Datum, Unterschrift

Wie neulich bereits angedeutet, die Lage ist größtenteils unblogbar und es dreht und wendet sich noch nicht so recht, was auch heißen kann, dass ich es noch nicht recht drehe und wende, immer Vorsicht mit den Formulierungen und immer auf der Brücke bleiben.

Ich stehe zwischendurch am Küchenfenster und sehe runter auf den Spielplatz. Dort sind Menschen, von denen sind einige deutlich entspannter als ich, die sitzen da herum und halten ihre Gesichter in die Septembersonne. Da werde ich gleich neidisch, das sind noch die Nachwirkungen des Urlaubs. Aber nur kurz werde ich neidisch, denn wie immer sind einige dort unten überhaupt nicht entspannt, etwa die Eltern des Mädchens, das gerade den vermutlich spektakulärsten Wutanfall seines Lebens hat, eine gewaltige Explosion des Zorns und ein wahnsinnig wildes Aufflammen der Affekte, rotglühendes Rasen. In diesem Ausmaß sieht man das auch nicht jeden Tag und die Eltern blicken sich staunend an, was ist das jetzt, während es das Mädchen von innen her schier zerlegt. Es wird Stunden brauchen, bis die sich wieder zusammengesetzt hat, und sie haut mit einer Plastikschaufel dergestalt speedmetalmäßig auf die metallene Rutsche, dass die Menschen in einem großen Umkreis an die Fenster treten und doch lieber mal nachsehen. Ein paar Meter weiter sitzt ein Junge in der Sandkiste, der weint in hohen und langgezogenen Tönen, so ein sirenenhaftes Weinen, das einfach nicht mehr aufhören will.

Ich stehe oben am Fenster und sehe mir das an, ich frage mich, wie wir so weit kommen konnten, wenn die Menschenkinder immer so waren. Wieso sind wir nicht alle gefressen worden, als da draußen noch Raubtiere herumliefen und wir aber schon praktisch und vermutlich äußerst appetitlich enthaart und aller Waffen ledig waren, komplett wehrlose Leckerbissen also, die durch den Nachwuchs jederzeit leicht zu orten waren, hör mal, dahinten sind Menschen, in dem Gebüsch da. Es muss geradezu unsportlich gewesen sein, uns zu jagen. Wie haben wir diese Zeit denn bloß überlebt? Es ist mir völlig unklar.

Währenddessen, das hat jetzt keinen Zusammenhang, pardon, kommt wieder eine Schulmail, es kommen überhaupt immer weiter Schulmails. Diese hier kommt mit einem Anhang, wir sollen das ausdrucken und ausfüllen, nach den Herbstferien aber erst, dass wir nämlich im Urlaub in keinem Risikogebiet waren, Datum, Unterschrift. Und wieder locht jemand zehntausend Zettel und heftet sie vermutlich ab, wieder sollen also Zettel irgendwie Richtigkeit herstellen, wieder möchte man sich entlasten, sie haben es doch alle unterschrieben. Und die Zettel kommen in Ordner, stelle ich mir vor, die werden dann vielleicht in die Schulbehörde gebracht und dort neben die anderen Ordner mit den Zetteln gestellt, die wir nach den Sommerferien ausfüllen mussten.

Jemand hat in Schönschrift die Jahreszahl, die Monate und die Schulnamen auf die Rücken geschrieben, Bürosport wie früher, und da stehen sie dann, die Ordner, bis sie jemand in fünfzig Jahren kopfschüttelnd ins Archiv schiebt, drei Etagen tiefer.

Na, wenn’s denn der Wahrheitsfindung dient.

Vor der Kirche hinter dem Spielplatz stellt sich jetzt der Chor auf, der übt nach wie vor im Freien. Die brauchen in diesem Jahr Frischluft und Platz für ihre Kunst und dadurch wissen auf einmal alle, dass es diesen Chor gibt, er ist einfach nicht mehr zu überhören. Sie singen sich gerade ein, die Stimmen turnen die Tonleitern rauf und runter. Die Kinder auf dem Spielplatz verlassen Sandkiste und Rutsche und gehen zugucken, was die Erwachsenen da machen und dann sitzen sie davor auf dem Boden und betrachten unsicher und kinderernst die Sängerinnen und Sänger, also wie jetzt, ist das hier ernst gemeint.

„Ein Leben lang“, murmele ich den Kindern unhörbar von meinem Fenster aus zu, „ihr werdet es euch ein Leben lang fragen, was ernst gemeint ist.“

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

5 Kommentare

  1. „ich frage mich, wie wir so weit kommen konnten, wenn die Menschenkinder immer so waren“

    In solchen Momenten frage ich mich immer, wie jemand, der sowas je gesehen hat, überhaupt auf die Idee kommen kann, auch nur ein Kind zu bekommen. Über zwei und mehr brauchen wir da gar nicht erst zu reden.

  2. Oje, @Ines,
    das Beispiel e i n e s Menschleins unter vermutlich mehreren auf dem Spielplatz, das gerade mal ausflippt (sich möglicherweise aus noch verbaler Ohnmacht nicht anders ausdrücken kann) und schon wird eine vermutlich ironische Überlegung zur Menschheitsgeschichte für Ernst genommen und Kinderlosigkeit präferiert wegen dieses „abschreckenden“ Verhaltens. Geht’s noch?

    Zum Glück m u s s ja heutzutage niemand, der es nicht will, Kinder kriegen bzw. mit ihnen leben. Und das ist auch gewiss besser so für alle Seiten.

  3. Zum Thema Zettel: Es gibt in Deutschland im Amateurbereich 145.000 Fußballmannschaften. Diese haben im Schnitt 30 Spiele im Jahr. Zuschauer müssen pandemiebedingt auch alle einen Zettel ausfüllen. Wegen Datenschutz soll es möglichst keine Liste für alle sein, sondern jeder sein eigenes Formular ausfüllen (Vorlage = A4-Formular). Unterstellen wir im Schnitt nur 30 Zuschauer pro Spiel, so ergibt allein das einen Bedarf von 65 Millionen Blatt Papier pro Saison im Amateurfußball. Dafür sind rechnerisch 1.500 Fichten zu fällen.

    Der DFB hat ein komplettes digitales Ökosystem, um den gesamten Spielbetrieb abzubilden. Da könnte man etwas ranstricken, um die Zuschauer zu erfassen. Nach 4 Wochen löschen sich die Daten automatisch. Aber da müsste jemand Verantwortung übernehmen. Die wird lieber nach unten durch gereicht. Der DFB philosophiert lieber über seine Vorbildrolle beim Umweltschutz, empfiehlt Fußballschuhe mit Regenwasser zu reinigen, … und lässt dann eben (indirekt) 1.500 Bäume fällen.

  4. Ha! Ja! Wieder haargenau erfasst, lieber Herr Buddenbohm: dieses an- und ausdauernde Fragen nach dem Ernst – des Lebens, der Lage, … Vielleicht ist das jetzt die Zeit des Neodadaismus…
    Sehr herzliche Grüße nach Hamburg aus dem Rheinland,
    Barbara

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