12 von 12 im August

(Die zahllosen anderen Ausgaben der Reihe 12 von 12 wie immer hier)

Ich stehe wie fast immer weit vor der Familie auf, koche mir einen Kaffee und gehe an den Schreibtisch, wofür hier unten gleich ein Symbolbild folgt, natürlich schreibe ich am Computer. Sonst würde die Familie ja auch nicht mehr schlafen.

Mit der schlafenden Familie im Rücken schreibt es sich am besten, das gilt bei mir seit vielen Jahren. Ich tippe weiter am seltsam ausufernden Wanderbericht, zwischendurch frage ich mich auf einmal, ob ich die Orte dabei eigentlich in der richtigen Reihenfolge wiedergebe, also sehe ich lieber noch einmal auf der Wanderkarte nach. Schreibende Menschen kennen das vielleicht, ab und zu überkommt einen die Angst, dass man nicht nur die üblichen kleinen Fehler macht, sondern TOTALEN STUSS schreibt, deswegen gucke ich so etwas sofort gründlich nach. Immer.

Sohn I steht wie üblich als Zweiter auf, er sieht auf die neben mir liegende Wanderkarte, die kennt er noch gar nicht.

“Was ist das hier unten, diese Biegung?”
“Das ist die Lübecker Bucht.”
“Die könntest du doch mal längs gehen!”
“Das habe ich gerade gemacht. Mit deinem Bruder.”
“Oh.”

Kommunikation in der Familie, darüber könnte man ja auch Bände schreiben.

Ich gehe Brötchen holen, da das Kind, das Brötchen holen sollte, verspannt ist. Verspannt! Das Wort hätte ich in seinem Alter gar nicht gekannt, aber gut formulierte Ausreden müssen belohnt werden, sprachliche Förderung geht bei mir immer vor, also gehe ich selbst. Meine Verspannungen interessieren hier eh keinen.

Die Brötchen sind furchtbar wie immer, die sehen nur gut aus, im Grunde ist die Qualität, die da geboten wird, gar nicht mehr zumutbar, sie ist unter aller Sau, eine Frechheit und eine Schande für den altehrwürdigen Begriff Bäckerei.

Im Flur unserer Wohnung steht eine wartende Holzeins, für die die Herzdame gestern in immerhin fünf Geschäften war, diese Holzzahlen scheinen nicht mehr so üblich zu sein. Man braucht aber doch eine Holzeins, genauer eine zweite Holzeins, wenn Kinder ein gewisses Alter erreichen, und das ist hier demnächst der Fall.

Apropos Geschäft, ich habe neulich in einem Kaufhaus hier um die Ecke einen Ball für die Söhne gekauft. Der verlor aber nach jeweils fünf Stunden schon die Luft, deswegen habe ich den zurückgebracht, denn fünf Stunden sind auch für einen recht günstigen Ball eher wenig, finde ich. An der zentralen Kasse im Erdgeschoss, die mir wie ein ziemlich logischer Anlaufpunkt für so etwas vorkam, fragte ich, ob ich da richtig sei: “Nein, da sind sie hier aber ganz falsch. Ganz falsch!” Ein abwehrender Satz, vorgebracht in heller Empörung, wie Kunden nun wieder so doof sein können, so etwas zu fragen, also wirklich. Man schickte mich in den vierten Stock, denn da habe ich den Ball ja auch ausgesucht, logisch. Im vierten Stock war aber kein Mensch, auch logisch, also aus Kundensicht. Als dann eine Verkäuferin auftauchte, war sie, na klar, nicht zuständig, als ein Verkäufer auftauchte, verwies er auf einen anderen, der müsse eigentlich bald kommen – und der kam dann auch irgendwann, durfte aber nichts entscheiden. Und als der, der was entscheiden durfte, schließlich gefunden war, schickten sie mich mit dem doppelt unterschriebenen Bon wieder ins Erdgeschoss, wundern sich aber jeden Tag, warum die Leute alles online kaufen. Meine Güte.

In der Küche stelle ich nebenbei fest, dass wir in diesem Jahr den Frühjahrsputz ausgelassen haben, viel im Garten und überhaupt wochenlang weg waren, dass wir ferner, wenn wir denn doch einmal da waren, wohl gehaust haben wie die Dreijährigen, und so sieht es hier auch aus. Während draußen die Kirchenglocken die Frommen zur sonntäglichen Andacht rufen, suche ich also Putzmittel zusammen, räume die erste Schublade aus und starte die dringend notwendige Großaktion, da haben wir also Besinnung und Fleiß in einem Moment schön vereint, wenn das kein norddeutscher Sonntag ist.

Es kommt dabei allerdings zum Küchen-GAU, ich räume nämlich auch die Schublade mit dem ganzen Tupperzeug und den Frühstücksboxen und Trinkflaschen der Söhne komplett aus, die Schublade also, die nur fortgeschrittene Gamer und ausgeprägte Fans von 3-D-Puzzles wieder vollständig einräumen können. Alle Familienmitglieder gucken sofort angestrengt weg und müssen dringend andere Dinge tun, ich dann auch. Wenn sich das Zeug bis morgen nicht von selbst einräumt, dann machen wir eben einen neuen Plan, ziehen um oder wandern aus, was weiß ich. Wir hinterlassen jedenfalls bemerkenswert saubere Schubladen.

Egal, ich versuche es mit einem Mittagsschlaf, scheitere aber wieder an dem Phänomen, dass hier alle Familienmitglieder sofort etwas von mir wollen, wenn mein Körper tagsüber waagerecht ausgerichtet wird. Faszinierend. Aber auch enervierend, zumal wir im Schlafzimmer weiße Vorhänge haben, die bei offenen Fenstern so sachte herumwehen und sich hier dezent etwas bauschen, dort ein paar kleine Wellen schlagen, bei dem Anblick kann man wirklich hervorragend ruhen und einschlafen. Eigentlich.

Draußen ist grauer Himmel, das ist hier keiner mehr gewohnt, die Stimmung ist etwas getrübt. Ich gehe zwischendurch mit Sohn I etwas planlos raus und sehe mir in den Schaufenstern des Stadtteils die neuesten Modetrends an, nicht alle können mich überzeugen.

Bei grauem Himmel kann man sich aber wenigstens mal wieder an den Herd stellen, das ist in dieser Wohnung bei Sommerhitze nicht möglich. Es gibt Couscous mit Huhn, Zucchini, Datteln, Kreuzkümmel und Koriander, ein hervorragendes Essen, wenn ich mich mal kurz selbst loben darf. Das Rezept kam wieder aus der von mir viel genutzten KptnCook-App, keine bezahlte Werbung, nein, nicht einmal ein Link.

Ich lese außerdem weiter in Ortheils Moselreise, zu der mir erstaunlich lange kein Symbolbild einfallen wollte. Dann aber doch noch:

Passt schon.

Eines der Fotos ist bei mir traditionell ein Video, da lade ich jetzt das ab, was mir Youtube seit Wochen aus mir völlig unklaren Gründen wieder und wieder empfiehlt, mit einer Hartnäckigkeit, die schon erstaunlich ist. Porque te vas. Vielleicht hört es jetzt auf? Vielleicht musste es nur einmal raus?

Ich schreibe weiter am Wanderbericht, ich sortiere Termine, ich mache Schreibtischzeug. Die Herzdame geht zum Tanzen, ein Sohn liest, einer haut ab zu einem Kumpel, der Tag dümpelt so dahin, das ist gar nicht schlecht. Unaufgeregt.

Fehlt nur noch der Hinweis, was der Sohn liest:

Er findet es allerdings eher langweilig. Vielleicht wird es noch? Dann schreibt er was darüber, dann merken Sie das. Und wenn nicht – tja.

 

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