Die Opulenz des Jetzt

Den Titel, nicht wahr, den könnte es so auch als Taschenbuch von Suhrkamp gebe. Aber das nur am Rande. Die Kulturbranche streamt und sendet aus Leibeskräften. Jedes Museum, jedes Theater, jede Oper, jeder Verlag macht plötzlich in berauschender Offenheit und üppiger Fülle etwas online, macht viel online, irre viel sogar, in der Gesamtheit geradezu unfassbar viel, man kann darin schier untergehen. Es entsteht eine kulturelle Butterschicht im Digitalen, an der sich Heerscharen von Studierenden in der Zukunft einmal abarbeiten werden können. Bloggerinnen und Blogger wie ich sind da in der angefeuerten Produktion auch keine Ausnahme, auf einmal erscheinen überall wieder Artikel am laufenden Band, wie damals, als alle noch Spaß daran hatten. Man möchte überall Fleißkärtchen verteilen und weiß doch nicht, ob man sich wirklich freuen soll, zum einen ob des Anlasses, zum anderen aber natürlich auch, weil man nicht mehr hinterherkommt.

Ich weiß in all der opulenten Vielseitigkeit gar nicht mehr, wo ich zuerst hinklicken soll, ich bin dann gestern Abend hängengeblieben beim Instagram-Account des Hamburger Ernst-Deutsch-Theaters, auf dem der Schauspieler Sven Walser auftritt wie folgt – er geht auf eine spärlich beleuchtete leere Bühne vor einem natürlich auch leeren Zuschauerraum. Auf der Bühne steht ein Tisch, auf dem liegt ein dickes Buch, daneben brennt eine Kerze. Ein Glas Wasser steht da auch, eine Leselampe, das ist alles. Er nimmt das Buch und liest vor, und wenn die Wahl des Titels ein Hinweis auf die Dauer unseres Ausnahmezustandes ist, dann aber Gute Nacht, Marie, denn es ist der Zauberberg von Thomas Mann, für den brauchen wir eine Weile. Egal, wer wird an die Zukunft denken, wir sind im Jetzt. Alle sind wir auf einmal radikal und hellwach im Jetzt, wie es in gewissen Büchern doch immer schon empfohlen wurde, und dafür haben wir also gar keine Erleuchteten und keine Esoterik gebraucht, dafür brauchten wir nur einen Virus. That was easy!

Im Jetzt jedenfalls liest der Herr Walser, wie Hans Castorp im Gestern und im Zug nach Davos fährt. Bei mir löst das wundersame Reaktionen aus. Denn zum einen erinnere ich mich auf einmal seltsam deutlich an den Text, also an meine eigene Lektüre des Textes vor zig Jahren, das hätte ich gar nicht für möglich gehalten, zum anderen gefällt er mir auf einmal sogar, obwohl ich doch erhebliche Vorbehalte gegen Thomas Mann habe. Aber jetzt – dieser Erzählduktus ist gerade genau das, was ich brauche, um dem alles mitreißenden Mahlstrom der Nachrichtendienste und Ticker eine Weile zu entkommen.

Vielen Dank dafür, ich bin begeistert.

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Vielen Dank auch an die Herzdame, der ich diesen Text wegen meiner kaputten Gräten größtenteils diktiert habe.

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Und übrigens bin ich der Meinung, dass der Innenminister zurücktreten sollte.

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