Den Bach runter

Es folgte ein Tag, der so tief im Sommerloch war, wie man es sich nur vorstellen kann. Ich hatte morgens etwa eine Stunde nach dem Aufstehen schon das ganze Internet durchgelesen, es stand einfach nichts Interessantes drin. Nicht auf Twitter, nicht in den Blogs, nicht auf den Seiten der Medien. Die Söhne standen auf und stritten sich um ein fast leeres Glas Nussnougatcreme, das hätte eine vergleichsweise spannende Meldung sein können, an diesem Tag auch gerne überregional, es war sonst einfach nichts, gar nichts.

Es war regnerisch, es wurde kühler, die Woche zwischen den Reisen wirkte etwas leer, ich passte für einen Moment nicht auf und brach mir prompt die Stimmung. Und zwar tat ich das gründlich und war den Rest des Tages so fürchterlich schlecht gelaunt, dass ich allen anderen Menschen freiwillig aus dem Weg ging. Schleichwege durch den Stadtteil, Einkaufen zur Unzeit für Sonderlinge. Hätte ich ein wenig mehr Neigung zur exaltierten Aktion, es wäre ein Tag fürs permanente Händeringen und lautes Hadern gewesen, aber bitte. Contenance.

Ich griff schließlich zu einem Hausmittel, das in solchen Fällen einigermaßen verlässlich wirkt, wenn auch nur subtil und in aller Dezenz. Es ist nur zu spüren, wenn ich es auch dringend spüren möchte. Es hilft nicht richtig, aber es begradigt doch etwas, und das ist auch schön. Bei Menschen mit religiösen Neigungen hilft es womöglich wesentlich mehr, das kann ich mir gut vorstellen, aber auch bei losen Gesellen wie mir nützt sie ab und zu etwas, die Orgelmusik vom ollen Bach, mit der man auch das nie geweihte Kirchenschiff unter der Schädeldecke fluten kann. Diese Musik, über Kopfhörer reichlich eingefüllt, und damit dann um den Block gegangen, ganz so, als würde ein erhabener Soundtrack in zugegeben etwas übersteuerter Lautstärke über das alltägliche Bild wabern, und damit dann also all die PassantInnen und das ganze Großstadteben angesehen – dann wirkt es manchmal alles so, als sei es irgendwie am Ende doch sinnvoll.

Das macht natürlich nur die Musik, das ist weder eine Erkenntnis noch eine Erleuchtung, es ist schon gar keine bleibende Gewissheit, es ist eher etwas in den Melodien und Stimmen, etwas, das führend wirkt, seltsam hinleitend. Die Musik klingt so, als ginge es um etwas, und wenn man das konzentriert mit dem Bild verbindet, das da gerade vor einem abläuft, dann verschmilzt das mit etwas Glück, und dann geht es also auf einmal um etwas, wenn diese Frau dahinten über die Straße geht, dann geht es auch um etwas, wenn das eigene Spiegelbild über das Schaufenster huscht, wenn der Radfahrer dem SUV ausweicht, wenn der Bettler am Straßenrand den Becher hebt. Das stimmt noch lange nicht vergnügt, aber schlechte Laune ist nun einmal besser zu ertragen, wenn irgendwo ein Sinn dabei ist.

Und, fast noch besser, in die verschiedenen Stimmen, die da so daherorgeln, kann man seine diversen Stimmungen und Launen und hineindenken, dann kommen und vergehen die manchmal in kurzer Folge mit den Takten und Tönen, also manchmal jedenfalls, und man fühlt sich nach zwei, drei Stücken wie seelisch frisch durchgeharkt. Das klappt sicherlich nur deswegen, weil Bach eben ein Genie war und weil, was immer in dieser Musik ist, immer noch wirkt und greift und daher manchmal auch hilft.

Ich sehe die Titel auf dem Handy nach, die sagen mir gar nichts. Allein Gott in der Höh sei Ehr, Wachet auf uns ruft die Stimme, diese Titel sind veraltet, die Worte sind vergilbt, die Texte sagen mir nichts, die Bezüge greifen nicht. Aber die Musik ist nicht alt, die ist frisch und für ein paar Minuten wirkt auf einmal alles richtig, ob es das nun tatsächlich ist oder nicht, das finden wir in diesem Leben vermutlich ohnehin nicht heraus. Aber egal, Wirkung ist alles.

Der Radfahrer weicht dem SUV aus, der Bettler lässt den Becher sinken. Das Spiegelbild im Schaufenster hat Kopfhörer auf und wirkt nicht mehr so furchtbar schlecht gelaunt, eher einfach nur ernst. Passt schon.

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Links am Morgen

Die anderen sind auch da – ein Teil der Urlaubserzählung erschien drüben beim Goethe-Institut.

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Timmendorfer Strand will keine Tagesgäste. Ich wollte da ja schon als Jugendlicher aus Travemünde nie hin, ich war der Zeit weit voraus. Man beachte im verlinkten Text aber bitte auch den wirklich wunderschönen Imperativ: “Strömen Sie bitte nicht nur immer an die gleichen Orte.” Auch wenn er einer Textstelle in meinem oben verlinkten Artikel glatt widerspricht. 

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Frankreich und die Hitze. Gefunden via Fau Nessy.

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