach meiner bisherigen Erfahrung (einen richtigen Garten haben wir nicht, aber ein bisschen Fläche zum Anbau) kann man all die oberstrengen „dasunddas muss unbedingt und dasunddas geht gar nicht“ getrost ignorieren und einfach sein eigenes Ding machen. Viel Spaß dabei!

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