Diese Rubrik habe ich lange nicht mehr gepflegt. Es ist auch eine, die im Moment etwas Mühe macht, das wird niemanden mehr wundern. Es gibt Pandemien, da tuste bei, wie ein anderer gesagt hätte. Aber Mühe, das ist, wenn ich es geringfügig umdeute, so etwas wie Sport, und Sport soll gesund und nützlich sein. Es ist keine Mühe, es ist Training, und schon ist es alles gut, so soll es heute zugehen in meinem selbstinszenierten Lebenshilfe-Workshop für Erschöpfte und Verdrossene. Ich stehe also am frühen Morgen mit dem ersten Kaffee in der Hand in der Küche und nehme mir vor, heute etwas schön zu finden. Ich mache heute mal alles richtig, ich mache alles wie son positiver Mensch. Oder ich bewege mich zumindest in die Richtung. Ich setze mich an den Schreibtisch und gebe mich willig.

Ich finde nur nichts schön, und zwar stundenlang nicht. Was vor allem daran liegt, dass alles doof ist. Ich durchdenke alles von links und von rechts und von hinten und von vorne, es ändert aber nichts. Es kann sich auch nichts ändern, das wussten wir eigentlich schon als Kinder und wir hatten auch Recht damit, viel mehr, als wir damals geahnt haben: Doof bleibt doof.

Aber so leicht gebe ich natürlich nicht auf, das war erst der halbe Tag. Ich muss am Nachmittag in einen anderen Stadtteil, ich muss dort der Mutter etwas organisieren. Ich gehe da diesmal ausnahmsweise zu Fuß hin, nur um etwas anders als sonst zu machen. Das ist ein ziemlich weiter Weg, und ich nehme Sohn II mit, der zufällig Lust auf Bewegung hat. Sohn II ist, weil er mir in manchem erstaunlich ähnlich ist, oft eine große Hilfe, wenn ich etwas suche, ein Thema für eine Kolumne, eine Szene, oder eben etwas Schönes. Sohn II ist manchmal wie ich, Sohn II geht gerne herum und sucht. Wir stellen das gemeinsam und zum wiederholten Male fest, dass wir uns da ähnlich sind, und nicht nur darin, und wir führen ein langes und angeregtes Gespräch über uns und über alles und schon ist etwas schön. Unterwegs gucken wir beide aber immer weiter nach etwas, das uns auffällt. Denn ein Gespräch schön finden, also bitte, das kann ja jeder und sogar jederzeit, das ist noch entschieden zu unsportlich für uns. Wir gucken beide also weiter nach dem gewissen Etwas, von dem ich weiß, dass er wie ich weiß, was es ist, obwohl wir beide nicht wissen, was es ist, bevor wir es sehen.

Und ich sehe es dann kurz vor dem Ziel tatsächlich, und er sieht es diesmal nicht. Aber das kann man leicht erklären und entschuldigen, er kann nichts dafür. Denn ich sehe nicht „es“, ich sehe sie, wie sie uns entgegenkommt, und sie kann er gar nicht kennen. Ich dagegen kenne sie mein Leben lang, ihre Stimme vor allem, ihr Gesicht von Plattencovern, ich kenne sie aber auch live auf der Bühne.

Und ich habe sie über die Maske hinweg so fanboymäßig angestrahlt, dass sie hoffentlich in der Sekunde des Vorbeigehens etwas Bewunderung erkannt hat. Esther Ofarim.

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