Damals im Büro

Im letzten Text kamen hier “herumhängende Jugendliche” vor, da lege ich doch noch eben etwas an, etwas von ganz damals. Rückblende etwa 1987, da fing ich in der Firma an, in der ich seltsamerweise heute noch arbeite. Die Firma hat seitdem ihre Bezeichnung mehrfach geändert, ich aber auch, das passt schon. Die erste Anlaufstation war der Bereich Sozialforschung. Ein großes Thema war da gerade die Viktimisierung, es ging um die Frage, wer vor was Angst hat und warum und wie oft. Ich nehme an, das ist heute noch ein prominentes Thema in den Sozialwissenschaften, ich habe damit aber keine beruflichen Berührungspunkte mehr. Damals schrieb ich die Fragebögen, also tippte sie ab, in endlosen Batterien wurden darin Gründe für Ängste abgefragt, immer wieder und wieder kamen dabei die “herumhängenden Jugendlichen” vor, denn insbesondere ältere Menschen hatten damals ziemlich viel und oft Angst vor “herumhängenden Jugendlichen”, einige trauten sich kaum noch aus dem Haus. Und so oft kam dieser Ausdruck vor, dass wir ihn im Kolleginnenkreis bald dauernd verwendeten, auch im Smalltalk. Wenn man sich etwa am Montagmorgen begrüßte und nach dem Verlauf des Wochenendes erkundigte, dann kam die obligatorische Antwort, aber oft mit der scherzhaften Einschränkung: “Nur diese herumhängenden Jugendlichen überall!” Die Wendung verfolgte uns,  wie andere die Zwangsvorstellung von herumhängenden Jugendlichen verfolgte. Der Ausdruck frass sich in unsere Hirne, wir dachten das irgendwann reflexmäßig und was mich betraf, der ich noch sehr jung war, konnte ich längere Zeit an keinem Spiegel vorbeigehen, ohne daran zu denken, immer machte ich mich vor Spiegeln unwillkürlich gerade, um nicht allzusehr nach Herumhängen auszusehen. Und wenn wir im Büro Pause machten, war es klar, wie die älteren Kolleginnen uns verlässlich bezeichneten.

Sagt man das heute überhaupt noch? Egal. Damals übrigens, das ist noch am Rande erwähnenswert, hatte man vor den herumhängenden Jugendlichen einfach so Angst, obwohl man über ihre Herkunft gar nicht weiter nachdachte und also nichts wusste und sie vermutlich sogar in der Regel schlicht deutsch waren. Für Ängste, das vergisst man leicht, braucht man nämlich gar keine Migration, braucht man im Grunde gar keine Änderung der Umstände, Ängste klappen immer.

Einfach so.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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Sie können hier Geld für einen herumhängenden Senior in den nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank!

 

4 Kommentare

  1. Ich habe da so eine Vermutung: jemand, der tagsüber auf einer Straße herumsteht, ohne offensichtlich zu arbeiten oder wenigstens auf den Bus zu warten, ist hierzulande nicht einfach nur verdächtig, sondern ein Affront gegen die protestantische Arbeitsmoral. „Die arbeiten ja gar nicht!“ zieht sich als Beschwerde durch die Jahrhunderte. Und die Angst vor „denen“ ist nicht nur die vor „die könnten mir was tun“, sondern auch eine vor „die könnten möglicherweise schlauer leben als ich“.

    Außerdem haben wir hier auch keine wirkliche Kultur des auf-der-Straße-entspannens, keine Küchenstühle in der Gasse, kein selbstverständliches Flanieren in vertrauter Gemeinschaft. Nein, Fußgängerzonen sind da kein Ersatz (schon der Name!)

  2. Rumhängede Jugendliche sind für viele immer noch gefährlich. Heißt jetzt aber Nutzungskonflikte im öffentlichen Raum.
    Zum Beispiel, wenn Jugendliche auf Kinderspielplätze rumhängen. Wohl möglich da sogar noch rauchen.
    Man gut, dass keine Kinder da war.

  3. Das Motiv ist noch älter:
    https://de.wikipedia.org/wiki/Gammler

    Wenn man nichts hat als ein paar lose und relativ hohle Brocken Identität (Arbeit, ‚Schland, Konsum), dann verunsichert jeder, der diese Identität und deren Elemente in Frage stellt. Und von Scham zu Aggression ist ein sehr kurzer Weg.

  4. Nach dem Herumhängen kam das Abhängen. Heute chillen die Jugendlichen. Soviel zur sprachlichen Entwicklung des Herumlungerns.

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