Kot und Instandsetzung

Es hat wieder nicht geregnet, es ist immer noch zu warm, ich habe seit drei Tagen hitzebedingt viel zu wenig geschlafen und mein Denkvermögen ist daher noch reduzierter als sonst, heute daher nur ganz kleine Gedanken, pardon.

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Gestern also im Freibad gewesen. Es erweist sich jetzt als Riesenvorteil, was wir im letzten Jahr nur so nebenbei zur Kenntnis genommen haben, dass der Garten nämlich neben einem Freibad gelegen ist, das zudem noch recht günstig ist. Da können die Kinder sogar ohne uns hin, aber gestern waren wir einmal dabei und ich lag da also unter Bäumen auf dem Rasen herum, habe die Augen zugemacht und die übliche Freibadgeräuschkulisse genossen. Das unentwegte Sprungbrettknarren, das Platschen und Spritzen beim Fünfer, das wilde Johlen an der tatsächlich sehr langen Rutsche, das Stimmengewirr in der Kioskschlange, die Schreie aus dem Wasser, die Rufe der Fußballspielenden auf der Liegewiese, das Gequengel der Babys, die gebrüllten Hinweise der Bademeister, dazu roch es nach Freibadpommes und Sonnencreme. Sehr sommerlich, gar keine Frage. Eigentlich nicht das, was man mit dem Mai assoziiert. Dazu später mehr.

Eine Weile stand ich auch an der Rutsche und sah einfach zu, wie glückliche Kinder wild spritzend unten ankamen, ein paar Spritzer trafen dabei jeweils auch mich, das war schön und ein wenig erfrischend, es war gerade richtig. Dann kam ein Vater die Rutsche runter, der etwas mehr wog als ein Durchschnittsvater, nach dessen überraschend hoher Bugwelle war ich auf einmal klitschnass und das war auch nicht schlecht. So ein Wetter war das.

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Im Garten habe ich Kohlrabi geerntet, nach bestem Wissen und Gewissen war er größer als ein Tennisball. Den haben wir dann sofort roh gegessen und er schmeckte ganz normal, wie Kohlrabi eben schmeckt, hier also kein Gartensonderbonus. Aber die Ernte macht Spaß, so ein Kohlrabi, das ist schon was.

Außerdem erstmalig rote Gartenmelde verkocht. Auch noch nie gemacht. Rote Gartenmelde kennt kein Schwein, die sollte man aber anbauen, schon weil sie so außerordentlich hübsch ist. Rote Gartenmelde bei Sonnenuntergang im Gegenlicht, da werfen sie aber jedes Aquarell für weg, echtjetztmal. Geschmacklich ist sie spinatartig und kann auch salatifiziert werden, sie war in der deutschen Küche ein Vorläufer des Spinats. Hier die Beschreibung beim Dreschflegel-Versand, da habe ich sie auch her. Keine Werbung, nein.

Auch an der Melde muss man nix machen, einfach ab März ins Freiland säen, aus die Maus, abwarten. Macht alles selbst.

Einige meiner Meldepflanzen waren übrigens ein Geschenk vom Hauptstadtgarten, sehr sympathisches Gartenblog, sehr sympathische Bloggerin, wir haben sie in Berlin besucht und ihren umwerfend schönen Garten besichtigt. Und die wiederum hatte die Pflanzen von den Prinzessinnengärten.

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Noch ein paar Details zu den Plastikplänen der EU.

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Noch ein Projekt, natürlich ein kleines, siehe oben. Heute fiel mir, als ich hitzebedingt langsam in den Garten radelte, auf, wie absurd der Mai ausfällt, denn da wird ja im Volkslied erst alles wieder grün gemacht, in diesem Jahr wird es aber auch schon gleich wieder gelb oder braun, hier vertrocknet nämlich allmählich einiges und gibt auf. Diese staubtrockenen und betonharten gelben Rasenflächen mit sandigen Löchern, die sind ja nicht Mai, die sind August. Eigentlich.

Von Reclam gibt es eine kleine und entzückende Gedichtreihe mit Sammelausgaben zu jedem Monat, alle herausgegeben von Evelyne Polt-Heinzel und Christine Schmidjell. Da sind die erwartbaren Klassiker drin, da findet man aber auch Überraschungen, tolle, seltsame, befremdliche Überraschungen, so muss das ja sein in Anthologien. Und ich gleiche hier ab sofort hin und wieder mal ab, wie der aktuelle Monat im klassische deutschen Gedicht ausfällt – und wie in Zeiten des Klimawandels. Der Mai ist natürlich quasi vorbei, das war heute ein sehr sinniger Tag, um auf so ein Projekt zu kommen, aber ich habe doch noch eben auf die Schnelle das erste Gedicht im Mai-Band gelesen, es ist – natürlich! – “Komm lieber Mai”, das aber gar nicht so heißt, das heißt “Sehnsucht nach dem Frühling” und ist von? Na? Jaha, da sind gar nicht mal so viele Hände oben, nicht wahr. Von Christian Adolf Overbeck ist das. Der kam aus Lübeck, wie andere große Dichter und stets bemühte Blogger auch.

Von dem Gedicht kennt man natürlich die ersten beiden Zeilen, danach wird es schon duster, es hat aber fünf lange Strophen. Fünf!

“… die Wälder wieder grün.

Und lass mir an dem Bache

Die kleinen Veilchen blühn!

Wie möcht ich doch so gerne

Ein Veilchen wieder sehn,

Ach, lieber Mai, wie gerne,

Einmal spazieren gehn!”

Er kann nämlich nicht spazierengehen, der Herr Dichter, und jetzt kommt es gleich, warum kann er das denn nicht? Soll er doch rausgehen? Das Stück heißt “Sehnsucht nach dem Frühling”, es ist also noch Winter.

“Jetzt muss mein Steckenpferdchen

Dort in dem Winkel stehn;

Denn draußen in dem Gärtchen,

Kann man vor Kot nicht gehen.”

Wozu mir einfällt, dass auch in einem anderen sehr bekannten Lied, das mit dem Bauern im Märzen, wozu uns jetzt, keine Sorge, kein Dichter einfallen muss – Volkslied! – eine bemerkenswerte Formulierung vorkommt. E gibt mehrere Versionen, in der aus meiner Kindheit hieß es aber: “Er setzt seine Felder und Wiesen in Stand.”

Und dazu, meine Güte, war das jetzt ein langer Anlauf, stellen wir genüsslich fest, dass wir hier also in einem Land leben, in dem die Begriffe Kot und Instandsetzung im traditionellen Liedgut vorkommen. Was bestimmt auch so einiges erklärt.

Sehnsucht nach dem Frühling, davon kann mittlerweile keine Rede mehr sein, wir haben Hochsommer, wir haben ernsthaft eine Hitzewelle. Ist morgen noch Mai? Dann schaffen wir gerade noch einen Karl Krolow, der hat mal ein Gedicht geschrieben, in dem er das blaue Band vom ollen Mörike zweitverwertet, das ist auch schön. Morgen mehr!

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Sie können hier Trinkgeld in den virtuellen Hut werfen, davon setze ich dann den Garten in Stand.

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Am Meer, am Balkon, am Cordsamt

Alu über Plastik im Meer. Wobei ihre Namenskurzform in diesem Zusammenhang auch nicht ganz ohne Komik ist, nicht wahr.

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Enno Park über die Folgen der DSGVO.

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Im Vorbeigehen im sonnendurchglühten Hammerbrook gehört:

“Das zieht sich aber nachher noch zu, was?”

“Alter, das einzige was sich hier zuzieht, das ist dein Hirn. Wir ham knallblauen Himmel!”

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Eine kleine sprachliche Irritation – in den Gartengruppen auf FB und in den Bilderläuterungen auf Instagram schreiben immer wieder Menschen, dass sie Pflanzen “am Balkon” anbauen, also so wie damals im Lied auch der kleine grüne Kaktus draußen am Balkon stand. Am Balkon klingt für viele bestimmt ganz normal, für mich klingt das aber immer, als würden sie da wahnsinnig kompliziert etwas von außen an der Balkonbrüstung machen, vielleicht mittels einer Hebebühne oder so. Denn alles andere ist ja “auf dem Balkon.” Und ich weiß gar nicht, ist das eigentlich regional, dass man etwas “am Balkon” macht, das man also am Balkon Erdbeeren hat, dass man am Balkon Mangold wachsen lässt? Ist das Rheinland oder so? Und wie würde man es dann in diesen Gegenden eigentlich nennen, wenn man einmal wirklich etwas außen am Balkon macht, also dort etwa ein Transparent befestigt, auf dass man Parolen gegen die DSGVO gesprüht hat, um ein naheliegendes Beispiel zu verwenden? Wenn Leute mit diesem Sprachgebrauch so ein Transparent am Balkon befestigen, dann liegt es doch plan auf dem Boden und ist nur für Hubschrauberpiloten wahrnehmbar, also für eine wirklich spitze Zielgruppe? Ich schreibe diese Zeilen übrigens am Schreibtisch, nicht am Balkon, und es ist auch nicht meine Absicht, mich über “am Balkon” lustig zu machen. Es fiel mir einfach nur auf, deswegen lesen Sie das jetzt. Am Computer oder auf dem Computer. Egal. Eventuell denke ich auch hitzebedingt etwas am Rand des Wahnsinns herum. 

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Während ich auf Twitter gerade anlässlich des letzten Eintrags hier über alte Werbesprüche herumalberte (“Sie baden gerade ihre Hände drin”), sah ich dort auch die Meldung vom Tod des Schlagersängers Jürgen Marcus, und da waren sie dann plötzlich wieder sehr präsent, die 70er, da hatte ich die Rillen der braunen Cordsamtsessel vor dem Kamin im Wohnzimmer auf einmal wieder unter den Fingerkuppen und im Fernsehen lief die Hitparade. Samstag, 19 Uhr 30 Minuten und 26 Sekunden, hier ist Berlin. Faszinierend. Wenn man Cordsamt übrigens mal googelt, weil man ja unentwegt schlauer werden will, welcher deutsche Klassiker begegnet einem da? Na? Ich mache Ihnen mal einen sinnigen Merkreim, Moment: “Trägst du Cord an deine Beine, denke auch an Heinrich Heine.” Bitte sehr, hier lernt man ja was, das vergessen Sie jetzt nicht mehr. Musik!

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Ansonsten denke ich gerade über Aggression im Straßenverkehr nach, weil ich das Gefühl nicht loswerde, dass in dieser Stadt alle immer noch mehr durchdrehen. Das könnte natürlich an mir liegen, aber wen man auch fragt, das sehen alle so, das empfinden alle so. Also was ist hier eigentlich los? Und wie soll man Kindern etwa das korrekte Fahrverhalten mit dem Rad beibringen, wenn man nur mit nicht korrektem Fahrverhalten reelle Überlebenschancen hat? Das kann man hier leicht testen, einfach einmal mit dem Rad korrekt um den Hauptbahnhof herumfahren, ich wünsche gutes Gelingen und viel, viel Glück.

Wie die Herzdame sagt: Die Stadt ist voller geworden, seit wir sie kennen. Und zwar erheblich voller. Es fahren hier nennenswert mehr Menschen herum (etwa 250.000 mehr immerhin), aller Wahrscheinlichkeit nach sind darunter auch reichlich komplett irre Menschen, wie in allen Gruppen. Und ich denke, wenn all diese Menschen, die jetzt mehr in dieser Stadt sind, immer noch breitere Autos fahren, sich immer noch mehr gegenseitig blockieren, es immer noch eiliger haben – das muss doch schiefgehen? So fühlt es sich jedenfalls an. Ich möchte bei aller Vorsicht schon behaupten, dass sich das Verhalten im Straßenverkehr in den letzten paar Jahren signifikant geändert hat, wobei der Radverkehr ausdrücklich einzuschließen ist, da herrscht die gleiche Aggression. Es ist ja immer so eine Sache mit den privaten Hochrechnungen, aber bei diesem Thema bin ich mir doch ziemlich sicher.

Und warum schreibe ich das? Weil die Anzahl der von mir im Verkehr erlebten Situationen, die im Grunde als Mordversuch an mir zu werten sind, in den letzten vierzehn Tagen bei immerhin drei liegt. Und ich bin vielleicht besonders empfindlich, aber mich stört das allmählich.

Und manches bleibt ja auch länger in Erinnerung. Etwa der Vorfall neulich an einer großen, sechsspurigen Straße, die ich bei grüner Ampel als Fußgänger überquerte, im Pulk mit vielen anderen. Ein SUV, warum ist es immer ein SUV, fuhr da völlig ungebremst über die für ihn rote Ampel und zwischen den Fußgängern durch, er fuhr sicher die vollen 50, wenn nicht mehr, es ist eine Straße, die zum schnellen Fahren eindeutig einlädt, eine Ausfallstraße mit Autobahnfeeling. Ein wilder Zufall, dass niemand erlegt wurde, der Wagen passte genau in die Lücke zwischen zwei Grüppchen von Fußgängern, eine Handbreit bis zum Lack. Zwanzig Meter weiter eine Vollbremsung, der Fahrer stieg aus und guckte uns an, wir guckten ihn an, er stammelte etwas, winkte kurz, stieg wieder ein, fuhr weiter, hatte es eilig, immer haben es alle eilig.

Und wir standen da, wir Überlebenden, und sahen uns an, etwas blass im Gesicht und noch eine Weile sprachlos. Genau wie ich denken die anderen sicher immer noch ab und zu: Das wäre es fast gewesen. Ich hätte nur einen einzigen Schritt schneller gehen müssen. So passiert so etwas, so ist das also.

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Sie können hier Trinkgeld in den virtuellen Hut werfen, dann kaufe ich davon Pflanzen für am Schrebergarten.

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