Es ist kalt geworden

Die erste Mandarine, die vielleicht auch eine Clementine ist. Wie alle weiß ich den Unterschied nicht, ich könnte ihn mir auch gar nicht merken und wenn Sie mich jetzt in dieser Hinsicht per freundlich gemeintem Kommentar aufklären wollen, ich vergesse das doch vorsätzlich bis morgen wieder und schreibe im nächsten Jahr zur gleichen Zeit nämliche Zeilen erneut, denn das muss so.

Lebkuchen danach. Die schmecken nach einer Zeit, die mir vertraut ist. Die schmecken danach, dass es drinnen besser als draußen ist und wo es so ist, da bin ich zuhause und beheimatet. Tee dazu, und Tee schmeckt auch nur in dieser Hälfte des Jahres. Tee ist sonst ganz undenkbar, da bin ich eigen. Aber wo bin ich das nicht. “Wenn ich mal richtig ich sage, wie viele da wohl noch mitreden können”, so steht das bei Rühmkorf. Lest mehr Lyrik und esst mehr Obst, das auch.

Auf dem Spielplatz unten die ersten Kinder in Schneeanzügen, die tappen taumelnd durch die Sandkiste wie Minimichelinmännchen, ungelenk aber gut abgefedert. Die Eltern stehen am Rand, verschränken die Arme vorm Bauch und halten so die Wärme in den Jacken. Sie sehen heimlich hoch zur Kirchturmuhr und rechnen nach, wie lange Kinder gelüftet werden müssen.

Ein Sohn liegt neben mir auf dem Wohnzimmerteppich und sortiert Kleingeldschätze. Er trennt schon seit einer ganzen Weile Ein- und Zweicentmünzen und legt sie Summen murmelnd ins Zählbrett. Das ist eine Beschäftigung ohne Bildschirm und also sehr gut und pädagogisch wertvoll. 

Die Herzdame sitzt am Notebook und hat eine Mütze auf, die hat sie nach dem letzten Spaziergang vergessen oder es ist modisch, aber wer das fragt, der verliert.

Der andere Sohn liegt auf dem Sofa, liest einen Manga und hat dabei eine Haltung, die könnte ich gar nicht mehr. Ich überlege, wann ich die noch konnte, da tut mir der Rücken nur davon weh, das ist dann auch ein Sportersatz.

Die Spatzen auf dem Balkongeländer sind kugelrund geplustert und gucken etwas unfroh.

Wir fahren zwischen zwei eisigen Schauern in den Garten, wir pflanzen einen Birnbaum um. Der fühlte sich nicht wohl, wo er war. Ich fühle mich auch oft nicht wohl, wo ich bin, aber wenn sie bei mir mit Schaufeln kommen, dann ist alles zu spät, das ist auch wieder nicht gut.

Die Söhne wollen im Kartoffelbeet ein tiefes Loch graben und nehmen sich zwei Spaten aus dem Schuppen. Ich frage nach dem Sinn des Lochs. Die Söhne sagen, ein Loch müsse gar keinen Sinn haben, ein Loch könne auch einfach nur ein Loch sein. Ich denke nach und glaube, das ist die vernünftigste Antwort, die ich seit langer Zeit bekommen habe, sicher aber seit etwa vier Wochen.

Es fängt an zu regnen, wir fahren nach Hause. Ich bereite mich auf die nächste Woche vor und setze mich dazu erst einmal bequem hin.

***

Are you sitting comfortably?

Are your things set for the morning

Are the kids asleep and snoring

Is the mess that you’re ignoring shoved away in some old hole

And have you sorted out the heating

Typed your notes out for your meeting

Can you see your loved ones eating

While they’re scrolling through their phones

And the days and the weeks may pass us by

As we fill up every moment till we die

But even when we know we’ve finished all the jobs we’ve got

There will always be something we’ve forgot

***

Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!

Trinkgeld September, Ergebnisbericht

Etwas verspätet diesmal, denn ich komme nach wie vor zu nichts – das aber gründlich. Im September habe ich ein Vorhaben abgebrochen, das ich im März ins Auge gefasst habe, gleich als es mit der aktuellen Situation losging, nämlich mir in diesem Jahr überhaupt keine Kleidung neu zu kaufen.

Das ist im Prinzip natürlich nicht allzu schwer umzusetzen, wenn man nicht gerade sehr an der aktuellen Mode hängt, was ich nun ganz gewiss nicht tue. Ich brauche wenig, ich habe alles, und das hält auch noch. Es gibt da natürlich eine gewisse Gewöhnung, dauernd etwas neu zu kaufen – diese Angewohnheit kann man aber auch wieder ablegen, und ich finde so etwas immer wieder interessant. Ich mache gelegentlich auch so lustige Experimente wie etwa mal den Zucker wegzulassen, den Alkohol, das Fleisch etc., einfach um mal sehen, was geht. Was man kann und darf, was man will und was man muss, da bin ich gleich wieder bei den entscheidenden Fragen. Bei Franz Hessel fand ich gestern gerade einen schönen Satz in diesem Kontext, er schrieb nämlich “Hierzulande muss man müssen, sonst darf man nicht.” Aber das nur am Rande. In den meisten Fällen übrigens fand ich den Verzicht ganz erstaunlich einfach und hätte mit viel mehr Schwierigkeiten gerechnet. Der einzig wirklich schwere Verzicht war aber damals der auf die Zigaretten, und das ist nun schon hundert Jahre her. Gerade bei Zucker dachte ich, das müsste doch irre schwer sein, das war es dann aber gar nicht. Schwierig ist nur, dass dann monatelang beizubehalten, denn auch der Verzicht wird schnell langweilig, wie alles. Ich trete gerne mal als Verzichtskünstler auf, aber bitte mit wechselnden Nummern.

Ich musste jedenfalls doch Schuhe haben, um eine der Fragen ganz einfach zu beantworten, die waren nämlich wider Erwarten allzu gründlich durch. Und die habe ich also im September von den Trinkgeldern ersetzt. Ich könnte jetzt daher hier drunter schreiben, was früher im Abspann der Privatfernsehsendungen immer als Banderole durchlief, Herr Buddenbohm wurde ausgestattet von … und dann die Namen der Leserinnen. Aber das bleibt ja diskret hier, versteht sich, Namen werden nicht genannt. 

Danke für die Schuhe jedenfalls, es läuft sich ganz hervorragend, so crowdfinanziert.

Ich trage, das noch nebenbei, äußerst gewöhnliche Herrenschuhe einer äußerst gewöhnlichen Marke, ich kann die seit Jahren kaufen, ohne sie anzuprobieren. Weil die Erfahrung im Laden diesmal eher unangenehm war, habe ich hinterher nachgesehen, was sie eigentlich online kosten, und das waren dann glatt dreißig Euro weniger als im Geschäft. Dreißig Euro! Ich mag Onlinehandel eher gar nicht, aber dreißig Euro sind dreißig Euro. Alter Schwede. Was für eine Entwicklung.

Ferner hatten die Herzdame und ich im letzten Monat einen Jahrestag, Saphirhochzeit genannt, wie ich aber auch erst googeln musste. Da haben wir die Söhne in die Schule geschickt und uns klammheimlich einen Tag Urlaub genommen. Wir haben diesen Tag dann zu zweit verbracht und alles, alles verbraucht, was an Trinkgeldern da war mit Betreffzeilen wie etwa: “Corona-Party”, “Kabinenparty”, “Unfug”, “Spaß” “Schönes Stündchen”, “Schabernack” und “Verwegenes”. Das war ganz außerordentlich schön und, versteht sich, ganz und gar unblogbar. 

In diesem Monat aber wieder brav Brot und Butter, eh klar.

Wie immer, ganz herzlichen Dank für jeden eingeworfenen Euro und jeden Cent, mir ist jedes (natürlich nur herbeifantasierte) Kleingeldgeklimper immer noch ein Fest, ein großes.

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Sie können hier Geld in den allerdings nur virtuell vorhandenen Hut werfen, ganz herzlichen Dank! Sollten Sie den konventionellen Weg bevorzugen und lieber ganz klassisch etwas überweisen wollen, das geht auch, die Daten dazu finden Sie hier. Wer mehr für Dinge ist, es gibt auch einen Wunschzettel. Merci!