Zwei Sorten Schnee

Am Montag schneit es von oben und unten zwei Sorten Schnee, das habe ich so auch noch nicht gesehen und brauche eine Weile, bis ich das verstehe, was da vor dem Fenster passiert: Von unten treibt es die weiße Obstbaumblüte in den Böen üppig und konfettihaft zerfetzt nach oben, von oben fällt der reguläre und reichliche Aprilschnee, in der Mitte eine unordentliche Zone der Vermischung und des quertreibenden Übergangs – erinnert Sie das auch an etwas? Damals, mit der Zimmerantenne? Einer steht auf dem Tisch und die anderen rufen: „Bleib so! Nein, mehr rechts! Bleib so!“ Und dann doch wieder nur der Schnee auf dem Schwarzweißbildschirm? Na, was einem so wieder einfällt an Bildern aus der Steinzeit, im Assoziationsgalopp. Zimmerantenne! Schwarzweiß! Das klingt doch alles schon vollkommen unglaubwürdig, wie alt können wir eigentlich sein.

In dieser Woche haben wir hier also Home-Office und Home-School mit den bereits gestern erwähnten Klassenarbeitsersatzleistungen und Vokabeltests und was weiß ich noch womit, Hauptsache ordentlich Druck. Wind von vorn! Wir haben ferner die Mutter im Krankenhaus, für die jetzt dies und jenes organisiert werden muss, wofür wir zwischen zwei eher abgelegenen Stadtteilen hin- und herfahren müssen, wobei aus unserer Stadtmittesicht allerdings so ziemlich alle anderen Stadtteile arg abgelegen sind. Es wird also zeitlich etwas eng, to say the least. Sie werden das den Artikeln hier in den nächsten Tagen womöglich anmerken. Ich versuche stoisch, dennoch zu berichten, denn ohne Berichte macht es alles noch weniger Spaß, so muss und will ich das sehen. Vielleicht gibt es öfter kürzere Beiträge, das kann sein. Vielleicht scheitere ich auch, und das macht dann nichts.

Ich hörte auf Spotify die erste Kurzgeschichte aus dem Band „Irgendwann wird es gut“ von Joey Goebel, Deutsch von Hans M. Herzog, gelesen von Claudius Körber. Die Geschichte war mir unsympathisch, weil ich das Thema nicht mochte, es ging um Stalker, aber sie ist sehr gut erzählt, das habe ich bei einer Kurzgeschichte schon ziemlich lange nicht mehr gedacht. Aber diese –wirklich gut. Das hat etwas. Da mal weiterhören!

Sohn I übrigens, ich sah es eben mit Staunen, als ich an seinem Zimmer vorbeiging, entspannt sich am Abend nach der Home-School, indem er auf einem riesigen Bildschirm durch fremde Städte fährt, bzw. sich fahren lässt und dabei die örtlichen Radiostationen hört. Das kannte ich nicht, hier findet man das. Viele Städte sind da im Angebot, vermutlich sind sie alle coronafrei. Auf den ersten Blick gefiel mir Buenos Aires z.B. sehr. Amsterdam ist aber auch nett.

Ich sehe noch eben die Nachrichten durch, gibt es neue Begriffe? Natürlich gibt es die. Den Brücken-Lockdown etwa, den haben Sie gestern gewiss auch mitbekommen. Sicher erfindet auch bald jemand den Schaltlockdown, um irgendwelche zeitliche Anomalien auszugleichen, ich freue mich schon darauf.

In den Timelines tauchte ferner der Bundeslockdown auf, der ist auch schön. Neu ist außerdem die Osterverzerrung, die versteht dann in zwei, drei Jahren hoffentlich kein Mensch mehr.

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