Rückseite

Ich habe zu danken für die freundliche Zusendung der Memoiren von Brigitte Schwaiger: Wenn Gott tot ist. Sehr willkommen ist mir das Buch, das passt mir gerade hervorragend in mein ansonsten vollkommen wirres Lektürekonzept. Herzlichen Dank!

Vorderseite

Ich bastele Ihnen heute, das hatten wir noch gar nicht, so eine dreigeteilte Karte. Oben ein Bild über die ganze Breite, darunter zwei kleinere, Sie kennen das. Und apropos Kennen! Sie kennen sicher auch Ludwig Richter. Den erwähne ich hier einfach mal und überlasse es dann zwanglos Ihrem Assoziationsmechanismus, ob Sie den mit den drei Bildern im Folgenden irgendwie zusammenbringen. Wenn nicht – macht überhaupt nichts. Es sind, das versteht sich aber jetzt, besinnliche und friedliche Bilder. Es sind Ansichten der Erholung und des Feierabends. Meine Woche war anstrengend, Ihre vielleicht auch, da brauchen wir jetzt so etwas, da brauchen wir einen kleinen Bilderbogen des bürgerlichen Friedens.

Alle drei Bilder wurden an einem Abend aufgenommen. Ein Abend im November, neulich erst war er, Sturm kam da gerade auf. Aber diesen Sturm darf man sich jetzt nicht bedrohlich vorstellen. Der Sturm gehört immerhin in den November, es ist alles richtig so. Es kommt eben Wind auf, viel davon, das ist bei uns in Ordnung in diesem Monat. Die Tage vor diesem Abend waren allerdings ungewöhnlich sonnig und strahlend schön, deswegen ist das gefallene Laub trocken, staubtrocken und ganz hart. Ich trete aus der Tür und der aufbrisende Wind treibt mir diese gedörrten Blätter entgegen, große Mengen davon, das ist ungewöhnlich laut. Ein großer Laubhaufen wird von den Böen auf die ganze Länge der Straße verteilt, und jedes Blatt macht dabei ein Geräusch. Es ist ein tausendfaches Zischeln, Flüstern und Wispern. Das klingt wie der Anfang eines dieser Stücke, die Sie hören, wenn Sie bei Streamingdiensten Playlists mit „Late Night Jazz“ oder ähnlichen Bezeichnungen aufrufen, Stücke also, bei denen sich der Drummer vorweg so dezent und zurückhaltend in Ihren Gehörgang schmeichelt und Sie merken gar nicht recht, dass da gerade ein Song beginnt. So weht und so klingt und so raunt das Laub heute und es wirbelt mir um die Füße und tanzt und kreist so dermaßen auffällig, in jedem Mary-Poppins-Film wüsste man, jetzt hat der Wind aber sicher gedreht.

Ich gehe ziellos durchs kleine Bahnhofsviertel. Die Straßen sind dunkel, weil die Restaurants und Cafés und Kneipen alle geschlossen sind und also deren Beleuchtung fehlt. Es ist auch leise, denn es sind weniger Autos und Menschen als sonst unterwegs. Es ist kälter geworden, es sieht nach Regen aus und ausgehen kann man eh nicht, es ist heute kleinstadtleise mitten in der Millionenstadt. Vor die breite Fensterfront eines Restaurants hat man schwere Vorhänge gezogen. Die haben nur einen schmalen Spalt offengelassen, aus dem sieht man Licht. Ich gehe da mal näher ran, ich bin immerhin aus Berufsgründen neugierig. Drinnen sitzen vier Menschen an einem Tisch. Auf dem Tisch stehen Flaschen und Gläser. Die Vier stoßen an und stecken die Köpfe zusammen. Dieses Bild legen wir oben quer, wie sich die vier Personen da zutrinken wie in einer anderen Zeit. Man sieht es so selten im Moment. Und selbstverständlich werden das die Betreiber des Restaurants sein, das Personal oder die Menschen, die da gerade einen Umbau planen, etwas anderes wollen wir nicht für möglich halten und sowieso sieht man eigentlich nichts, wenn man nicht direkt vor dem Spalt stehen bleibt.

Dann ein Friseursalon. Es gibt hier enorm viele davon, gefühlt gibt es sogar in jedem zweiten Haus einen. Dieser hier ist ganz klein und liegt in einer dunklen Nebenstraße. Der Salon ist schon geschlossen, die Deckenbeleuchtung ist aus. Nur kleine Lampen neben den Spiegeln brennen noch. Auf einem der Frisierstühle sitzt einer in betont entspannter Haltung und spielt Gitarre. Vor ihm sitzt, auf einem niedrigen Schemel oder so etwas, die Friseuse und singt. Sie hält dabei ein Blatt in der Hand und liest etwas ab, Noten, Text oder beides. Zwischendurch lacht sie. Man kann nichts davon hören, gar nichts, man sieht es nur.

Dann, wir sind schon beim dritten Bild, eine Änderungsschneiderei. Auch dort ist schon Feierabend. Es brennt in dem Ladengeschäft nur eine historisch anmutende Schreibtischlampe, die war etwa in den Siebzigern mal modern, und billig war sie auch. Über diese alte Lampe beugt sich gerade der Herr Änderungsschneider. Weil es im restlichen Laden stockdunkel ist, sieht man im eher schwachen Lichtkreis der Lampe nur sein Gesicht und eine Hand, die er dicht vor die Augen hält. In den Fingern hält er mehrere Garnrollen, und wir können es zwar nur raten, aber er wird dort gerade Farben prüfen oder vergleichen. Er hält die Rollen ganz dicht vor seine Augen und er guckt genau. Dann bewegt er sich von der Lampe weg und verschwindet im schwarzen Raum und taucht nicht wieder auf. Die Lampe aber brennt weiter und beleuchtet einen Schreibtisch aus einem anderen Jahrzehnt. Vielleicht macht sie das die ganze Nacht.

So nämlich geht es hier zu, wenn es Abend wird und etwas Wind aufkommt.

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