Verhältnisse wie in Berlin

Ein Sohn hat zum ersten Mal überhaupt wieder Lust auf Gastronomie und fragt, ob wir nicht einmal wieder ins dieses Café gehen könnten, in das mit diesen besonders gemütlichen Sesseln in der Innenstadt, in dem wir “vor ein paar Tagen mal waren” – und dann überlegen wir gemeinsam, wann denn das wohl genau gewesen sein kann. Wir finden schließlich heraus, dass es etwa am 10. März gewesen sein muss. Und zwischen dem 10. März und heute liegen in der Tat nur ein paar Tage, wie wir alle wissen, es stimmt schon – aber die waren eben besonders lang.

Ich entnehme währenddessen der dienstlichen Kommunikation im Büro, dass gerade ein Halbjahr beendet wird. Die Information höre ich wohl, aber sie ist seltsam inhaltsleer und bedeutungslos. Ein Halbjahr. Kann ja jeder sagen. 

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Im Vorübergehen gehört:

“Ich bin ja mehr so kreativ unterwegs.”

“Du bist doch nur völlig disziplinlos.”

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Wir essen Kirschen direkt vom Baum, wir essen Erdbeeren und Karotten und Kartoffeln aus den Beeten und Erbsen und Himbeeren von den Ranken. Die Stachelbeeren verteidigen ihre Früchte in diesem Jahr so wehrhaft und waffenstarrend, man kommt ohne Blutzoll gar nicht heran. Ich stehe davor und sage: “Aber die Marmelade!”

Wir essen Kirschkuchen mit Kirschen aus dem Garten. 

Der Kürbis setzt wieder vom Kompost aus zur Welteroberung an und geht in Sturm und Drang davon aus, den ganzen Garten zu bedecken, vielleicht aber auch die Gärten der Nachbarn! Kleiner will er es nicht machen und geh da weg, du stehst meinen Blättern im Weg.

In einer schattigen Nische zwischen dem Birnbaum und dem Flieder, unterlegt mit der vagen Dunkelheit des Efeus, blüht ein Rittersporn in einem so dermaßen unwahrscheinlichen Blaulila, das ist eine Farbe, mit der rechnet man so nur unter Wasser oder im Dschungel.

Der Schmetterlingsflieder fängt auch gerade an und verspricht viel. In Schmetterlingskreisen wird er bald schon ein Thema sein, hoffentlich auch eine Top Location. Eben stand hier Schmetterlink, mit einem k am Ende, das kam mir ganz erstaunlich lange nicht falsch vor. Das Internet und die Folgen! Wir klicken auf einen Schmetterlink. 

Zuhause im kleinen Bahnhofsviertel kommt neuerdings eine Spatzenbande auf den Balkon, das sind hier Verhältnisse wie in Berlin, wa. Sie versuchen immer wieder, auf dem letzten Meisenballrest aus dem Winter zu landen, das gelingt ihnen aber nicht. Dann setzen sie sich aufs Geländer und motzen allerliebst, gucken scheel und verduften erst einmal wieder. Ihnen folgt wie auf einer Bühne eine Amsel nach, der es völlig egal ist, dass ich nur ein paar Zentimeter neben ihr sitze und lese, es wird Abend und sie hat da jetzt also etwas zu singen und zwar wie folgt, sie legt den Kopf in den Nacken und los. Wissen Sie, wie laut so eine kleine Amsel ist, wenn sie direkt neben Ihnen lossingt, ohne eine Fensterscheibe oder einige Meter dazwischen? Da fällt man vom Stuhl. Wie sie das bloß macht. Kein Resonanzraum unterm Federkleid, aber ein Sound wie ein Konzertsaal.

Der Blauregen auf dem Spielplatz unten expandiert wieder neugierig über die Mauer, an der er seit Jahrzehnten lehnt, jedes Jahr guckt er nach, was eigentlich da drüben ist. Geh doch rüber! Er angelt und hangelt auf der anderen Seite grünfingrig von oben nach den Hälsen der Radfahrer, die ducken sich im Vorbeifahren hektisch weg, wenn sie die Schlingen denn überhaupt rechtzeitg sehen, sie drehen sich um und gucken empört, wieso schneidet das da keiner weg, das gemeingfährliche Grünzeug? Dieser Blauregen kommt aber im Kalender des Gartenbauamtes gar nicht vor. 

Auf einem schmalen Weg zwischen den Häusern fallen einen Brombeeren aus dem Hinterhalt an, in finsterer Kumpanei mit einem Kirschbaum. Der Baum wirft mit Früchten, auf denen man ausrutscht, die Brombeeren ritzen die Opfer dann an. Es ist eine ganz feine Pflanzengesellschaft da im Halbschatten, Wegelagerer und Banditen, die pflegen noch den alten Ruf dieses Stadtteils, der lange eine einigermaßen verkommene Gegend war.

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Im Tagebuch von Max Frisch, das Berliner Journal war es wohl, kommt ganz am Anfang die Bemerkung “Nierchen bei Grass” vor, im Tagebuch von Rühmkorf erwähnt der irgendwann “Schweinskopfsülze bei Grass”, über diese seltsame Kombination freue ich mich schon länger. Jetzt gerade im Tagebuch von Sarah Kirsch eine Anmerkung zu Grass entdeckt:“Ein gewisser Primitivismus spricht aus ihm.”

Ich habe ihn ja seit Jahren immer mit Schweinskopfsülze im Bart vor Augen, ein unauslöschliches Bild.

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Bei Anne Tyler kommt in den Romanen ein wiederkehrendes Motiv vor, da summen, singen oder pfeifen immer wieder Menschen Melodien von Songs, die dann etwas Tiefsinniges zu bedeuten haben, wenn sie darüber nachdenken, was sie da eigentlich von sich geben. Das Unterbewusstsein gibt da also eine Playlist vor und die Figuren singen etwa Abschiedslieder, wenn sie nach einem Ehestreit mal kurz aus dem Haus gehen. Ich denke seit Tagen darüber nach, ob mir so etwas auch schon einmal passiert ist. Ich kann mich an keinen einzigen Vorfall dieser Art erinnern. Aber ich habe mich eine Weile scharf beobachtet, um das genauer herauszufinden. Ich pfeife, so habe ich gemerkt, dauernd die Titelmelodie von Pippi Langstrumpf und mache mir also die Welt … das ist allerdings so unterbewusst nun nicht. 

Ob ich im Büro wohl ganz andere Melodien im Sinn habe als zuhause? Ich muss das dringend mal herausfinden, aber dazu müsste ich ja erst einmal ins Büro gehen. Komplikationen, wohin man auch sieht. 

Egal, Halbjahresschluss jetzt auch im Blog. Zack, zu. 

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Links am Morgen

Die Liebeserklärung des Monats, wenn nicht des Jahres:

Er tanzt so gut wie ein Tänzer, und er küsst sehr gut, und er ist meine Kussmaschine, weil er schmeckt so gut wie ein Obstsalat und Nudelsalat, und ich vernasche ihn ziemlich.

Gefunden via Johanna Dürrholz auf Twitter.

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