Die Blätter färben sich, da wird es hier wieder Zeit für dieses Lied, für diese Lieder. Vorweg noch einmal einen der besten Live-Auftritte überhaupt, also aus meiner Sicht natürlich nur. Yves Montand à l’Olympia, er singt Les feuilles mortes, Text Jacques Prévert, Musik Joseph Kosma.  Das darf in diesem Blog ruhig jedes Jahr wieder vorkommen, es ist mir geradezu eine Ehre. Man beachte bitte auch seinen Gesichtsausdruck direkt nach dem Lied, also da, wo man normalerweise schon hektisch weiterklickt.


Die englische Version des Liedes, Autumn leaves, ist weltweit sicher der bekanntere Song, textlich ist diese Version allerdings deutlich schwächer und platter, es ist eher ein Liedchen. Ein immerhin schönes Liedchen, das dann aber doch. In der englischen Version ist der jeweils andere Part gegangen, fortgegangen, hat also jemanden verlassen, in der französischen Version hat das Leben lautlos und sanft getrennt. Das Meer verwischt die Spuren der getrennten Liebenden am Strand, da ist keine Rede davon, wer was war und was getan hat. Die Rede ist nur davon, dass derjenige, der singt, nichts vergessen hat. Das beweist gar nichts oder doch nur, dass zwei einmal geliebt haben, dass es einmal gut war und nicht mehr ist. Aber wie es zu Ende ging – wer weiß. Das verbleibt ohnehin oft im Ungewissen, man kennt das.

Goethe hat zwei Versionen von “Willkommen und Abschied” geschrieben, das ist das berühmte Gedicht mit dem Gassenhauer-Anfang “Es schlug mein Herz, geschwind zu Pferde!” In der ersten Version endet es mit:

“Du gingst, ich stund und sah zur Erden

Und sah dir nach mit nassem Blick …”

In der späteren Version heißt es:

“Ich ging, du standst und sahst zur Erden

Und sahst mir nach mit nassem Blick …”

So ist das mit der Wahrheit, mit den Erinnerungen, mit der Dichtung und mit dem Lauf der Jahre, in diesem Beispiel ist schon alles. Wobei man, ganz egal, wie man die Änderung interpretiert, den endgültigen Schlusssatz des Gedichtes immerhin stehen lassen kann, er ist auch in beiden Versionen gleich:

“Und doch, welch Glück, geliebt zu werden!

Und lieben, Götter, welch ein Glück!”

Und die Zeit so: Warte, ich mach mal Herbst.

Ich habe eine Playlist bei Spotify mit den Versionen der Feuilles mortes, die mir besonders zusagen. Die Zusammensetzung wechselt jährlich, immerhin ist kein Herbst wie der andere. Es gibt noch wesentlich mehr Aufnahmen, man könnte das Lied tagelang hören, inklusive sehr schlechter Versionen, nur noch geeignet für Fahrstühle in hauptsächlich geschäftlich frequentierten Hotels am Rande von Industriegebieten in uninteressanten Städten

Man kann, wenn man viele Versionen eines Liedes hört, enorm viel entdecken, ich mache das gerne. Etwa das ganz leichte und mutmaßlich sogar absichtliche Schwächeln der Stimme an der einen Stelle da bei Frank Sinatra. Oder das ein wenig feinere Modulieren bei Édith Piaf, wenn sie aus dem Englischen ins rettende Französische wechselt. Man kann auch einfach staunen, etwa wie seltsam überorchestriert und aufgeschmalzt die ansonsten doch sehr respektable Version von Udo Jürgens ist. Man kann sich in einen anderen Zeitgeist denken mit der etwas nervösen, dann aber unterm Strich doch sehr coolen Version von Paul Desmond, man kann die leicht verwackelten Konsonanten bei Chantal Chamberland anmerken, das wie immer kuscheldeckenhafte Timbre von Bing Crosby. Bei Keely Smith fragt man sich, wann denn die Geschwindigkeit des Songs wohl anziehen wird, ist da doch auch der hibbelige Turbogatte, also Louis Prima, mit an Bord, und dann dauert es immerhin ganze zwei Minuten, bis er im Hintergrund loslegt und natürlich legt er noch los. Und wie gut bitte, wie unfassbar gut, aber das frage ich mich bei jedem Hören, war denn Vince Gueraldi? Wie depressionsfördernd traurig ist die entsetzlich klare Version von Eva Cassidy, schon gar wenn man ihre im wahrsten Sinne todtraurige Geschichte kennt?

Den deutschen Part übernehmen in diesem Jahr Hildegard Knef, Hannes Wader, Ina Müller (“nu wo die Sonne geiht und Schnee fallt bald”, ich hätte gerne mehr große und ganz große Stücke op Platt). Wobei ich so ein Gefühl habe, dass es die endgültige deutsche Version nach wie vor noch nicht gibt.

Und dann Cannonball Adderley, den noch als Abschlussempfehlung. Wenn Sie in einer Stadt wohnen oder wenigstens in einem Städtchen, dann gehen Sie dahin, wo abends oder zur Dämmerung noch etwas Leben um die Häuser ist. Sehen Sie mit diesem Stück auf den Ohren dem Treiben zu und sehen Sie genau hin, wie der allfällige Oktoberregen zwischen all die Beziehungen fällt – da brauchen Sie dann kein Kino mehr.

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Und außerdem bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte. 

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