Die Wahl des Ladens und des Schadens

Auf dem Rückweg vom Büro kann ich zwischen mehreren Läden wählen, in denen ich einkaufen kann. Je nachdem, in welchen ich gehe, mache ich Erfahrungen mit armen oder mit reichen Menschen, mit diesen oder jenen Klischees. Ich kann auch Läden wählen, in die gehen fast nur Menschen, die noch nicht allzu lange im Land sind, es gibt einen, in dem sind ungewöhnlich viele Menschen mit heftigen Alkoholproblemen und es gibt einen, in dem sind fast nur Menschen, die es wahnsinnig eilig haben. Ich kann mir aussuchen, welche Geschichten ich erleben möchte. Was ich eher nicht bieten kann, ist ein durchschnittlicher Laden mit durchschnittlichen Kunden. Im kleinen Bahnhofsviertel ist alles etwas speziell, unser Mainstream hier ist kein langer, ruhiger Fluß.

In einem großen Laden, in dem viele Menschen einkaufen, die nicht ganz so viel Geld haben, steht ein schwankender Trinker vor mir an der Kasse, der stützt sich schnaufend auf seinen Rollator, der seltsam fragil wirkt, weil der Mann über ihm ein erhebliches Format hat. So einer war einmal Seemann oder Türsteher, Preisboxer oder sonstwas, so einer hat immer noch die Reste der Muskeln, die er sicher einmal gut genutzt hat, aber das ist schon eine Weile her. Jetzt kämpfen die Muskeln gegen das Schaukeln und gegen die verdammte Schwerkraft, und einfach ist das nicht. Er will nur schnell einen Flachmann kaufen, ungeduldig schiebt er ihn über das elend langsam ruckelnde Kassenband. Er kickt ihn mit dem Finger immer weiter vorwärts bis er endlich dran ist, er murmelt dabei Flüche und stöhnt. Die Kassiererin ist von stoischer Verkaufsfreundlichkeit, sie grüßt korrekt und spult alles ab, was die Lehrgänge nur hergegeben haben, da gibt es nichts. Sie fragt nach der Kundenkarte und nach den gesammelten Punkten und ob der Herr denn auch den Bon … und bei der dritten Frage reicht es dem Kerl, dessen Not jetzt endgültig nicht mehr im aushaltbaren Bereich ist, er grapscht nach dem rettenden Fläschchen: “Mensch, halt endlich die Fresse und gib her das Ding!” Was sie ohne sichtbare Regung mit “Schönen Tag noch” beantwortet, denn in diesem Laden lernt man auch das. Der Mann geht zwei, drei Meter weiter, dann schüttet er sich den Schnaps schon in den Hals. Das ist so ein Typ, vor dem haben Kinder Angst.

Im anderen Markt, in dem die Menschen mit mehr Geld und auch die mit sehr viel mehr Geld verkehren, gibt es an der hochgelobten Fleischtheke mehrere Sorten exquisiten Rindfleischs. Das Kilo kostet manchmal so viel, wie die Leute im anderen Laden in einer Woche für alle Lebensmittel ausgeben, vielleicht kostet es auch mehr. Diese Ware läuft hier wirklich gut, wenn man öfter in diesem Laden einkauft, gewinnt man den Eindruck, dass sich ab einem gewissen Einkommen alle von Steak ernähren, und zwar von feinsten und allerfeinsten Steaks. Wenn man da etwas so Banales wie Mett kauft, das wirkt schon arm, so eine Fleischtheke ist das. Dort arbeiten natürlich auch nicht irgendwelche Leute, da arbeiten Experten, die sich bestens auskennen. Die können zu jedem Stück Fleisch eine Geschichte erzählen, die wissen auch alles zu den sinnvollen Zubereitungsarten, zur Lagerung und überhaupt, die wissen, welches Rind wo und was gegrast hat, die wissen womöglich alles, was man überhaupt über Fleisch wissen kann.

Vor mir steht ein Paar, ungefähr Renteneintrittsalter. Beide sind für die Kundigen nach einem Dresscode gekleidet, der nach Herrenausstatter und Boutique aussieht, nach Jaguar, Landhaus, Golf und dergleichen, unbedingt aber auch nach wir haben nicht erst seit ein paar Jahren Geld. Und die beiden haben Fragen. Sie fragen nach dem Fleisch, nach dem teuren Fleisch und auch nach dem allerteuersten. Sie lassen sich die Geschichten ausführlich erzählen, einen Tick zu ausführlich vielleicht, wenn man bedenkt, dass hinter ihnen noch zehn Leute stehen, aber gut, sie sind ja dran. Und das will eben sorgfältig gewählt sein, dieses Fleisch, das ist ja nicht wie beim Discounter mit den abgepackten Billigfleischbrocken, die man so im Vorbeigehen wahllos mitnimmt. Es ergibt sich ein freundlicher Austausch mit der Fleischereifachverkäuferin, man unterhält sich in verbindlichstem Tonfall. Auf der Waage liegen schließlich zwei gar nicht so dicke Scheiben Fleisch, beim Preis werden 58 Euro und ein paar Cents angezeigt. Gerade will die Frau, es wird wohl die Ehefrau sein, doch noch einmal etwas fragen, gerade will die Fleischereifachverkäuferin noch ein letztes Mal etwas erklären, da hat er auf einmal genug davon, das Thema ist jetzt durch, man kann ja auch nicht den ganzen Tag einkaufen. Und er redet mit einer fürchterlichen Routine nur einen knappen Satz lang auf einmal etwas lauter als die beiden Damen, gerade nur so laut, dass die sofort merken, was Sache ist: “Wir haben das dann jetzt entschieden”, sagt er. Und sie verstummen beide sofort, nicken und sagen “Gut”, weil es auch gar keinen Zweifel daran geben kann, dass das jetzt tatsächlich entschieden ist.

Das ist so ein Typ. vor dem haben Kinder noch keine Angst. Das kommt erst viel später.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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