Auf dem Weg zum öffentlichen Bücherschrank geht ein älterer Mann vor mir her. Der hat das gleiche Ziel wie ich, er öffnet den Bücherschrank und stellt ein Buch hinein. Dann macht er dann Schrank wieder zu und geht weiter, recht energisch geht er. Er geht so, wie vielleicht jemand geht, der vor wenigen Momenten erst entschieden „So!“ gesagt hat. Ich öffne den Schrank kurz nach ihm, ich sehe nach, welches Buch von ihm kam: „Die Kunst, Recht zu behalten“ ist es, ein Band von Schopenhauer. Ja, so ging er vielleicht auch, denke ich, wie jemand, der Recht hat, das kommt hin. Ich lasse den Band aber stehen, ich habe es nicht so mit der Rechthaberei. Ich sehe die Bücher durch und stelle sie wieder gerade und ordentlich hin. Ich habe mal im Buchhandel gearbeitet und bin studierter Bibliothekar, das sitzt bei mir also tief, dass Bücher vernünftig stehen müssen. Ein Band Platon steht auf dem obersten Regalbrett, es ist ein öffentlicher Bücherschrank mit manchmal schon anstrengendem Niveau. Hinter dem Schrank der katholische Mariendom, gerade eben haben da die Glocken geläutet. Die großen Türen stehen weit offen, einige wenige Menschen mit Masken ziehen gerade in die Höhle, pardon, wollte sagen in die Kirche. An der Seite des Doms, das wissen viele gar nicht, steht eine Statue des Johannes Paul II. Davor wurde üppige Blumenpracht auf dem Boden arrangiert. Manchmal liegen da auch Flaschen, Champagner oder Sekt, manchmal liegen da Krücken, die jemand nicht mehr gebraucht hat, und das war dann ein Wunder, ein Segen war das, ein Fingerzeig Gottes. Die Gemeinde der Katholiken aus Polen hat hier ihren Heiligen, der wird jederzeit gut versorgt.

Ich nehme ein Buch von Hans Werner Kettenbach aus dem Schrank mit, da mal hineinsehen. Zsuszsa Bánk, die auch. Dieser Schrank ersetzt mir noch für einige Zeit die Bücherei, und guck an, das geht auch. Ich befülle ihn natürlich auch regelmäßig, das Zeug geht dann fast immer gut weg und findet noch einmal Interessenten. Öffentliche Bücherschränke sind toll, es sollte sie überall geben.

An einer Ladentür ein paar Meter weiter lehnt eine Dame. Sie sieht nach gehobener Gesellschaft aus, sie trägt so Sachen, denen man gleich ansieht, dass sie etwas mehr gekostet haben. Die Sachen sitzen so perfekt, sie sind so raffiniert aufeinander abgestimmt, sie sind so dezent farbig und dazu dann aber ein so exzentrisch wildblumiger Schal, das hat alles Stil und Format. Die Dame sieht aus, wie man sich eine Dame vorstellt, der etwa, was weiß ich, eine Agentur gehört, ein oder zwei Apotheken, ein paar Häuser auf Sylt oder auf Rügen, so etwas in der Art.

Sie steht allerdings, wenn man genauer hinsieht, etwas schief. Das wiederum liegt daran, dass sie, wie man im Näherkommen dann unschwer feststellt, sternhagelvoll ist und ohne den Halt der Ladentür längst flach auf dem Rücken liegen würde. Sie sieht mich freundlich an, als ich an ihr vorbeigehe, und sie grinst. Es ist das vermutlich zufriedenste Grinsen, das ich in diesem Jahr gesehen habe. So aus ganzem Herzen grinst man vielleicht nur, wenn gerade alles, alles genau richtig ist und man dazu auch noch angemessen betankt ist. Wobei mein Fachwissen dazu allmählich verblasst, sternhagelvoll war ich seit Ewigkeiten nicht mehr.

Aber wenn wir uns jedenfalls ihr Grinsen als Ende einer Episode oder Geschichte vorstellen, dann ging sie sicher gut und heiter aus und nein, Hilfe braucht sie nicht und da lacht sie und lacht und lacht. So komme ich also in einer winzigen Nebenrolle im vermutlich allerletzten Satz ihrer aktuellen Geschichte vor: „Ein Mann mit zwei Büchern unter dem Arm ging an ihr vorbei und sah sie an …“

Warum auch nicht. Sie kommt bei mir vor, ich komme bei ihr vor, es ist alles fair und in Ordnung, und es war mir ein Vergnügen. Aber ihr Vergnügen, da gibt es nichts, war mit Entschiedenheit noch viel größer.

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