Wir passen uns an

Wir gehen zum Corona-Test. Wir gehen durch Straßen, da muss man auf der linken Seite eine Maske tragen, auf der rechten aber nicht. Auf anderen Straßen muss man die Maske an Werktagen tragen, auf wieder anderen aber an Sonn- und Feiertagen. Man muss schon ein wenig aufpassen, wenn man alles richtig machen möchte.

Die Tests finden in einem umgebauten Laden statt. Läden braucht gerade keiner, Tests aber schon. Es ist alles sehr gepflegt und stylish, die Frau am Empfang hat weißgefärbte Haare, die passen zu ihrem weißen Schutzanzug und ich bin in einem Film. Es ist alles überzeugend, ein Dystopie-Setting. Ich bin in einer anderen Welt. Alles ist surreal, Tests in Umkleidekabinen, Gegenstände in Körperöffnungen, sekundenschnell vorbei, superfreundliche Menschen im blauen Plastikdress, überfreundlich jedenfalls für Hamburger Verhältnisse, hier, das können Sie dann scannen, wir wünschen ihnen schöne Ostern, dort geht es raus, und man nimmt das alles so hin, die ganze absurde Szene. Man nimmt erstaunlich vieles einfach so hin. Das ist unsere Hauptbegabung, weit vor der ach so tollen und immer gehypten Intelligenz, die zurzeit ohnehin nicht überzeugt, wenn man uns in der Gesamtheit ansieht, schlau geht doch anders. Nein, wir nehmen hin und passen uns an, das ist wichtiger. Wir wachen auf und die Welt ist eine andere, egal, wir justieren die Einstellungen und machen weiter. Wie die Ratten und die Kakerlaken, unsere Brüder und Schwestern im Geiste. Wir kommen durch.

Die Tests waren dann negativ, was ja positiv ist, in diesen seltsamen Zeiten.

Ich sehe am Abend mit der Familie die Serie Magnus Trolljäger bis zum Finale (ARD Mediathek). Die erste Folge davon hatte mir nicht gefallen, ich hätte da abgebrochen, immer bin ich zu ungeduldig für alles. Die anderen wollten aber weitermachen und sie lagen auch richtig. Die Story entwickelt noch einen komplett irrwitzigen Humor, das war gut und ablenkend. Jugendfrei ist das allerdings nicht, es gibt in einer Folge triebgesteuerte Fabelwesen, die sich entsprechend verhalten, das muss zum Aufklärungshorizont des Nachwuchses passen. Und es war wieder Norwegen, wie bei den Beforeigners. Seltsam. Jetzt gezielt nach norwegischen Produktionen sehen? Oder auf Skandinavien verallgemeinern?

Ich mache mit Sohn I Französisch. In Hamburg gibt es keine Ferien, in Hamburg gibt es weiterhin Klassenarbeitsersatzleistungen, ein Wort mit so zackigem Klang, man möchte beim Schreiben eine Uniform anziehen und danach Vollzug melden. Es geht um Objektpronomen. Wir gucken ein Video dazu, ich weiß auch nicht alles. In dem Video heißt es, der wichtigste Satz zu diesem Thema sei „Je t’aime.“ Ich finde das sofort einleuchtend. Ich liebe dich und du bist mein Beispiel für ein Objektpronomen, also wenn das nicht überzeugt? Gib mir Grammatiknamen, ja, dekliniere mich … pardon, es geht gleich wieder. Bitte, beuge mich, so hieß es damals bei Morgenstern.

Ich träume nachts von Heinz Eckner, was auch immer mein Unterbewusstsein mir damit sagen will. Heinz Eckner, wissen Sie noch, der war immer bei Rudi Carrell dabei. Der war nett, ich glaube, das war seine Hauptfunktion. Er führte Kandidatinnen von links nach rechts und zurück und machte bei Sketchen mit. Ich stelle mir vor, dass Heinz Eckner bei uns im Flur steht und mich von Zimmer zu Zimmer führt, wenn ich etwas machen möchte oder muss, so freundlich untergehakt und heiter plaudernd. Kommen Sie, Herr Buddenbohm, wir gehen da eben rüber zur Home-School. Der Gedanke gefällt mir. Sehr.

Am Ostermontag greift der Wind unter die Dachfenster, und Regen klatscht er so laut dagegen, dass ich noch im Bett den ausgesprochen gemütlichen Gedanken habe, dass heute wirklich kein Wetter für Menschenansammlungen ist. Das ist kein Tag für Masseninfektionen, gesundes Wetter ist es also. Und der Regen trommelt und trommelt immer wilder, als Cool Jazz geht das längst nicht mehr durch, wahre Sturzbäche sehe ich auf der Scheibe, das ist alles gut so. Ich könnte gleich in den Garten fahren und zum Pfirsich „Siehste!“ sagen, aber so rechthaberisch bin ich auch wieder nicht.

Ich gehe Brötchen holen. In der Bäckerei stehen fünf Menschen in der Schlange, alle sind sorgsam auf Abstand bedacht. Sie bewegen sich betont vorsichtig umeinander herum, da passen überall 1,50 Meter dazwischen, locker passen die. Neulich die Szene im Discounter, das war doch noch das Gegenteil. Da war wüstes Gedränge. Es ist aber dieselbe Stadt, es liegen nur zwei Tage und ein paar Meter und keine neuen Nachrichten dazwischen. Man sieht nicht, wie es ist, es sind alles nur Ausschnitte, Geflacker. Eine Ecke weiter ist es anders.

Was steht in den Nachrichten, da noch schnell nachsehen und neue Wörter einsammeln: Die Impf-Rakete und die Impf-Offensive stehen da. Man bekommt fast Angst vor herumfliegenden Spritzen, nicht wahr.

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3 Kommentare

  1. Ein großes Herz dafür…

    Als im Land des nachdenkenden Ministerpräsidenten Lebende habe ich ein bißchen Angst vor dem Oster-Ende.

    Weiter gutes Durchkommen!

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