Präsent, alltäglich und gewöhnlich

In der Grundschule gab es eine Feier, das bringt die Jahreszeit so mit sich, es gibt überall gerade Feiern. Da war auch ein Vater anwesend, der sonst noch nie da war. Es ging ein Raunen durch die Kinderschar, schon  als er hereinkam, das ist er, das ist er. Denn der Herr ist nicht irgendwas, der Herr ist Profifußballer. Also ganz in echt, wie die Kinder jetzt ergänzen würden. Also so richtig! Der spielt für Geld. Das muss man sich mal vorstellen! Es bildete sich sofort eine kleine Schlange von Kindern, die ein Autogramm haben wollten. Das sahen wiederum andere Kinder, die dann, logisch, auch ein Autogramm haben wollten, was wiederum andere Kinder sahen – und immer so weiter. Der Mann lachte, als es mehr und mehr Kinder wurden, der Mann lachte und unterschrieb, was man ihm alles hinhielt, Hefte, Zettel, Arme, T-Shirts, frisch gebastelte Weihnachtssterne und Servietten und Mitteilungshefte. Es kamen immer noch Kinder, die erst in der Schlange erfuhren, worum es überhaupt ging, aber wenn da alle Kinder stehen, dann wird das ja schon einen Grund haben.

Ich fragte irgendwann, für welche Mannschaft der Herr denn überhaupt spielt, das konnte mir allerdings niemand beantworten, das war in der Schlange gar nicht bekannt, und das war auch nicht so wichtig, irgendein Profifussballer eben. Aus dem Ausland! Es wurden drei Länder genannt, eines von denen! Oder aber ein anderes! Ich fragte den Sohn des Sportlers, den strahlenden Sohn, der endlich auch einmal seinen Papa dabei hatte, seinen Papa, der doch sonst immer weg ist, richtig weit weg und auch richtig lange weg. Der Sohn brachte es dann vor lauter Aufregung auch nicht raus, aber egal, ein Profifußballspieler eben. Und sowieso egal – sein Vater! Guck mal! Der Vater lachte und schrieb und lachte und schrieb.

Die anderen Väter und ich waren erst einmal abgemeldet. Wir überlegten dann, ob wir uns nicht vielleicht auch lieber einen Job im Ausland suchen sollten, um wenigstens einmal solche spektakulären Beliebtheitswerte beim Auftauchen zu erreichen. Allerdings sind wir größtenteils schon aus dem Profifußballeralter raus und ein beliebiger anderer Beruf wird es wohl nicht bringen, wenn man es realistisch betrachtet, das wird also dummerweise nichts.

Wir bleiben einfach weiter präsent, alltäglich und gewöhnlich. Ab und zu freuen sich die Kinder trotzdem über uns.

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Sohn II liest gerade ein Buch, über das Sohn I schon einmal geschrieben hat, und nach seiner Begeisterung zu urteilen – ich musste ihn heute zur Schule bugsieren, weil er auf dem ganzen Weg weiterhin stoisch gelesen hat – ist das auch für andere Kinder nach wie vor als Weihnachtsgeschenk brauchbar. Falls Sie noch auf der Suche sind, ich bringe hier in den nächsten Tagen noch ein paar Tipps unter.

Nach dem gerade verlinkten Artikel von Sohn I habe ich eben übrigens mit “Kürbis Zombie Buddenbohm” gegoogelt, manchmal klingt es ja etwas seltsam, was man da so eingibt.

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Kurz mal zwischenbilanziert – das Wiederleseprojekt hat jetzt schon einen Stapel von immerhin sieben Büchern ergeben, das ist ja nicht nichts. Ich stelle mir die mal extra in ein Regal, dann kann ich im weiteren Verlauf von denen aus eine neue und sinnvolle Sortierung einführen. Nein, ich sortiere sie auch hier schon.

Aktueller Stand:

Die Kinderbibel

Emily Brontë: Sturmhöhe

Graham Greene: Der dritte Mann

Novalis: Werke

Iwan Turgenew: Väter und Söhne

Paul Zech: Vom schwarzen Revier zur neuen Welt – gesammelte Gedichte

Peter Rühmkorf: Aufwachen und Wiederfinden – Gedichte

Der Paul Zech ist also schon erledigt, so ein Lyrikband ist ja doch eher Snack-Content, wie man heute sagen würde. Jetzt habe ich mir George Orwell vorgenommen, ein Band “Meistererzählungen” aus dem Diogenes-Verlag. Die erste Geschichte hat den bemerkenswert uneleganten Titel “Ein Hamlet ohne Poesie?” und demonstriert tatsächlich schön erzählerische Meisterschaft. Ein heißer Tag in Burma, Birma, Myanmar, wie auch immer, da blickt ja keiner durch. Aber man merkt jedenfalls die Hitze, die Schwüle, man sieht die Pflanzen, man sieht irgendwie sogar die Vögel, die man nicht sieht: ”Oben in dem Bobaum erhob sich eine Unruhe und ein blubberndes Geräusch wie von kochenden Töpfen. Eine Schar grüner Tauben saß dort oben und fraß die Beeren. Flory blickte in die große grüne Wölbung des Baums hinauf und versuchte, die Vögel zu unterscheiden; sie waren unsichtbar, so vollkommen war ihre Farbe dem Laub angepaßt, und doch war der ganze Baum von ihnen belebt und schimmerte, als würde er von Vogelgeistern geschüttelt.”

Ansonsten sind alle Scheußlichkeiten und die ganze Menschenverachtung der Kolonialzeit in der Geschichte, eh klar.

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Noch schnell ein Schluss. Ja, es war ein großer Film.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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