Pardon, wo war ich? Na, es ist ja auch egal. Die unblogbaren und mir daher durch die Bank eher suspekten Themen hatten kurz mal gewonnen, ich agierte aus der Defensive und kämpfte mich gerade erst mühsam von dort wieder zurück aufs Schlachtfeld, das Alltag zu nennen wir uns längst angewöhnt haben. Wenn aber nahezu alles unblogbar ist, worüber schreibe ich dann noch?

Ich gehe einfach in den Garten und harke Laub. Das ist unverdächtig und es sind doch eh die einfachen Dinge, auf die es ankommt. Es muss noch gar kein Laub geharkt werden, es liegt so viel nicht herum, ich möchte aber Laub harken. Also zumindest ein wenig, denn lange halte ich das wegen der stark heruntergerockten Armgelenke eh nicht durch. Es ist so ein Regentag mit plötzlichen Sonnendurchbrüchen, der nasse Rasen gleißt und blitzt und beim Harken kollern die glänzenden Früchte des Weißdorns lustig herum. Edelsteinrot und in üppiger Fülle springen sie vor dem Rechen herum, Sekundenreichtum. Ein letzter wurmdurchlöcherter Apfel fällt und rollt ganz freiwillig in Richtung Kompost, ein Bild, ein Bild, der Herbst läuft von ganz alleine korrekt ab. Im Flieder hängt ein Hokkaido wie ein Lampion, der hat sich da heimlich hochgerankt und ist erst jetzt in ganzer Pracht zu sehen, er war den Sommer über im Laub verborgen.

Ich ernte endlich den Sellerie, der sieht prächtig aus, jedenfalls von oben betrachtet. Unten dann aber nicht mehr, unten ist gar nichts dran, es ist längst alles weggefressen worden, von wem auch immer. Ich wiege den Strunk in der Hand und murmele: „Sellerie oder nicht Sellerie, das ist hier die Frage.“ Beim Gärtnern gerät einem alles zur Dichtung und zur Metapher, alte Regel.

Auf der Trauerweide sitzt ein junger Eichelhäher, der den arttypischen Warnruf übt. Er bekommt ihn aber nicht recht heraus und wirkt ein wenig verzweifelt, weil das nicht klappt, immer wieder krächzt er energisch und hüpft dabei durchs Geäst herum, aber wie eine Warnung klingt das wahrhaftig nicht, was er da von sich gibt. Es klingt eher nach einem Hals-Nasen-Ohren-Problem. Zwei Elstern sitzen oben auf der Birke und sehen skeptisch auf ihn herunter.

Es liegt ein leicht erdiger Geruch in der Luft, ein ganz feiner Oktoberduft, bis ein Nachbar irgendwo doch wieder grillt und alles nur noch nach Wurst riecht.

Ich sehe auf die gemauerte Wand der Hütte im nächsten Garten, mir fällt eine Geschichte ein. Es ist eine Geschichte ohne Auflösung, ich sage das lieber vorher. Ich saß einmal in einem Wartebereich, es ist ganz unerheblich, welcher genau das war. Dort unterhielten sich neben mir ein Junge und sein Vater, und der Junge war, der Eindruck drängte sich nach ein paar Minuten auf, obwohl ich gar nicht bewusst zuhören wollte, sehr intelligent. Er sprach so, als sei er seiner Altersstufe um etliche Jahre voraus, er machte sich tiefschürfende Gedanken und er stellte seinem Vater viele Fragen, recht interessante Fragen. Ich bekam mit, dass es um religiöse Vorstellungen ging, um Gotteskonstrukte und um das Weiterleben im Jenseits, bzw. um den Tod ohne Jenseits und warum Menschen überhaupt sich so etwas wie Religionen ausdenken.

Da kam dann schließlich auch die Frage vor, als was man überhaupt wiedergeboren werden kann, also wenn man denn daran glaubt, und es war bald so, dass es eher um die Fantasie des Jungen ging, als noch um die korrekte Beantwortung seiner Fragen. Man wird als Mann oder Frau wiedergeboren, als Tier oder als Insekt, und geht das auch als Gegenstand oder so etwas, als Welle, als Pflanze? „Wieso denn als Gegenstand“, fragte der Vater, und ich fand die Frage vollkommen berechtigt. Ich habe noch nichts davon gehört, dass man als Gegenstand wiedergeboren werden kann, in keiner Religion. Aber was weiß ich schon.

„Wenn man als Gegenstand wiedergeboren werden kann …“ überlegte der Sohn und dachte heftig nach. „Dann möchte ich ein Ziegelstein sein“., kam es schließlich und ich musste mich beherrschen, nicht selbst sofort das zu fragen, was der Vater fragte: „Wieso jetzt als Ziegelstein?“

„Dann könnte man mich mehrfach verwenden“, sagte der Junge und versank wieder in tiefem Nachdenken. Der Vater dachte jetzt auch nach, genau wie ich. Es ist ein paar Monate her und ich denke immer noch ab und zu darüber nach. Wieso möchte man mehrfach verwendet werden und wieso als Ziegelstein? Die Mauer an der Hütte des Gartennachbarn besteht aus schönen roten Ziegeln, die erinnern mich immer an Lübeck, also an meine Heimat. Wer weiß, was diese Ziegelsteine mal waren.

Ich möchte dann bitte als Füller wiedergeboren werden. Dann wäre ich angenehm altmodisch, würde sehr gut aussehen und könnte weiterschreiben.

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