Über die Herkunft

Ich hatte bei den Wanderberichten einmal erwähnt, wie aus meiner Sicht mit der Herkunftsfrage im Alltag umzugehen ist, das war eine Thema, das im Sommer kurz in den sozialen Medien eine Rolle spielte. Und ich schrieb da, dass man Reisende immer fragen darf, wo sie herkommen, aber alle anderen lieber nicht. Ganz einfach. Weil, falls das noch einmal erklärt werden muss, auch der Mensch, der irgendwie vermeintlich so aussieht, als sei er ferner Herkunft, seit zwei oder drei Generationen aus Bochum kommen kann – und wenn das so ist, dann ist die Frage nach der Herkunft natürlich ebenso abwegig wie nervtötend wie ausgrenzend, das kann man sich leicht vorstellen, das kann man leicht lernen und auch anwenden, etwas gute Absicht vorausgesetzt, und die haben wir ja alle.

Wie leicht man dennoch in alte Denkmuster zurückfällt, habe ich bei diesem Grundschulfest gestern gemerkt. Da stand ein kleines Mädchen auf der Bühne, ich werde gleich mal einen neuen Namen für sie erfinden. “Ich bin Lucy, sagte sie, “ und ich komme aus …” woraufhin sie sich vor Aufregung etwas verhaspelte und erst einmal Luft holen musste. Das war nur eine ganz kleine Pause, einige wenige Sekunden, aber ich merkte doch, wie mein vorschnelles Hirn schon einmal passende Länder in den Satz einsortierte, Vietnam oder so, passend zu ihrem Aussehen eben, man glaubt gar nicht, wie schnell das Hirn da sein kann, nach nur einem einzigen Blick. Das Mädchen holte dann noch einmal Anlauf und Luft: “Ich bin Lucy, und ich komme aus der 4b.”

Woher man eben so kommt, wenn man in einer Hamburger Grundschule auf der Bühne steht. Normal. 

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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8 Kommentare

  1. Wunderbar beobachtet und geschrieben! Danke!

    Es gab mal eine Zeit, da habe ich im Fach „Soziologie abweichenden Verhaltens und sozialer Kontrolle“ in Seminaren versucht, angehenden Lehrern die Mechanismen von Stigmatisierung usw. nahe zu bringen, gerade und auch für den zukünftigen Beruf.

    Würde ich das noch lehren, wäre dieser Text, natürlich nur mit der Erlaubnis des Autors, mein Einstieg.

  2. Meine Tochter spielte in der High School Klarinette in der Marching Band. Ich, aus dem Hunsrueck stammend, war natuerlich begeistertes Elternteil, und wollte einer Competition zuschauen. Am Eingang wurde ich gefragt: Und wo kommen Sie her? Der Frage eigentlich schon lange leid, antwortete ich mit ‚Deutschland‘.
    Die Dame lachte, und meinte sie wollte ja nur wissen mit welcher Marching Band ich da sei.

  3. Mein Sohn kam in der 5. Klasse mit Schülern aus einem größeren Einzugsgebiet zusammen. Er erzählte beeindruckt von einem Mitschüler, der mit der S-Bahn fuhr. Die Oma hörte dessen asiatischen Namen und fragte: „Wo kommt der denn her?“
    Der Sohn: „Aus Höchst!“

  4. Eine Kollegin sprach eine mit einem blauen Tuch verschleierte neue Mitarbeiterin freundlich an und sagte: „Oh, this color suits you very well, where do you come from?“ Mitarbeiterin: „Danke, aber ich spreche deutsch und komme aus Hamburg-Wilhelmsburg!“

  5. Ich bin Vietnamesin und mein Mann Mexikaner und ich kann Ihnen nur versichern, dass die Deutschen (wie ich auch hier wieder lesen konnte) einfach überkorrekt sein wollen. Fürchterlich. Wo bleibt da das Unverkrampfte? Nicht zu viel nachdenken und vor allem nicht seine eigenen Gedanken kontrollieren und denken – ups, da hab ich fast etwas Falsches gedacht – wie peinlich.
    Man sieht uns bzw. mir sowieso an, dass ich nicht deutschstämmig bin und das ist so in Ordnung. Auch in der x. Generation ist das in Ordnung. Ich wohne zwar in München, aber deswegen stamme ich doch woanders her. Und manchmal ergibt sich bei Nachfragen von Fremden daraus ein superschönes Gespräch.

  6. @Mychau: ich bin so froh über Ihren Text! Mir kommt eine solche Frage auch eher ganz natürlich vor. Ich werde im Ausland, zwar nur als Tourist, auch nach meiner Nationalität gefragt.
    Da es weder eine g u t e oder s c h l e c h t e Herkunft gibt erkenne ich darin generell nichts Negatives. Zeigt es nicht eher Interesse an der Person und gibt die Möglichkeit zu einem intensiveren Gespräch?

    Mitunter hat die “political correctness“ wirklich etwas sehr Verkrampftes.

  7. @Mychau: Ich bin sehr froh über Ihren Kommentar. Ich bin zwar Deutscher, aber ich finde meine Landsleute sehr oft mehr als nur verkrampft.
    Und, @Trulla, „political correctness“ ist immer etwas sehr verkrampftes, es gehört abgeschafft, ersatzlos gestrichen, denn es ist nur Schein und nicht Sein.
    Trotzdem oder gerade deswegen bin ich glücklich über Deinen Text, Merlix, er ertappte mich auch bei dieser schnellen Denkfalle und er zauberte mir dann ein Lächeln aufs Gesicht. Oder wie der geneigte Engländer sagen würde: „That saved my day.“

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