Vorfrühlingsgedanken

Es ist trotz der wieder etwas kühleren Tage, trotz des stark auffrischenden Windes und trotz des drohenden Regens etwas in der Luft, Sie merken es vermutlich auch. Der Frühling lässt sich nicht mehr leugnen, na gut, der frühe Vorfrühling zumindest nicht. Ich erzähle eine kleine Geschichte, die zur kommenden Jahreszeit passt, es geht um menschliche Triebstärke und menschliches Versagen, das ist ganz wie in der großen Literatur. Ich habe das vermutlich schon einmal erzählt, das macht aber nichts, ich erzähle es heute einfach anders. Ein Thema variieren, das ist auch wie in der großen Literatur, aber davon abgesehen – mir ist einfach gerade so, und das ist dann doch mehr so blogmäßig.

Vor unserem Haus liegt der Spielplatz, der ist auch ein Kirchhof, der war einmal ein Friedhof. Das ist ein Platz in handlicher Größe, nicht zu klein, nicht zu riesig, immer kann man auf einen Blick sehen, wer da alles gerade ist, wenn man ihn durch eines der drei Tore betritt. Denn das hat sich vielleicht durch die Zeiten gehalten, es gab und gibt ein Mäuerchen rund um den Platz und zwei, drei Pforten. Heute ist die Mauer rings um den Platz mannshoch, früher war sie wohl kleiner. Ich weiß das aber gar nicht genau, ich stelle mir das nur vor, so eine alte Kirchhofmauer eben, die kennt man doch von Bildern, von alten Gemälden. Heute ist es eine Mauer, über die man knapp nicht rübergucken kann, roter Backstein, wie es sich in Norddeutschland einmal überall gehörte. An einigen Stellen ist auch nur ein eiserner Zaun, aber der wächst im Frühling mit Kletterpflanzen und Bambus zu, der ist dann auch halbwegs blickdicht.

Am Abend kommen, sobald die Temperaturen und der Regen es auch nur halbwegs zulassen, Liebespaare zum Spielplatz, die kein Zuhause haben, keine erlaubte Zone oder einfach keine andere Gelegenheit. Immer sind es jugendliche Paare, Teenies oder Menschen mit knapp zwanzig Jahren, älter sind sie nie. Wenn man älter wird, dann lösen sich zwar nicht alle Probleme, aber einen Platz findet man dann in aller Regel doch irgendwo. Sie sitzen also da und warten, bis die Eltern mit den kleinen Kindern endlich weg sind, sie halten Händchen und küssen sich ab und zu, sie legen die Arme umeinander oder die Beine übereinander, sie sitzen dicht zusammen und reden leise. Wenn auch die letzten Eltern weg sind, küssen sie sich etwas mehr, und wenn es dämmert, küssen sie noch mehr und drücken sich in einer Art, dass man manchmal gleich und auch von Ferne sieht, da gibt es eine gewisse Not und Dringlichkeit.

Es sind nicht viele Paare, die da abends sitzen. Als würden sie sich untereinander absprechen, es ist sogar meistens nur ein Paar. Wie das wohl geht, dass da nicht jeden Abend zehn mal zwei junge Menschen sitzen? Na, am Ende ist die Anzahl der Bänke auch begrenzt. Und auf einer Bank fängt es immer alles an, auf so einer Spielplatzelternbank, die auf Dauer allerdings furchtbar unbequem sein muss. Da sehe ich manchmal Positionen, die schmerzen schon beim Zusehen, wenn sich da jemand wie hingegossen nach hinten biegt, weit über das Lehnenbrett hinaus, und der andere Mensch rückt dann so drängend und gierend nach.

Ich sehe das übrigens vom Küchenfenster oder vom Balkon aus, ich gucke von oben runter auf diesen Platz, der liegt unten vor mir wie eine Freilichtbühne. Und für die Balkone und Fenster links und recht neben mir gilt das auch, der Platz ist von drei Seiten von Häusern mit vielen Fenstern eingefasst, an der vierten Seite steht die Kirche und guckt weg.

Einmal war da ein Paar, bei dem war es noch dringender als bei den anderen. So dringend war es, irgendwann zogen die beiden kichernd und etwas zögerlich zum Kletterturm aus dicken Bohlen, der damals unten eine kleine Plattform hatte, über die sich dann die ganze Konstruktion mit Rutsche, Kletterseil, Strickleiter und allem erhob. Und auf diese kleine Plattform legten sie sich, legte er sie oder legte sie ihn, das war im Gemenge kaum zu unterscheiden. Der Platz reichte nur gerade für die Oberkörper, mehr war anatomisch gar nicht möglich, aber da lagen sie dann jedenfalls und die Hände, die bis dahin nur in den Haaren und an den Armen und Hälsen waren, sie waren jetzt so ziemlich überall und schnell waren sie auch, da musste nämlich in kurzer Zeit sehr viel gefühlt und gedrückt werden. Er machte ihre Hose auf, sie drehte gerade an seinen Knöpfen, da sprang er lieber doch noch einmal auf, sah sich hektisch um – ringsum Mauer, kein Mensch zu sehen, alles okay. An die Menschen über ihm dachte er keine Sekunde lang, an die Menschen in den Fenstern und auf den Balkonen dachte er nicht, an all die Menschen auf den Rängen sozusagen. Und wer wäre man, das lächerlich zu machen. Es ist vielmehr vollkommen verständlich und sehr gut nachvollziehbar, die Liebe geht vor, die Triebe gehen vor, wer weiß, man kann das so oder so sehen und manchmal eh nicht unterscheiden. Immer aber gilt doch wohl, dass man das kennt.

Die Hosen rutschten dann tatsächlich noch ein wenig hinunter, sie drückten sich aneinander und was da im weiteren Verlauf genau stattfand, das war nicht mehr zu erkennen. Wenn es das war, was vermutlich alle gedacht haben, dann ging es schnell wie bei Tauben und leise wie bei Meisen, da stand er schon wieder sichernd vor dem Klettergerüst und sah sich um, während sie die Jeans wieder schloss und sich den Sand aus den Haaren schüttelte, denn das Liebesnest war den ganzen Tag über intensiv von den Kleinen bespielt worden, mit backe, backe Kuchen und allem.

Die Menschen auf den Balkonen standen und guckten, einige rauchten und gingen dann wieder rein, als nichts mehr zu passieren schien, denn die beiden da unten saßen jetzt nur noch da herum und flüsterten in ihrer angenommenen Abgeschiedenheit, die immerhin seelisch hoffentlich eine echte war. Zweimal Schultern und Rücken von oben, lange und kurze Haare, die ineinander übergingen, und natürlich auch wieder die gehaltenen Hände.

So geht es den Menschen im Frühling manchmal, wenn etwas in der Luft ist, und so ging es ihnen immer schon, auch schon zu den Zeiten, als das da unten noch ein Kirchhof und ein Friedhof war, wir können das einfach annehmen. Auch damals schon sind da gelegentlich zwei abends über die Mauer und haben sich da so umgesehen und hektisch gekichert, mit geröteten Wangen und verwilderten Gedanken, man kann eigentlich sicher sein, dass es so war, es waren ja auch Menschen. “Nichts bleibt, mein Herz. Und alles ist von Dauer”, so heißt es bei Kästner, und es ist eine seiner allerschönsten Zeilen.

Das hölzerne Klettergerüst gibt es seit drei Jahren nicht mehr, es wurde ausgetauscht gegen eine moderne Variante aus Plastik und kaltem Metall. Die Plattform darunter ist jetzt noch viel kleiner und für gewisse Zwecke sicher völlig unbrauchbar. Vielleicht gehen die beiden von damals oder auch nur sie oder nur er da ab und zu vorbei und denken, dass sie da einmal … und sehen dann, es würde heute gar nicht mehr gehen. Aber mittlerweile sind sie auch schon älter, sie werden also längst andere Plätze gefunden haben und vielleicht auch andere Menschen. Nichts bleibt, mein Herz.

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Musik! Der Mensch an sich ist einsam.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Was schön war

Patricia schreibt über normale Leute, ich möchte etwas anlegen. Nämlich eine frühabendliche Hamburger Stunde auf einem quadratischen Platz. Wir hatten hier in der letzten Woche leider keine Demo in Berliner Dimensionen zu bieten, wir hatten nur ganz normales Stadtleben, nehmen wir also einfach das, vielleicht geht es ja auch. Den Platz, um den es gleich gehen wird, muss man sich bitte leer vorstellen, da ist nichts. Keine sogenannten Stadtmöbel, also keine Bänke, keine Werbeaufsteller, keine Bäumchen, Büsche oder Beete, keine Schilder, nicht einmal Verbotsschilder, da ist wirklich gar nichts, nur Fläche, und die ist bemerkenswert glatt ausgelegt, keine Höcker oder Kanten oder Lücken im Boden, alles ist eben. Der Platz liegt etwas erhöht zwischen der Kunsthalle und der Galerie der Gegenwart, Treppen und rampenartige Wege führen dort hinauf. Der Platz ist so leer, er wirkt ein wenig wie ein Platzhalter, da könnte irgendwann noch etwas kommen, ein weiteres Galerietrumm oder sonst etwas – aber erst einmal ist da nichts. Und wenn man Tourist in dieser Stadt ist, dann geht man natürlich wegen der Kunst links und rechts davon dorthin, nicht wegen des Platzes, denn auf dem ist ja nichts. Aber man bleibt vielleicht doch mal kurz stehen und guckt, denn viel großstädtischer wird es nicht.

Die glatte Fläche wird oft von jungen Menschen genutzt, die mit Bikes, Boards oder sonstwas Kunststücke üben, vermutlich kann ich mittlerweile gar nicht mehr alle Fortbewegungsmittel korrekt benennen. Aber das kennt man auch von anderen Plätzen, das ist noch nichts Besonderes. Hier kommen jedoch manchmal auch Menschen aller Alters- und Kulturgruppen her, die diverse Tänze üben, so ist es an diesem Tag auch. Ein unentwirrbares Musikgemisch aus kleinen und kleinsten Boxen hängt über dem Platz, den Sie sich eben noch leer vorgestellt haben, pardon, der ist nämlich in Wahrheit doch voll, voller Menschen nämlich. Die Tanzenden hören vermutlich nur mit einiger Mühe die für sie jeweils passenden Rhythmen aus dem wüsten Durcheinander der Musikstücke heraus, aber sie schaffen es irgendwie. Vorne Tango Argentino, das erkennt man gleich. Die Runde übt recht fortgeschritten aussehende Schrittfolgen und schön sieht das nicht unbedingt aus, aber das gehört eben dazu, wenn man gut sein will, man muss durch die Technik irgendwann durch. Da starren also Menschen auf Füße, stehen sich selbst und Tanzpartnern im Weg und diskutieren, zwischendurch gibt es ab und zu die berauschenden Erfolgserlebnisse, für die man das alles macht, ach so muss das! Dann sieht man zwei, drei sehr elegante Drehungen schnell nacheinander, bevor es wieder stockt. Das Durchschnittsalter beim Tango ist eher etwas fortgeschritten. Gleich dahinter eine jugendliche Gruppe, die tanzen irgendwas vermutlich afrikanischen Ursprungs, da rät man so herum, was das nun sein könnte, die sind auch noch ganz am Anfang. Daneben eine große Gruppe junger Mädchen, einige im Cosplayer-Look, die üben eine Choreografie, wie man sie aus Musikvideos kennt. Es sind noch nicht alle schnell genug, aber es wird, noch zwei Abende und dann klappt das, dann wird es auch ziemlich gut aussehen, es reicht locker für jede Schulaufführung. Dann ein kleiner Kreis von Mädchen, die sich nur ab und zu und eher zögerlich überhaupt zu Tanzbewegungen durchringen können, und die kann man dann nicht einmal recht erkennen, das ist alles etwas schüchtern dahergestolpert und geht sowieso im altersbedingten Gekicher und Herumgealber gleich wieder unter. Aber die haben Spaß, was auch immer das bei denen einmal werden soll. Zwei junge Männer machen weiter hinten Breakdance vor einigen Zuschauern, da guckt man auch als Passant etwas länger hin, die können das nämlich nicht nur ein wenig, die sind ausdrücklich super. Die könnten damit auch anderswo auftreten, vielleicht machen sie das auch. Eine anderen Gruppe schließt sich denen jetzt spontan an, Tänzerinnen stellen sich neben die Männer, machen nach und machen mit, ich habe gar nicht gewusst, dass Breakdance wieder in ist. Wenn man nicht dauernd rausgeht!

Die Söhne üben Waveboard zwischen den Gruppen, sehen sich ab und zu an, was da so vorgemacht wird, wer weiß, sie könnten ja etwas davon gebrauchen, sie kurven dann aber wieder weiter. Der ganze Platz ist in Bewegung, es wimmelt und wogt, ein Knäuel aus Musik, Sprachen und Kulturen. Ich könnte übrigens bei allen Menschen und Gruppen auch geratene Herkunftsvermutungen dranschreiben, aber wie würde sich das lesen? Stellen Sie sich einfach irgendwas vor, das ist ja ohnehin der Witz beim Lesen. Die einen sehen so aus, die anderen ganz anders, also wirklich ziemlich anders. Das ist eine großstädtische Menge da, die ist natürlich vielfältig.

An der Westkante des Platzes sitzen die Unersättlichen aufgereiht, die trotz des unfassbar langen Sommers heute noch einmal Sonne brauchen, da sitzt auch die Herzdame und wartet, dass die Söhne genug geübt und ich genug gesehen habe. Lindy-Hop, Balboa oder Shag tanzt heute niemand, ihre Fraktion fehlt also leider. Um den Platz herum gehen staunend und fotografierend oder filmend die, denen so etwas sonst nicht geboten wird. Wenn man von unten gegen den Sonnenuntergang hoch zum Plateau guckt, sieht man nur noch die sich drehenden und wiegenden Silhouetten der Tanzenden. Und wenn man es ganz geschickt macht, sich einen besonderen Winkel sucht und den Hals etwas lang macht, dann tanzen sie im Bildausschnitt genau vor der Binnenalster, solche Bilder hängt man dann gerne in Ausstellungen, druckt sie auf Kalender oder taggt sie zumindest mit #welovehh auf Instagram.

Ein Vater bringt seinen Kindern Eis, und während er damit durch die Menge geht, sieht man in vielen Gesichtern, an denen er vorbeikommt, interessierte Blicke – wo bitte gibt es hier denn Eis? Zwei, drei vier gehen los, in die Richtung, aus der der Vater kam, man kann ja mal gucken. Auf dem Boden des Platzes stehen Bier-, Wein- und Wasserflaschen, die Luft riecht eindeutig so, als würden hier und da auch gewisse Kräuter geraucht werden. Besoffen oder breit wirkt allerdings niemand, das passt auch nicht zum Tanzen, jedenfalls nicht zum gemeinsamen Tanzen.

So war das da also, auf dem kleinen Platz bei Sonnenuntergang an einem bemerkenswert warmen Tag im Oktober, golden wie nur was.

Einer dieser Momente, für die ich in der Großstadt lebe, weil ich genau diese Vielfalt so möchte. Weil es sich hier dann wie ein Stück Welt anfühlt – nicht nur wie ein kleines Stück Hamburg-Mitte. Kleine Stücke Hamburg-Mitte sind auch toll, gar keine Frage, aber die Auswahl zu haben, das ist noch besser. Weil solche Momente doch das Versprechen der Millionenstadt sind.

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Und übrigens bin ich zur Überraschung aller nach wie vor der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Eine azurblaue Frauenschrift

Es gibt Muscheln. Macht aber nichts, es ist eh kein Monat mit r am Ende.

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Eine Vokabel zum Klimawandel, die mir bisher noch gar nicht geläufig war: The blob.

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Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich an einem mehrteiligen Bauzaun vorbei, an einem dieser mannshohen Drahtgestelle auf Betonfüßen, mit Planen als Sichtschutz bespannt. Mit weißen Planen bespannt. Auf drei Segmente dieses Zauns hat jemand etwas gesprüht, einen großen Schriftzug, den kann man schon von ganz weit weg lesen. Je Segment nur ein Wort: “Peer lutscht Schwänze“ steht da. In einer erstaunlich manierlichen, irgendwie brav aussehenden Handschrift, in leuchtend blauer Schreibschrift auf weißem Grund. Ich lese das jeden Tag zweimal, auf dem Hin- und auf dem Rückweg, seit Wochen lese ich das schon und allmählich nervt es, denn es spricht ja doch vieles gegen diesen Satz. Obwohl da immerhin kein Nachname genannt wird, es sich also um jeden beliebigen Peer handeln könnte, von denen es sicher ein paar mehr gibt in dieser Stadt, selbst wenn man bedenkt, dass es ein eher seltener Name ist. Ich z.B. kenne keinen Peer, was ich jetzt nicht sage, um mich aus der angedeuteten Affäre zu ziehen. Ich kenne Peer nur als Zigarettenmarke und das auch nur von damals. Stünde jedenfalls auf dem Zaun ein Nachname dabei, es ginge hier eindeutig um besonders schützenswerte personenbezogene Daten, aber so, einfach nur Peer – das steht zumindest nicht im Konflikt mit der DSGVO, um mal die wichtigste Frage zuerst zu klären, DSGVOmäßig machen wir da also erleichtert einen grünen Haken dran. Puh!

Was aber sind die anderen Fragen? Etwa ob dieser Satz mit beleidigender Intention geschrieben wurde oder nur zum Zwecke der Information. Wenn er beleidigend sein soll, dann ist das hier leider der falsche Stadtteil dafür. Ich möchte ja nicht mit meinem Viertel angeben, aber wenn bei Budni in der Kassenschlange ein älterer Herr im pinkfarbenen Latexkleidchen steht, dann ist das hier nicht dramatisch auffällig. So etwas kommt eben vor, who cares. Es ist gar nicht so einfach, auf sexuelle Praktiken oder Vorlieben zu kommen, deren explizite Benennung im Stadtteil glatt als abwertend durchgehen würde, am ehesten vielleicht noch: “plain vanilla.” Aber Schwänze zu lutschen, das ist hier definitiv kein Problem, das macht auf einem Bauzaun ungefähr so viel her wie: “Peer hat Sex” – und wer würde ihm das absprechen wollen. Sex ist irgendwie ganz okay, das ist meines Wissens immer noch breiter gesellschaftlicher Konsens. Schwänze zu lutschen, das ist hier also kein Problem, solange man es einvernehmlich in seiner, haha, Peergroup macht.

Vielleicht deutet die manierliche Handschrift – kommt, wir wollen Klischees reiten! – auf eine Autorin hin, eine in Liebesdingen enttäuschte Autorin vielleicht. Er hat sie trotz ihrer glühenden Liebe mit einem Mann betrogen, so etwas soll ja vorkommen. Und so wütend hat sie das gemacht, dass sie nachts nach wilder Diskussion aus der gemeinsamen Wohnung gerannt ist, nur mit einer blauen Spraydose dabei. Und sie hat sich schlagartig erinnert, wo sie neulich diesen herrlich weißen Bauzaun gesehen hat, der ihr jetzt auf einmal wie ein überdimensionierter Raum für Notizen vorkommt, den sie spontan befüllen kann, wobei sie dann aller Welt mitteilt, was ihr gerade intim und verletzend vorkommt. Sie sprüht und sprüht, sie setzt nach “Schwänze” ab, tritt einen Schritt zurück, sagt zufrieden: “Ha!”. Sie steckt die Dose wieder ein und verschwindet im Laufschritt um die Ecke, denn es fällt ihr erst nach der Aktion siedendheiß ein, dass die nächste Polizeiwache quasi um die Ecke ist und gerade durch diese Straße dauernd Peterwagen fahren.

Am nächsten Tag schon haben sich die beiden wieder versöhnt, Peer und die Dame mit der azurblauen Frauenschrift, seitdem hofft sie inständig, dass er nicht an diesem Bauzaun vorbeikommt, denn er würde sich natürlich angesprochen fühlen und auch noch ihre Schrift erkennen – und dann wäre es das aber gewesen, das mit der Versöhnung. Mit allen Tricks bringt sie ihn also seit Wochen von diesem Weg ab und stirbt tausend Tode, weil sie sich auch nicht traut, das da nachts in neuer Aktion zu übermalen, denn da müsste man ja auch richtig großflächig … Eine verdammt heikle Lage und bis das Hotel fertig ist, dessen Baustelle der Zaun da schützt, fehlen noch drei ganze Stockwerke. Der steht also noch eine Weile.

Aber geht das so auf? Kann es so gewesen sein?

Wenn der Satz andererseits informierenden Charakter haben soll, dann fehlen Möglichkeiten der Kontaktaufnahme, denn Peer steht ja nicht leibhaftig am Zaun, zumindest habe ich da keine servicewillige Person dauerhaft stehen sehen. Und selbst wenn er da stehen würde, dann hätte er ja “Ich lutsche Schwänze” mit einem auf ihn weisenden Pfeil daran schreiben müssen, nicht Peer, denn welcher Peer nennt sich selbst schon Peer? Das ist doch unüblich. Ich gehe ja auch nicht ans Notebook und murmele “”Maximilian bloggt Texte”, das ist doch sprachlich abwegig. Egal. So belästigt mich dieser Satz jedenfalls täglich, das wollte ich nur sagen. es ist wirklich eine Zumutung. Immer wieder gucke ich da zwanghaft hin, immer wieder lese ich das.

Maximilian lutscht Texte, schreiben Sie das ruhig auf Bauzäune. Es beleidigt mich nicht.

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Sven schreibt kurz über Camping, inklusive eines netten Sinnspruchs. Das ist beim Schrebergarten übrigens ganz ähnlich, wenn auch etwas verdreht: sanitär gibt es noch deutlich weniger Komfort (Kompostklo, sehr speziell), aber eine Laube ist dann doch ein erheblicher Fortschritt im Vergleich zum Zelt. Möbel! Stehhöhe! Fenster und Türen! Dachpappe! Strom! Das ist alles sehr erstrebenswert. Aber man trägt – genau wie beim Camping – zum Wochenende massenhaft Zeug erst ins Auto, dann in die Laube, man sortiert alles stundenlang und wühlt sich dann hoffnungslos fest, man macht einen Kaffee wie die ollen Pfadfinder, wäscht den ganzen Krempel mit der Hand unter freiem Himmel ab und pustet sachte Ameisen von Tellern, man sitzt kurz im Garten herum – nur um dann alles wieder zusammenzusuchen und aus der Laube, ins Auto und dann wieder in die Wohnung zu schleppen, wo alles schon wieder neu sortiert wird. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft wir in den letzten Wochen “Oh, zieht ihr um?” gefragt worden sind, dabei fuhren wir jeweils nur mal kurz in den Garten. Mit ein wenig Zeug dabei. Es ist alles wahnsinnig umständlich und kompliziert, man ist im Grunde dauernd mit Räumen beschäftigt und vollführt Alltagshandlungen auf einem geradezu lächerlichen Komfortniveau wie von vorm Krieg, dazu murmelt man aber dauernd, wie erholsam das alles ist. Und das ist es dann auch wirklich.

Der Mensch ist seltsam. Definitiv.

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Am Straßenrand liegen zwei bemerkenswerte Frauen

Das ist doch wieder ein wunderbarer Titel für eine Kurzgeschichte, nicht wahr, viel interessanter als der Romantitel auf dem Bild gleich. Aber ich habe ja keine Zeit, Kurzgeschichten zu schreiben. Das Buch über die bemerkenswerten Frauen lag da jedenfalls genau neben einem leeren Pizzakarton mit großen Fettflecken darauf, darüber muss man dann unwillkürlich doch etwas nachdenken, aufsteigende Inhalte, Sie kennen das. Denn auch, wenn ich gar keine Zeit habe, um richtige Geschichten zu schreiben, kann ich ja zumindest kurz überlegen, welche genau ich gerade nicht schreibe, das mache ich sogar ganz gerne.

Und ich stelle mir also eine Weile vor, wer da beides zusammen entsorgt hat, welche Frau in welcher Stimmung und in welcher Situation, und natürlich ist es schon ein Klischee, dass es überhaupt eine Frau war, weil die Assoziation von dem Roman ausgeht. Aber Klischees kommen eben hin, wie neulich erst erörtert. Ich weiß nicht, wie Tracy Chevalier schreibt, die Königin der historischen Romane, wie sie im Marketing liebevoll genannt wird, vielleicht sind das sehr gut lesbare und akribisch recherchierte Bücher, vielleicht ist es auch totaler Schund, ich habe wirklich keine Ahnung. Das Buch jedenfalls wird mit “Jane-Austen-Stimmung” beworben, mit intellektueller Anmutung also, a touch of Feingeist. 19. Jahrhundert, alles so handgemacht hier. Wenn dieses Buch gut ist, dann passt es leider nicht recht zu Pizza-to-go, dann ist das eine schwer zu ertragende Dissonanz, wenn da auf den Seiten 12 bis 24 im Roman vielleicht schon in epischer Breite ein Abendessen in viktorianischem Ambiente in einem selbstverständlich malerischen südenglischen Küstenort beschrieben wird – und einem beim Lesen aber gerade der Käse übers Kinn läuft, weil man völlig niveaulos Billigpamps ohne Besteck direkt aus der Schachtel frisst. Wenn das Buch aber schlecht ist, hingeschluderter Trash vom Fließband, dann ist es fast noch schlimmer, weil es dann das Billige, Schlechte und Talmihafte des Jahres 2018 noch verstärkt und heraushebt, an der Situation ist dann wirklich gar nichts mehr zu retten, ein einziges Elend.

Gut oder schlecht, wie kommt der Karton da hin, wie kommt das Buch da hin? Da brauchen wir noch einen Ansatz, sonst wird die Geschichte nicht rund. Dieser Stadtteil hier ist voller Hotels, und in diesem Umstand wird auch die Erklärung zu finden sein, das ist ganz naheliegend. Die Frau hat diese Pizza nämlich in ihrem Hotelzimmer gegessen, das war so ein Heißhungernotfall bei der Anreise, wer kennt das nicht, da vergisst man sich, da kauft man Schrott, weil man eben im Bahnhof daran vorbeikommt und weil es verdammt gut riecht. Und dann sitzt man mit vier Stück Pizza im Hotelzimmer, Ibis-Niveau, Standardbuchung. So gut schmeckt das Zeug dann aber eigentlich gar nicht, es ist auch fast schon kalt. Nach zwei Stücken ist es vielleicht schon gut, aber satt werden muss man eben irgendwie. In ein Restaurant zu gehen, das wäre jetzt auch blöd, so halbsatt, zu retten, ach, zu spät. Aber eigentlich ist es doch ein Wahnsinn, denkt die Frau, in dieser fremden Stadt nicht in ein Restaurant zu gehen, in ein anständiges sogar, warum denn nicht, es scheitert ja nicht am Geld, alles Spesen, wozu macht man denn Geschäftsreisen. Sie schüttelt den Kopf und findet sich seltsam.

Sie scheitert nicht am Geld, sie scheitert gerade nur am Fastfood, das aber gründlich. Denn die Pizza saut nicht nur ihr Kinn und ihre Finger ein, die tropft auch flüssigen Käse auf die Hose und auf das bekloppte Buch, das da im Zimmer lag, irgendwas mit bemerkenswerten Frauen, ein Historienschinken. “Gut, dass mich jetzt keiner bemerkt”, denkt die Frau, während sie im winzigen Bad ihr Kinn abtrocknet und im Spiegel prüft, ob da nicht noch irgendwo Käse klebt. Dann zieht sie fluchend eine andere Hose an und klappt etwas beschämt das Buch wieder zu, in dem sie immerhin ein paar Seiten gelesen hat. In diesem Buch wird ab jetzt aber niemand mehr lesen, denn es hat dummerweise ziemlich viel Käse abbekommen. Das ist schon etwas peinlich, diese ganze Ferkelei, das kann sie so unmöglich zurücklassen, das Buch wird sie gleich einfach entsorgen. Und wie auch immer es in dem kleinen südenglischen Küstenort da weitergehen mag, so spannend fand sie das eh nicht. Vermutlich war die Geschichte, auf der jetzt Käse klebt, eh Käse, da lacht die Frau. Der Hotelzimmermülleimer ist zu klein für den Pizzakarton, Hotelzimmermülleimer sind eh immer zu klein für alles.

Also nimmt sie den noch halbvollen Pizzakarton und das Buch und geht raus, sie will sich etwas Niveau für den Rest des Abends suchen, das kann ja so nicht weitergehen, ist sie hier bei Bukowski oder was. Vorne an der Ecke liegen Altpapierstapel, da wirft sie den Karton und das Buch einfach im Vorbeigehen dazu und zieht weiter, dahinten ist die Alster, da soll es schön sein. Und ob sie dann irgendwo in Hamburg noch das Niveau findet, das ist wieder eine andere Geschichte.

Am nächsten Morgen dann ich. Ich gehe gerade aus dem Haus und an dieser Ecke vorbei, ich ziehe mein Handy und mache nebenbei schnell ein Foto von dem Buch, das da aufgeschlagen liegt, darüber könnte ich ja später am Tag was schreiben, irgendwas. Da mal drüber nachdenken! Aber erst später, denn im Moment denke immer noch über die Blogfamilia nach, da halten die Herzdame und ich nämlich einen Vortrag über Contententwicklung in Blogs, also wie kommt man zu Ideen und Formaten und dergleichen. Zu dem Thema gibt es eine ganze Reihe von Allgemeinplätzen, die muss man vermeiden oder wenigstens ins Originelle drehen, denn man will ja nicht da stehen und sagen: “Die Ideen liegen auf der Straße”, nein, das möchte man nicht.

Obwohl.

Die Herzdame: Statt Instagrambild

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die heute laufen war.

Ich war gerade krank, drei Tage nur zwischen Bett und Sofa gewechselt. Jetzt fühle ich mich deutlich besser, aber vom Nichtbewegen aufgedunsen wie eine fette Qualle. Außerdem habe ich mittlerweile Rückenschmerzen vom vielen Liegen. Ich brauche Bewegung. Es friert zwar, aber die Sonne scheint, bestes Wetter um zu Laufen. Ich ziehe mich warm an und gehe zur Alster runter. Beim Atlantic starte ich meine Runde, will es aber langsam angehen und nur eine halbe Alsterrunde machen. Mir kommen Zweifel, ob Laufen jetzt überhaupt schon so eine gute Idee war. Aber es ist schön an der Alster. Ich prokel mir die Ohrstöpsel rein und höre ein Jazz-House-Album aus den späten 90ern. Perfekt zum Laufen.

Da wir im Auto nur ein altes Radio mit CD-Player haben, habe ich angefangen meine alte CD-Sammlung nach und nach wieder anzuhören. Ich traue mich nicht, ein neues Radio mit mp3-Player einbauen zu lassen, weil ich immer Angst habe, dass dann unser altes Auto den Geist aufgibt. Aberglaube, ich weiß. Aber ist es nicht immer so? Radio neu – Auto kaputt.

Also höre ich jetzt wieder CDs. Manche Sachen davon dann auch bei Spotify, so wie jetzt. Schnell komme ich in den Flow, ein Schritt nach dem anderen, synchronisiert mit dem Beat der Musik. Nur noch der Sound, die Bewegungen und ich. Gelegentlich bekomme ich mit, wie mich andere Jogger überholen. Das ist eigentlich immer so. Es gibt niemanden, der mich nicht überholt. Frustrierend ist es dann aber, als die mega unsportlich aussehende, schnatternde Frauengruppe an mir vorbeizieht und dann auch noch der Rentner, der bestimmt zwanzig Jahre älter ist als ich. Egal, ich werde immer die langsamste Joggerin an der Alster bleiben. Aber ich habe ja die Musik.

Dann komme ich an den Anleger am Uhlenhorster Fährhaus, wo ich umdrehen will. Ich halte kurz an, weil mir auffällt, dass die Alster langsam beginnt zuzufrieren. Es ist immer noch etwas diesig, die Wintersonne kann nicht ihre ganze Kraft entfalten und die Alsterwiesen auf der gegenüberliegenden Seite erscheinen in einem warmen, diffusen Licht. Die kahlen Äste der Weiden hängen noch schlapp ins Wasser und warten darauf, vom Frühling wach geküsst zu werden. Das Eis glitzert in der Sonne und nur noch in der Mitte sieht man leichte Wellen, auf denen sich Möwen treiben lassen.

Für einen kurzen Moment sieht der Blick auf die andere Alsterseite gar nicht mehr aus wie Hamburg. Ich muss an einen See denken. Vielleicht in den Bergen, vielleicht in Italien. Die Berge hinter mir. Alles sehr ruhig und friedlich, wie unter einem Schleier. An einem anderen Ort. Nur die Möwen stören ein bisschen.

Ich denke, ein Foto für Instagram wäre jetzt schön, ich habe schon lange keines mehr gemacht. Und da fällt mir dann auch auf, dass ich gar keine Musik mehr höre. Verflixt noch mal, der Akku hat schon wieder seinen Geist aufgegeben. Mein iPhone ist schon alt, also richtig, richtig alt. Und der Akku hält auch maximal nur noch einen halben Tag. Bei dem Gatten ist es nicht besser, aber wir müssen damit noch weiterhin leben, weil erstmal Anschaffungen für den Garten wichtiger sind. Akku-Heckenschere, Bohrmaschine, Werkzeuge und so weiter. Egal. Auf jeden Fall stehe ich hier schon wieder ohne iPhone und kann kein Foto machen.

Um dieses Bild dennoch möglichst lange in meinem Kopf zu behalten, stehe ich da minutenlang und versuche mir alles einzuprägen. Das Glitzern, das Licht, die andere Alsterseite, die nicht nach Hamburg aussieht. Dann setze ich mich wieder in Bewegung und laufe zurück. An der Alsterperle bleibe ich noch einmal stehen, hier ist die Alster deutlich breiter und noch etwas diesiger. Ich schaue Richtung Innenstadt, vom Ufer auf der anderen Seite ist nicht mehr so viel zu sehen. Hier komme ich mir jetzt vor wie am Meer. Vielleicht wie in einer Bucht an der Ostsee.

In der Mitte, da wo die Alster nicht zugefroren ist, sitzen an der Eiskante zig Möwen, aufgereiht wie Perlen, vielleicht sind es auch Enten oder was auch immer, soweit kann ich gar nicht gucken. Hin und wieder fliegt ein Vogel in die Luft, dreht eine Runde und lässt sich dann wieder am Rand des Eises nieder. Es soll ja Menschen aus Süddeutschland geben, die ernsthaft denken, Hamburg wäre am Meer. Ich habe tatsächlich mal jemanden kennengelernt, der enttäuscht war, dass man bis zum Meer dann doch noch ein bis zwei Stunden mit dem Auto braucht.

Ich stelle mir also vor, ich stehe an einer Bucht an der Ostsee und schaue auf das langsam zufrierende Mer. Die salzige Luft fehlt irgendwie noch, aber vielleicht kann ich sie mit meiner Rotznase auch einfach nur nicht riechen. Ich höre die Möwen schreien und im Hintergrund klingt der Autoverkehr wie die steife Brise an der winterlichen See. Bestimmt sehe ich gleich einen Fischkutter aus dem Nebel von weit draußen in den Hafen einlaufen.

So lange kann ich aber nicht warten, vom Herumstehen wird mir langsam kalt. Ich setze mich wieder in Bewegung in Richtung unserer kleinen Reetdachkate am Strand, wo ein heißer Grog auf mich wartet. Naja, vielleicht auch nur eine heiße Dusche in Hamburg-Mitte.

Vorfrühling

Auf dem Weg zur Arbeit liegen wieder Bücher am Straßenrand, Dürrenmatt, Kafka und irgendwas über Microsoft Projects, dazu ein rückenschiefes Englisch-Deutsch-Lexikon. Die Taschenbuchausgabe von “Der Richter und sein Henker” ist genau die, die ich auch damals in der Schule lesen musste, da hat vielleicht jemand aus meiner Generation dann doch noch seine Schulbücher entsorgt.

Mir kommen morgens die ersten Menschen im T-Shirt entgegen, Frühlingserwachen. Ich habe gestern bereits das Ende der S-Bahn-Saison beschlossen und gehe jetzt wieder zu Fuß zur Arbeit und zurück, quer durch St. Georg und Hammerbrook, ein Weg bar jeder Schönheit und durch städtische Stiefgegenden, ungeliebt, vernachlässigt und verbaut, Einfallstraßen, Ausfallstraßen, aber hey, es geht um meine Bewegung. Neben, vor und hinter mir gehen zahllose Menschen zur Arbeit, wirklich erstaunlich viele, und sie gehen aufrechter als sonst, weil sie sich nicht mehr unter der Kälte wegkrümmen müssen, weil es gerade einmal ein paar Stunden nicht regnet und weil es auch fast schon hell ist, nehme ich an. Manche sehen geradezu gutgelaunt aus, als gäbe es in Hammerbrook Lustbarkeiten und Kurzweil, nicht nur die grauen Verwaltungszentralen großer Konzerne und acht oder mehr Stunden Bürozeit.

An der großen Kreuzung zwischen den beiden Stadtteilen nageln die Autos vielspurig an den Ampeln vorbei, über die Köpfe der dort gerade wartenden Passantenschar rauscht die aufgeständerte S-Bahn weg, es ist laut und dreckig und betonöde, aber es ist doch irgendetwas in der Luft, es ist nicht zu überfühlen, irgendwas, das die Stimmung hebt.

Und drüben auf dem brachliegenden und martialisch eingezäunten Gelände des ehemaligen Autohändlers, wo neulich noch die Obdachlosen aus Osteuropa im jetzt abgeräumten Sperrmüll übernachtet haben, da wächst ein arm Kräutchen hellgrün aus dem steinigen Boden. Ganz klein noch.

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