Thomas Bannerhed: “Die Raben”, aus dem Schwedischen von Paul Berf. Die Zitronen haben mir dem Buch nichts zu tun die lagen da einfach nur gerade herum. Ein Buch, das in den deutschen Feuilletons seltsam wenig vorkam, ich habe nicht verstanden, warum das so war. In Schweden viel gerühmt und mit Preisen beworfen, hier eher unter ferner liefen. Nanu? Mir hat es sehr gut gefallen, es kommt meiner etwas befremdlichen Aversion gegen komplexe Handlungsstränge weit entgegen. Es gibt einen Sohn und es gibt einen Vater, Figur hier, Figur da, das reicht ja manchmal schon. Der Vater ist wirtschaftlich versagender Kleinbauer, der pubertäre Sohn soll demnächst übernehmen, guckt aber viel lieber Vögel im Wald. Oder Bäume und Blümchen. Oder überhaupt Natur. Der Vater versinkt langsam in Depressionen, man ahnt den Bezug zum Titel, der Sohn lernt ein Mädchen kennen mit all den Folgen, die das in dem Alter so hat, und das ist alles dicht, beeindruckend und überzeugend geschrieben. Ob der verhängnisvollen Schwere der seelischen Verwicklungen ist es auch ein gutes Winterbuch, das passt gerade jetzt ganz hervorragend in den sinnlosen Restwinter nach den Feiertagen. Feines Buch, klare Empfehlung, auch wegen der Naturbeschreibungen.

Denn da ist, logisch, enorm viel Natur im Buch, sonst könnte das Konzept auch nicht aufgehen. Der Vater fährt über die Felder und sprüht Gift, der Sohn sucht Nester und liest über aussterbende Falken und andere Vogelarten, darunter solche, die mir nicht einmal bekannt waren. Und bei den Zippen habe ich dann doch einmal gegoogelt. Die kommen im Buch häufig vor, singen da im Gebüsch und sind überhaupt bei jedem Spaziergang präsent. Mir war beim ersten Lesen der Begriff seltsam vertraut, haben wir nicht damals, also vor hundert Jahren etwa, die Freundinnen der Jungs so genannt? “Da kommt Sven mit seiner neuen Zippe.” War das nicht so? Je länger ich darüber nachdachte, desto fragwürdiger kam mir das aber vor, haben wir das denn wirklich so gesagt? Und war es eigentlich abwertend gemeint? Das gibt es ja, dass ein Wort beim Herumgrübeln immer komischer wird, immer bedeutungsleerer, immer fragwürdiger. Es gab damals, die Älteren erinnern sich, nur drei Fernsehsender, das Zappen war in Deutschland noch nicht bekannt, sonst hätte man das häufige Wechseln der Freundin als Zippenzappen benennen können, das ist doch eine verpasste Chance, also sprachgeschichtlich gesehen. Wobei bei mir von Zippenzappen eh keine Rede sein konnte, in dem Alter, in dem wir das Wort in Jungskreisen mutmaßlich benutzt haben, fanden meine Beziehungen zu Mädchen noch komplett im Konjunktiv Irrealis statt.

Was beim Googeln jedenfalls herauskam: Die Zippe, das ist ein veralteter Ausdruck für die Singdrossel. Und von der hat man natürlich sehr wohl schon einmal gehört, sogar im wahrsten Sinne des Wortes. Das Buch spielt in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts, vielleicht ist das Wort erst seit der Zeit veraltet, so dass der Übersetzer es hier also korrekt verwendet, was ich ihm sofort zutrauen würde, denn das liest sich alles ganz hervorragend.

Ich weiß es aber nicht genau. Wobei ich schwören würde, in den Siebzigern garantiert nichts von der ornithologischen Bedeutung des Wortes Zippe gewusst zu haben. Egal. Lesen bildet jedenfalls, das wäre damit wieder bewiesen.