Die Optionen und die Wahl

Es ist alles etwas – nun ja – dümmlich, nicht wahr? Das ist vielleicht das richtige Wort. Dümmlich. Doch, der Begriff passt absolut zur Nachrichtenlage. Seit die Menschen alle FFP2-Masken tragen, wird alles nur noch in Tüten gesprochen. Eine Redewendung, die ich immer gehasst habe, ein äußerst unangenehmer Ausdruck. Gerne verwendet von gut bezahlten Menschen, die in Meetings irgendeinen unausgereiften Blödsinn absondern, jetzt mal in die Tüte gesprochen, haha, in der vagen Hoffnung, andere Menschen im Raum könnten diesen unappetitlichen Gedankensalat vielleicht nett und kompetent arrangieren, so dass es hinterher als brillante Idee präsentiert werden kann. Wir denken vollendeten Quatsch, aber es wird ja nur in Tüten gesprochen, dann macht das nichts.

Ich könnte mich schon wieder aufregen, meine Güte. Ich habe seit zwei Tagen ein unfassbar großes Verlangen, die Bildschirme anzuschreien, auf denen ich Nachrichten lese. Aber ich soll ja nicht. Contenance.

Und immer weiter atmen.

In der U-Bahn, ich erzähle Ihnen einfach etwas, das beruhigt mich vielleicht, in der U-Bahn sitzt ein junger Mann einen Vierer weiter. Ich fahre selten U-Bahn, aber an diesem Tag muss ich das tun, der Weg ist einfach zu weit, und es geht um einen medizinisch berechtigten Termin, Sie verstehen, so kommt man auch in diesen Zeiten zu einer U-Bahnfahrt. Komisch übrigens, dieses seltsame Gefühl, mich für eine U-Bahnfahrt rechtfertigen zu müssen, andere fliegen währenddessen einfach irgendwo hin, aber das nur am Rande. Der junge Mann also. Er hat sein Handy in der Hand und spielt eine Sprachnachricht ab, die kommt von einer Frau und klingt einigermaßen deutlich nach Bett. Gehauchte Stimme, räkelnd lockender Tonfall, angedeutetes Stöhnen, also wirklich, man staunt, da wird es wohl zur Sache gehen. Die Sprache verstehe ich nicht, aber der Mann spielt die Nachricht so oft ab, ich könnte in der Zeit glatt etwas lernen.

Dann steckt er das Handy weg und holt eine Flasche Rasierwasser aus seiner Sporttasche. Und besprüht großzügig seine Frisur. Dann sein Gesicht. Dann seine Hände. Er lüftet seinen Pullover an und besprüht auch seinen Oberkörper, dann hält er die Flasche weit auf Abstand und nimmt sich den Rest des Körpers vor. Er hört einfach nicht auf, es geht immer so weiter und der Duft in der U-Bahn ist ein schönes und leicht verständliches Lehrstück über Aerosolverbreitung. Aerosolverbreitung, so lernen wir, geht schnell und reicht weit, das steht schnell fest.

Die paar anderen Passagiere weichen entsetzt zurück, wechseln Plätze, aber wohin soll man gehen, zu nahe will man sich ja auch nicht kommen und die nächste Station ist noch weit und der Kerl sprüht und sprüht. Man steht verunsichert im Gang herum wie in einem blöden Psychoexperiment, was werden sie wählen?

So nämlich geht es zu da draußen. Also wenn man denn einmal rausgeht, was ich kaum noch mache, dann geht es da so zu. Will man denn überhaupt noch dahin, in dieses Draußen?

Draußen die Irren, drinnen die Nachrichten. Das sind so die Optionen. Hat man eine Wahl? Ein echter Krieger hat immer die Wahl, das haben sie in dieser Serie gesagt, Beforeigners. Soll mir das etwas sagen?

Nein. Wo kommen wir da hin, wenn uns Dialogfetzen aus Serien etwas sagen, dann ist die Wahrheit am Ende auch noch irgendwo da draußen und wir fahren mit der U-Bahn hinterher.

Ich gehe besser wieder in meine Abstellkammer. Vielleicht sogar ohne Geräte mit Bildschirmen.

***

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4 Kommentare

  1. „Es sgt mir nichts, das sogenannte Draußen“, ein Titel der wunderbaren Sibylle Berg. Ich hab es nichtmal gelesen bisher, der Titel kam mir nur spontan in den Sinn bei der Lektüre dieser herrlichen Abenteuerfahrt im Draußen. Ganz schön verrückt, diese Menschen, dieses soziale Mit- oder eher Nebeneinander. Ohne geht irgendwie auch nicht.

  2. Ein mehrjähriges Mitlese-Dankeschön, für das Zum-Schmunzeln-an-harten-Tagen-Bringen, für das angenehm langsame Tempo, für den Anker im Alltag – Pandemie hin oder her, aber ganz besonders während derselben -, immer ein Vergnügen, oft eine Anregung, oftmals Ruhepunkt in hektischem Alltag. Kurz: ein großes Dankeschön für all die Male, die ich hier still und heinlich mitgelesen habe und gerne weiter mitlesen werde. Ein Dankeschön und ein herzlicher Gruß aus Stockholm in die Hamburger Abstellkammer, auf trotzdem irgendwie gutes Durchhalten in derselben…

  3. Ich weiß nicht, ob ich durch Sie den Namen Etty Hillesum zum ersten Mal gehört habe. Einen sehr herzlichen Dank auf jeden Fall dafür. Diese Art von Kriegerinnentum schwebt mir seither vor, in allem Irren und Stümpern…

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