Zeitzeichen

Am Sonntagnachmittag habe ich lange, allzu lange Newsticker und Nachrichtenseiten gelesen, hatte dann drängenden Nachholbedarf in Sachen Wirklichkeit und ging daher in den Hauptbahnhof, der ein besonders üppiges Stück Wirklichkeit ist. Mehr wirkliche Personen auf einen Schlag bekommt man hier vermutlich nur in Fußballstadien zu sehen. Durch den Hauptbahnhof rauscht alles durch, Typen, Figuren und leibhaftige Klischees, wenn man da eine Weile im Menschenstrom steht, dann meint man bald alles gesehen zu haben, was in dieser Stadt überhaupt an Menschen vorkommen kann. Das stimmt natürlich nicht ganz, denn es lassen sich gar nicht alle Menschen zum ÖPNV herab und vielleicht auch nicht zu Fernzügen – aber es stimmt doch fast.

Ich habe etwa eine halbe Stunde dort zugebracht und es ist mir fast nichts aufgefallen – da kann man wieder einmal sehen, wie dick die Normalität manchmal aufträgt. Es gab auf den ersten Blick keine beschreibenswerte Szene, es gab keine besonders auffälligen Menschen, also fast keine, aber dazu komme ich noch. Es gab auch kein Bahnchaos oder dergleichen, es gab nicht einmal Straßenmusiker, die sich mit dem Sicherheitspersonal herumstritten, es gab keine Bettler und keine Schlägereien unter den Obdachlosen, es gab, das war fast schon unglaubwürdig, nicht einmal einen Mülleimerbrand. Ein Krankenwagen fuhr gerade einen der Trinker vom Bahnhofsvorplatz weg, aber das ist normal, das fällt nicht unbedingt auf. Das müsste man schon wollen, dass es einem auffällt, etwa für eine Sozialreportage.

Eine Soldatin und ein Soldat in Kampfanzügen schleppten riesige Rucksäcke zu Zügen, das sehe ich seit der neuen Fahrpreisregelung für die Bundeswehr wieder etwas öfter, aber insgesamt doch weiterhin selten, es geht in der Menge unter, dass sich da etwas geändert hat.

Drei Menschen mit Mundschutz habe ich gesehen, und das war also das auffälligste Zeichen der Zeit, das sehe ich sonst nicht, wenn nicht gerade große Touristengruppen aus Asien vorbeigehen, aber die gibt es erst einmal nicht mehr. Eine junge Frau, sie trug einen Mundschutz in hellblau und er passte so dermaßen gut zu ihrem dunkelblauen Mantel und überhaupt zu ihrem betont schicken Outfit, es hätte auch ein besonders hippes modisches Accessoire sein können, er saß auch seltsam perfekt. Sie blieb mehrfach für ein Selfie stehen, schüttelte ihre sicher frisch frisierten Haare und fand sich offensichtlich gut, wenn nicht sogar sehr gut. Und keine Frage, sie sah auch gut damit aus. Die beiden Männer sahen sich zufällig ähnlich, sie waren beide schon etwas älter und in Arbeitskleidung. Wie Männer aussehen, die aus einem Raum kommen, in dem sie gerade stundenlang die Dielen abgeschliffen oder die Decke gestrichen haben oder dergleichen, sie waren gleich groß, gleich alt und sie gingen beide so, als hätten sie Rückenschmerzen oder Knieprobleme, etwas in der Art. Auch die Masken sahen nach Handwerk aus, robust und etwas angeschmuddelt.

Die beiden gingen in der Wandelhalle aneinander vorbei und als Beobachter fand ich, die hätten sich dabei ruhig kumpelhaft winkend grüßen können, ob ihrer erstaunlichen Ähnlichkeit und dann auch noch so auffällig gleich ausgerüstet, aber sie gingen grußlos weiter und einfach ihrer Wege, die Ähnlichkeit habe vielleicht auch nur ich gesehen. Der Gedanke war ohnehin sinnlos, fiel mir ein paar Schritte weiter ein, denn ich grüße ja auch nicht, sobald ich einen Anzug trage, andere Anzugträger kumpelhaft winkend, wo kommen wir denn da hin und was ist das überhaupt für eine Idee. Diese Geste bleibt in Hamburg Busfahrerinnen und Busfahrern vorbehalten, die immerhin machen das verlässlich, wenn sie am Steuer sitzen und ihnen eine oder einer der gleichen Art entgegen kommt, da geht die Hand unweigerlich auf eine besonders lässige Art hoch.

Und mehr Corona war hier erst einmal nicht. Aber wir stehen ja auch erst am Anfang, sagt man. Auf dem Rückweg ging ich an einer Bar vorbei, dort hatten sie etliche Corona-Flaschen ins Fenster gestellt und gefällig drapiert, das war die Deko zur Lage. Passanten blieben stehen und zeigten lachend darauf, guck mal, guck doch mal.

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Lesen nach Hanau

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Samira El Ouassil über Kontrollverlust.

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Wolfgang Michal über Medienkritik.

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Musik! Mir fällt nur ein Stück mit “Corona” im Text ein.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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