Der Präser Gottes

Ein wenig Geschichtsunterricht, passt gerade ganz gut.

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Auch in der FAZ denkt man über offene Grenzen nach.

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Furcht und Fremdheit.

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Verwaltungsfachleute sind sozial stabiler als andere. Oder so. Hä? Nach der Logik sind Menschen wie ich, zwei Berufe oder mehr, sicher sozial instabil wie nur was.

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Wir sind vier Tage nicht im Garten gewesen, und was da jetzt alles hinüber ist – es nicht zu fassen. Wenn man nicht täglich wässert, läuft gar nichts, wächst gar nichts, man möchte in diesem Jahr ganz sicher kein Landwirt sein.

“Auf Sommers Grill” heißt ein thematisch passendes Gedicht von Peter Rühmkorf, der auch manchmal zu mehr als seltsamen Bildern neigt, gucken Sie mal, wie das anfängt:

Auf dem Grill des Sommers hingebreitet,

sonnen-krosses Laub am Ellenbogen,

und der Himmel wie ein Präser Gottes

über die entflammte Welt gezogen.

Der Präser Gottes also. Mal im Hinterkopf behalten, für den nächsten Blick zum Himmel. Auf der Seite der Zeit kann man zufällig gerade lesen, dass der Tripper zurückkehrt und gar nicht mal so gut behandelbar ist. Klingt ein Präser, den man über etwas Entflammtes zieht, nicht irgendwie auch nach Geschlechtskrankheit? Und gibt es Präser überhaupt in himmelblau? Ist mir jedenfalls noch nicht untergekommen. Drübergekommen. Egal. Man muss ja Rühmkorf auch nicht für jede Zeile feiern.

Aber “sonnen-kross”, das wiederum hat er schön gesagt. Ich bin heute auch über sonnen-krosses Laub geradelt, noch grün und doch tot, die ganze Stadt liegt voll damit. Beim Überrollen machen die knochentrocken bröselnden Blätter ein krispes Geräusch als hätte man frisch verstreute Kartoffelchips unter den Rädern, es ist ein schönes Geräusch, urban und ländlich zugleich. Extra Schlangenlinien gefahren, um möglichst viel sonnen-krosses Laub zu erwischen.

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Im Garten habe ich heute ein Experiment geerntet, dicke Bohnen. Das war ein Horroressen meiner Kindheit (ich grüße an dieser Stelle meinen Bruder), das scheint überhaupt wenig Kindern zu schmecken. Ich habe das jahrzehntelang nicht gegessen, genau genommen nie wieder, seit ich Lübeck vor zig Jahren verlassen habe. Ich aß das heute also zum ersten Mal wieder, dicke Bohnen nur gekocht, kurz in Butter geschwenkt und gesalzen – köstlich. Bin ich doch glatt wieder ein Stück erwachsener geworden! Und weil ich ja immer alles nachschlage, weiß ich jetzt auch, dass dicke Bohnen gar keinen Bohnen sind, in Wahrheit und in der Botanik sind das Wicken. Dicke Wicken! Das wissen Kinder aber nicht, sonst gäbe es da enorm viele schöne Witze zu, bei so einladenden Reimwörtern. Im nächsten Jahr werden bei uns jedenfalls mehr dicken Wicken angebaut. Gutes Zeug – und niemand mag die in der Familie, nur ich, alles meins. Immer gut. (Für Gartenfreunde: Dicke Bohnen passen hervorragend neben Kartoffeln, mit etwas Glück sind sie auch gleichzeitig reif.)

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Aus einem Kleingarten höre ich auf der Fahrt nach Hause Musik, ungewöhnlich laute Musik sogar. Musik, die ich erkenne, auch wenn ich den Titel nicht weiß, aber es ist ein Stück, das sich mir tief eingeprägt hat. Es ist nämlich eines der wenigen Stücke, zu denen man Paso Doble in Tanzschulen übt. Paso Doble ist das, wo es in Anfänger-Standard-Kusen allmählich lächerlich wird, wenn Sie das vielleicht nicht kennen. Paso Doble ist das, wo man in diesen Kursen einfach durch muss und wo alle irgendwann albern werden. Der Norddeutsche als gockelnder Torrero, das klappt einfach nicht. Aber man stampft gottergeben auf wie der jugendliche Liebhaber in Granada oder wo auch immer, man drückt das Kreuz irgendwie spanisch sein sollend durch und die Dame wirft wild den Kopf zurück und denkt angestrengt an Carmen, also jedenfalls wenn sie vor Lachen überhaupt noch kann.

Ich fahre etwas langsamer, ich will doch mal sehen, wer da denn bitte Paso Doble am Gartentisch hört. Spanier womöglich? Aber nein, da sitzen ältere Deutsche, rundliche, ältere Deutsche, eine Frau und ein Mann, hinter der gepflegten Ligusterhecke, und sie sitzen vor Kaffee und bereits leeren Kuchentellern. Und bewegen sich nicht und hören stumm, die Musik kommt brüllend laut aus der Kompaktanlage und ist sehr südlich und wer weiß denn schon, was in den beiden vorgeht, während sie noch einen Schluck Milch in den Filterkaffee kippen. Oder was in ihnen damals vorging, als sie gemeinsam den Paso Doble … man weiß es eben nicht.

Ich fahre weiter, ich drücke das Kreuz durch und halte mich für einen Moment mal wieder caballeromäßig kerzengerade auf meiner zweirädrigen Rosinante, während die Musik mit der Entfernung immer leiser wird und die beiden im Garten da weiter reglos sitzen, nur ab und zu wird eine Tasse zum Mund geführt. Haltung ist alles beim Paso Doble, vielleicht aber auch sonst.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen. Gerade kam da Geld mit der expliziten Aufforderung, es für Eis auszugeben, das ging bereits klar, vielen Dank, auch von den Söhnen! Und außerdem noch ein ganz besonderer Dank an Jörg O. für die besonders freundlichen Zeilen, die haben mich riesig gefreut. 

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