Erst kommt der Titel, dann kommt der Rest

Man bekommt den Start des Jahres nicht recht mit, wenn man nur Home-Office macht. Man sieht die Stimmung der Stadt nicht, fühlt sie nicht, hört sie nicht. Ich sehe am Morgen nur den dunkelgrauen Himmel vorm Dachfenster des Zimmers von Sohn I, das ich okkupiere, weil er den besten Schreibtisch für meinen Rücken hat. Den Sohn habe ich ausquartiert, schlaf doch mal bei deinem Dauerkontakt. Der Himmel da draußen sieht kalt aus, aber woran sehe ich das? Ich werde mir das nur einbilden. Ich höre nichts, die Straße liegt ruhig, viel zu ruhig für einen Montagmorgen zur Zeit des Bürobeginns. Sohn II räumt nebenan etwas herum, die Herzdame geht über den Flur. Dann wieder Stille. Das Werkjahr beginnt mit aller Zurückhaltung, es schleicht sich ein.

Als ich Kind war (immer „als das Kind Kind war“ bei dem Satz im Kopf) habe ich mich immer fürchterlich aufgeregt, wenn es einen Film im Fernsehen gab und nach fünf oder zehn Minuten erst der Titel des Films eingeblendet wurde, es also für mein Gefühl dann erst richtig losging und alles vorher damit abgewertet wurde zu einem mehr oder weniger sinnlosen Vorgeplänkel, dass im Nachhinein betrachtet keinen Sinn haben konnte und überhaupt unzulässig war. Bei Büchern schwebten ja auch keine Buchstaben vor der ersten Seite im Raum herum, das ging so nicht. So konnte man doch nicht erzählen! Mich hat das so wütend gemacht, meine Mutter lacht da heute noch drüber.

Dieses Jahr hat auch ein Vorgeplänkel, denke ich. Wir werden es vielleicht erst als beginnend empfinden, wenn wir ins Café gehen und danach ins Kino und dann noch zu Freunden, dann erst wird die Jahreszahl 2021 eingeblendet, dann erst geht der Film wirklich los. Und bis dahin ist, was weiß ich, immer noch März 2020, bis dahin ist alles irgendwie dazwischen, bis dahin hat Bobby Ewing am Ende alles nur geträumt.

Ich klappe das Home-Office spontan entschlossen noch einmal zu und gehe um den Block. Ich mag es nicht, wenn ich morgens nichts draußen war, das ist schlimmer als ungeduscht zu sein. Ich brauche meinen Arbeitsweg, ich brauche irgendwelche Eindrücke und ich brauche Frischluft. Also so frisch, wie sie hier eben sein kann. Ich brauche auch Menschen auf der anderen Straßenseite. Näher müssen sie mir nicht unbedingt kommen, aber das dann doch. Die Straßen liegen still, höchstens eine Handvoll Menschen mehr als gestern ist unterwegs, mehr nicht. Haben die alle noch Urlaub oder was. Über dem Kirchturm hängt ein noch fast voller Mond, Wolken ziehen flott an ihm vorbei, das ist ein Bild aus einem Schauerroman aus dem 19. Jahrhundert, das ist nicht Hamburg in diesem Jahr. Ein Hund bellt, das auch noch, natürlich. Ich gehe zur großen Kreuzung vor dem Bahnhof. Da ist auch nichts los, es fahren kaum Autos. Nicht einmal die von den Lieferdiensten. Die Leute haben zu Weihnachten vermutlich alles bekommen, jetzt ist nichts mehr unterwegs. Nur beim Dönerladen tragen sie gerade etwas rein, Gemüse und Fleisch, das immerhin, da arbeitet jemand, geht doch.

Ich gehe zurück ins Home-Office. Ich sehe kurz vor unserem Haus durch ein helles Fenster wie sich ein Nachbar anzieht. Der ist jung und schwungvoll, der springt geradezu in seine Klamotten, der hüpft in seine Jeans, der wirft das T-Shirt über, der reckt die Arme mehrmals. Vielleicht hört er Musik dazu und macht das alles im Takt, das kann gut sein. Dann dreht er sich um und geht schnell aus dem Zimmer. Ich stelle mir vor, wie er aus dem Haus und in den Tag stürmt und das nehme ich jetzt einfach, dieses Bild, das ist der richtige Anfang. Jetzt geht der Film erst los.

Ich gehe wieder ins Kinderzimmer und klappe das Home-Office auf.

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