Leaving Bövinghausen

So, wieder da. Das hat Spaß gemacht, da im sommerlichen Dortmund zu lesen! Ob es aber auch dem Publikum gefallen hat, das müssen natürlich andere befinden.

Weil ich an dem Abend gefragt wurde, zwei schnelle Anmerkungen in eigener Sache. Erstens: Ja, man kann mich für Lesungen buchen, selbstverständlich doch. Das kostet dann zwar Geld, versteht sich, aber jede drittklassige Band ist teurer als ich und braucht erheblich, wirklich erheblich mehr Zeit für den Soundcheck und Musiker verbrauchen auch einfach viel mehr Platz als schreibende Menschen. Im Grunde habe ich viele Vorteile, wenn ich es recht bedenke, das ist doch auch mal ein interessanter Gedanke, so unter uns Anhängern des bestenfalls mittleren Selbstwerts.

Zweitens und apropos Wert: Nein, man kann mir nicht nur Geld über den Paypallink unter jedem Text  zukommen lassen, das geht auch auf die ganz altmodische Art mit Überweisung und so, die Älteren erinnern sich. Schreiben Sie mir eine Mail (Adresse im Impressum) ich schicke Ihnen die Daten und den Dank, versteht sich. Vielleicht könnte ich die Kontodaten auch auf der Seite veröffentlichen, das kann durchaus sein – ich habe aber nach einiger Recherche nicht vollumfänglich verstanden, ob es total normal ist, seine Kontodaten auf der Seite zu veröffentlichen oder ob es irgendwie hirnverbrannt ist. Und dann hatte ich keine Zeit mehr für das Thema, Sie kennen das.

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Ich hatte mich vor der Lesung in Dortmund gewundert, dass es so schwer war, dort ein Zimmer zu bekommen und dass die wenigen verfügbaren so irre teuer waren, Dortmund war mir als Touristenattraktion gar nicht in Erinnerung. Des Rätsels Lösung war ein Pokémon-Festival mit etwa 100.000 Gästen, man staunt. Also nicht nur ich staune, auch die Söhne zum Beispiel, denn Pokémon? Ist das nicht lange durch? Offensichtlich nicht.

Dortmund war also ausgebucht, ich landete in Bövinghausen, viertel vor Castrop-Rauxel, wobei ich mich in der Gegend da überhaupt nicht auskenne. Ein leicht ranziges Hotel am Ende der Stadt, so fangen auch Geschichten oder Filme an, es ist dann aber gar nichts passiert. Ich bin nur am nächsten Morgen eine Stunde zu früh am mausetoten Vorstadtbahnhof gewesen. Das geschah allerdings mit Absicht, denn eine Bank am Gleis war mir immer noch lieber als der Aufenthaltsraum im Hotel, der so aussah, als hätten Menschen darin irgendwann mal Spaß gehabt, in den Achtzigern etwa. Es hat seitdem aber auch keiner mehr aufgeräumt. Ich saß also am Gleis unter Bäumen und es war sehr ruhig und sehr friedlich und geradezu schön, also wenn man etwas Ruhe mal schön finden kann. Ich bekomme ja bekanntlich wüste Aggressionen von vorgesetzter und geplanter Wellness, aber so erschlichene Stunden im Irgendwo, die kann ich gut ab. Etwas Bövinghausen zur Erholung, das geht. Das geht sogar gut.

Ich hatte von meiner Bank aus Blick auf die vollkommen uninteressante Rückseite einer Fressnapf-Filiale, auf einen ähnlich spannenden Pennymarkt von hinten und auf ein schlichtes Gebäude mir unklaren Verwendungszwecks, das einen enorm großen Sendemast auf dem Dach trug. Am Penny sagte ein rotes Schild “Auf Wiedersehen” und ich sagte ehrlich: “Ich weiß ja nicht.” Vor mir das Gleis, daneben noch ein Gleis, das wurde vor einiger Zeit aufgegeben. Durch das Gleis wuchsen lilablühende Stauden und junge Birken. Irgendwo gurrten Tauben die ich nicht sehen konnte. In der Ferne fuhr ab und zu ein Auto vorbei, aber in sehr moderater Folge, das war da eine ruhige Gegend, zumindest am frühen Sonntagmorgen. Vor dem Fahrkartenautomaten stand ein junger Mann, drückte auf dem Bildschirm herum und las, was da stand. Das machte er lange, nach einer Weile dachte ich, dass er das einigermaßen erstaunlich lange machte.Ich schrieb ganze Absätze, während er da drückte und las und drückte und las, vermutlich studierte er sämtliche Angebote der Bahn zum Thema “Leaving Bövinghausen” durch, er war in dem Alter und der Sonntagmorgen, sieben Uhr, war vielleicht auch einfach ein guter Zeitpunkt für den Aufbruch, das dachte ich ja auch.

 

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Auf dem Gebäude mit dem Sendemast waren gesprühte Tags, die konnte ich nicht verstehen. Aus einem Einfamilienhaus schrie ein wütendes Kind, das konnte ich auch nicht verstehen, die Welt wurde mir nicht klarer in Bövinghausen, aber das störte mich nicht. Ich wollte da einfach nur sitzen, ich musste da gar nichts verstehen. Auch mal schön.

Auf dem noch befahrenen Gleis lag eine Plastiktüte, die bewegte der milde Wind von Dortmund ab und zu ganz sachte, und mehr bewegte sich nicht. Über mir die Wolken, sie hingen wie festgetackert. Der Zug fuhr alle Stunde, das ist ja eigentlich recht oft. Ich habe aber, so schön es da auch war, dann doch den nächstbesten genommen.

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Im Zug nach Hamburg las ein Herr neben mir seiner Frau etwas über Thoreau vor, “der mit Walden und so.”

“Gott, wie kommst du denn jetzt auf den?”

“Na, den kenne ich eben.”

“Was du alles kennst.”

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Ich saß im Zug und schrieb in mein Notizbuch, ein alter Mann setzte sich mir gegenüber hin und besah sich meine Aufzeichnungen: “Ist da Steno dabei? Sie schreiben ja wunderschön!” Dazu muss ich erwähnen, dass der Herr sehr schwachsichtig war, denn wunderschön schreibe ich ganz gewiss nicht, schon gar nicht im wackelnden Zug.

Dann holte der Herr auch ein Notizbuch und ein Buch heraus, wir setzten uns versetzt, so dass wir beide genug Platz hatten, und wir lasen beide und schrieben dann ab und zu einen Satz, er in Steno, ich in Krakel. Wir sprachen kein weiteres Wort, es war sehr harmonisch, beste Reisegesellschaft.

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Noch ein Hinweis, ich habe die letzte Woche vor dem Urlaub erreicht, es wird wie immer hektisch und die letzten Werktage kommen vollgepackt wie Lastesel daher. In den nächsten vier Wochen wird hier also etwas seltener etwas erscheinen, das könnte durchaus sein. Eventuell mache ich zwischendurch auch einfach mal nichts und setze mich nur so aufs Sofa und gucke in die Luft, dann werde ich zu mir sagen: “Wie in Bövinghausen!”

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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