Korrekt geschaukelt

Ich gehe zu Fuß vom Garten nach Hause, eine Stunde durch die Stadt, viel davon durch einen langen Park, der heute ausnahmsweise fast sommerlich wirkt, zumindest wenn man sich die wüsten Wolkengebirge darüber wegdenkt, die heranbrausende nächste Kaltfront. Morgen wieder 12 Grad, es muss alles seine Ordnung haben.

Einer kommt mir entgegen, der trägt ein Skateboard auf der Schulter, ein junger Mann. Das Skateboard fährt er nicht, weil er liest, das ist gerade wichtiger. Im Gehen liest er, das habe ich früher auch gemacht, es fällt mir wieder ein. Er hält das Buch so hoch, dass ich es erkennen kann. Es ist eine Ausgabe, die ich einmal hatte oder sogar noch habe, ich müsste einmal nachsehen: Malcolm Lowry, Unter dem Vulkan. Gutes Buch.

Einer sitzt auf einer Bank, sieht entspannt aus und liest auch, auf dem Buch kann ich aber nur den Namen des Schriftstellers erkennen, nicht den Titel: Ismail Kadare. Den habe ich früher gelesen, es fällt mir auch wieder ein, aber keinen einzigen Titel könnte ich auf Anhieb nennen. Alles umsonst, nichts gelernt! Merkwürdig ist das aber, diese beiden Lesenden, heute ist Literaturtag. In meinem Rucksack der Stevenson, das ist doch eine Auswahl, diese drei, die kann sich schon sehen lassen. Als ob man irgendwas sehen lassen müsste, was für ein unsinniger Gedanke.

Eine macht auf dem Rasen Yoga und dabei eine Pose, die könnte ich nicht. So zusammenklappen, so den Po in die Höhe: Einfach nein. Eine andere geht vorbei und guckt hin und schüttelt dann den Kopf, auch nein.

Eine sitzt im Gras und spielt mit zwei Hundewelpen und lacht und lacht, während die Welpen immer wieder übereinander purzeln.

Zwei sitzen auf einer Decke und beugen sich über ein Baby.

Einer radelt mir freihändig entgegen, Kopfhörer auf wehenden Locken, und das an ihm, was gerade nicht treten muss, das tanzt, und zwar wild.

Einer fährt Inlineskates und trägt dazu ein Achtzigerjahresportoutfit in Achtzigerjahrerot. Gut fährt er, sehr schnell und energisch, und die Farbe der neu aussehenden Inlineskates, also wenn die mal nicht unter Apricot fällt.

Zwei Mädchen, zehnjährig vielleicht, schaukeln. Ganz ernst machen sie das und mit großem Einsatz. Sie schaukeln so, wie man schaukelt, wenn man einmal korrekt geschaukelt haben will, also so, dass es hinterher überhaupt keinen Zweifel geben kann, dass man aber so etwas von geschaukelt hat, und die Beine fliegen hoch, die Köpfe senken sich nach hinten, wirklich, auch das ist Sport, das sieht man und die Trainingseinheit ist noch lange nicht beendet. Sie reden nicht, sie lachen nicht, sie schaukeln.

Wann die Söhne wohl zuletzt auf einer Schaukel gesessen haben? Das fällt mir nicht mehr ein. Irgendwann war die Spielplatzzeit bei ihnen einfach vorbei. Und ist schon lange her.

Drei joggen vorbei, eine Mutter mit zwei Töchtern vermutlich, Teenies sind es schon. Sie laufen alle drei im Gleichschritt und finden das höchst vergnüglich. Sie gucken auf ihre Füße und amüsieren sich. Wippende Pferdeschwänze, drei im gleichen Rhythmus.

Ich komme zuhause an, ich setze mich auf dem Balkon. Ich habe in diesem seltsamen Jahr noch nicht einmal auf dem Balkon gesessen, wie absurd ist das denn. Ein Rotkehlchen landet auf dem Balkongeländer und sieht mich an. „Wie war dein Tag“, frage ich, denn Smalltalk mit Tieren finde ich komischerweise okay. Das Rotkehlchen hüpft auf den Boden, landet vor meinen Füßen und pickt Krümel auf.

Vermutlich finde ich Smalltak mit Tieren okay, weil sie meistens nicht antworten, denke ich. Vielleicht denke ich es sogar laut, denn das mache ich oft, wenn ich alleine bin. Das Rotkehlchen zwitschert empört und fliegt weg.

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