Die situationsadäquate Regentrude

Das Ende eines überlangen Wahlabends – Lenz Jacobsen

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Ein symbolischer Rauswurf – Mely Kiyak

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Ein Artikel über die Wiedervereinigung Deutschlands, der die nicht ganz so großartigen Aspekte aufgreift, was meiner Meinung nach nicht oft genug geschieht. Für Interessierte aus dem ehemaligen Westdeutschland, die ein gewisses Alter haben, empfehle ich dazu noch die Tagebücher von Rühmkorf aus dieser Zeit, die sind enorm erhellend und helfen der Erinnerung wieder auf die Beine. Denn es war ja so, wir waren gar nicht alle rundum sorglos begeistert, wir sind gar nicht alle jubelnd und fahnenschwenkend herumgelaufen, wir waren vielmehr auch damals schon bei “Moment Mal!”, da haben wir es nämlich wieder, am Ende denke ich das tatsächlich schon seit diesen Vorgängen, das kann sogar sein, wenn ich so drüber nachdenke. Wir hätten einiges gerne etwas länger besprochen und den Leuten an den runden Tischen hätte man auch gerne etwas länger zugehört, diese Sichtweise war gar nicht exotisch, nicht in Ost- und nicht in Westdeutschland. Und etwa Rühmkorfs Brechreiz beim Anblick des schwarzrotgolden gefärbten Bildzeitungsrandes, das ist schon auch ein Stück Kulturgeschichte, und eigentlich kein so unwichtiges.

Noch eben ein kleines Stück Geschichte dazu, show, don’t tell, Sie erinnern sich, ich möchte das hier tatsächlich öfter einhalten. Für Menschen unter einer gewissen Altersgrenze ist es aber vielleicht schwer zu verstehen, das gleich vorweg. Ich kannte im Jahr der Wiedervereinigung eine Frau, die gerade auf einem Austauschjahr in den USA war. Leitende Angestellte, Akademikerin (die automatische Rechtschreibkorrektur schlägt hier gerade “Akademiker” vor, auch interessant) und durch und durch das, was man im Kontext der alten BRD als linksintellektuell-arriviert bezeichnet hätte. Damals war sie vermutlich vierzig oder fünfzig Jahre alt, da kann man sich auch einen Bezug zum Jahr 68 ausrechnen. Ihre amerikanischen Gastgeber dachten sich nun, dass es doch eine recht große Sache sei, was da gerade im Heimatland der Dame passierte, ein Riesending, echtjetztmal, und sie veranstalteten also kurzentschlossen eine Überraschungsparty für sie. Eine Party mit deutschen Getränken, deutschem Essen, deutscher Musik und deutscher Deko, Fähnchen und alles, Schwarzrotgold überall. Und man muss diese Zeit gekannt und erlebt haben, man muss die grundsätzliche Skepsis gegenüber allem Nationalen schon von Kindheit an mitbekommen haben, um sich ausreichend und peinvoll genug vorstellen zu können, in welchem Ausmaß sich diese Dame damals nicht gefreut hat, als sie diese Bescherung dann gesehen hat.

Sie hat uns nach der Reise davon erzählt, und jeder im Zuhörerkreis hat sich gefragt, wie um Gottes willen man selbst da bloß reagiert hätte. So war das nämlich damals, liebe Kinder, in einem Schland vor Eurer Zeit.

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Nicola Wessinghage hat ein Buch rezensiert, da geht es um die Kunst, sich nicht ablenken zu lassen. Interessantes Thema, man beachte unbedingt auch die Ergänzungen ganz unten vom 11. Februar. Wobei man im Sinn haben muss: Der konzentrierte Mensch ist eher nicht kreativ. Ist so, das muss man hinnehmen, es handelt sich um etwas, das wir kaum ändern können. Wir können uns mühen und arbeiten, wir können tolle Ideen haben, wir können aber selten beides zur gleichen Zeit.

Noch in diesem Zusammenhang – wie bereits mehrfach erwähnt, kann ich mit dem ganzen Zauber um das Bullet Journal nichts anfangen, lese aber mit Interesse das Blog des Erfinders der Methode. Da gibt es gerade einen Artikel über das Arbeiten mit analogen Hilfen und Tools, in dem kommt diese Krux mit der Kreativität und der Ablenkung schön abgeleitet vor und ich teile die dortigen Folgerungen bezüglich Notizen. Das ist, wenn Sie so etwas auch interessiert, hier entlang zu finden. Ich finde so etwas ja spannend.

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In Hamburg wird eine Brücke abgerissen, die für Isa und mich gleich drei “Was machen die da”-Gespräche versinnbildlicht. Auf der haben wir mit einem der Porträtierten damals interviewend gestanden, von der aus haben wir zwei andere Gesprächspartner erreicht. Wir finden es, das darf ich sicher auch ganz unabgestimmt in ihrem Namen sagen, einigermaßen rücksichtslos, so etwas einfach abzureißen, da hängen doch Erinnerungen dran. Also wirklich.

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“Für die nicht endende Flut der aus Ihrer Sicht anscheinend fundierten Expertinnenratschläge zu meinen Gebrechen …” Die Kaltmamsell schreibt über ein Problem, dass jeder kennt, der sich öffentlich zu einem seiner Probleme äußert. Man kennt es natürlich auch offline, so ist es nicht, es ist durchaus kein rein digitales Phänomen. “Ununterdrückbarer Beratungsdrang”, eine so treffende Formulierung. Wahrhaft absurd aber wird es dann in den Kommentaren. Alter Schwede.

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Das Folgende ist nur noch interessant, wenn Sie ab und zu Hörbücher hören. Wenn Sie dieses Medium eher großräumig meiden, dann klicken Sie ruhig weiter, mehr kommt heute nicht, es gibt nichts zu sehen. Ich bin aber einigermaßen neu im Thema, so lange höre ich noch gar nicht, ich habe also einige weitere Bemerknisse noch vor mir.

So etwa neulich, als ich im Heimatdorf der Herzdame war und mir aus therapeutischen Gründen dachte, dass es vielleicht ganz schlau wäre, einmal nichts zu tun. Das denkt man ja ab und zu, wenn man ein Stressproblem hat, und dann setzt man sich hin und eskaliert so herum, aber man kann ja auch einfach ein Hörbuch hören, denn dann macht man irgendwie nichts, aber eigentlich dann doch, im Grunde ist das ein wunderbarer Trick. Und Tricks – da stehe ich doch drauf. Es war also auf dem Land, es regnete und regnete und regnete, der Blick ging aus dem Fenster auf nasse Landschaft, schwere Wolken und leere Straßen. Ich habe dazu die “Regentrude” von Theodor Storm gehört, ein Märchen, gelesen von Nadja Schulz-Berlinghoff. Ein eher kurzes Stück über das also, was da reichlich und unentwegt aus den Wolken kam. Und das, so schien mir, ist eine noch ausbaufähige Angelegenheit, spontan situativ passende Hörbücher abzuspielen. Passend zum Wetter, zur Stadt zur Landschaft, zum Ehestreit, zur Verliebtheit, zum Frühling, zum Abendbrot. Gibt es da schon eine App?

Außerdem mache ich gerade erste Erfahrungen mit der Hörbuchlangstrecke und höre Moby Dick, gelesen von Markus Pol. Wobei mir die Hamburger Wirklichkeit immerhin mehrere Sturmfluten und ganz ordentlich Wind einspielte, das war gar nicht schlecht. Mir fiel aber zum ersten Mal auf, dass ein Hörbuch etwas in den Sinn des Werkes hineindrehen kann, was da nicht unbedingt hingehört. Denn dadurch, dass der Vorleser im Hörbuch alles erzählt, auch die Passagen, die eher erklärender Natur sind, wirkt der Text ganz anders, als er vermutlich im selbst gelesenen Buch wirkt. Wenn man die Seiten nämlich im Buch liest und das Kapitel dort wechselt und der Tonfall auch, dann schaltet man im Kopf ja um und denkt sich eine Änderung, aha, jetzt kommt da ein Einschub, hier ist etwas anders (wobei, siehe gestern – wir lesen alle anders). Das macht man normalerweise, ohne groß darüber nachzudenken. Im Hörbuch aber erzählt der gleiche Erzähler immer weiter und wird dabei auf eine Art allwissend, die im Text gar nicht angelegt ist. Der Vorleser wird zum Erzähler, das ist eine Gleichung, die längst nicht immer aufgeht. Schon interessant.

Moby Dick kann man im Grunde auf diese Art gar nicht richtig vorlesen, man müsste mindestens zwei Stimmen zur Verfügung haben.

Egal, jetzt habe ich etwa ein Viertel gehört, den Rest höre ich mir natürlich auch noch an, stehe mit Starbuck sinnend am Achterdeck und wundere mich, nicht unerheblich auch darüber, dass der Herr Pol so ziemlich alle Fremdwörter anders ausspricht, als es mir geläufig ist. Nanu.

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Musik! Da hatte ich doch neulich gerade drei Versionen von Le Moribond, hier kommt noch eine weitere in deutscher Sprache. Verena Guido:

Und, alte Youtube-Regel, immer nachsehen, was die Leute noch so treiben. Da findet man etwa dieses hier, da spielt sie Akkordeon und singt Cohen:

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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