Der Vormittag

Nebel am Morgen, der verweht unbemerkt. Es war auch nicht die schönste Ausgabe des Dunstes, es war nur so ein gewöhnlicher Nebenbeinebel. Ein Obdachloser verlässt in der grauen Dämmerung den Spielplatz, er wird auf der Bank am Gebüsch geschlafen haben. Schwere Taschen, gebeugter Gang, an der Kirche vorbei schlurft er langsam aus dem Blickfeld, langsam, so langsam.

Aus der anderen Richtung kommen kurz darauf zwei Jogger, Mann und Frau. Er läuft lässig federnd, die Hände in den Taschen seines Hoodies, betont gerade Haltung, grinsend. Sie keucht hinterher, eher schwere Schritte, knallroter Kopf. Eine Kurzgeschichte im Trab, schon vorbei.

In der Birke geht das Elsternpaar ruppig gegen eine Krähe vor. Sie umfliegen sie, sie picken sie an, sie ziehen sogar an ihren Schwanzfedern. Heftiges Geschimpfe, wildes Flügelschlagen, aggressive Grundstimmung im Baum. Eine Möwe segelt dicht darüber hinweg, kein Flügelschlag, kein Blick nach unten auf die Krawallbande, stoisches Gleiten, die Ruhe selbst. Und schöne Grüße nach Helgoland, sage ich leise aus meinem Dachfenster.

Eine Schülerin mit Ranzen auf dem Rücken fährt auf einem Mountainbike an unserem Haus vorbei in eine Richtung, in der gar keine Schule ist. Absetzbewegungen, man versteht das.

Aus einem Haus gegenüber kommt ein Mann mit einem Rennrad auf der Schulter. Er geht die drei Stufen von der Tür zum Gehweg runter, setzt das Rad ab, schwingt sich drauf, fährt los und beschleunigt sofort stark, und zwar macht er das alles in einer einzigen fließenden Bewegung, wie ein Sportler, bei dem genau diese Sequenz zur Disziplin gehört, wieder und wieder hat er das jahrelang trainiert, von der Tür zur Straße aufs Rad und um die Ecke, komm, wir machen jetzt noch zehnmal diesen Start, das muss einfach sitzen. Und wie das sitzt.

Ein anderer Mann entfernt gerade das Sicherheitsgitter vor dem Eingang zum sozialistischen Verlag. Er hat einen roten Fahrradhelm auf, und da weiß man dann nicht, ist der jetzt extra rot oder nicht.

Bei den thailändischen Massagedamen ein paar Meter weiter geht ein Schild im Fenster an, darauf leuchtet das Wort „Geöffnet“, das ist auch rot. Ja, dürfen die das denn? Fragt man sich doch. Das weiß ich aber nicht, das weiß vermutlich kein Mensch mehr auf Anhieb. Jeder darf irgendwas, aber im Prinzip darf man eher wenig, wir nennen es Lockdown.

Ich klappe mein Firmennotebook auf und verschwinde darin für sechs Stunden. Das darf ich.

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Von Mäusen und Menschen

Donnerstag also. Was macht die Maus am Donnerstag, einer dieser Sätze aus der Kindheit, die sich bis in alle Ewigkeit im Hirn festgefressen haben, dabei fand ich ihn damals schon doof. Im dazugehörigen Gedicht vom Herrn Guggenmoos aber, so sehe ich gerade, heißt es vielmehr: „Was denkt die Maus am Donnerstag.“ So ist das mit den Erinnerungen, sie sind unzuverlässiges Zeug, Scheinbilder, schwer zu deutende Schimären. Egal, das Folgende „Dasselbe wie an jedem Tag“, das haben wir in dieser Pandemie jedenfalls mit ganz neuer Bedeutung aufgeladen, so viel steht fest.

Am frühen Morgen sind nur das Rotkehlchen und ich wach. Es singt, ich tippe, ein jedes nach seiner Art.

Ich sehe im Wettbericht nach, in der nächsten Woche sollen die Temperaturen immerhin wieder zweistellig werden. Zack, schon wieder Hoffnung, that was easy, zu dieser Stunde habe ich schon das ganze seelische Wellnessprogramm durch. Villariba! Für einen kurzen Moment vergesse ich tatsächlich die Problemlage, die mir dann aber nach wenigen Minuten siedend heiß wieder einfällt, holy shit, da war ja etwas, und dieses, und jenes, und das auch und dann noch … dazu die Situation überhaupt und alles. Nun. Wir tragen alle Helm, wie es an Baustellen immer heißt.

Was macht der Max am Donnerstag, er macht etwas mit Home- davor. Er bringt der Herzdame Tee ans Bett, er weckt die Söhne („Aufstehen! Klassenarbeitsersatzleistung!“), er bloggt, er braucht mehr Kaffee.

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