Eine Zettelspur durch die Jahre

Im Gespräch mit Lehrern habe ich gerade wieder gehört, dass es nicht alle Kinder einer Klasse schaffen, über eine volle Schulstunde aufmerksam zu sein und engagiert mitzuarbeiten (“Ach was?!”), wobei man natürlich wissen muss, dass Schulstunden heute oft 60 oder 90 Minuten lang sind. Das ist ein klein wenig lustig, denn wenn ich mich in meinem Umfeld so umsehe, es gibt ja kaum noch Erwachsene, die irgendwas länger als 30 Minuten am Stück durchhalten. Und ganze 90 Minuten konzentriert durcharbeiten? Überlegen Sie mal an Ihrem eigenen Beispiel oder sehen Sie mal eine Weile Ihre Kolleginnen an. 90 Minuten sind wirklich verdammt lang, 60 auch schon. Zumindest heutzutage. Früher waren sie kürzer, eh klar. Aber früher konnten wir uns ja auch alle tagelang konzentrieren wie die Zen-Mönche, das war ganz normal, fragen Sie ruhig einen beliebigen Nostalgiker Ihres Vertrauens

*krückstockgefuchtel* 

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Im Nachhinein fällt mir auf, dass auf dem Hamburger Barcamp Themen der nachhaltigen Wirtschaft, der Umwelt etc. nicht oder kaum vorkamen. Kein Plastik, keine Verkehrswende, kein Klimawandel, nix. Das ist kein Vorwurf, ich hätte das ja auch anbieten können, ich stelle das einfach nur fest und wundere mich. Sind diese Themen denn nicht einigermaßen dran? Nein?

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Ich habe die Sturmhöhe weitergelesen. Cathy gerät gerade in wahnhafte Zustände, liegt fiebernd im Bett und zerbeißt (sic!) ihr Kopfkissen, rupft dann die Daunen heraus, sortiert diese nach Länge und Format und bestimmt die Vögel, von denen sie stammen, Gans, Taube, Moorhuhn, Kiebitz. Eine beeindruckende Szene, man fühlt sich seelisch gleich viel gesünder. Ich wäre allerdings auch in äußerst verzweifelten Lagen gar nicht fähig, Federn nach Vögeln zu sortieren, so als naturferner Städter, genau genommen weiß ich nicht einmal auf Anhieb, ob hier überhaupt irgendwo Federn drin sind und vermutlich würde ich also nur in synthetischen Flausch beißen, ein eher unschöner Gedanke. 

Heathcliff heiratet derweil die getäuschte Isabella und haust dann mit ihr in etwas, das eine gewisse Boulevardzeitung mit Sicherheit als “Horrorhaus” bezeichnen würde. Ein einziger und nicht einmal sehr auffälliger Halbsatz weist auf eine eventuell ansatzweise positive Entwicklung hin, die aber erst ganz am Ende des Buches eintreten wird, versteht sich. Es ist noch ein weiter Weg.

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Der Herr Fischer warf mir gestern noch eine schöne Ergänzung zum Wort “Genau” zu:

In Referaten geht man nicht mit einem „daraus folgt“ oder „und nun komme ich zum nächsten Aspekt“ zum nächsten Gliederungspunkt über, sondern dadurch, dass die Referenten auf das Konzeptpapier schauen und „genau!“ sagen. So, als ob man sich selbst Mut machen und ein Kontinuum herstellen müsste, weil man ahnt, dass der Aufbau des Referates lediglich additiv war.

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Und ansonsten habe ich gerade eine gottverdammte ganze Stunde damit zugebracht, Accounts und Passwörter und Usernamen zu entwirren, denn wenn man Kinder hat, legt man heutzutage ziemlich sicher irgendwann irgendwas online für sie an, was sie dann später aber selbst nutzen wollen, und dann muss man sich an die verfluchten Log-in-Daten und Namen und alles erinnern, welche Mailadresse man wo verwendet hat etc., und es wird schnell ungeheuer anstrengend. Das war jedenfalls die Stunde, in der ich heute schreiben wollte, pardon. Man kann nicht jeden Tag gewinnen.

Eine nicht ganz unbekannte Seite meldete mir eben nach dem xten Anmeldeversuch lapidar: “Es scheint Sie mehrfach zu geben.” Und da sitzt man dann und brüllt: “”JA VERDAMMT, GENAU DAS DENKE ICH AUCH OFT, IHR KNALLCHARGEN!”

Contenance. Liebe Eltern, wenn Sie je für den Nachwuchs Accounts anlegen – und Sie werden es tun! Oft auch recht spontan! – , notieren Sie sich bitte sofort alle Daten und notieren Sie sich dann wiederum akribisch, wo genau Sie das notiert haben und immer so weiter, bis Sie eine Zettelspur lückenlos durch die all Jahre zurückverfolgen können. Besser ist das.

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Musik!

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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11 Kommentare

  1. Moin Herr Buddenbohm, you made my day, Tag gerettet, viel gelacht.
    Aber liebe Eltern, hört die mahnenden Worte des weißen Mannes und handelt entsprechend… *geht weiter Zettel zu accounts suchen*…
    Grüße von Janne

  2. Danke Janne, über den weißen Mann habe ich dann fast nochmal so herzlich gelacht wie über Herrn Buddenbohms Text an sich 😉

  3. Lassen Sie die Zettel und machen digital: 1Password & Konsorten machen nicht nur neue Logins einfacher (sind direkt gespeichert), sondern waehlen dabei auch noch die besseren Passworte – klar, eine Investition, aber eine gute.

  4. Ich würde Keepass empfehlen, kostenlos und Open Source.
    Ist auch auf dem Smartphone sehr praktisch, mit Fingerabdruck entsperren und dank Autofill in den Apps direkt verfügbar haben.
    Im Browser dank Addon auch verfügbar mit „letztes Login speichern“ hat man die Dinge dann schnell eingetragen.

    Und im Zweifelsfall ist das ja etwas das die technikaffinen Kinder schon mit Begeisterung tun können^^

  5. Sehr gelacht! Dazu dann noch Eltern, die in einer anderen Stadt wohnen und ab und zu ihre Passwörter, PINs, PUKs etc. vergessen, multiple Persönlichkeit at its best – männlich, weiblich, jung, alt…. Und die Zettel dazu?! Hach!
    Das ist doch auch mal ein Grund, ins Kopfkissen zu beißen! Sollte dringend mal wieder die Sturmhöhe aus dem Regal holen…

  6. Vielen Dank für diesen Text, musste laut lachen.
    Das sind bei mir die einzigen Situationen zu Hause, wo mich meine Tochter fluchen gehört hat (man gibt sich ja sonst als Eltern alle Mühe). Aber da ist der Geduldsfaden irgendwann zu schwach…

  7. Eigene Mailadressen für die Kinder (auch wenn Nachrichten dahin vorerst mal im Account der Eltern landen) sind sehr praktisch. Dann kann man Accounts schon mal „für die richtigen Mailadressen“ erstellen.

  8. Super Text, ich schrei von A bis Z nur genau! genau!! genau!!! Ich als Super-Ober-Dienstleister hab ein extra versiegeltes file mit allen Passwörtern und sonstigen Zugangsdaten. Kann sich doch kein Mensch merken.
    @ Janne: Ich HASSE Korrektursysteme …..

  9. Hallo, Herr Buddenbohm.

    Bei dieser Stelle breitete sich ein fettes Grinsen in meinem Gesicht aus: “Es scheint Sie mehrfach zu geben.”

    Vielleicht sollten wir uns alle also noch nicht zu sehr sorgen wegen KI und deren eventueller Intelligenz.

    Einen angenehmen Abend wünscht Ihnen
    Franziska

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