Verfilzungen

Ich erinnere dunkel, dass in einem der Bücher von Charles Bukowski, die ich mit etwa siebzehn Jahren der Reihe nach weggelesen habe, der Satz stand: “Die Tage galoppierten wie Mustangs über die Hügel.” Vielleicht erinnere ich das aber auch völlig falsch, vielleicht ging der Satz ganz anders oder er war aus anderen Büchern, das mag alles sein, es ist immerhin verdammt lange her und schon gar nicht mehr wahr. Und warum überhaupt habe ich ausgerechnet diesen Satz behalten? Nur um jetzt festzustellen: Die Tage wehen wie Staubmäuse durch die Wohnung.

(Nachgelesen: Ein Buchtitel von ihm war es, The days run away like wild horses. So falsch lag ich gar nicht, mein Gedächtnis kann manchmal coole Sachen.)

Die Zeit franst aus und verfilzt sich, die Tage werden immer unübersichtlicher und füllen sich ganz von selbst auf eine Weise, die mir nicht ansatzweise recht ist, die schon gar nicht selbstbestimmt ist, es gärt alles so vor sich hin. Die Herzdame fragt, ob ich jetzt mal eben einen der Söhne begöschen könne, vielleicht aber habe auch ich sie das gefragt, es ist auch völlig egal, es geht alles durcheinander. Begöschen, das Wort habe ich lange nicht mehr gehört. Wir begöschen hier seit dem 13. März durchgehend und es wäre ganz reizvoll, wenn man sich einmal wieder selbst begöschen könnte, vorzugsweise durch ein paar komplett leere Tage oder wenigstens Stunden mit eingehender Betrachtung der Raufaser im Schlafzimmer. 

Ich schreibe neben der Homeschool etliche Mails und Nachrichten und erhalte, egal in welchem Kontext und von wem, es zieht sich einfach so durch, nur komplett irre Antworten. Es gibt so Tage und gestern und heute waren solche. Ich frage jemanden nach einer Zahl und er antwortet sinngemäß: “Die Zahl weiß ich nicht, aber ich kann dir den Wetterbericht vom letzten Jahr vorlesen.” Solche Antworten. Ich lese sie einmal, ich lese sie zweimal, ich sehe lange aus dem Fenster. 

Ich gehe um den Block, die Stadt hängt voller Plakate, die alle falsch gehen. Werbung für Veranstaltungen in den letzten Wochen, das Beste aus dem März, dem April und dem Mai, nichts davon hat stattgefunden. Es werden keine neuen Plakate mehr geklebt, alles geht nach, die ganze Stadt läuft nicht nach Fahrplan. Einige Hinweise auf Termine im Juni, die finden auch nicht statt. Ich gehe an den Plakaten vorbei und sage: “Nein.”

Dabei klingelt mein Handy, eine unbekannte Rufnummer. Ich gehe ran. “Sie verkaufen da ja online Leckmuscheln”, sagt jemand, ich sage: “Ach?” Er sagt: “Also wegen der Leckmuscheln …” Ich frage mich, was ich mich in solchen Momenten immer frage und was man sich gewiss auch tatsächlich ab und zu fragen sollte, nämlich wer ich eigentlich bin und was ich hier mache, es fällt mir aber gerade nicht ein. Mir fällt auch nichts zu Leckmuscheln ein, also rein gar nichts.Ich sage, dass ich keine verkaufe, auch nicht online, der Anrufer sagt: “Doch.”

Ich mache diese 4-7-8-Atemübung, die kennen Sie bestimmt, danach ist immer alles super oder man ist eingeschlafen, was will man mehr. Ich denke sofort wieder klarer, der Anrufer sagt: “Sind Sie noch da? Also wegen der Leckmuscheln …”, ich lege auf. 

Vielleicht sind das alles nur Hinweise, überlege ich, vielleicht sollte ich ja wirklich online Leckmuscheln verkaufen, was weiß ich denn. Letzte Ausfahrt Leckmuscheln, schon ist beruflich alles geritzt. Aber gibt es da denn eine Nachfrage, nach gebrandeten Modellen oder dergleichen vielleicht? Möchten Sie das Logo Ihres Arbeitgebers ablecken? Oder möchten Sie vielleicht Ihr Porträt auf Leckmuscheln drucken und die dann so als Give-Away unter die Leute streuen, also ich weiß ja nicht, aber die Geschmäcker sind eben verschieden. Hipster-Leckmuscheln mit Basilikum-Ziegenkäse-Feige-Geschmack. Die gibt es noch nicht, glaube ich, lassen Sie mich durch, ich bastel einen Business-Plan

Ach, egal. Falls der Anruf ein Hinweis war, so einer wie in einem Game, dann habe ich ihn dummerweise nicht verstanden. Macht nichts, wir singen gemeinsam mit Udo Jürgens: Und immer, immer wieder geht ein Level auf. 

Morgen zum Beispiel, morgen ist noch so ein Tag. 

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Merci! 

Links am Morgen

Ein faszinierender Zufall, gleich zwei Bloggerinen schreiben über das Riechen mit Maske. Hier geht es um Freesien, hier um Deo. Andererseits ist es aber auch ganz nett, gewisse Düfte mit Maske gar nicht erst wahrzunehmen, etwa wenn man durch den Hauptbahnhof geht. 

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Till Raether hat die “Kinder vom Bahnhof Zoo” noch einmal gelesen, mit interessanten Bemerknissen

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Die Schulen im nächsten Halbjahr: “Statt eines großen Wurfs dürfte es auf den kleinsten gemeinsamen Nenner hinauslaufen.Alles andere wäre aber auch ein Wunder, ein großes. 

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