Wir warten

(Dieser Text erschien in minimal anderer Form als Kolumne in den Lübecker Nachrichten)

Man kann es drehen und wenden, wie man will, wir werden noch warten müssen. Auf fast alles. Auf geöffnete Geschäfte und Restaurants, auf Reisen, auf normalen Schulbetrieb. Auf Umarmungen und Theater, auf Kinos und Konzerte und Küsse. Auf den Frühling, das auch noch. Auf Ostern. Und wir können das nicht so gut. Wie auch, es hat sich in den letzten Jahren ja alles um die sofortige Wunscherfüllung gedreht, darum ging es doch. Das Glücksversprechen besagte, dass alles gleich möglich sei, unverzüglich, sofort. Reingehen, kaufen, mitnehmen. Jetzt ist alles irgendwann, später, in zwei, drei, vier Monaten. Im Sommer, im Herbst. Geduld ist keine glänzende Tugend, Geduld macht nichts her. Geduld macht am Ende alles gut, das will niemand hören. Ich bin einer der ungeduldigsten Menschen, die ich kenne, ich bin nicht stolz darauf. Ich bin durch die Umstände weit außerhalb meiner Komfortzone, wie man so schön sagt. Das wird in Ratgebern und Coachings oft empfohlen, sich aus seiner Komfortzone heraus zu begeben. Es heißt immer, man könne da etwas lernen. Ich bin jetzt seit dem März des letzten Jahres außerhalb meiner Komfortzone und wissen Sie was, ich glaube, das nützt mir überhaupt nichts. Ich habe hier draußen nichts gelernt, ich fand es nicht spannend, ich fand es nicht schön. Ich möchte gerne in meine Komfortzone zurück, ich fand es nett da.

Egal, erst kommt einmal, versteht sich, die Nummer mit der Geduld. Denn vermutlich ist mein Unmut nur reine Egozentrik. Ich nehme es der Situation übel, dass ich nichts von ihr habe. Aber, schon klar, so geht Weltgeschichte nicht. So geht auch ethisch korrektes Verhalten nicht. Mein Unmut ist in dieser Zeit gar nicht interessant, und ich glaube – ganz im Ernst – das ist das Interessante daran.

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