Präzise und grausam

Wir sind kein Volk.

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Autochrome

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Tante Anna

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Eine kurze Buchempfehlung, ich werde an anderer Stelle offline darüber schreiben: “Vaterhaus” von Bea Dieker. Hier eine Rezension dazu, passt schon.

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Ich wurde von einer befreundeten Bestsellerautorin darauf hingewiesen, dass ein neulich hier verlinkter Text zwar Unmengen von Autoren, aber nur eine ganz kleine Anzahl Autorinnen enthielt. Da die Dame zum Rechthaben neigt, also im weitestgehend positiven Sinne sogar, und da es neulich gerade erst Artikel in diversen Medien gab, in denen auf das krass ungerechte Verhältnis zwischen Frauen und Männer in der Literatur hingewiesen wurde, habe ich beim nächsten Besuch in der Bücherei mal darauf geachtet. Da gibt es am Anfang der schönen Literatur immer so eine Aktionsfläche, einen Sonderaufsteller für thematisch ausgewählte Bücher, diesmal zur einigermaßen vagen Schlagwortsalve “Jahre, Monate, Tage”. Da sind die Titel natürlich leicht auszuwählen, die kann man im Katalog über die Volltextsuche zusammenfinden, so stellt man sich eine nette Praktikantenaufgabe vor. Egal, da standen jedenfalls etwa 28 Bücher von Männern und zwei Bücher von Frauen, ganz so, als würden Männer eher kalendarische Angaben im Buchtitel haben. Das klingt dann schon fast wie ein Thema für eine Abschlussarbeit: “Zur Häufigkeit von Jahren, Monaten und Tagen in Buchtiteln von Frauen und Männern.”

Ich habe daraufhin nur Frauen ausgeliehen, warum auch nicht, denn die Wahrscheinlichkeit, dass ich aus eher unerfreulichen Gründen bisher stets zu wenig Frauen gelesen haben, sie ist doch recht hoch. Und da ich gerade eh keinen Plan habe, was ich gerne lesen möchte, habe ich einfach bei A angefangen und alle Bücher von Frauen angelesen, die ersten Absätze und die Klappentexte und auch nur die, welche thematisch überhaupt in Betracht kamen. Also keine Gewalt-, Missbrauchs- und Kriegsgeschichten, nichts mit Rassismus und irgendwelchen anderen -ismen. Gefühlt machen diese Bücher übrigens etwa 60% des Bestandes aus, wenn nicht sogar deutlich mehr. Da sind auch sicher sinnvolle und wichtige und richtige Bücher dabei, gar keine Frage, danach ist mir aber gerade nicht. Runterziehen kann ich mich selbst auch ohne Texte, und zwar ziemlich gut. Dem ist eher entgegenzuwirken, ich strebe also mehr nach dem, bei dem ich ein gutes Gefühl habe oder sogar erst bekomme. Deswegen können Tod und Verderben dennoch vorkommen, solange sie mich als Leser nicht zu tief in den Abgrund drängen. Bei Mariana Leky etwas, da ging das. Ansonsten reicht es mir bei Handlungen völlig aus, wenn zwei oder drei Figuren sich mit Beziehungen mühen, da habe ich für mein Empfinden schon genug Drama. Und im echten Leben haben wir damit im Grunde sogar alle genug Dramen, nicht wahr, so sieht es doch aus.

Bei Mariana Leky, die habe ich jetzt durch, gibt es eine wirklich schöne Sexszene, fällt mir zwischendurch ein, in der sie schreibt, sie sei “hinfällig vor Liebe”, das gefiel mir. Ich meine, wer kennt es nicht. Aber das nur am Rande.

Gut gefallen hat mir Cécile Harel mit “Während wir warten, bis die schönen Zeiten wiederkehren” (übersetzt von Elsbeth Ranke), es war mir nur ein wenig zu kühl, das passt zur Zeit nicht und jetzt gerade komme ich auch endlich darauf, wonach ich da überhaupt die ganze Zeit suche, nämlich nur und exakt nach den Büchern, bei denen ich wenigstens ab und zu denke: “Genau so!” – und dann Lust aufs Schreiben bekomme. Literarisch anspruchsvolles Lesen ist das also ganz gewiss nicht, ich betreibe hier hemmungsloses Lustlesen und suche lediglich einen ganz bestimmten Zauber zur weiteren Verwertung.

Überhaupt nicht gefallen hat mir in diesem Sinne Tessa Hadley mit “Damals”, übersetzt von Sabine Schwenk, das hat so einen lehrbuchgerechten und fleißigen Klang. Da wird jede Figur, die eingeführt wird, sofort beschrieben, hat also ein Gesicht und eine Figur und auch etwas an, was sorgsam geschildert wird, und die Beziehung zu den anderen Figuren wird dann selbstverständlich in berechenbarem Abstand zur ersten Erwähnung angedeutet, der soziale Status dann auch noch. Das sind alles ganz plausible Sätze, aber so geht das für mich nicht, das ist Schreiben nach Schema, das ist wie Stricken mit Buchstaben. Das ist irgendwie nicht mein Fall. Aber es gibt genug, die das mögen, schon klar.

Ich habe dann noch reihenweise Klappentexte gelesen. Es gibt zwei Adjektive, die sich da bei neueren Büchern seltsam oft wiederholen, das eine ist “grausam”, das andere ist “präzise”, gerne auch irgendwie zusammen, da wird also z.B. etwas mit “grausamer Präzision” beschrieben. Das trifft dann wohl den Geschmack der Zeit? Präzise Grausamkeit, grausame Präzision. Und diese präzise Sprache, sie ist dann meistens, wenn ich mal kurz reinlese, abgemagert, fettfrei, schier und dünn, sehr dünn, da möchte man um Gottes willen kein Adjektiv sein, in diesen Büchern, da wäre man ja verdammt einsam. Und das bezieht sich übrigens keineswegs nur auf Bücher von Frauen.

Wenn hier in nächster Zeit jedenfalls signifikant mehr Bücher von Frauen vorkommen, das wollte ich eigentlich nur sagen, dann habe ich das jetzt schon einmal erklärt.

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In der Bäckerei steht ein Mann vor mir an, der kommt dran und sagt grußlos: “Baguette.”

Die Bäckereifachverkäuferin sieht ihn an, der Mann sieht die Bäckereifachverkäuferin an, nichts passiert. Das geht so mehrere Sekunden, und Sekunden sind gewiss nicht in jedem Kontext viel, wohl aber in einer Bäckerei am Morgen, wenn da etliche Leute in einer Schlange stehen und Brötchen haben wollen. Schließlich gibt sich der Mann doch noch einen Ruck und sagte: “Bitte.”

Die Bäckereifachverkäuferin sagt: “Nein, ich hab nur auf die Mengenangabe gewartet.”

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Musik! Gaby Moreno. Toll. Präzise gesungen und so. “The Ritz is no fun at a table for one.”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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