And so it begins

Neujahrsspaziergang. An den Straßenrändern liegen die ersten abgeschmückten Tannenbäume, hier und da hängt ein Glitzerrest in den Zweigen. Jemand hat ein Raclette-Gerät neben seinen Baum gestellt, das kann auch weg, das kann alles weg, geh mir bloß weg mit Weihnachten und Festessen und überhaupt, raus damit. Also so sieht das aus, das Raclette-Gerät steht da so passiv-aggressiv vor der Tür. Es sind fast keine Böllerreste auf den Fußwegen zu sehen, keine hölzernen Raketenstangen, keine aufgeweichten Pappröhrchen. Kaum leere Sektflaschen, keine Plastikgläser. Da vor dem Mülleimer liegt eine Handvoll Konfetti, golden und silbern, da fand kurz Fröhlichkeit statt. Oder der Versuch, versteht sich.

Die Bude der Wahrsagerin vor dem Bahnhof ist noch geschlossen, die lässt das Jahr auch erst einmal auf sich zukommen.

Im Bahnhof gehe ich an den Gleisen vorbei, ein Zug fährt nach Chur. Das ist seltsam, denn ich habe noch nie gesehen, dass ein Zug nach Chur vom Hauptbahnhof fährt. Entweder ich habe das durch einen Zufall noch nie wahrgenommen oder die Verbindung ist neu. Ich gehe am Zug vorbei und sehe hinein, wie sieht man aus, wenn man nach Chur fährt? Man sieht schlecht gelaunt aus, soweit man das mit den Masken erkennen kann. Die wenigen Passagiere haben viel Platz und grummeln ihn voll. Mehrere Zugbegleiter und andere Menschen von der Bahn stehen am Zug und unterhalten sich. Einer sieht mich, macht eine einladende Geste zur offenen Zugtür hin und lächelt verbindlich. Die Bahn kobert, das ist auch neu. Aber der Zug ist wirklich leer, ich kann das verstehen. Ich fahre dennoch nicht nach Chur, wo ist das überhaupt und es heißt ja auch immer: „Zurückbleiben bitte.“ Die Türen schließen sich.

Im Durchgang zur U-Bahn sitzen vier Obdachlose aus Osteuropa. Das kann man sich als zusammenhängenden Begriff denken, Obdachlose aus Osteuropa, quasi in einem Wort. So kommen sie in den Hamburger Medien vor, es sind in diesem Jahr mehr als je zuvor. Die vier Obdachlosenausosteuropa singen gemeinsam ein Lied mit vielen Strophen. Wenn eine neue Strophe anfängt, dann freuen sie sich, dass alle den Text wissen. Das sieht man deutlich, bei jedem Strophenanfang freuen die sich, gucken sich an und strahlen. Und sonst, das kann man ruhig raten, freuen die sich nicht so oft. Es gibt zwei Möglichkeiten. Entweder das Lied ist traurig, dann klingt es bei den Vieren etwas lustiger, weil sie alle betrunken sind und nicht gerade schön singen. Oder aber das Lied ist lustig, dann klingt es bei den Vieren etwas getragener, aus dem gleichen Grund. Es ist so dazwischen und man bekommt es nicht heraus, wenn man kein Russisch kann, oder welche Sprache das ist. Ich kann es nicht erkennen. Vor den vier Sängern steht kein Becher, sie betteln nicht. Das ist bei den Obdachlosenausosteuropa häufig so, dass die gar nicht betteln, dass die nur da sind, nur da sitzen. Und manchmal singen. Eine neue Strophe fängt an, alle kennen den Text, das Lied ist wirklich lang. Winterlang.

Bei mehreren Restaurants in der Bahnhofsgegend sind die Speisekarten in den Aushängekästen herabgesunken, verrutscht und verblasst. Darum kümmert sich niemand mehr, wozu auch. In etlichen Eingängen liegen Obdachlose, woher auch immer, das sieht man den Schlafsäcken nicht an. Müll weht vorbei und gepflegt wirkt das alles nicht. Wenn man die Stadt schließt, dann lässt sie sich gehen. An den Fenstern der Restaurants, der Imbisse und Läden hängen Zettel, in manchen Fenstern etliche davon. Hygienekonzepte, Bitten um Masken, Erklärungen, Verlautbarungen, Regeln, Piktogramme mit AHA, Verweise auf noch offene Zweigstellen in anderen Gegenden, liebe Kundinnen und Kunden, dear customer. Hinweise auf Telefonnummern, Webseiten und Mailadressen. Wegen Corona, wegen der aktuellen Situation, wegen der Verordnungen.

Manchmal wurden Zettel über Zettel geklebt, die Novemberzettel verdecken so halb die Märzzettel, darüber etwas aus dem Dezember. Man könnte Zettelarchäologie betreiben und Schicht um Schicht freilegen. Bei einem Italiener hängt ein Blatt in Din A4 aus dem März, darauf steht einfach nur „Zum Mitnehmen“. Halb darüber klebt ein Zettel in DIN A3 aus dem November oder Dezember, darauf steht in riesiger Schrift, farbig und mit Ausrufezeichen: „ZUM MITNEHMEN!“

Ich gehe noch einmal durch den Bahnhof. Eine Frau bestellt gerade etwas beim Bäcker, ich höre im Vorbeigehen die empörte Reaktion des Verkäufers: „Ja, hallo – schönes Neues erst einmal, so viel Zeit muss schon sein!“ Die Frau stöhnt und sagt: „Schönes Neues.“ Der Mann sagt, ich hätte darauf wetten können: „Geht doch.“

Ansonsten ein ungewohnt entspannter Tag. Es war, ich möchte mich da festlegen, der bisher beste Tag des Jahres.

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