Wildledermantelmann

Beim Freitext schreibt Michael Ebmeyer (den ich versehentlich und leicht übergriffig gerade per Tippfehler als Elbmeyer hanseatisch requiriert habe, hihi) über die Sehnsucht nach linken Erzählungen, er erwähnt dabei auch ein Lied vom ollen Degenhardt. Wie es der Zufall will, habe ich gestern gerade bei Spotify drauf geklickt, als ich nach etwas ganz anderem suchte. Ein völlig vergessenes Lied von 1977 also, das mir in zwei Tagen zweimal über den Weg läuft, guck an. Der Wildledermantelmann. 1977, da war ich elf Jahre alt, da konnte ich die modische Anspielung im Titel vielleicht sogar einordnen, da gab es genug solche Typen im Stadtbild, vielleicht waren es die etwas älteren Freunde meiner großen Schwester. Heute sind Wildledermäntel sehr weit weg. Bei Ebay-Kleinanzeigen laufen sie unter “Vintage” und kosten so 70 Euro, vielleicht kaufen die Söhne der damaligen Männer wieder so etwas, oder es sind schon die Enkel. Schön die Frage im Refrain: “Und wie ist das Gefühl, wenn man so langsam, langsam, langsam driftet nach rechts?” Wobei dem Degenhardt natürlich keine Gnade für den menschlich, allzu menschlichen Aspekt dieses damalige Driftens in den Sinn kam, dazu war er viel zu überzeugt und viel zu weit links. Aber doch eine interessante Sache, kann man 2018 auch mal wieder hören, das gilt doch heute schon als Geschichtsunterricht. Und es gibt auch wieder genug Drift da draußen, diesmal allerdings aus der Mitte nach ganz rechts, das war damals im Lied gar nicht so gemeint, so verschieben sich die Maßstäbe.

1977 war Helmut Schmidt Bundeskanzler und man ahnte allgemein eher nicht, dass er später einmal heiliggesprochen werden würde. 1977 gab es keine Nazis. Also natürlich gab es sie doch, gar keine Frage, aber sie sind mir nicht begegnet. Es gab diese eine ultrarechte Zeitung am Kiosk, die kauften aber nur ausgemachte Irre, und ansonsten war da ganz rechtsaußen der Strauß. In meiner Grundschule gab es keine Ausländer, auf dem Gymnasium gab es ein einziges Mädchen aus Griechenland, Rassismus hatte im Alltag kaum ein Ziel. Man spendete für Brot für die Welt oder ähnliche Einrichtungen, das war der gepflegte Umgang mit den Menschen im Süden, dieser Umgang war leicht und fand zu Weihnachten statt.

Ein paar Jahre später, Anfang der Achtziger, liefen die ersten Skins durch Lübeck, die hatten einen Aufnäher “Ich bin stolz, ein Deutscher zu sein. an den Klamotten” Das war so abgedreht und absurd, wir haben das erst für einen Witz gehalten, so etwas konnte es doch gar nicht geben, das war undenkbar. Das Programm dieser Skinheads bestand darin, sich zu betrinken und andere zu verprügeln, wobei die anderen alle waren, die keine Skinheads waren, das war also ein recht schlichtes Programm. Die Skinheads prügelten sich abends durch Lübeck, während wir tagsüber das Dritte Reich auf dem Gymnasium durchnahmen. Nazis, das war klar, das waren in der Gegenwart nur Irre, das waren Jugendliche, die aus dem Gleis gekommen waren, genau wie die auf Drogen, im Grunde waren das vergleichbare Schicksale, Resozialisierung in beiden Fällen nicht ausgeschlossen. Diese Skinheads, das waren ja keine richtigen Nazis, das waren bestenfalls Show-Nazis. Echte Nazis, da war man sich damals noch parteienübergreifend einig, mussten massiv bekämpft werden, vorzugsweise mit Armeen. Aber es gab ja gar keine Nazis, die hatte man 45 erfreulicherweise erledigt.

Bei der Bundeswehr, damals gab es noch den Grundwehrdienst, ist mir kein einziger Rechtsradikaler begegnet, da fand ich eher die oben erwähnten bereits Gedrifteten mit der Frankfurter Rundschau. Eine Gefahr für die Demokratie ging von dieser Truppe nicht aus, eher schon eine Gefahr für die Verteidigungbereitschaft, denn ernst meinte da keiner irgendwas, auch die Offiziere nicht, nein, die schon gar nicht. Diese alte Bundeswehr war vermutlich die ironischste Truppe, die dieses Land jemals aufgestellt hat. Alles Martialische war in Anführungszeichen zu setzen, quasi per Dienstanweisung. Mit mir dienten auch Menschen, die aus anderen Ländern kamen, ein Problem waren die allerdings immer noch nicht, für niemanden, ich habe nicht erlebt, dass man die angefeindet hat. Die brachten aber eine schwer verdauliche Dimension in die Angelegenheit, denn die hatten manchmal Angehörige in anderen Staaten, in denen gerade Krieg war. Bei denen hatte dieses abstrakte Wort also tatsächlich eine ernste Bedeutung, da kamen wir dann nicht mehr mit. Einer hatte ein Foto seines Elternhauses, da waren Einschusslöcher drin. Das war ein Bild von einem anderen Planeten.

Als ich ein Jahr später in meinem ersten Job in der Sozialforschung anfing, habe ich offene Fragen aus Fragebögen für die EDV vercodet, da fiel mir überhaupt zum ersten Mal im Leben auf, dass es eine gar nicht so kleine Gruppe von Leuten geben musste, die radikal waren, und zwar radikal rechts, hasserfüllt und feindselig. Bei denen brach es heraus, wenn sie interviewt wurden, die schlugen vor, politisch Andersdenkende abzuschlachten und dann an den Füßen aufzuhängen. Oder sie über die Mauer in die DDR zu werfen. Oder sie in der Ostsee zu ertränken und dergleichen mehr, es ging da recht kreativ zu, Hass macht erfinderisch. Meine Chefin, eine damals bekannte Sozialforscherin, schätzte die Anzahl dieser Typen auf etwa zehn Prozent in der Gesellschaft, und zwar über alle Staaten, Zeiten und Systeme hinweg. Zehn Prozent, die schon vom Typ her so sind, man muss sie und ihren Hass nur irgendwie wecken – und schwer ist das nicht. Das war nur ihre Meinung, versteht sich, dafür gab und gibt es keinen Beleg. Und auch diese zehn Prozent, wenn man die Zahl denn überhaupt glauben möchte, nahm man im Alltag damals kaum jemals wahr, Hass war noch nicht gesellschaftsfähig.

Vor etwa zwölf Jahren habe ich Social-Media-Monitoring gemacht, für Medienhäuser und vereinzelt auch für Kunden aus der Politik. Da habe ich zum ersten Mal eine rechtsradikale Öffentlichkeit im Web kennengelernt, die war damals noch gar nicht so bekannt, die hat sich gerade erst eingearbeitet und Seite um Seite aufgemacht, Foren eingerichtet, Gruppen gegründet und sich in Sachen Medien erst einmal langsam warmgespielt. Das waren die Anfänge zu dem, was man heute kennt, und viele, viele Menschen haben auch das überhaupt nicht mitbekommen. Denn es war zwar öffentlich, aber man fand es nur, wenn man danach ausdrücklich gesucht hat. Da war sozusagen eine Tür im Internet, da stand “Hass” drauf, die konnte man aufmachen, und dann fand man den Hass in reichlicher Menge.  Aber der Hass kam da eher nicht raus. Und wenn man sich mit Framing etwas auskennt, dann weiß man auch, dass das damals (bis vor drei Jahren!) noch anders lief, es gab noch keine Sinnverschiebung nach rechts und die Äußerungen der Hassenden wirkten daher in der Regel wie die Äußerungen von Spinnern, weit ab vom Mainstream. Weil der Sprachrahmen noch deutlich anders eingestellt war.

Das war vor der großen Drift, das war vor 2015. Das war, um es noch einmal und abschließend mit Degenhardt zu sagen, “In den guten alten Zeiten”. Aber das ist ein anderes Lied von ihm, das ist von 1966. Da wurde ich geboren, da war Kiesinger Bundeskanzler und Nazis gab es gar nicht. Na ja.

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Der Plastiktütenverbrauch sinkt rapide. Es ist ja nicht alles schlecht.

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