Entscheidungsprobleme

Das weiße Album.

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Ich war heute auf dem Barcamp Hamburg, dummerweise ging es gleich in zwei Sessions um Entscheidungsfindung, was mich wieder daran erinnerte, dass ich dieses Thema prinzipiell interessant finde und ich immer noch den Kahneman nicht gelesen habe. Ich habe mich eben, haha, noch nicht zum Lesen entschieden. Das ist das Schlimme und das Gute an Barcamps, man kommt auf Ideen.

Falls Sie noch nie auf einem Barcamp waren, was ich stets empfehlen würde, da ist am Anfang immer die Sessionplanung, irgendwelche Menschen schlagen also im Plenum vor, irgendwas mit oder vor anderen zu machen. Je nach Barcamptradition fällt das sehr bunt aus, technik, IT- und wirtschaftslastige Themen stellen zwar eindeutig die Mehrheit, aber daneben geht viel. Und mittlerweile kenne ich das schon, ich denke zunächst: Oh mein Gott, das sind alles Experten und Topchecker mit Spezialthemen, die können alle irgendwas, nur ich, ich kann gar nichts. Ich bin nur ein großes gelbes Etwas mit Federn, um noch einmal an den depressiven Bibo zu erinnern. Nach einer Weile werden dann aber ein paar Themen vorgeschlagen, bei denen ich denke: Ach guck, das hättest du auch anbieten können. Vielleicht sogar mit speziellerem Dreh, vielleicht sogar mit mehr Erfahrung. Und das mündet dann schließlich in: Toll, ich möchte bitte von fast allem was mitbekommen.

Das halte ich für einen gesunden Effekt, denn Vielfalt und Diversifizierung findet immerhin auch im eigenen Kopf statt. Also im besten Fall. Und mindestens am Rande bekommt man auf einem Barcamp immer auch andere Firmenkulturen mit, andere Arbeitsstile und Umgangsformen, was für das eigene Erleben und den eigenen Alltag manchmal recht ernüchternd sein kann. Es gibt eben immer Firmen oder sogar ganze Branchen, die in irgendwas weiter sind. Normal.

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Ich habe gestern Sohn I unterstützt, der sozusagen im Home-Office war. Schule fand nämlich wegen der allgemeinen Lernentwicklungsgespräche nicht statt, die Kinder haben dafür reichlich Aufgaben mitbekommen und sollten sie sie zu Hause zu erledigen. Wir haben hauptsächlich Mathe gemacht, da geht es bei ihnen gerade um Mittelwerte, also um das arithemtische Mittel und seine Freunde. Allerdings nennen sie den Median da nicht Medien, sondern Zentralwert, das ist zwar inhaltlich nachvollziehbar, aber für mich schwierig, denn bei Zentral kann man ja auch auf Zentralfriedhof kommen und das dann erst einmal auf Youtube nachschlagen – ich kann so nicht arbeiten. Und was ist mit dem Modus? Der kommt erst noch. Den habe ich jetzt versehentlich zu früh erklärt. Schlimm. 

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Die Verkäuferinnen im Bioladen bezeichnete der Sohn beim Einkaufen spontan als Biotessen, das werde ich jetzt also unweigerlich auch immer denken, wenn ich da reingehe. Eine Bezeichnung für männliches Personal wurde noch nicht gefunden, weil gerade keines zu sehen war, und in der theoretischen Erörterung schien uns etwa das Wort Biozisten nicht passend, das klingt nämlich irgendwie kraftvoller und mächtiger als Biotessen, das ist also inhaltlich unpassend. So aber habe ich als Kind das bei der Polizei nicht gesehen, die Welt dreht sich weiter.

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Ich lese übrigens eventuell eine andere Sturmhöhe als Sie, jedenfalls wenn Sie das Buch vor -zig Jahren gelesen haben, ich lese nämlich die etwas spezielle und noch recht neue Übersetzung von Wolfgang Schlüter, die es wirklich in sich hat. Die Kraftausdrücke darin sind auch solche, und zwar solche, die wir nicht leicht mit unserer eventuell romantischen Vorstellung des 19. Jahrhunderts in Verbindung bringen können. Da steht also nicht “Oh, du niederträchtiges Weib!”, da steht eher etwas wie “Du gottverfickte Schlampe”, jetzt nur sinngemäß und als brauchbares Beispiel angeführt. Was der Herr Schlüter so gemacht hat, um das Krasse und Brutale des Textes so hervorzuheben, wie es auch damals auf das geschockte Publikum gewirkt haben muss. Wobei man auch abgesehen von der Wortwahl alle paar Seiten wieder staunend feststellen muss, was für ein hundsgemeines Buch das ist, das alle seine Hauptfiguren derart perfide behandelt und in den seelischen Ruin treibt. Was für eine Handlung, was für eine Gemeinheit! Und was für ein großartiges Buch, das natürlich auch.

Dass ein süddeutscher oder zumindest teilweise österreichischer Dialekt in der Übersetzung verwendet wurde, das finde ich allerdings auch schwierig, denn ich habe das immer eher norddeutsch assoziiert, Yorkshire ist ja da oben. Aber bei Dialekten in Übersetzungen kann man eh nichts richtig machen, schon klar, irgendwer treibt da als Leserin oder Leser immer assoziativ quer. Immerhin spricht nur die allerunsympathischste Figur ganz aufdringlich so, dass es grob nach Bayern klingt, das kennt man auch aus den Nachrichtensendungen, das ist geradezu seltsam vertraut.

Heathcliff beschließt gerade, in bösester Absicht die falsche Frau zu heiraten, die richtige Frau gerät dabei und deswegen in psychisch auffällige Zustände, um es dezent zu formulieren, das Verhängnis nimmt seinen Lauf und gleich weiß ich mehr.

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Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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