Eine azurblaue Frauenschrift

Es gibt Muscheln. Macht aber nichts, es ist eh kein Monat mit r am Ende.

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Eine Vokabel zum Klimawandel, die mir bisher noch gar nicht geläufig war: The blob.

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Auf meinem Weg zur Arbeit komme ich an einem mehrteiligen Bauzaun vorbei, an einem dieser mannshohen Drahtgestelle auf Betonfüßen, mit Planen als Sichtschutz bespannt. Mit weißen Planen bespannt. Auf drei Segmente dieses Zauns hat jemand etwas gesprüht, einen großen Schriftzug, den kann man schon von ganz weit weg lesen. Je Segment nur ein Wort: “Peer lutscht Schwänze“ steht da. In einer erstaunlich manierlichen, irgendwie brav aussehenden Handschrift, in leuchtend blauer Schreibschrift auf weißem Grund. Ich lese das jeden Tag zweimal, auf dem Hin- und auf dem Rückweg, seit Wochen lese ich das schon und allmählich nervt es, denn es spricht ja doch vieles gegen diesen Satz. Obwohl da immerhin kein Nachname genannt wird, es sich also um jeden beliebigen Peer handeln könnte, von denen es sicher ein paar mehr gibt in dieser Stadt, selbst wenn man bedenkt, dass es ein eher seltener Name ist. Ich z.B. kenne keinen Peer, was ich jetzt nicht sage, um mich aus der angedeuteten Affäre zu ziehen. Ich kenne Peer nur als Zigarettenmarke und das auch nur von damals. Stünde jedenfalls auf dem Zaun ein Nachname dabei, es ginge hier eindeutig um besonders schützenswerte personenbezogene Daten, aber so, einfach nur Peer – das steht zumindest nicht im Konflikt mit der DSGVO, um mal die wichtigste Frage zuerst zu klären, DSGVOmäßig machen wir da also erleichtert einen grünen Haken dran. Puh!

Was aber sind die anderen Fragen? Etwa ob dieser Satz mit beleidigender Intention geschrieben wurde oder nur zum Zwecke der Information. Wenn er beleidigend sein soll, dann ist das hier leider der falsche Stadtteil dafür. Ich möchte ja nicht mit meinem Viertel angeben, aber wenn bei Budni in der Kassenschlange ein älterer Herr im pinkfarbenen Latexkleidchen steht, dann ist das hier nicht dramatisch auffällig. So etwas kommt eben vor, who cares. Es ist gar nicht so einfach, auf sexuelle Praktiken oder Vorlieben zu kommen, deren explizite Benennung im Stadtteil glatt als abwertend durchgehen würde, am ehesten vielleicht noch: “plain vanilla.” Aber Schwänze zu lutschen, das ist hier definitiv kein Problem, das macht auf einem Bauzaun ungefähr so viel her wie: “Peer hat Sex” – und wer würde ihm das absprechen wollen. Sex ist irgendwie ganz okay, das ist meines Wissens immer noch breiter gesellschaftlicher Konsens. Schwänze zu lutschen, das ist hier also kein Problem, solange man es einvernehmlich in seiner, haha, Peergroup macht.

Vielleicht deutet die manierliche Handschrift – kommt, wir wollen Klischees reiten! – auf eine Autorin hin, eine in Liebesdingen enttäuschte Autorin vielleicht. Er hat sie trotz ihrer glühenden Liebe mit einem Mann betrogen, so etwas soll ja vorkommen. Und so wütend hat sie das gemacht, dass sie nachts nach wilder Diskussion aus der gemeinsamen Wohnung gerannt ist, nur mit einer blauen Spraydose dabei. Und sie hat sich schlagartig erinnert, wo sie neulich diesen herrlich weißen Bauzaun gesehen hat, der ihr jetzt auf einmal wie ein überdimensionierter Raum für Notizen vorkommt, den sie spontan befüllen kann, wobei sie dann aller Welt mitteilt, was ihr gerade intim und verletzend vorkommt. Sie sprüht und sprüht, sie setzt nach “Schwänze” ab, tritt einen Schritt zurück, sagt zufrieden: “Ha!”. Sie steckt die Dose wieder ein und verschwindet im Laufschritt um die Ecke, denn es fällt ihr erst nach der Aktion siedendheiß ein, dass die nächste Polizeiwache quasi um die Ecke ist und gerade durch diese Straße dauernd Peterwagen fahren.

Am nächsten Tag schon haben sich die beiden wieder versöhnt, Peer und die Dame mit der azurblauen Frauenschrift, seitdem hofft sie inständig, dass er nicht an diesem Bauzaun vorbeikommt, denn er würde sich natürlich angesprochen fühlen und auch noch ihre Schrift erkennen – und dann wäre es das aber gewesen, das mit der Versöhnung. Mit allen Tricks bringt sie ihn also seit Wochen von diesem Weg ab und stirbt tausend Tode, weil sie sich auch nicht traut, das da nachts in neuer Aktion zu übermalen, denn da müsste man ja auch richtig großflächig … Eine verdammt heikle Lage und bis das Hotel fertig ist, dessen Baustelle der Zaun da schützt, fehlen noch drei ganze Stockwerke. Der steht also noch eine Weile.

Aber geht das so auf? Kann es so gewesen sein?

Wenn der Satz andererseits informierenden Charakter haben soll, dann fehlen Möglichkeiten der Kontaktaufnahme, denn Peer steht ja nicht leibhaftig am Zaun, zumindest habe ich da keine servicewillige Person dauerhaft stehen sehen. Und selbst wenn er da stehen würde, dann hätte er ja “Ich lutsche Schwänze” mit einem auf ihn weisenden Pfeil daran schreiben müssen, nicht Peer, denn welcher Peer nennt sich selbst schon Peer? Das ist doch unüblich. Ich gehe ja auch nicht ans Notebook und murmele “”Maximilian bloggt Texte”, das ist doch sprachlich abwegig. Egal. So belästigt mich dieser Satz jedenfalls täglich, das wollte ich nur sagen. es ist wirklich eine Zumutung. Immer wieder gucke ich da zwanghaft hin, immer wieder lese ich das.

Maximilian lutscht Texte, schreiben Sie das ruhig auf Bauzäune. Es beleidigt mich nicht.

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Sven schreibt kurz über Camping, inklusive eines netten Sinnspruchs. Das ist beim Schrebergarten übrigens ganz ähnlich, wenn auch etwas verdreht: sanitär gibt es noch deutlich weniger Komfort (Kompostklo, sehr speziell), aber eine Laube ist dann doch ein erheblicher Fortschritt im Vergleich zum Zelt. Möbel! Stehhöhe! Fenster und Türen! Dachpappe! Strom! Das ist alles sehr erstrebenswert. Aber man trägt – genau wie beim Camping – zum Wochenende massenhaft Zeug erst ins Auto, dann in die Laube, man sortiert alles stundenlang und wühlt sich dann hoffnungslos fest, man macht einen Kaffee wie die ollen Pfadfinder, wäscht den ganzen Krempel mit der Hand unter freiem Himmel ab und pustet sachte Ameisen von Tellern, man sitzt kurz im Garten herum – nur um dann alles wieder zusammenzusuchen und aus der Laube, ins Auto und dann wieder in die Wohnung zu schleppen, wo alles schon wieder neu sortiert wird. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie oft wir in den letzten Wochen “Oh, zieht ihr um?” gefragt worden sind, dabei fuhren wir jeweils nur mal kurz in den Garten. Mit ein wenig Zeug dabei. Es ist alles wahnsinnig umständlich und kompliziert, man ist im Grunde dauernd mit Räumen beschäftigt und vollführt Alltagshandlungen auf einem geradezu lächerlichen Komfortniveau wie von vorm Krieg, dazu murmelt man aber dauernd, wie erholsam das alles ist. Und das ist es dann auch wirklich.

Der Mensch ist seltsam. Definitiv.

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Sie können hier Geld in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen. Toll, danke!

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Am Straßenrand liegen zwei bemerkenswerte Frauen

Das ist doch wieder ein wunderbarer Titel für eine Kurzgeschichte, nicht wahr, viel interessanter als der Romantitel auf dem Bild gleich. Aber ich habe ja keine Zeit, Kurzgeschichten zu schreiben. Das Buch über die bemerkenswerten Frauen lag da jedenfalls genau neben einem leeren Pizzakarton mit großen Fettflecken darauf, darüber muss man dann unwillkürlich doch etwas nachdenken, aufsteigende Inhalte, Sie kennen das. Denn auch, wenn ich gar keine Zeit habe, um richtige Geschichten zu schreiben, kann ich ja zumindest kurz überlegen, welche genau ich gerade nicht schreibe, das mache ich sogar ganz gerne.

Und ich stelle mir also eine Weile vor, wer da beides zusammen entsorgt hat, welche Frau in welcher Stimmung und in welcher Situation, und natürlich ist es schon ein Klischee, dass es überhaupt eine Frau war, weil die Assoziation von dem Roman ausgeht. Aber Klischees kommen eben hin, wie neulich erst erörtert. Ich weiß nicht, wie Tracy Chevalier schreibt, die Königin der historischen Romane, wie sie im Marketing liebevoll genannt wird, vielleicht sind das sehr gut lesbare und akribisch recherchierte Bücher, vielleicht ist es auch totaler Schund, ich habe wirklich keine Ahnung. Das Buch jedenfalls wird mit “Jane-Austen-Stimmung” beworben, mit intellektueller Anmutung also, a touch of Feingeist. 19. Jahrhundert, alles so handgemacht hier. Wenn dieses Buch gut ist, dann passt es leider nicht recht zu Pizza-to-go, dann ist das eine schwer zu ertragende Dissonanz, wenn da auf den Seiten 12 bis 24 im Roman vielleicht schon in epischer Breite ein Abendessen in viktorianischem Ambiente in einem selbstverständlich malerischen südenglischen Küstenort beschrieben wird – und einem beim Lesen aber gerade der Käse übers Kinn läuft, weil man völlig niveaulos Billigpamps ohne Besteck direkt aus der Schachtel frisst. Wenn das Buch aber schlecht ist, hingeschluderter Trash vom Fließband, dann ist es fast noch schlimmer, weil es dann das Billige, Schlechte und Talmihafte des Jahres 2018 noch verstärkt und heraushebt, an der Situation ist dann wirklich gar nichts mehr zu retten, ein einziges Elend.

Gut oder schlecht, wie kommt der Karton da hin, wie kommt das Buch da hin? Da brauchen wir noch einen Ansatz, sonst wird die Geschichte nicht rund. Dieser Stadtteil hier ist voller Hotels, und in diesem Umstand wird auch die Erklärung zu finden sein, das ist ganz naheliegend. Die Frau hat diese Pizza nämlich in ihrem Hotelzimmer gegessen, das war so ein Heißhungernotfall bei der Anreise, wer kennt das nicht, da vergisst man sich, da kauft man Schrott, weil man eben im Bahnhof daran vorbeikommt und weil es verdammt gut riecht. Und dann sitzt man mit vier Stück Pizza im Hotelzimmer, Ibis-Niveau, Standardbuchung. So gut schmeckt das Zeug dann aber eigentlich gar nicht, es ist auch fast schon kalt. Nach zwei Stücken ist es vielleicht schon gut, aber satt werden muss man eben irgendwie. In ein Restaurant zu gehen, das wäre jetzt auch blöd, so halbsatt, zu retten, ach, zu spät. Aber eigentlich ist es doch ein Wahnsinn, denkt die Frau, in dieser fremden Stadt nicht in ein Restaurant zu gehen, in ein anständiges sogar, warum denn nicht, es scheitert ja nicht am Geld, alles Spesen, wozu macht man denn Geschäftsreisen. Sie schüttelt den Kopf und findet sich seltsam.

Sie scheitert nicht am Geld, sie scheitert gerade nur am Fastfood, das aber gründlich. Denn die Pizza saut nicht nur ihr Kinn und ihre Finger ein, die tropft auch flüssigen Käse auf die Hose und auf das bekloppte Buch, das da im Zimmer lag, irgendwas mit bemerkenswerten Frauen, ein Historienschinken. “Gut, dass mich jetzt keiner bemerkt”, denkt die Frau, während sie im winzigen Bad ihr Kinn abtrocknet und im Spiegel prüft, ob da nicht noch irgendwo Käse klebt. Dann zieht sie fluchend eine andere Hose an und klappt etwas beschämt das Buch wieder zu, in dem sie immerhin ein paar Seiten gelesen hat. In diesem Buch wird ab jetzt aber niemand mehr lesen, denn es hat dummerweise ziemlich viel Käse abbekommen. Das ist schon etwas peinlich, diese ganze Ferkelei, das kann sie so unmöglich zurücklassen, das Buch wird sie gleich einfach entsorgen. Und wie auch immer es in dem kleinen südenglischen Küstenort da weitergehen mag, so spannend fand sie das eh nicht. Vermutlich war die Geschichte, auf der jetzt Käse klebt, eh Käse, da lacht die Frau. Der Hotelzimmermülleimer ist zu klein für den Pizzakarton, Hotelzimmermülleimer sind eh immer zu klein für alles.

Also nimmt sie den noch halbvollen Pizzakarton und das Buch und geht raus, sie will sich etwas Niveau für den Rest des Abends suchen, das kann ja so nicht weitergehen, ist sie hier bei Bukowski oder was. Vorne an der Ecke liegen Altpapierstapel, da wirft sie den Karton und das Buch einfach im Vorbeigehen dazu und zieht weiter, dahinten ist die Alster, da soll es schön sein. Und ob sie dann irgendwo in Hamburg noch das Niveau findet, das ist wieder eine andere Geschichte.

Am nächsten Morgen dann ich. Ich gehe gerade aus dem Haus und an dieser Ecke vorbei, ich ziehe mein Handy und mache nebenbei schnell ein Foto von dem Buch, das da aufgeschlagen liegt, darüber könnte ich ja später am Tag was schreiben, irgendwas. Da mal drüber nachdenken! Aber erst später, denn im Moment denke immer noch über die Blogfamilia nach, da halten die Herzdame und ich nämlich einen Vortrag über Contententwicklung in Blogs, also wie kommt man zu Ideen und Formaten und dergleichen. Zu dem Thema gibt es eine ganze Reihe von Allgemeinplätzen, die muss man vermeiden oder wenigstens ins Originelle drehen, denn man will ja nicht da stehen und sagen: “Die Ideen liegen auf der Straße”, nein, das möchte man nicht.

Obwohl.

Die Herzdame: Statt Instagrambild

Ein Text von Maret Buddenbohm, auch bekannt als die Herzdame, die heute laufen war.

Ich war gerade krank, drei Tage nur zwischen Bett und Sofa gewechselt. Jetzt fühle ich mich deutlich besser, aber vom Nichtbewegen aufgedunsen wie eine fette Qualle. Außerdem habe ich mittlerweile Rückenschmerzen vom vielen Liegen. Ich brauche Bewegung. Es friert zwar, aber die Sonne scheint, bestes Wetter um zu Laufen. Ich ziehe mich warm an und gehe zur Alster runter. Beim Atlantic starte ich meine Runde, will es aber langsam angehen und nur eine halbe Alsterrunde machen. Mir kommen Zweifel, ob Laufen jetzt überhaupt schon so eine gute Idee war. Aber es ist schön an der Alster. Ich prokel mir die Ohrstöpsel rein und höre ein Jazz-House-Album aus den späten 90ern. Perfekt zum Laufen.

Da wir im Auto nur ein altes Radio mit CD-Player haben, habe ich angefangen meine alte CD-Sammlung nach und nach wieder anzuhören. Ich traue mich nicht, ein neues Radio mit mp3-Player einbauen zu lassen, weil ich immer Angst habe, dass dann unser altes Auto den Geist aufgibt. Aberglaube, ich weiß. Aber ist es nicht immer so? Radio neu – Auto kaputt.

Also höre ich jetzt wieder CDs. Manche Sachen davon dann auch bei Spotify, so wie jetzt. Schnell komme ich in den Flow, ein Schritt nach dem anderen, synchronisiert mit dem Beat der Musik. Nur noch der Sound, die Bewegungen und ich. Gelegentlich bekomme ich mit, wie mich andere Jogger überholen. Das ist eigentlich immer so. Es gibt niemanden, der mich nicht überholt. Frustrierend ist es dann aber, als die mega unsportlich aussehende, schnatternde Frauengruppe an mir vorbeizieht und dann auch noch der Rentner, der bestimmt zwanzig Jahre älter ist als ich. Egal, ich werde immer die langsamste Joggerin an der Alster bleiben. Aber ich habe ja die Musik.

Dann komme ich an den Anleger am Uhlenhorster Fährhaus, wo ich umdrehen will. Ich halte kurz an, weil mir auffällt, dass die Alster langsam beginnt zuzufrieren. Es ist immer noch etwas diesig, die Wintersonne kann nicht ihre ganze Kraft entfalten und die Alsterwiesen auf der gegenüberliegenden Seite erscheinen in einem warmen, diffusen Licht. Die kahlen Äste der Weiden hängen noch schlapp ins Wasser und warten darauf, vom Frühling wach geküsst zu werden. Das Eis glitzert in der Sonne und nur noch in der Mitte sieht man leichte Wellen, auf denen sich Möwen treiben lassen.

Für einen kurzen Moment sieht der Blick auf die andere Alsterseite gar nicht mehr aus wie Hamburg. Ich muss an einen See denken. Vielleicht in den Bergen, vielleicht in Italien. Die Berge hinter mir. Alles sehr ruhig und friedlich, wie unter einem Schleier. An einem anderen Ort. Nur die Möwen stören ein bisschen.

Ich denke, ein Foto für Instagram wäre jetzt schön, ich habe schon lange keines mehr gemacht. Und da fällt mir dann auch auf, dass ich gar keine Musik mehr höre. Verflixt noch mal, der Akku hat schon wieder seinen Geist aufgegeben. Mein iPhone ist schon alt, also richtig, richtig alt. Und der Akku hält auch maximal nur noch einen halben Tag. Bei dem Gatten ist es nicht besser, aber wir müssen damit noch weiterhin leben, weil erstmal Anschaffungen für den Garten wichtiger sind. Akku-Heckenschere, Bohrmaschine, Werkzeuge und so weiter. Egal. Auf jeden Fall stehe ich hier schon wieder ohne iPhone und kann kein Foto machen.

Um dieses Bild dennoch möglichst lange in meinem Kopf zu behalten, stehe ich da minutenlang und versuche mir alles einzuprägen. Das Glitzern, das Licht, die andere Alsterseite, die nicht nach Hamburg aussieht. Dann setze ich mich wieder in Bewegung und laufe zurück. An der Alsterperle bleibe ich noch einmal stehen, hier ist die Alster deutlich breiter und noch etwas diesiger. Ich schaue Richtung Innenstadt, vom Ufer auf der anderen Seite ist nicht mehr so viel zu sehen. Hier komme ich mir jetzt vor wie am Meer. Vielleicht wie in einer Bucht an der Ostsee.

In der Mitte, da wo die Alster nicht zugefroren ist, sitzen an der Eiskante zig Möwen, aufgereiht wie Perlen, vielleicht sind es auch Enten oder was auch immer, soweit kann ich gar nicht gucken. Hin und wieder fliegt ein Vogel in die Luft, dreht eine Runde und lässt sich dann wieder am Rand des Eises nieder. Es soll ja Menschen aus Süddeutschland geben, die ernsthaft denken, Hamburg wäre am Meer. Ich habe tatsächlich mal jemanden kennengelernt, der enttäuscht war, dass man bis zum Meer dann doch noch ein bis zwei Stunden mit dem Auto braucht.

Ich stelle mir also vor, ich stehe an einer Bucht an der Ostsee und schaue auf das langsam zufrierende Mer. Die salzige Luft fehlt irgendwie noch, aber vielleicht kann ich sie mit meiner Rotznase auch einfach nur nicht riechen. Ich höre die Möwen schreien und im Hintergrund klingt der Autoverkehr wie die steife Brise an der winterlichen See. Bestimmt sehe ich gleich einen Fischkutter aus dem Nebel von weit draußen in den Hafen einlaufen.

So lange kann ich aber nicht warten, vom Herumstehen wird mir langsam kalt. Ich setze mich wieder in Bewegung in Richtung unserer kleinen Reetdachkate am Strand, wo ein heißer Grog auf mich wartet. Naja, vielleicht auch nur eine heiße Dusche in Hamburg-Mitte.

Vorfrühling

Auf dem Weg zur Arbeit liegen wieder Bücher am Straßenrand, Dürrenmatt, Kafka und irgendwas über Microsoft Projects, dazu ein rückenschiefes Englisch-Deutsch-Lexikon. Die Taschenbuchausgabe von “Der Richter und sein Henker” ist genau die, die ich auch damals in der Schule lesen musste, da hat vielleicht jemand aus meiner Generation dann doch noch seine Schulbücher entsorgt.

Mir kommen morgens die ersten Menschen im T-Shirt entgegen, Frühlingserwachen. Ich habe gestern bereits das Ende der S-Bahn-Saison beschlossen und gehe jetzt wieder zu Fuß zur Arbeit und zurück, quer durch St. Georg und Hammerbrook, ein Weg bar jeder Schönheit und durch städtische Stiefgegenden, ungeliebt, vernachlässigt und verbaut, Einfallstraßen, Ausfallstraßen, aber hey, es geht um meine Bewegung. Neben, vor und hinter mir gehen zahllose Menschen zur Arbeit, wirklich erstaunlich viele, und sie gehen aufrechter als sonst, weil sie sich nicht mehr unter der Kälte wegkrümmen müssen, weil es gerade einmal ein paar Stunden nicht regnet und weil es auch fast schon hell ist, nehme ich an. Manche sehen geradezu gutgelaunt aus, als gäbe es in Hammerbrook Lustbarkeiten und Kurzweil, nicht nur die grauen Verwaltungszentralen großer Konzerne und acht oder mehr Stunden Bürozeit.

An der großen Kreuzung zwischen den beiden Stadtteilen nageln die Autos vielspurig an den Ampeln vorbei, über die Köpfe der dort gerade wartenden Passantenschar rauscht die aufgeständerte S-Bahn weg, es ist laut und dreckig und betonöde, aber es ist doch irgendetwas in der Luft, es ist nicht zu überfühlen, irgendwas, das die Stimmung hebt.

Und drüben auf dem brachliegenden und martialisch eingezäunten Gelände des ehemaligen Autohändlers, wo neulich noch die Obdachlosen aus Osteuropa im jetzt abgeräumten Sperrmüll übernachtet haben, da wächst ein arm Kräutchen hellgrün aus dem steinigen Boden. Ganz klein noch.

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Es folgt Werbung.

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Die Magnolie, das Muskeltraining

In unserem kleinen Bahnhofsviertel gibt es zwischen zwei Straßen einen kleinen Weg, der ist nur für Fußgänger und Radfahrer, nicht aber für Autos. Dieser kleinen Weg wird ziemlich stark frequentiert, weil er eine wichtige Abkürzung ist, er hat dennoch keinen Namen und wird allgemein nur der Durchgang genannt. Das ist bemerkenswert unspezifisch, aber wenn man bei uns vom Durchgang spricht, dann wissen vermutlich fast alle im Stadtteil sofort, welcher gemeint ist. Und in diesem Durchgang steht eine Magnolie. Die ragt da so hinein, und es ist egal, von welcher Seite man hineingeht, man sieht sie sofort, die Äste hängen sozusagen immer im Bild.

Nun findet in diesem Stadtteil nicht so viel Natur statt, wenn man nicht gerade runter zur Alster geht oder weiß, wo der eine Park ist, das ist hier eben die Stadtmitte, etwas zugebaut, etwas eng, etwas viel Mensch und entschieden zu viele Autos. Aber es gibt die Magnolie! Die kennt jeder. Da gucken alle immer hin, und die ist hier für den Frühling zuständig. Weil Krokusse nun einmal nicht auf Straßen wachsen und Vorgärten nicht vorgesehen sind. An der Magnolie sind jetzt schon Knospen dran, ziemlich dicke Knospen sogar, die sind ganz gut zu erkennen, auch wenn man noch weiter weg ist. Und es ist, das wollte ich eigentlich nur sagen, sehr schön zu sehen, wie alle, alle, die da im Laufe des Tages durch den Durchgang schlendern, hetzen, joggen, spazieren, radeln, Hunde hinter sich herziehen, Kinderwagen vor sich herschieben oder dort an Rollatoren gelehnt kurz mal verweilen, wie die also alle mindestens einmal nach oben sehen, wenn sie gerade unter der Magnolie sind. Kurzer Knospen-Check, hui, doch so dick schon, dann weiter und dabei kurz überlegen – sind wir nicht noch mitten im Winter?

Und in ein paar Wochen, ich mache das ja schon achtzehn Jahre mit, ich kenne das, bleiben dann alle auch kurz mal stehen, wenn sie da unter dem immer wieder überraschend schönen rosaweißen Blütendach vorbeikommen, sehen hoch und lächeln und sind kurz verzückt. Was natürlich bedeutend ist, denn wann ist man schon verzückt, das gibt es ja heute kaum noch, man hat doch gar keine Zeit, verzückt zu sein. Ich komme heute später ins Büro, ich bin noch zu verzückt – so geht das nun einmal nicht. Man müsste diese Magnolie also schon deswegen unter Schutz stellen, weil es so eine hohe Verzückungsdichte unter ihr gibt.

Na, aber das dauert noch. Erst einmal die Knospen, die schwellen noch den ganzen Februar über an, das zieht sich alles wieder, es ist ein Elend. So viel zur Naturbeobachtung! Weiter im Text.

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Dieses Nachdenken über die Bloggerei, das zu Jahresanfang so einige umgetrieben hat, das hat nun also, das muss ja auch zwischendurch mal erklärt werden, dazu geführt, dass hier auf einmal ziemlich viel und ziemlich unsortiert erscheint. Und da fragt sich die eine oder andere Leserin vielleicht: Warum ist das so? Was ich wie folgt beantworten möchte: Es ist kompliziert.

Und nun die Langversion. Als Blogs vor etwa 15 bis 20 Jahren aufkamen, gab es lustigen Spott über sinnlose private Internettagebücher, die dann eine ganze Weile brauchten, um auf die eine oder andere Weise anerkannt zu werden. Erst galten sie als alberner Spielkram, dann galten einige als womöglich irgendwie literarisch, andere als ergiebig für irgendein Spezialthema, viel später galten sie in gewissen Kreisen als aufregend influencend – und heute gelten sie vielen einfach als irgendein weiteres Medium, ob das nun Blog heißt oder peng. Irgendwer schreibt irgendwo, alle können es lesen, so ist das eben heute, get over ist, wie man so sagt.

Ich habe aber, und das ist doch irgendwie ein historisches Versäumnis, eigentlich über die ganze Entwicklung hinweg nie so ein Internettagebuch geführt. Obwohl ich großen Respekt vor z.B. der Tagebuchleistung der Kaltmamsell habe, ich halte so ein Journal für eine großartige Quelle, auch für die, die nach uns kommen übrigens. Und ich finde es sehr sportlich, jedem Tag etwas Bemerkenswertes abzuringen, denn das ist doch im Grunde der gute alte Blogsport, den gibt es heute ja kaum noch. Ich habe aber meist nicht in diesem Journalsinne geschrieben, sondern eher formatorientiert, wobei die Formate und Themen über die Jahre wild gewechselt haben. Dabei kann es auch spaßig sein, einfach stur jeden Tag zu schreiben und ihn damit zu beschreiben, wie ich gerade mit ein paar Jahren Verspätung merke, ich brauche eben manchmal länger. Deswegen erscheinen hier also im Moment und auch noch eine Weile lang recht unsortierte Beiträge, die aus mehreren Themen bestehen, die mehrere Kategorien erschlagen, die vielleicht ohne Pointe oder sogar Sinn auskommen müssen, die mir aber eben an dem Tag einfallen, heute einfallen. Warum auch nicht, ich kann hier ja machen, was ich will. Ich hatte bis zum ersten Eintrag dieser Art gar keine Ahnung, wie so etwas Tägliches oder Fast-Tägliches bei mir aussehen würde, aber allmählich sehe ich klarer und das bewusst Formatlose wird mir dabei also wieder zum Format, das ist auch interessant. Zumindest für mich. Das ist das eine.

Das andere ist Muskeltraining. Wie schon manchmal anklang, war das letzte Jahr und war besonders das letzte Halbjahr etwas suboptimal für mich, was sich auch darin zeigte, dass ich sehr wenig geschrieben habe. Das habe ich mir mit meiner Laune und den Umständen erklärt, es geht eben alles nicht, ich kann so nicht arbeiten, mimimi, die Welt ist schlecht, Sie kennen das. Und das ist falsch. Denn wenn man schreiben möchte, und das möchte ich praktisch immer, dann muss man das auch machen – ganz egal, unter welchen Umständen man gerade herumkräpelt. Weswegen ich gerade wieder übe, unter allen Bedingungen zu schreiben. Das ist mir nämlich irgendwie abhanden gekommen, aber das ist für mich nicht richtig so, habe ich gemerkt. Also ändere ich es. Und auch deswegen steht hier gerade dauernd was. Sie müssen also entschuldigen, ich trainiere hier. Das Blog als Muckibude betrachtet, so geht es eben auch.

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Gestern am Abend in der S-Bahn gehört, junge Leute haben ganz andere und überraschende Probleme:

“Schnürsenkel machen mir mega Stress, deswegen finde ich Klettverschlüsse geil.”

“Ja, kenne ich.”

Heute morgen im Vorbeigehen gehört, zwei junge Männer vor dem Hauptbahnhof mit seltsamen Vögeln im Freundeskreis:

“Digga, der hat seinen Tannenbaum noch nicht weggeschmissen. Stell dir mal vor!”

“Alter! Krass.”

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Ansonsten nach der Arbeit mit dem kranken Kind Englisch geübt. Überlege, mich dabei künftig etwas stilvoller anzuziehen.

 

Um fünf Uhr geweckt worden

Um fünf Uhr werde ich wach, weil zwei männliche Betrunkene lallend auf der Straße vor dem Fenster singen. Sofort das Bild im Kopf, wie sie da Arm in Arm die Straße hinunterwanken in Richtung Alster, eine Hand jeweils auf der Schulter des anderen, die andere Hand in ausufernden Wedelbewegungen zum Dirigieren des eigenen Gesangs nutzend. Vermutlich sind sie auf dem Weg zu einem Hotel, in dem genervtes Personal dann routiniert und freundlich lächelnd verbergen wird, wie genervt dort alle von den Besoffenen sind, die Hamburg besuchen, um sich nächtlich zuzuschütten. Laut singen sie, weil Betrunkene immer laut singen, das gehört so. Breiig werden die Verse artikuliert, verschmelzende Konsonanten und Vokale mit Längen an überraschenden Stellen. Die dunklen Vokale viel prominenter als die hellen und es ist bemerkenswert, wirklich bemerkenswert, was sie da singen, mit immerhin sofort erkennbarer Melodie: Keine Fußballfanhymnen! Sondern Puff, the magic dragon. Und das ist natürlich ein todtrauriges Lied, ein herrlich angemessenes Novemberfinale, das da in den noch stockdunklen ersten Dezembermorgen gelallt wird. Puff, the magic dragon lived by the sea singen sie, während sie auf die Alster zusteuern, an deren Ufer vielleicht auch der eine oder andere Drache wohnt, aber sicher nicht wie in Kindertraumwelten. And frolicked in the autumn mist singen sie, während sie stolpernd und schaukelnd den ersten Business-Reisenden ausweichen, die ihnen rollkofferziehend entgegenkommen und zum Bahnhof streben.

Die Stimmen werden schließlich leiser, aber ich höre noch, wie sie verblüffend textsicher und inbrünstig weitersingen, bevor sie um die nächste Ecke biegen und ein paar Meter weiter hinter der Automatiktür ihres Hotels verschwinden werden: So Puff that mighty dragon sadly slipped into his cave. Aber dann ist man eben wach und steht auf, wenn man so etwas vom Bett aus gehört hat.

Ein neuer Morgen in Honah Lee. Oder wie das hier heißt.